Starke Sprüche: „Das tut doch gar nicht weh“

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Die Verwendung von Stachelhalsbändern ist in Österreich und Deutschland durch das jeweilige Tierschutzgesetz verboten. ­Dennoch sieht man immer wieder Hundehalter, die dieses verbotene Mittel (nicht selten auch versteckt unter einem breiten Lederband) einsetzen, weil sie es bei diesem oder jenem Hundetrainer gesehen haben oder es ihnen empfohlen wurde. Anders würden sie ihres Hundes nicht „Herr werden“. Und außerdem würde ein Stachel­halsband dem Hund wegen des Fells ohnehin nicht weh tun …

In den letzten zwanzig Jahren hat sich in Fragen der Hundehaltung und Hundeerziehung viel verändert, möchte man glauben, wenn man an all die Schlag­worte denkt, mit denen der Hundehalter in der heutigen Zeit konfrontiert wird. Ständig ist dort von Gewaltfreiheit, von „neuen Wegen“, vom Verständnis für den Hund oder vom partnerschaftlichen Verhältnis die Rede.

Hundefreundliches Klima?
Diese Schlagworte und Marketingelemente suggerieren dem Hundehalter, dass in der heutigen Zeit in den mitteleuropäischen Ländern ein sehr hundefreundliches Klima herrscht und alle Hundehalter mit einem fundierten Wissen rund um den Hund für eine hohe Lebensqualität der Vierbeiner sorgen könnten. Das mag bei vielen Hunde­haltern und ihren Hunden auch stimmen. Doch leider werde ich recht häufig mit Hunden und ihren Haltern konfrontiert, wo sich, trotz aller Aufklärung, Forschung und ­neuester ­wissenschaftlicher Erkenntnisse, anscheinend eine ­gähnende Leere in jenen Regionen des Gehirns befindet, wo das Wissen rund um den Hund abgespeichert werden sollte. Im Gehirn des Menschen, wohlgemerkt.
Ein dafür absolut symptomatisches Erlebnis hatte ich vor kurzer Zeit, als ich mal wieder mit meinen Hunden zum Spaziergang in unsere Feldflur aufbrach. Wir waren noch im Auto, mit geringem Tempo auf dem Weg zu einem unserer Lieblingsorte, als plötzlich ein Dobermann angerannt kam und das Auto bellend umkreiste. Der Hund umkreiste uns schnell und schwer kalkulierbar, so dass ich anhielt, um das Tier nicht anzufahren. Was mir allerdings schon beim ­„kreisenden“ Hund auffiel, war sein Halsband. Ein klassisches Stachelhalsband. Schon bei der ersten Sichtung war mir klar, dass ich dem Halter, wenn er denn auftauchen würde, ­kräftig meine Meinung zu dieser Art von Halsband sagen würde.
Dann kam der Halter auch und war sichtlich bemüht, seinen Hund einzufangen. Was allerdings völlig misslang, weil der Hund sich zwar annäherte, allerdings immer sofort panisch wieder flüchtete, wenn der Mann nach dem Halsband griff. Verständlich, wenn jemand an einem Halsband zieht, ­welches mit Stacheln versehen ist, die natürlich bei Zug einen unsäglichen Schmerz im Halsbereich verursachen.

Ohne Verstand und Gefühl
Ich werde während meiner beruflichen Tätigkeit sehr häufig mit Hundehaltern konfrontiert, die immer noch mit solchen Hilfsmitteln „arbeiten“. Allerdings sind dies meist Mitglieder bestimmter Hundevereine oder ideologischer Interessengruppen – deren gesunder Menschenverstand und Mitgefühl – bezogen auf Tiere, und vor allem Hunde – oft zu wünschen übrig lassen.
Dieser Hundehalter allerdings war einer solchen Gruppe nicht zuzuordnen. Ich kannte den Mann sogar recht gut, kannte aber nicht sein Wissen bzw. seinen Bezug zu Hunden. Daher kann ich guten Gewissens sagen, dass der Mann ein netter Typ ist, den ich als Mensch durchaus schätze – nur waren auch deutliche Defizite im Hundebereich zu erkennen. Bei unserer ungeplanten Begegnung versuchte ich ihm also zu erklären, warum ein Stachelhalsband ein absolutes Tabu ist, wenn man verantwortungsvoll mit dem Lebewesen Hund umgehen möchte.

Stachelhalsband erzeugt gefährliche Hunde
Ich versuchte dem Mann klarzumachen, dass der Schmerz, der durch solche Halsbänder verursacht wird, im Gehirn Aggressionen auslöst (aus dem logischen, evolutionären Grund, sich wehren zu können, wenn man angegriffen wird), die der Hund aber aus Furcht vor weiterer Qual nicht immer direkt zeigt. Allerdings stauen sich die Aggression und der Frust, sodass derart geführte und „ausgebildete“ Hunde häufig plötzlich alle aufgestauten Aggressionen entladen. Das sind dann die Hunde, die „plötzlich und ohne Vorwarnung“ böse beißen. Leider werde ich sehr häufig zu solchen Fällen gerufen, und meist wurden die Hunde, die plötzlich „durchgedreht“ sind, mit Stachelhalsbändern oder ähnlichem Unfug ausgebildet.

