Tierphysiotherapie in Österreich – Eine Analyse

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Die Regeln sind veraltet. Fortschritt und wachsende Nachfrage machen eine Überarbeitung der Tiergesundheitsberufe notwendig. Wer darf und wer darf nicht, und vor allem – wer kann? ­Hundehalter haben den Überblick verloren. Nach dem Artikel „Tierphysiotherapie – eine rechtliche Grauzone“ von Tierärztin Verena Tragauer (WUFF 10/2014) nun eine Analyse der Situation von der Tierphysiotherapeutin Katharina Strachwitz, die feststellt, dass der Bedarf an Tierphysiotherapie in Österreich zur Zeit nicht gedeckt werden kann.

Das Wohlergehen der Tiere ist wichtig. Tierschutz hat stark an Bedeutung gewonnen und es existieren Gesetze wie das Veterinär- und das Tierschutzgesetz, um sicherzustellen, dass Tiere nicht zu Schaden kommen. Tierarzt, Schmied und Besamungstechniker sind etablierte Berufe im Tierbereich. Weitere Gesundheitsberufe für Tiere sind in Österreich jedoch noch nicht gesetzlich verankert. Dadurch hindert man Fachkräfte daran, eigenverantwortlich tätig zu sein. Lediglich als Hilfskräfte können sie mit in Behandlungen einbezogen werden, wenngleich sie in ihrem speziellen Gebiet durchaus höher qualifiziert sein können als ein Tierarzt. Enorme Entwicklungen und eine große Nachfrage fordern es, die momentanen Regelungen zu überdenken und zu überlegen, wie paraveterinärmedizinische Berufe in Zukunft sicher ausgeführt werden können. EU-weit sind bereits mehrere Länder bemüht in Punkto Qualitätssicherung zu harmonisieren. Unter anderem sind folgende Berufe betroffen:

• Tiertrainer
• Tierphysiotherapeuten
• Hufpfleger und Huftechniker

In diesen und vielen weiteren Tätigkeitsfeldern, wie dem der Tierarzthelfer, Tierbetreuer und Züchter arbeiten Menschen eng mit Tieren zusammen und sollten deshalb ein Basiswissen als Standard aufweisen, damit das Wohlergehen der Tiere sichergestellt werden kann.

Am Beispiel der ­Tierphysiotherapie lässt sich die aktuelle Lage gut verdeutlichen: Der gesellschaftliche Stellenwert der Haustiere hat sich in den letzten 40 Jahren stark verändert. Allein die Zahl der in Österreich gehaltenen Hunde, ganz zu schweigen von den Ausgaben für Vierbeiner, ist enorm angestiegen. Hunde sind Familienmitglieder und Leistungssportler geworden, für die auch kostspielige Operationen bezahlt werden, was den Bedarf an Tierphysiotherapie deutlich ansteigen ließ. Aus Tierschutzgründen macht es – auf die relativ kurze Lebenszeit eines Tieres im Vergleich zum Menschen gesehen – einen großen Unterschied, ob die Rehabilitation zwei Monate oder zwei Jahre beträgt. Es ist unsere Pflicht, die Schmerzen der Tiere so gering wie möglich zu halten und die Genesung auch mit alternativen, schonenden Methoden mit voranzutreiben.

Ein Gesetz für alle – jeder unterrichtet jeden
Es gibt in Österreich vier Gruppen, die physiotherapeutisch am Tier arbeiten – nicht jede darf dies jedoch eigenverantwortlich tun. Als Lehrer und Prüfer sind Vertreter jeder Gruppe im In- und Ausland an der Ausbildung von physiotherapeutischem Fachpersonal beteiligt. Verschiedene Institutionen, unter ihnen auch die Veterinärmedizinische Universität Wien, bilden zum Tierphysiotherapeuten, Tiermasseur, Rehatrainer oder Assistenten für Tierphysiotherapie aus.

Es gibt in Österreich vier Gruppen, die Tierphysiotherapie ausüben dürfen. Für alle vier Gruppen gilt in Österreich das Tierärztegesetz von 1974, nach dem das Behandeln von Tieren und jede gesundheitsvorsorgliche Tätigkeit dem Tierarzt vorbehalten ist. Dieser ist dazu berechtigt, Hilfskräfte, denen er vertraut, anzuweisen, ihm zur Hand zu gehen. Dies bestätigte das Bundesministerium für Gesundheit kürzlich in einem Erlass. Doch zum Zeitpunkt der Gesetzesabfassung war die Tierphysiotherapie in Österreich noch nicht so weit verbreitet wie heute, zumal bspw. keinem Hund die Wohltat einer Kunsthüfte zuteil wurde. Mit den steigenden Operationszahlen am Bewegungsapparat stieg der Bedarf an Physiotherapie für Haustiere. Das Gesetz wurde nicht angepasst, der Markt wuchs hingegen weiter.

