Sticker Sarkom – Der ansteckende Krebs

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Durch die Zunahme von Importhunden haben nicht nur Erkrankungen wie Leishmaniose und ­andere bei uns zugenommen, sondern auch ein ansteckender bösartiger Tumor, das Sticker-Sarkom. Die Erkrankung ist nicht allzu schwierig zu diagnostizieren, man muss nur auch an diese Möglichkeit denken. Die Tatsache, dass ein bösartiger Tumor ansteckend ist, hat übrigens das große Interesse der Wissenschaft erregt.

Im November 2006 ­publizierte WUFF den Bericht über eine damals brandneue in der renommierten Fachzeitschrift „Cell" präsentierte Studie des University College London, in der über eine „ansteckende Krebsart" berichtet wurde ­(Murgia 2006). Dieser Krebs kann sich durch Übertragung von Tumorzellen von einem Hund auf den anderen aus­breiten, was übrigens schon im 19. Jahrhundert erstmals von dem russischen Tierarzt Mstislav Novinsky festgestellt und im deutschen ­Zentralblatt für Medizin. Wissenschaft unter dem Titel „Zur Frage über die Impfung der Krebsigen Geschwülste" im Jahre 1876 veröffentlicht wurde (Novinski 1876).

Wie die Forscher vom University ­College London herausfanden, dürfte dieser sogenannte „hundliche übertragbare venerische Tumor" (Canine Transmissible Venereal Tumor, CTVT), auch Sticker-Sarkom genannt, vor rund 2.500 Jahren aus einer einzigen Krebsstammzelle entweder beim Wolf oder einer eng artverwandten alten Hunderasse entstanden sein. Der Krebs habe sozusagen seinen ursprünglichen Körper verlassen und sei zu einem Parasiten geworden, der beim Deckakt vom Rüden auf die Hündin bzw. umgekehrt übertragen wurde, bis er die ganze Welt bevölkert hätte, berichten die Forscher.

Spannend für die Wissenschaft ist die Tatsache, dass sich diese Krebsform nicht aus einer genetisch veränderten Zelle des eigenen Körpers entwickelt, wie dies bei allen anderen bekannten Krebsformen der Fall ist. Beim Sticker-Sarkom breitet sich hingegen die Krebszelle durch eine Art „Transplantation" von einem auf den anderen Körper aus (Bautista-Gómez 2011, Rebbeck 2009). Ob diese Krebszelle beim angesteckten Hund „angeht" und sich zu vermehren und auszubreiten beginnt oder nicht, hängt von seinem Immunstatus ab, sagen die Wissenschaftler. Bei jüngeren Hunden komme es häufiger zu Metastasen, aber auch bei Hunden, die aufgrund von Leishmaniose immungeschwächt sind (Marino 2012).

Ausbreitung des Krebses
Auch wenn das Sticker-Sarkom unter Hunden vorwiegend durch geschlechtlichen Kontakt, also beim Deckakt, übertragen wird, kann es sich auch durch das Lecken, Beißen und Beschnüffeln der vom Tumor befallenen Stellen ausbreiten. Die übertragenen Tumorzellen können sich an oberflächlichen Schleimhautdefekten, vor allem im Genitalbereich, aber auch anal oder im Maul- und Nasenbereich, vermehren und einen oder mehrere (leicht blutende) Knoten bilden. Vorwiegend fleischfarbener bis blutiger (oder auch eitriger) Ausfluss ist dann auch zumeist das Hauptsymptom des Sticker-Sarkoms. Die Diagnose erfolgt durch eine Gewebsbiopsie.

Eine Recherche über den Ursprung des Namens Sticker-Sarkom blieb ohne Erfolg, sodass ich annehme, dass er möglicherweise vom ­englischen Begriff „sticker" abgeleitet ist, was so viel wie „Kleber" oder ­„Aufkleber" bedeutet, als Hinweis auf die An­steckungsart.

Vorkommen
Das Sticker-Sarkom kommt vorwiegend in den wärmeren Gegenden der Erde vor, vor allem dort, wo es viele Streunerhunde gibt und die Vermehrung unkontrolliert erfolgt. Bei uns gibt es die Erkrankung fast ausschließlich durch den Import von ­Hunden aus dem Ausland, wie dies auch der Erfahrungsbericht einer WUFF-Leserin zeigt (siehe ­Kasten). Im natürlichen Umfeld dieser Streunerhunde kommt es laut US-Wissenschaftlern sehr häufig zu einer spontanen Rückbildung des Sarkoms (Welsh 2011).

Ähnliche Krebsart beim ­Tasmanischen Beutelteufel
Eine dem Sticker-Sarkom ähnliche Krebserkrankung findet sich beim „Tasmanian Devil" (Sarcophilus harrisii), dem sog. Beutelteufel, auch Tasmanischer Teufel genannt (Welsh 2011, Pearse 2012). Das Tier ist übrigens das Maskottchen des tasmanischen Football-Teams, „The Devils". Seit den 1990er Jahren ist der Beutelteufel durch eine Krebsart vom Aussterben bedroht, dem „Devil Facial Tumour Disease" (DFTD), einer Gesichts­tumor-Erkrankung. Dabei bilden sich Tumore vor allem im Gesichtsbereich. Ohne Therapie können diese Tumore so groß werden, dass sie die Nahrungsaufnahme des Tieres behindern, was bis zum Verhungern führen kann. So wie beim Sticker-Sarkom des Hundes handelt es sich bei dieser Tumorart des Beutelteufels um eine durch Krebszellen übertragbare Erkrankung.

