SV-Präsident: Genetik statt Monetik – Kynologische Verbrechen am Deutschen Schäferhund

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Die WUFF-Reportagen über aufgedeckte Skandale im SV gehörten zu den Gesprächsthemen, welche die diesjährige Großveranstaltung des Vereins für Deutsche Schäferhunde, die Bundessieger Zuchtschau in Ulm, Anfang September dominierten. Viele SV-Mitglieder erhofften sich von der Rede des ­Präsidenten Wolfgang Henke eine Neuorientierung des Vereins und einen neuen Aufbruch für einen gesunden Deutschen Schäferhund.

Mit großer Spannung war auf der diesjährigen Bundessieger Zuchtschau des Vereins für Deutsche Schäferhunde (SV) die Rede des Präsidenten, Wolfgang Henke, erwartet worden. Denn es hatte sich einiges rund um die Großveranstaltung in Ulm, die Anfang September stattfand, getan. Zwei WUFF-Reportagen kursierten unter vielen Teilnehmern und wurden heftig diskutiert. Der bisherige SV-Vereinszuchtwart Reinhardt Meyer, gegen den ein Verfahren der Steuerbehörde lief, wie in einer dieser WUFF-Reportagen berichtet (7/2012), war plötzlich von seinem Vorstandsamt zurückgetreten, wodurch auch die Richterposition für die Gebrauchshundklasse Rüden, die „Königsklasse" der Siegerschau, akut vakant wurde. Die Entscheidung des SV-Vorstands, dafür den Richter ­Rüdiger Mai einzusetzen, wurde von vielen SV-Mitgliedern schon im Vorfeld nicht gebilligt und ebenfalls heftig kritisiert. SV-Mitglieder befürchten, dass sich wohl weiterhin nichts im SV ändern werde.

„Genetik und Monetik schließen sich aus!"
Dass aber tatsächlich ein Änderungsbedarf besteht, gibt Präsident Henke in seiner mit Spannung erwarteten Rede auf der Siegerschau – wenngleich auch nur indirekt – zu. Zwar spricht er von „haltlosen Beschuldigungen", die „immer wieder veröffentlicht und weitergetragen werden", geht allerdings nicht konkret darauf ein, welche Beschuldigungen er nun meint. Zudem kritisiert er die „oft aus nicht sehr lauteren Motiven bestehenden Querelen von Gruppen und Grüppchen, die oft nicht die Rasse, sondern den Dollar oder die Pflege der Selbstdarstellung im Auge haben. Genetik und Monetik schließen sich aus!"

Nach diesem Teil der Rede, in der eher die Aufdecker und Kritiker der SV-Skandale kritisiert werden, lässt Henke aber dann – von seinem Konzept abweichend – doch kurz hinter die Kulissen blicken. Der SV-Präsident geht zunächst auf die Gerüchte rund um den Vereinszuchtwart Meyer ein. Schon im Juli 2010 und im Juli 2012 habe er den Vereinszuchtwart gebeten, sein Amt ruhen zu lassen. Dazu sei dieser aber mit Hinweis auf einen Freispruch bzw. eine Einstellung derlaufenden Verfahren nicht bereit gewesen, so Henke. Doch auch ohne dass es der SV-Präsident in seiner Rede ausspricht, weiß fast jeder, dass kurz vor der Siegerschau, am 24.8.2012, Meyer am Amtsgericht Kassel in einem von vier Anklagepunkten – wegen Betruges – zu einer Strafe von insgesamt 4.500 Euro ver­urteilt wurde, ­während die anderen Anklage­punkte – der Staatsanwalt hatte Meyer u. a. vorgeworfen, ca. 1,2 Mio. Euro an Einnahmen nicht angegeben zu haben – gegen eine Zahlung von 25.000 Euro an eine noch zu benennende gemeinnützige Einrichtung eingestellt ­wurden, wie WUFF berichtet wurde.

Kynologische Verbrechen am ­Deutschen Schäferhund
Doch das, was Henke dann weiter sagt, lässt aufhorchen: „Schlimm sind für mich auch die ­kynologischen Verbrechen an der Rasse. Seit ­diesem Jahr werden Prüfungen und ­Körungen unangemeldet überprüft und die Manipulation dieser Veranstaltungen massiv verfolgt." Wenn Henke vorher noch von haltlosen Beschuldigungen und von Gerüchten sprach, so gibt der SV-Präsident nun tatsächlich ­„kynologische Verbrechen" zu, d. h. es hat solche tatsächlich im SV gegeben. Unter anderem dürfte Henke die – auch in WUFF aufgezeigten – Missbräuche und Skandale meinen. Das „Hochrichten" von Hunden, um deren Wert zu erhöhen und sie dann für sechsstellige (oft auch nicht immer korrekt versteuerte) Eurobeträge nach Südostasien zu verkaufen. Ein Geschäft, das derzeit noch immer boomt und manche SV-Großzüchter reich macht. Und auch die ent­sprechenden Geschäftsvermittler stecken fette Provisionen ein (siehe Kasten). Doch wo es in erster Linie um Profit – mit den Worten des SV-­Präsidenten, um „Monetik" – geht, dort kommt die Gesundheit des Deutschen Schäferhundes zu kurz.

