Studie: Hundetrainer-Typen Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

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In der Hundeausbildung bzw. im Hundetraining liegen die Wünsche und Anforderungen der ­Hundehalter und die der Hundetrainer oft weit auseinander. Diese Missverständnisse sind nicht selten Ursache von Unzufriedenheit und Misserfolgen. In einer Studie der Universität Bonn von Dr. Silke Wechsung und Prof. Reinhold Bergler haben sich vier Trainertypen herauskristallisiert, die sich in Bezug auf ihre Einstellungen zu Hund, Halter, Zielen, ­Vorgehensweise usw. stark unterscheiden. Lesen Sie die wirklich spannenden und für viele Hundehalter entscheidungsrelevanten Ergebnisse!

Zielsetzung der Untersuchung war es, die Einstellungen, ­Orientierungen und Verhaltensweisen von Hundetrainern in der ­Ausübung ihres Berufs näher zu untersuchen. Dazu sollten folgende Fragen anhand der Forschungs­ergebnisse beantwortet werden:.

1. Welche subjektiven Vorstellungen haben Hundetrainer im Hinblick auf die für die erfolgreiche Ausübung dieser Tätigkeit notwendigen ­Qualifikationen?

2. Welche subjektiven Theorien haben Hundetrainer im Hinblick auf ihr angewendetes Trainingskonzept?

3. Welche subjektiven Theorien haben Hundetrainer in Bezug auf Hundehalter und deren Mensch-Hund-Beziehungsqualität?

4. Unterscheiden sich Hundetrainer unterschiedlicher Ausbildungsrichtungen und Qualifikationen hinsichtlich ihrer subjektiven Theorien zu verschiedenen trainingsrelevanten Faktoren?

5. Lassen sich unterschiedliche Typen von Hundetrainern ermitteln, die sich in ihren Einstellungen, Ver­haltensweisen und subjektiven ­Theorien zur Hundehaltung und zum Hundetraining grundlegend von einander unterscheiden?

Methodisch war die Untersuchung zweistufig angelegt: Die psychologische Pilotstudie umfasste 15 ausführliche explorative Interviews mit Hundetrainern, aus denen dann ein standardisierter Fragebogen ent­wickelt wurde. An der standardisierten Online-Befragung nahmen über 1.000 Teilnehmer teil, wovon 489 Hundetrainer den Bogen vollständig ausfüllten, sodass deren Angaben mit in die  Auswertung einfließen konnten. Zusätzlich wurde der gleiche Frage­bogen in 50 persönlich durchgeführten standardisierten Interviews er­hoben, sodass die Studienergeb­nisse auf 539 vollständigen Daten­sätzen basieren.

Die Ergebnisse
Wie die Ergebnisse zeigen, legen die meisten Hundetrainer Wert darauf, eine Ausbildung zur Ausübung ihres Berufs vorzuweisen. 79% der befragten Trainer verfügen nach Selbstauskunft über eine Trainerausbildung, die von 60% auch bereits abgeschlossen wurde. Allerdings sagen die Teilnahme an Ausbildungsmaßnahmen und ein entsprechender Abschluss noch nichts über die Güte der Ausbildung aus, denn hier bestehen große zeitliche und qualitative Unterschiede. Während einige Trainer jahrelange teure Ausbildungen absolvieren, nehmen andere nur an wenigen Wochenendseminaren teil, um die subjektiv als notwendig empfundenen Qualifikationen zu erlangen. Viele praktizierten auch bereits, bevor sie eine Ausbildung abschlossen, bzw. ohne überhaupt über eine entsprechende Ausbildung zu verfügen.