Im Humanbereich gab es ein ähnliches Problem. Sechs Therapeutengruppen, unter ihnen die Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten, erkannten Handlungsbedarf und man schuf den Medizinisch Technischen Dienst (MTD), der 1992 durch das MTD-Gesetz geregelt wurde und einen Qualitätsstandard darstellt. Für uns Menschen ist es völlig normal, einen Physiotherapeuten ­aufzusuchen, und immer mehr Tierhalter würden diesen Service auch gerne für ihr Tier in Anspruch nehmen.

Bauern dürfen Ferkel kastrieren – TierarzthelferIn kann jeder sein
Im Veterinärbereich wurde es versäumt, das Tierärztegesetz den neu entstandenen Bedingungen anzupassen. Gibt es in Großbritannien den Beruf der Tierarztkrankenschwester, die sogar die Erlaubnis besitzt, nach entsprechender Ausbildung kleinere Operationen durchzuführen, fehlt dieser Beruf bei uns. Dafür dürfen Bauern in Österreich Ferkel kastrieren und ihre Rinder selbst impfen. TierarzthelferIn kann jeder werden, auch ohne Ausbildung. Und die ausgebildeten Tierphysiotherapeuten sind der österreichischen Tierärztekammer wohl ein Dorn im Auge, sie werden reihenweise angezeigt. Man wisse nicht, wer von denen etwas könne und wer nicht, wie Tierärztekammer-Präsident Mag. Kurt Frühwirth kürzlich im ORF zu bedenken gab. Man wolle mit den Betroffenen das Gespräch suchen, verriet er dem Kurier. Bisher ist es nicht dazu gekommen.

Was steckt hinter den Anzeigen?
Offensichtlich ist es die fehlende einheitliche Qualitätssicherung im Sektor Tierphysiotherapie, die der Spitze der Österreichischen Tierärztekammer (ÖTK) Sorgen bereitet. Die Ausbildungen im Bereich Tiermassage oder Tierphysiotherapie weisen tatsächlich gewisse Unterschiede auf. Eine einheitliche Qualitätssicherung für tierphysiotherapeutische Fachkräfte gibt es weder bei den Tierärzten ohne oder mit Physiotherapiekurs noch bei den Tierphysiotherapeuten. Lediglich die Fachtierärzte haben ein einheit­liches Niveau.

Tierphysiotherapeuten mehrerer EU-Länder arbeiten deshalb an einem einheitlichen Basis-Standard und ­bindenden Verhaltenscodex. Im Sinne des Tier- und Verbraucherschutzes möchten sie ein Qualitätsmerkmal schaffen, welches für Transparenz sorgen soll. „Es kann weder den anweisenden Tierärzten noch den Tierbesitzern zugemutet werden, sich selbst Durchblick zu verschaffen“ so Kerstin Honeder, Obfrau des Tierphysiotherapeutenvereins Österreich (TPVÖ). Der Verein möchte ein flächendeckendes Netz für Physiotherapie und Rehabilitation aufbauen. Dabei sollen im Idealfall alle vier oben genannten Gruppen zusammenarbeiten. Durch laufende Fortbildungen möchte man ein hohes Niveau der Mitglieder sicherstellen.

Österreichische Ausbilder stimmen dieser Idee zu. Tierärzte und Tier­physiotherapeuten sollten sich gegenseitig wertschätzen, klare Kompetenzaufteilungen vornehmen und sich nach dem Vorbild der Humanmedizin verständigen. Armin Pinter von der Schule „Österreichische Gesellschaft für Veterinär Physiotherapie“ (ÖGVPT/ÖGPPT) formulierte treffend: „Es kann nur einen Gewinner dabei geben, nämlich das Tier.“

Fachtierärzte für Physiotherapie und Rehabilitation sind ebenfalls an einer Zusammenarbeit mit den Tierphysio­therapeuten interessiert. „Mehr Wissen vermitteln und abprüfen ist das Einzige, was gegen eventuelle, schlechte Qualität hilft“, ist sich Fachtierärztin Beatrix Neumayer sicher. Die enge Zusammenarbeit zwischen Tierärzten und Tierphysiotherapeuten sei wünschenswert, betont auch Fachtierärztin Barbara ­Bockstahler von der Veterinärmedizinischen ­Universität Wien, wobei sie sich Tierärzte und Tierphysiotherapeuten in einer Praxis vorstelle.