Und der SV-Präsident meint mit ­„kynologischen Verbrechen" wohl auch die in WUFF mehrfach publizierten weiteren Vorwürfe, nach denen Großzüchter und „Großhändler" den gemeinnützigen SV als Marketingplattform für ihre eigene finanzielle Bereicherung benützen würden. Auch professionelle Hundeausbilder würden den Verein missbrauchen, um ­lukrative Geschäfte zu machen, indem sie bspw. Prüfungszertifikate ausstellen für Hunde, die nie einen Hundetrainingsplatz gesehen ­hätten. Und auch mit vorgelegten HD-Röntgen­aufnahmen ginge nicht alles mit rechten Dingen zu. Vor allem diese Praxis, dass bei hüftkranken ­Schäferhunden falsche Röntgenaufnahmen ein ge­sundes Tier vortäuschen sollen, wäre tatsächlich ein „kynologisches Verbrechen", über das übrigens WUFF gerade derzeit wieder recherchiert. Immerhin kündigt der SV-Präsident in seiner Rede an, dass nun „Prüfungen und Körungen unangemeldet überprüft" würden und „die Manipulation dieser Veranstaltungen massiv verfolgt".

Neuorientierung im SV?
Auch wenn diese erstaunlich offenen Worte nur einen sehr kurzen Teil der Rede des SV-Präsidenten ausmachen, so liegen sie doch auch in schriftlicher Form auf der SV-Website vor. Die einen erhoffen sich nun wirklich ein starkes Vorgehen gegen die allbekannten Missbräuche und Skandale, erhoffen sich, dass wieder eine seriöse, nicht monetär orientierte Zucht und dass wieder Ausbildung und Hundesport der Verbesserung der Rasse dienen sollen. Die anderen hingegen bleiben skeptisch, für sie sind Henkes Aussagen „leere Worte", weil allein schon die Bestellung Rüdiger Mais als Vertreter für den zurückgetretenen Meyer aufzeige, dass sich wohl nichts ändern werde. Denn Mai sei Teil des alten Systems, in dem diese „kynologischen Verbrechen" stattgefunden hätten (siehe auch den folgenden Artikel auf Seite 14). Mai statt Meyer, das sei nicht nur eine Namensähnlichkeit, sondern das sei auch dasselbe System. Dass selbst Vorsitzende von SV-Ortsgruppen, darunter Klaus Giersiepen (OG Remscheid) skeptisch sind und sogar befürchten, dass der SV den Status der Gemeinnützigkeit verlieren könnte, zeigt der dieser Reportage folgende Beitrag.

Wie auch immer, die Ansprüche, die die SV-Basis nun an ihren Präsidenten stellt, sind hoch, man erwartet ein „Saubermachen" im SV. Ob Wolfgang Henke sein Versprechen „Genetik und Monetik schließen sich aus" wahrmachen und wie lange dies dauern wird, daran wird sein öffentlicher Ruf gemessen werden. Eine ­schwere, aber lohnende Aufgabe für den ­Präsidenten. Lohnend, weil er damit als Retter des Deutschen Schäfer­hundes in die SV-Geschichte eingehen könnte, schwer, weil die Gegner auch unter seinen Vorstandskollegen zu finden und sehr gut vernetzt sind, wie Insider wissen wollen, und weil dadurch für viele ein ungeheuer ­lukrativer Geldfluss versiegen würde. Aber genau dies bedeuten Henkes Worte „Genetik statt Monetik".

HINTERGRUND

Das Geschäft mit dem Deutschen Schäferhund
Die WUFF-Reportage über Toni von der Rieser Perle (WUFF 9/2012) ­wurde auf der diesjährigen SV-Bundessiegerschau in Ulm heftig diskutiert. Im Folgenden für „Neueinsteiger" in das Thema eine kurze Zusammenfassung dieser Geschichte.

Selten ist ein Fall, in dem ein Hund wie ein Stück Ware verschachert wird und alle beteiligten Menschen profitieren, so gut dokumentiert wie dieser. Es geht um den Deutschen Schäferhund Toni von der Rieser Perle, der von einem SV-Züchter für 150.000 Euro an die taiwanesische ­Hundehändlerin Josephine K. (SV-Mitglied) nach China verschachert wird. Es geht um einen SV-Richter, Ansgar K., der dafür zunächst fast die Hälfte als ­Provision kassiert, und um einen Vertrag, in dem wenige Wochen vor (!) der SV-Bundessieger-Zuchtschau eine konkrete Platzierung garantiert wird, was auf gewisse Zusammenhänge schließen lässt. Und es geht um einen Verein, den SV, in dem selbst die Funktionärsspitze bereits erkennen dürfte, dass nicht mehr der Deutsche Schäferhund im Mittelpunkt steht. Einzelfall oder ­Sittenbild eines Vereins? Geht es im SV wirklich nur mehr ums Kassieren?

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