Informationsquellen der Hundetrainer
Als Informationsquelle zur Gewinnung von Fachwissen nutzen Hunde­trainer insbesondere Fachliteratur oder Fachmedien. Für etwas weniger als die Hälfte der Trainer stellt der Erfahrungsaustausch mit anderen Trainern eine häufig genutzte Informationsquelle dar. Nahezu alle Hundetrainer (92%) halten Seminare zur Fort- und Weiterbildung für sinnvoll und haben bereits an solchen teilgenommen. Bei der Untersuchung, welche Themenschwerpunkte von Hundetrainern im Rahmen der Weiterbildung präferiert werden, zeigt sich ein deutlicher Schwerpunkt auf Angeboten zum Umgang mit verhaltensauffälligen Hunden und zur Verhaltensbiologie des Hundes. Seminare zur Vertiefung des Wissens über Hunde und Hundehaltung werden wesentlich häufiger besucht als Seminare, die sich auf den Umgang mit den Hundebesitzern beziehen, wie z.B. die Beratung von Hundehaltern oder Seminare zur Psychologie der Mensch-Hund-Beziehung.

Der in der Weiterbildung gesetzte Schwerpunkt deckt sich allerdings nicht mit den subjektiven Theorien von Hundetrainern zu den für die Berufsausübung notwendigen Kompetenzen. Auf die Frage, über welche Fähigkeiten Hundetrainer verfügen sollten, wird weniger die kynologische Fachkompetenz und ein hohes Interesse am Thema Hunde betont, sondern vor allem die soziale Kompetenz der Trainer im Umgang mit den zu beratenden Hundehaltern als bedeutsam angesehen.

Ziel eines Hundetrainings
Die meisten Hundetrainer sehen als Zielsetzung des Hundetrainings eine Verbesserung der Mensch-Hund-Interaktion und eine Optimierung der Mensch-Hund-Kommunikation an. Rund drei Viertel aller Befragten sieht die Stärkung der Bindung und den gemeinsamen Spaß des zu trainierenden Mensch-Hund-Gespanns eindeutig als den Schwerpunkt guten Hundetrainings. Ein Drittel der Befragten hält die Erziehung und die Beschäftigung des Hundes für den wesentlichen Auftrag ihres Trainings.

Vergleicht man die von den Hunde­trainern angegebenen Ziele und Merkmale guten Hundetrainings mit den von den Trainern vermuteten Hauptmotiven von Hundehaltern, eine Hundeschule zu besuchen, zeigt sich ebenfalls eine deutliche Diskrepanz. Sehen die Trainer ihre Hauptaufgabe vor allem in der Verbesserung der Verständigung und der Bindung von Mensch und Hund, wünschen sich die Halter nach Einschätzung von Hundetrainern fast immer die Beseitigung von Problemen und die Reduzierung von Erziehungsschwierigkeiten. So lässt sich vermuten, dass die in der Hundeschule angebotenen Maßnahmen die Erwartungen der Hundehalter nicht immer erfüllen, was unweigerlich zu einer gewissen Unzufriedenheit bei den Hundehaltern führen muss.

Die meisten Hundetrainer wünschen sich, dass Hundehalter ihre Unterstützung bereits vor dem ­Auftreten unerwünschten Verhaltens des Hundes in Anspruch nehmen, also bevor es zu Unstimmigkeiten in der Mensch-Hund-Beziehung kommt. In der Realität werden sie aber eher als akute Problemlöser genutzt und erst dann aufgesucht, wenn sich bereits Schwierigkeiten im Umgang mit dem Hund zeigen.

Hundetrainer und Hundehalter: Wunsch und Wirklichkeit
Viele Hundetrainer haben insgesamt ein eher negatives Bild von ihren ­Kunden. So halten lediglich ein Drittel der Befragten ihre Kunden im Hunde­training für veränderungswillig und motiviert (30%), nur 22% schreiben den Hundehaltern zu, sich viel Zeit für den Hund zu nehmen, und lediglich 16% attestieren ihren Kunden ein großes Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Hunden.

