Till, der Spielekönig

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Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Till vor mittlerweile fünf Jahren. Ein untersetzter kleiner Mann im grünen Waidmanns-Look steht vor der Tür und will das aufgedrehte Fellbündel an seiner Seite sofort loswerden. Wir haben keinen Platz, sind übervoll, ich bitte ihn, den Terrier wenigstens noch einige Tage zu behalten. „Nein, den halt’ ich nicht aus. Wenn´s ihr ihn net nehmt, bind’ i ihn vor die Tür."

Eben ganz Jagdterrier
Das letzte Wort – und schon hängt Till am Vorratscontainer vor dem Tierheim. Im vernünftigen Gespräch, das danach doch noch zustande kommt, erfahre ich, dass der Mann Till unter einem Jägerhochstand gefunden und zu sich nach Hause mitgenommen hat. Doch Till, eben ganz Jagdterrier, benahm sich auch wie einer und jagte leidenschaftlich Rad- und Mopedfahrer, die am Haus vorbeifuhren.

Lange hofften wir, dass sich sein früherer Besitzer doch noch melden würde, eruierten mit viel Mühe sogar den Züchter. Doch weil der weder Aufzeichnungen über seine Verkäufe führte noch am Schicksal seines ehemaligen Schützlings das geringste Interesse zeigte, blieb Till bei uns im Tierheim.

Fünf Jahre verrinnen …
Damals war Till etwa ein Jahr alt, mittlerweile ist er sechs. Ein halbes Hundeleben ist vorbei, für Till war alles Warten auf einen Neuanfang bis jetzt vergebens. Es gab Zeiten, da wurde seine Verzweiflung grenzenlos und machte uns ratlos. Der Mangel an Beschäftigung, seine „Arbeitslosigkeit" setzten ihm so zu, dass er begann, auf den Spielwiesen Vögel oder fiktive Objekte am Himmel zu jagen. Kein noch so gutes Leckerchen konnte ihn dazu bringen, sich wieder einfangen zu lassen. Begegnete er einem Fahrzeug, war er kaum zu bändigen. Einmal entkam er seiner Betreuerin und jagte die Autos auf einer stark befahrenen Straße unweit des Tierheimes. Ich traute meinen Augen nicht, als ich zufällig am Weg ins Tierheim ein wohlbekanntes schwarz-braunes kreischendes Etwas begeistert auf der Kreuzung auf- und abhetzen sah. Ich wendete, hupte, damit Till auf mich aufmerksam wurde, und ließ ihn hinter meinem Auto bis zum Tierheim nachjagen. Kein ungefährliches Unterfangen, und im nachhinein klopfte mein Herz bis zum Hals. Ja, das ist Till oder besser, das war er. Denn so arg ist es heute nicht mehr.

Spiele helfen Till, nicht zu verzweifeln …
Heute kommt Till mit seiner Situation im Tierheim besser zurecht, wenngleich er nach wie vor unter der Situation sehr leidet. Ein- bis zweimal die Woche beschäftigt sich seine Trainerin Sabine mit ihm. Er kann wieder normal am Brustgeschirr laufen, ohne mit Halsband und zweiter Leine zusätzlich gesichert zu werden, und löst begeistert Denk- und Suchaufgaben. Besonders die hölzerne Spielbox mit den Leckerlis drin hat es ihm angetan. Egal, ob der Deckel zu heben, eine Lade aufzuschieben oder mittels kleinem Kick zu öffnen ist, Till knackt einfach alles. Auch Leckerchen aus den Weinstöcken herausklauben, die vorher darin versteckt wurden, macht ihm Spaß. Nur wenn er ein Mauseloch entdeckt, verschieben sich alle Prioritäten. Jagdterrier sein verlernt man eben nicht.
Damit Till sein Alleinsein im Zimmer besser verkraftet, darf er tagsüber in die Futterküche und bei den Vorbereitungen zusehen. Dadurch hat er den Kontakt zu seinen Betreuern, den er so dringend braucht. Denn Till ist eigentlich ein großer Schmuser, ein richtiger Charmeur eben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Till hat sich mit seiner Situation arrangiert, glücklich ist er dabei nicht und kann es im Tierheim niemals werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es, und ich hoffe so sehr, dass Till nicht so lange warten muss. Er ist ein Klasse-Kerl, blitzgescheit, arbeitsfreudig und voll Hunger nach dem richtigen Leben, nach einem Morgen ohne Gitterstäbe. Es darf nicht sein, dass dieser tapfere kleine Kerl sein Leben lang vergebens hofft, Till mit seinem großen sehnsüchtigen, lieben Hundeherz – nur weil er ein Jagdterrier ist.

Bitte, liebe Leserin, lieber Leser, vergessen Sie Till nicht, wenn Sie diese Ausgabe zur Seite legen, es ist Tills große Chance! Vielleicht kennen Sie jemanden, der mit Jagdterriern umgehen kann. Es wäre so schön, wenn WUFF über ein Happy End berichten könnte.

Infos über Till gibt es unter http://www.tierheim-krems.at oder telefonisch unter +43 (0)2732/847 20.
In der nächsten Ausgabe erzählt Andrea Specht von Scotty, der seit sechs Jahren auf ein Zuhause wartet.

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