Starke Sprüche – „Hundeerziehung über Belohnung ist doch nur Konditionierung“

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Seit längerer Zeit beschäftigt sich Thomas Riepe in WUFF schon mit immer ­wieder gehörten Sprüchen rund um die Hunde, ihre Besitzer und die ­Hunde­erziehung an sich. Oft haben solche Sprüche ihren Ursprung in der Vergangenheit. Es gibt aber auch Sprüche, die sich erst in jüngerer Zeit entwickelt haben, wie der folgende.

So hört man seit einiger Zeit vermehrt, dass Hunde­erziehung über Belohnung ja nur Kon­ditionierung sei. Man dürfe aber nicht nur konditionieren, sondern müsse auch mal strafen, dem Hund zeigen, wo es lang geht. Es fällt mir also auf, dass Belohnung mit Konditionierung gleichgesetzt wird, Strafe nicht. Auffällig ist dabei, dass das Wort ­„konditionieren" in dem Zusammenhang gern mit einer negativen Betonung belegt ist. Ich glaube, dass es an der Zeit ist, darüber aufzuklären, dass dieser Spruch mehr als falsch ist. Darum möchte ich Ihnen einmal in Grundzügen erläutern, was man überhaupt unter Konditionierung versteht.

Klassische Konditionierung: ­Reiz – Reaktion
Klassische Konditionierung bedeutet (kurz gefasst), dass ein Individuum einem Reiz ausgesetzt wird, auf den der Körper mit einer bestimmten Reaktion reagiert. Z.B. nach dem ­Forscher Pawlow, bei dem ein Hund, der zugleich mit dem Klingeln einer Glocke immer Futter bekommt und deshalb mit der körperlichen Reaktion „Speichelfluss" reagiert. Der Speichelfluss kommt später auch dann, wenn nur mehr die Glocke erklingt und kein Futter gereicht wird. Das geschieht aber unbewusst, der Hund kann das nicht beeinflussen.

Operante Konditionierung: ­Handlung und Konsequenz
Und dann gibt es die operante ­Konditionierung – dort folgt auf eine Handlung eine Konsequenz. Heißt also, ich mache etwas und muss mit einer darauf folgenden Konsequenz rechnen. Das ist letztlich das, wonach Hunde heute ausgebildet, erzogen werden. Jetzt gibt es Richtungen, die bevorzugen bei der operanten Konditionierung als Konsequenz Belohnung. Wenn der Hund also etwas vom Menschen Erwünschtes macht, ist die Konsequenz, dass etwas folgt, was er als angenehm empfindet. Das kann Nahrung sein, aber auch das Reichen seines Lieblingsspielzeugs oder auch nur ein nettes Wort. Es ist also ein Verstärken von ­erwünschtem Verhalten durch Belohnung. Das heißt, anders als bei der klassischen Kon­ditionierung, ist dem Hund hier bewusst, welche Konsequenz seine Handlung hat, er kann entscheiden, wie er sich weiterhin verhält.

Zu dieser operanten Konditionierung über Belohnung von erwünschtem Verhalten gibt es die Form der Konditionierung über eine unangenehme Konsequenz bei unerwünschtem Verhalten. Unangenehm sind Schreckreize, Schmerzreize oder die Ankündigung von Schmerzreizen. Unangenehm ist aber auch, wenn man dem Hund etwas wegnimmt, was er als angenehm empfindet, wie bspw. ein Spielzeug. Zusammengefasst nennt man unangenehme Konsequenzen Strafe.

Bestrafen oder Belohnen – ­beides ist eine Konsequenz
Wenn ich also unerwünschtes Verhalten bestrafe, ist es genau so eine Konditionierung wie die Konditionierung durch Belohnung. Es ist also vollkommen falsch, wenn gesagt wird, dass nur Belohnung Konditionieren wäre. Werfen von Discs, Ketten, ­Rappelbüchsen, Rempeln, Schlagen etc. ist auch Konditionierung und nichts weiter.

