Steinalte Krebszellen bei Hunden pfeifen auf die Evolution

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Forscher rekonstruierten Verbreitungs- und Entstehungsgeschichte von sexuell übertragbaren Tumoren beim Haushund

Wien (APA) – Normalerweise sterben bösartige Tumorzellen gemeinsam mit ihren Opfern. Es gibt aber etwa bei Hunden sexuell übertragbare Krebszellen, die schon seit Jahrtausenden ihr Unwesen treiben. Sie kamen in Asien zur Welt, eroberten diese von dort aus in den vergangenen 500 Jahren und entkoppelten sich quasi von der Evolution, berichtet nun ein Forscherteam im Fachmagazin „Science“.

Die Wissenschaftler um Elizabeth Murchison von der Universität Cambridge (Großbritannien) sequenzierten das Erbgut von 546 „übertragbaren Geschlechtstumoren des Hundes“ (canine transmissible venereal tumors – CTVT) von Vierbeinern auf der ganzen Welt. Die Krebszellen wandern beim Geschlechtsverkehr oder beim Ablecken von einem Hund zum anderen und wachsen zu unansehnlichen Tumoren im Genitalbereich heran. An der Studie war auch Katherine Polak von Vier Pfoten Österreich in Wien beteiligt.

Die unterschiedlichen Versionen des „Buches des Lebens“ (Erbgut) in den über 500 Tumoren verrieten den Forschern die CTVT-Verbreitungsgeschichte – und dass bei so einem langlebigen „Wesen“ die Evolution ganz anders wirkt als bei Normalsterblichen.

Erstmals tauchten solche Krebszellen wohl bei einem Hund in Asien vor rund 8.500 bis 4.000 Jahren auf, berichten die Forscher. In den folgenden Jahrtausenden verteilten sie sich zaghaft von Hund zu Hund bis nach Indien und in den äußersten Westen Asiens. Jüngst, also in den vergangenen 500 Jahren, eroberten sie dann den Rest der bewohnten Welt, also Europa, Nord- und Südamerika, Afrika, Australien und diverse Inseln. Dabei wurden sie wohl durch die rege Reisetätigkeit der Menschen mit ihren Vierbeinern unterstützt.

In der ersten Zeit haben sich die Krebszellen im Vergleich zu den ursprünglichen hündischen Zellen, von denen sie abstammen, sehr verändert. Die meisten „Kapitel“ ihres Lebensbuches wurden umgeschrieben, sinnverändert und stark gekürzt. Drei Viertel der Gene tragen Mutationen, sodass bei den Eiweißstoffen, für die sie Vorlage sind, ein oder mehrere Bauteile (Aminosäuren) ausgetauscht sind. Nur etwa ein Zehntel der Gene blieb fast unverändert. Diese Kapitel beinhalten also wohl die Kernaussagen, die Tumorzellen zum Überleben brauchen und um sich zu verbreiten. Die Täter, also die „Antreiber-Gene“, die Zellen unkontrolliert zum Wachsen bringen, sind bei allen 546 untersuchten Tumoren weltweit die selben fünf „Bösewichte“, die auch bei menschlichen Tumoren oft diese Rolle übernehmen.

Mittlerweile haben sich die Krebszellen aber praktisch von der Evolution entkoppelt, meinen die Forscher. Es reichern sich Unmengen an Veränderungen (Mutationen) an, ohne dass sich dabei die Fitness der Krebszellen ändert. Es wirkt also wohl keine natürliche Selektion auf die CTVTs, was bedeutet, dass solche Tumore zumindest den größten Teil der Zeit keinen Einfluss auf das Überleben und die Reproduktionstätigkeit der Hunde hatten.
(S E R V I C E – https://dx.doi.org/10.1126/science.aau9923)

 

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