Neben den Fachtierärzten haben sich einige Tierärzte mit Physiotherapiekurs zum Verein der Physiotierärzte Austria (PTA) zusammengeschlossen. Sie möchten erreichen, dass Physiotherapie am Tier grundsätzlich nur von Tierärzten ausgeübt wird. Trotzdem haben Mitglieder dieses Vereins selbst Tierphysiotherapeuten unterrichtet, an Schulen Tierphysiotherapeuten geprüft und angehenden Tierphysio­therapeuten kostenpflichtige Praxis­stunden in ihren Ordinationen verkauft.

Ein runder Tisch als Lösungs­ansatz
Die aktuelle Lage zeigt deutlich, dass sich dringend alle betroffenen Gruppen des Landes an einen runden Tisch setzen sollten: Vertreter der Fachtierärzte, aller Ausbilder und der Tierphysiotherapeuten. Es ist essentiell, die Stärken und Schwächen des momentanen Systems genau zu kennen und in einem ersten Schritt die Sichtweisen beider Seiten, der Anbieter für Tierphysiotherapie und der Konsumenten, zu hören. Der TPVÖ hat bereits eine Tierbesitzerbefragung gestartet. Er hofft auf das Engagement aller Betroffenen. Ein umfassender Überblick sei wesentlich, bevor man zum nächsten Schritt übergehen könne.

Erst danach könne man Möglichkeiten und Alternativen entwickeln, welche neuen Maßnahmen und Herangehens­weisen funktionieren könnten, um paraveterinärmedizinische Bereiche sinnvoll zu kontrollieren, wobei folgender Leitsatz gelte: So wenig Regulierung wie möglich, aber so viel wie nötig.

Alle sollten sich darüber im Klaren sein, dass der Istzustand für die Tiere in Österreich nicht tragbar ist, denn der Bedarf an Tierphysiotherapie kann derzeit nicht gedeckt werden.

HINTERGRUND

Die Berufsgruppen

In der Tierphysiotherapie gibt es vier ausübende Gruppen.

Gruppe 1 – Die Tierphysio­therapeuten
Es gibt seit mehr als 10 Jahren Tier­physiotherapeuten. Sie werden im In- und Ausland ausgebildet und dürfen nach Diagnose und Anweisung der behandelnden Tierärzte arbeiten. Hier gibt es keine rechtliche Grauzone. Es fehlt lediglich die Gesetzesgrundlage für eigenverantwortliche ­Tierphysiotherapie. Die Anzahl der allein in Österreich ausgebildeten Therapeuten liegt bei ca. 200 und ist steigend.

Gruppe 2 – Die Tierärzte
Jeder Tierarzt in Österreich darf Physiotherapie am Tier praktizieren – eigenverantwortlich. Dazu wird im Studium zwar nicht ausgebildet, das gültige Veterinärgesetz gestattet es jedoch. Es gibt ca. 3.000 Tierärzte in Österreich, von denen ca. 2.000 niedergelassen arbeiten. Trotz der Berechtigung übt der Großteil keine Tierphysiotherapie aus, sondern arbeitet lieber mit Tierphysiotherapeuten zusammen. Es fehle das Wissen, die Zeit und der Platz, um diesen Service selbst anzubieten, heißt es aus Tierarztkreisen.

Gruppe 3 – Die Fachtierärzte für Physiotherapie und Rehabilitation
2003 wurde die Fachrichtung „Fachtierärzte für Physiotherapie und R­ehabilitation“ gegründet. Diese Veterinäre müssen selbstständig eine gewisse Anzahl an zusätzlichen Ausbildungsstunden nach ihrem Studium nachweisen können, sowie mindestens fünf Jahre Praxiserfahrung haben und dürfen eigenverantwortlich physiotherapeutisch tätig sein. Auf Grund der hohen Anforderungen stagniert die Anzahl bei 9 Fachtierärzten im ganzen Land, die meist lehrend tätig sind.

Gruppe 4 – Die Tierärzte mit ­Physiotherapiekurs
In Österreich gibt es eine kleine Gruppe von Tierärzten mit einer Zusatzaus­bildung im Bereich Tierphysiotherapie. Sie dürfen, genau wie die Tierärzte ohne Zusatzausbildung und wie die Fachtierärzte mit Spezialausbildung, eigenverantwortlich tierphysiotherapeutisch tätig sein. Einige tun dies auch, andere nutzen das Wissen eher, um Tierphysiotherapeuten fundiert anweisen zu können.

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