In der Hundefachwelt wird heute fast ausschließlich über Konditionierung gearbeitet. Von den sog. „Wattebauschwerfern" ganz genau so wie von den „Hardlinern" – nur dass ­diejenigen, die mehrheitlich über Strafe konditionieren, der Welt vorgaukeln, dass sie nicht konditionieren, sondern über „Persönlichkeit" o. ä. die Hunde erziehen würden. Ob ich nun Verhalten über Lob oder Strafe be­einflusse – wenn der Hund sich über die Konsequenz seiner Handlung im Klaren ist, dann ist es operante Konditionierung.

Im Hintergrund wirkt aber auch die klassische Konditionierung, sehr oft ohne dass Hundetrainer oder Hundehalter es wissen. Wenn z.B. ein Hund, der aggressiv an der Leine auf Hunde reagiert, mit einem unangenehmen bis schmerzhaften Leinenruck davon abgehalten werden soll, dann wirkt oberflächlich operante Konditionierung. Der Hund weiß, wenn ich mich so verhalte, folgt Schmerz. Aber, gleichzeitig wird auch klassisch konditioniert. D. h., der Anblick des anderen Hundes (Reiz) ruft dann später die körperliche Reaktion Schmerz hervor, auch ohne das Leinenrucken. Was einem Hund die Begegnung mit einem anderen Hund nicht gerade ange­nehmer macht …

Aufgrund der operanten Konditionierung mit dem Wissen um die negative Konsequenz, wenn er sich gegen den Schmerz und den falsch verknüpften Hund wehrt, wird er sich ggf. eine Weile danach richten. Er spürt aber den Schmerz, selbst wenn er sich „richtig" verhält. Der Körper gerät in Stress. Es kann dann so sein, dass der Hund zwar friedlich an anderen Hunden vorbeigeht, dabei aber stark gestresst ist – dauerhaft mit oft ­gravierenden Folgen (bspw. unterdrückter Aggression und möglicher Entladung, schlechtem Allgemeinbefinden durch zu viel und zu lange andauernden Stress etc.).

Konditionierung über Strafe muss ständig „aufgefrischt" werden
Zudem ist es inzwischen belegt, dass Konditionierung über Strafe weniger gut abgespeichert wird. Das heißt, die Konsequenz der operanten Kondi­tionierung verblasst mit der Zeit, man muss also immer wieder bestrafen, um die Wirkung aufrecht zu erhalten (also noch mehr Stress, Schmerz etc.).

Eine operante Konditionierung über Belohnung wirkt dagegen länger und nachhaltiger und muss, wenn einmal erlernt, nicht so oft wiederholt und aufgefrischt werden.

Also, Hundeerziehung, wie sie heute mehrheitlich abläuft, ist Konditionierung. Hundetrainer, die in erster Linie über Strafe konditionieren, sind keine „Rudelführer" oder arbeiten mit ­„Persönlichkeit" – sie konditionieren, und nichts weiter. Sie verkaufen sich nur anders. Das Paradoxe daran ist, dass gerade solche Trainer häufig das Konditionieren kritisieren.

Konditionierung – nur ein kleiner Teil des Lernens
Auch wenn man speziell im Hundebereich den Eindruck gewinnen kann, dass sich das Lernen, und somit die Erziehung des Hundes, in erster Linie um Konditionierung – um Belohnung oder Strafe – dreht, so sollte man sich vor Augen führen, dass das nur ein kleiner Bestandteil des Lernens ist.

Die Theorie der Konditionierung kommt aus dem Behaviorismus. Dies ist eine der Theorien, mit denen der Mensch versucht, das Lernen zu verstehen. Es gibt aber noch ­weitere Lerntheorien, die das Lernen z.B. durch Lernen am Modell, durch ­Einsicht, durch Entwicklungsstufen oder auch durch das Kreieren einer eigenen Wirklichkeit erklären.

Die Wissenschaftler, die sich mit Lernen beschäftigen, sind sich heute weitgehend einig, dass alle Lern­theorien ihre Berechtigung haben. Es kann daher keine allgemeingültige und einzig wahre Betrachtung geben. Es kommt vielmehr darauf an, dass man eine Mischung unterschiedlicher Lösungsansätze findet. Lernen ist also weit mehr als Konditionieren durch Lob oder Strafe.

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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