Ich hielt also diesem eigentlich netten Mann meine ­„Predigt“ über den (Un)Sinn von Stachelhalsbändern, als er ent­gegnete: „Ja, aber meine Frau kann ihn ohne nicht halten. Und außerdem tut so ein Halsband ja gar nicht weh …“. ­Worauf ich mir folgende Antwort nicht verkneifen konnte: „Gut, wenn es nicht weh tut, dann legen wir Dir das Halsband jetzt mal um und ich ziehe einmal kräftig daran!“ Das wollte er dann auch nicht. Eigentlich hatte er den Widerspruch ­seiner Aussage ja auch selbst entlarvt.

Hunde als Zeitbomben
Wenn seine Frau den Hund nur mit Stachelhalsband halten kann, muss ja wohl eine schmerzhafte Wirkung vorhanden sein. Und die ist definitiv da, sonst würde es ja niemand benutzen. Und weil das Stachelhalsband zu den definitiv stark schmerzverursachenden Hilfsmitteln zählt, hat es in der Hundeausbildung nichts zu suchen – nicht nur aus dem vorher geschilderten Grund, dass man solch ­gequälte ­Hunde zu „ Zeitbomben“ macht, die ohne Vorwarnung „explodieren“. Nein, nicht nur diese reale Gefahr für die ­Menschen macht das Stachelhalsband zum Tabu, sondern auch das Mitgefühl mit dem Lebewesen Hund.

Die Ausbildung eines Hundes sollte und muss heute über das positive Verstärken der richtigen Handlungen des ­Hundes laufen – und wenn ich mal den Abbruch einer ­falschen Handlung durchführen muss, kann ich das sehr gut über Stimme, Körpersprache und ggf. auch mal Korrekturen über Bewegungseingrenzungen oder kleine, selbstverständlich schmerzfreie, Rempler.

Ein unbedarfter Hundehalter versucht natürlich über ­Sprüche wie „Das tut doch gar nicht weh“ sein eigenes Gewissen zu beruhigen – denn eigentlich ist er sich schon im Klaren darüber, dass er seinem Hund nichts weiter als rohe Gewalt antut. Der Mensch verdrängt nur allzu gern.
Noch schlimmer als der verdrängende, unbedarfte Hundehalter sind meines Erachtens Hundetrainer, die immer noch zu diesen Mitteln greifen und sie dem Hundehalter empfehlen. Leider sind darunter auch viele namhafte Menschen, die mit Hunden arbeiten (ich nenne sie bewusst nicht Kollegen) und eine gewisse Öffentlichkeit erreichen. Dies führt letztlich dazu, dass unbedarfte Hundehalter wiederum ihren Hund mit Stachelhalsbändern quälen, weil der bekannte „Hundetrainer XY“ das doch auch macht. Dabei macht der bekannte Herr XY nichts weiter als eine Straftat zu begehen, wenn er selbst Stachelhalsbänder einsetzt oder anderen den Rat dazu gibt.

In Deutschland und Österreich verboten
In Deutschland ist es nämlich laut Tierschutzgesetz verboten, „ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind“ (TierSchG, §3 Absatz 5). Und kein ernstzunehmender Mensch kann behaupten, dass ein Stachelhalsband keine erheblichen Schmerzen verursacht – und wenn doch: der weiter oben von mir vorgeschlagene Selbstversuch bewirkt Wunder.
In Österreich wird das Stachelhalsband im Tierschutzgesetz sogar direkt genannt, ist verboten, und seine Benutzung fällt offiziell in den Bereich der Tierquälerei (TSchG, §5, Absatz 3a).

Ein Stachelhalsband „tut weh“, es macht Hunde aggressiv und kann sie zur unkontrollierbaren Gefahr für Menschen machen, es ist zudem in höchstem Maße moralisch bedenklich, für ein angeblich mitfühlendes Lebewesen wie den Menschen. Zudem ist der Einsatz eines solchen Hilfsmittels ein Verstoß gegen bestehende Gesetze in Österreich und Deutschland. Aber trotzdem werden diese „Hilfsmittel“ immer noch von Hundehaltern und einigen unverbesser­lichen Hundetrainern eingesetzt. Meist können sie dies auch ungestraft tun – weil zwar verboten, aber selten beachtet oder gar angezeigt. So ungern ich persönlich auch die Staatsmacht bemühe oder mich von ihr abhängig mache – noch weniger mag ich allerdings die Tierquälereien in unseren doch so „tierfreundlichen“ Ländern. Darum bin ich der Meinung, dass man Menschen, die offensichtlich gegen die Tierschutzgesetze verstoßen, durchaus mit der Staatsmacht bekannt machen sollte. Denn da bin ich mir sicher: Wenn Geldstrafen gezahlt werden müssen, wird das vielen „weh tun“. Und vielleicht werden so einige Hunde vor dieser Tierquälerei bewahrt.“

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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