Eine weitere Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt sich in der Praxis des Hundetrainings: Auf die Frage, wie Hundetraining am besten ablaufen sollte, gibt die Mehrheit der befragten Trainer an, dass ein individuelles, am jeweiligen Mensch-Hund-Gespann orientiertes Einzel-Training optimal sei. Lediglich 4% meinen, dass Hundehalter und Hunde am besten in der Gruppe trainieren sollten. Zwar verzichtet in der Praxis kaum ein Hundetrainer beim Erstkontakt auf ein Gespräch mit dem Halter, allerdings scheint den meisten Trainern ein kurzer Austausch auszureichen. Sonst wäre nicht erklärbar, dass schon allein grundlegende Informationen zu Mensch und Hund (wie z.B. Gesundheitszustand des Hundes oder Möglichkeiten des Halters) nur noch von rund der Hälfte der Trainer erfragt werden. Der Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird auch im Trainingsverlauf noch deutlicher. Lag in der ersten Trainingsstunde das Hauptaugenmerk der Hunde­trainer noch auf der Beobachtung von Mensch und Hund, so rückt der Hund in den späteren Trainingseinheiten immer stärker in den Mittelpunkt der Trainingsgestaltung. Fast 70% der Befragten richten die Übungen an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Hundes aus, während sich lediglich 17% an den Wünschen und Möglichkeiten des Hundehalters orientieren.

Individuelles Einzeltraining am beliebtesten
Auch wenn die meisten Trainer am liebsten individuell, am jeweiligen Mensch-Hund-Gespann orientierte Einzelstunden durchführen würden, lässt sich dies in der Praxis wohl eher selten realisieren. 41% der befragten Hundetrainer führen überwiegend Einzelstunden durch und beziehen auch das familiäre Umfeld des Halters mit ins Training ein, während 33% meistens in Gruppen von mehreren Hundehaltern und Hunden trainieren. Rund ein Drittel der Befragten besuchen das Mensch-Hund-Gespann direkt in seinem Lebensumfeld, während ein Viertel der Hundetrainer ihre Übungsstunden nur auf einem bestimmten Gelände oder Übungsplatz anbieten.

Insgesamt fallen die Vielzahl von Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit und die Heterogenität in der Ausgestaltung des Trainings auf. Untersucht man die Einstellungen, Orientierungen und Verhaltensmuster von Hundetrainern unterschiedlicher Ausbildungsgänge, zeigen sich auch hier zahlreiche Unterschiede, die sich sowohl auf die subjektiven Theorien zur Zielsetzung von Hundetraining, als auch die praktische Umsetzung des eigenen Trainings beziehen. Ob die jeweiligen Unterschiede durch die verschiedenen Ausbildungen entstanden sind oder zumindest verstärkt wurden oder ob sie bereits vor dem Absolvieren der Ausbildung bestanden haben und damit die Selektion des jeweiligen Ausbildungsgangs begründen, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht feststellen.

Vier Hundetrainer-Typen
Da unterschiedliche Ausbildungsrichtungen und auch Unterschiede in der Soziodemographie der Hundetrainer nicht ausreichen, um unterschiedliche Trainertypen zu beschreiben, wurde eine Clusteranalyse zur Aufstellung einer Trainer-Typologie durchgeführt. Ziel war dabei, Hundetrainer anhand ihrer Angaben im Fragebogen derart in Gruppen zusammenzufassen, dass sich die Mitglieder einer Gruppe ­möglichst ähneln, während zwischen den Gruppen möglichst große Unterschiede bestehen.

Es ließen sich vier Typen von Hundetrainern ermitteln, die sich einerseits in ihren Einstellungen und Verhaltens­mustern sowie andererseits im Hinblick auf ihre subjektiven Theorien zu Hundehaltung und Hundetraining deutlich unterscheiden.

