Tierschutz und Ethik – auch beim Thema Hund …

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Mit ihrem konsequenten Engagement gegen inhumane Tiertransporte hat sich die Veterinärmedizinerin Dr. Gertraud Wagner-Schöppl schon lange einen Namen gemacht, doch als Tierschutzbeauftragte für Stadt und Land Salzburg ist sie selbstverständlich auch mit anderen tierschutzrelevanten Themen befasst. Dementsprechend breit war das Spektrum des von ihr und ihrem Team veranstalteten 3. Salzburger Tierschutzkongresses am 28. September 2002. Einen speziellen Schwerpunkt des Kongresses bildete das Thema „Hund". Und hier wurden einige auch für Kenner der Materie informative und bereichernde Vorträge geboten.

Aggression bei Hunden
Gleich zu Beginn referierte der Universitätsprofessor Hermann Bubna-Littitz über „Aggression bei Hunden: Normalverhalten oder Verhaltensstörung?". Seit geraumer Zeit ist der „aggressive Hund" ja Dauergast in den Medien, und die völlig undifferenzierte Verwendung des Attributs „aggressiv" nützt dabei weder Mensch noch Tier. Dabei würde die Wissenschaft längst genug auch praktisch anwendbare Erkenntnisse bieten, um Konflikte oder Unfälle mit Hunden zu vermeiden. Bubna-Littitz wies darauf hin, dass Aggression prinzipiell nichts Negatives sei, sondern dem Selbstschutz, der Verteidigung des Rudels oder der Artverteidigung dient, und dass immer zwischen dieser „normalen" Aggression und der unangebrachten Aggression, der aggressiven Verhaltensstörung, unterschieden werden muss. Zitat: „Jeder kennt das: Wenn man in der U-Bahn sitzt und jemand steigt ein und setzt sich neben einen, obwohl viele Sitze frei sind, wird man sich unwohl fühlen, weil die so genannte Individualdistanz unterschritten wird. Die gibt es auch bei Hunden; wird sie unterschritten, fühlt sich auch der Hund bedrängt und kann aggressiv reagieren. Da ist Aggression aber ganz normal." Wer nachvollziehen kann, wie ein Hund „denkt" und seine Umwelt wahrnimmt, kann Situationen, auf die dieser instinktmäßig aggressiv reagieren muss, vermeiden. Bubna-Littitz: „Erziehung ist fürs gute Zusammenleben Mensch-Hund die Basis. Aber dafür muss man den Hund und sein Verhalten verstehen."

Wie schützt man Kinder vor Bissen?
Auch Dr. Hans Mosser, Röntgenfacharzt, Herausgeber des Hundemagazins „WUFF" und zweiter Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Haustierforschung, behandelte das Thema „Aggression durch Hunde". Der Titel seines Referats lautete „Wie schütze ich mein Kind vor Hundebissen?" – und geboten wurde nicht Banales und Altbekanntes, sondern eine penible Recherche über die Ursachen von Beißunfällen mit Kindern. Dabei hatte es der Referent gar nicht leicht, denn wirklich detailliertes Datenmaterial existiert eigentlich kaum: So kann etwa sogar die Zahl der Hundebisse nur geschätzt werden – demnach kommt es jährlich österreichweit zu 500 bis 1000 Bissverletzungen bei Kindern unter 14 Jahren (Europäisches Heim- und Freizeitunfall-Erhebungssystem, Institut Sicher Leben). Dennoch konnte Mosser interessante Zusammenhänge darlegen: So beträgt das Durchschnittsalter der von Beißunfällen betroffenen Kinder sieben Jahre und einen Monat, 64 Prozent der Unfälle passieren im Haushalt, in dem das Kind lebt, und in mehr als 75 Prozent der Fälle kennt das Kind den Hund (siehe wissenschaftliche Studie „Hundebeißunfälle bei Kindern und Jugendlichen: Eine Metaanalyse der Risikofaktoren" in WUFF 3/2002). Mosser: „Kleine Kinder dürfen nie mit einem Hund allein gelassen werden, das sollte bekannt sein, wird aber oft nicht beachtet."

Das Sicherheitsbedürfnis dürfe aber nicht so weit gehen, dass man keinen Kontakt Hund-Kind zulässt: Mosser präsentierte auch eindrucksvolles Datenmaterial, das die These belegt, dass der Kontakt zum Hund die psychische und soziale Entwicklung von Kindern fördert. Aber dieser Kontakt muss durch die Erwachsenen kontrolliert und gesteuert werden. Denn häufig wird der Biss des Hundes durch ein Fehlverhalten des Kindes ausgelöst, weil Kinder oft unwissentlich grob oder gar grausam sind. Mosser: „In immerhin 62,4 Prozent der Unfälle kam es vor dem Biss zu einer Provokation des Hundes durch das Kind."

Gruppenhaltung im Tierheim
Mit Hunden als Opfer menschlicher Vernachlässigung beschäftigte sich der Tagungsbeitrag der WUFF-Redakteurin und ehrenamtlichen Leiterin des Kremser Tierheims (dessen Neubau am 4.10. eröffnet worden ist), Andrea Specht, und auch sie hatte Konstruktives zu bieten. Denn zwar landen „überflüssige" Hunde im Tierheim, doch dort kann viel dazu getan werden, dass sie psychisch gesund bleiben bzw. sogar werden. Specht: „Nach wie vor werden in vielen Tierheimen Hunde einzeln in kleinen Zwingern gehalten; es hat sich aber herausgestellt, dass Gruppenhaltung viele Vorteile bringt. Hunde in Gruppenhaltung fühlen sich wohler, sie haben mehr Beschäftigung. Der geringere Stress zeigt sogar organische Folgen: Daten belegen zum Beispiel, dass Tierheim-Hunde, die nicht einzeln gehalten werden, weit weniger oft an Durchfall leiden."

Und Hunde aus Gruppenhaltung finden sogar leichter wieder ein Zuhause. Specht: „Wenn die Leute ins Tierheim kommen und an den Zwingern vorbeigehen, wo jeder Hund aus Leibeskräften bellt und am Gitter hochspringt, weil er ja sonst nicht viel anderes tun kann, ist das keine sympathische Präsentation. In der Gruppe kann der Hund dagegen sein Wesen entfalten, die Leute nehmen ihn einfach besser wahr."

Hunde aus Gruppenhaltung werden auch seltener wieder zurück ins Heim gebracht: Sie sind einfach besser sozialisiert als Tiere aus „Einzelhaft". Specht: „Aber natürlich muss so eine Gruppenhaltung mit Wissen und Verantwortungsbewusstsein aufgebaut werden. Einfach Zusammensperren reicht nicht. Wissen über die Hunde gibt’s ja genug; ich würde mir in den Tierheimen mehr Ausbildung und Fortbildung der Pfleger wünschen. Wir in Krems sorgen dafür. Das kostet zwar Mittel, aber die „Umwegrentabilität" ist eindeutig da: Mit mehr Fachwissen gehaltene Tiere fühlen sich wohler und finden dadurch auch leichter wieder ein Zuhause."

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