Während sich aber die Krebszellen des hundlichen Sticker-Sarkoms vor 2.500 Jahren entwickelt haben – andere Forscher sprechen sogar von vor 6.000 Jahren (Belov 2012) – lässt sich die genetische Linie des Tumors des Beutelteufels nicht früher als in das Jahr 1996 datieren. Das Problem beim Beutelteufel ist der Umstand, dass die Population äußerst klein und geografisch sehr beschränkt ist, was daher zu einer geringen genetischen Vielfalt führt. Dies wiederum bedeutet auch eine geringere Immunabwehr, sodass der Beutelteufel nicht die­selben immunologischen Möglich­keiten wie die Streunerhunde hat, den Tumor durch körpereigene Mechanismen zu bekämpfen. Aus diesem Grund stellt die Gesichtstumor-Erkrankung des Beutelteufels die Gefahr seiner Ausrottung dar.

Vorbeugung
Eine Infektion mit dem hundlichen Sticker-Sarkom lässt sich nur durch Vermeidung des Kontaktes mit Tumorzellen von erkrankten Hunden verhindern. Dass sich bspw. der Rüde der WUFF-Leserin laut ihrem Erfahrungsbericht an der Hündin nicht angesteckt hat, liegt entweder daran, dass es zu keinem Deckakt gekommen ist oder der Hund keine vom Tumor betroffenen Stellen der Hündin beleckt hat, oder aber, dass seine gute Immun­abwehr möglicherweise von der Hündin ­übertragene Zellen sofort zerstört hat.

Intensive wissenschaftliche ­Forschung
Das Sticker-Sarkom so wie auch der Tumor des Beutelteufels haben seit einigen Jahren das große Interesse der Wissenschaft entfacht, die die ­genetischen und biologischen Eigenheiten dieser Tumorart erforschen. Einerseits, um den Beutelteufel vor dem Aussterben zu bewahren, andererseits um die Ausbreitung bei ­Hunden zu verhindern und schließlich insbesondere, um diese Tumorlinien als Modell für die Erforschung bös­artiger Tumore auch für den Menschen zu nutzen.

INFORMATION

Symptome des Sticker-Sarkoms

Am häufigsten ist es ein chronischer fleischfarbener oder blutiger Ausfluss aus den hundlichen Geschlechtsorganen, der den Besitzer eines am Sticker-Sarkom erkrankten Hundes zum Tierarzt führt.

  •  Ein oder mehrere Knoten von 0,5 bis 10 cm Größe, mit ­zerklüfteter Oberfläche, oft auch entzündet.
  • Tumor beim Rüden häufig im Penisbereich, bei der Hündin in der Scheide:
  • führt zu chronischem Ausfluss
  • Bei Befall der Nasenhöhle: Niesen, Nasenbluten
  • Metastasen selten (ca. in 5% Lymphknoten, extrem selten im Gehirn)

Die Diagnose Sticker-Sarkom ist bei dem Zusammentreffen von chronischem Ausfluss, der typischen Tumorlokalisationen sowie dem charakteristischen Aussehen des Tumors relativ leicht zu stellen – wenn der Tierarzt daran denkt.

Therapie:Obwohl spontane Rückbildungen des Sticker-Sarkoms bekannt sind (mit bleibender Immunität), ist heute die Chemotherapie die Behandlung der Wahl. Auch Bestrahlungen sollen wirksam sein. Wird der Tumor lediglich chirurgisch entfernt, besteht eine hohe Rate des Wiederauftretens (Rezidiv).

LITERATURNACHWEIS

  • Novinski, M.A. Zur Frage über die Impfung der Krebsigen Geschwülste. Zentralbl. Med. Wissensch. 1876:14, 790–791.
  • Vermooten MI. Canine transmissible venereal tumour (TVT): a review. J South Afric Vet Assoc 1987;58:147-150
  • Ferreira AJ et al. Brain and ocular metastases from a transmissible venereal tumour in a dog. J Small Anim Pract 2000;41:165-168
  • Murgia C, Pritchard JK, Kim SY, Fassati A, Weiss RA. Clonal origin and evolution of a transmissible cancer. Cell. 2006 Aug 4;126(3):477-87.
  • Rebbeck CA et al., Origins and evolution of a transmissible ­cancer. Evolution 2009;63(9):2340-2349
  • Welsh JS. Contagious cancer. Oncologist 2011;16(1):1-4
  • Bautista-Gómez LG et al. ­Analysis of canine transmissible venereal tumor genotypes using the D-loop region of mitochondrial DNA. Genes Genet. Syst. 2011;86:351-355
  • Marino G. et al. Clinicopathological study of canine transmissible venereal tumour in ­leishmaniotic dogs. J Small Anim Pract 2012;53:323-327
  • Pearse AM et al., Evolution in a transmissible cancer: a study of the chromosomal changes in devil facial tunor (DFT) as it spreads through the wild Tasmanian devil population. Cancer Genet. 2012;205(3):101-112
  • Belov K. Contagious cancer: lessons from the devil and the dog. Bioessays 2012;34:285-292l

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