Der Hundesportler ist ein Hundetrainer, der vorwiegend in Gruppen trainiert und sich dabei sehr leistungsorientiert verhält. Im Training setzt er sein Hauptaugenmerk eindeutig auf den Hund und weniger auf den Hundehalter oder die Mensch-Hund-Interaktion.
Dem Pädagogen geht es insbesondere darum, die Verständigung von Mensch und Hund zu verbessern, indem er den Hundehalter individuell unterrichtet und beratend unterstützt.
Der Hundeversteher ist ein engagierter, präventiv orientierter Hundetrainer, der die Bindung von Mensch und Hund gerne proaktiv unterstützt, bevor Probleme in der Beziehung auftauchen.
Für den ­Generalisten ist besonders sein hoher Selbstanspruch charakteristisch, der ihn dazu verleitet, ein universelles Leistungsangebot für jeden Typ von Hundehalter, von Hund und für jedes Problem anzubieten.

Die für den jeweiligen Typus charak­teristischen Einstellungen und Verhaltensmuster werden in neben­stehender Tabelle zusammengefasst und pointiert dargestellt, indem die häufigsten Aussagen der ­jeweiligen Trainertypen zu verschiedenen Aspekten angegeben werden, wie z.B. was einen guten Hunde­trainer ausmache, oder die Ziele eines ­Hundetrainings.

Weitere Aspekte
Nach diesem Schema werden weitere Charakterisierungen der vier Hundetrainertypen in Bezug auf folgende Aspekte dargestellt:

• Häufigste Gründe von Hundehaltern für die Teilnahme am Hundetraining aus Sicht des Trainers
• Einstellungen und Verhaltensweisen von Hundehaltern im Hundetraining aus Trainersicht
• Konkretes Vorgehen beim Hundetraining
• Erfolgsindikatoren für ein gutes Hundetraining aus Trainersicht
• Gründe für Misserfolg beim Hundetraining aus Trainersicht
Anm. d. Red.: Aus Platzgründen lassen sich die jeweiligen Einstellungen der Hundetrainertypen zu diesen weiteren Aspekten hier nicht näher ausführen. Sie finden jedochhier die Darstellung sämtlicher Aspekte.

Soziodemographische Faktoren
Diese Untersuchung zeigt, dass Unterschiede zwischen Personengruppen stärker auf unterschiedliche Einstellungen und Verhaltensmuster zurückzuführen sind als auf demographische Faktoren. Dennoch ließen sich signifikante Unterschiede zwischen den Trainertypen im Hinblick auf ihre Soziodemographie ermitteln:

Hundetrainer von Typ 3 und Typ 4 halten fast alle bereits seit über zehn Jahren Hunde. Insgesamt sind Frauen in der Untersuchungsstichprobe deutlich überrepräsentiert mit einem Anteil von 83%. Bei Typ 3 und Typ 4 ist der Frauenanteil jedoch noch deutlich höher ausgeprägt als bei den anderen beiden Hundetrainer-Typen. Typ 2 ist signifikant häufiger Aka­demiker, fast die Hälfte hat Abitur und ein Studium absolviert. Typ 2 und Typ 3 sind überwiegend als selbständige Hundetrainer tätig. Typ 1 hat vergleichsweise häufig (34%) keine spezielle Ausbildung zum Hundetrainer absolviert.

Resümee
Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, dass Hundetrainer nicht gleich Hundetrainer ist: Aufgrund der vielen Unterschiede in Ausbildungshintergrund und Einstellungen sowie Verhaltensweisen von Hundetrainern wird die Forderung nach klaren Ausbildungsrichtlinien und der Vorgabe bestimmter Ausbildungsvoraussetzungen zur Berufszulassung unerlässlich, um einen gewissen Standard für die Beratung von Hundehaltern zu garantieren. Wichtig wäre ­darüber hinaus, dass sich Anspruch und ­Wirklichkeit im Hundetraining sehr viel stärker annähern. Dazu müsste sich einerseits die Qualität des ­Angebots verbessern, andererseits sollten ­Hundetrainer auch ihre eigenen Ansprüche und die Darstellung ihres Leistungsangebots kritisch reflektieren, um realistische Erwartungs­haltungen zu eigenen Kompetenzen im Hundetraining zu entwickeln.

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