Trennungsangst – Was die Wissenschaft dazu sagt

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Es gibt Situationen, in denen wir unsere Hunde einige Zeit alleine lassen müssen. Nach einem entsprechenden Training kommen viele Hunde mit einer temporären Trennung vom Besitzer gut zurecht, einigen Hunden bereitet diese Phase im täglichen Leben jedoch enormen Stress. Wie beurteilt die Forschung sogenannte ­Trennungsängste?

Trennungsangst bei ihrem Vierbeiner kennen vermutlich viele Hundehalter, mancher ist gar gerade aktuell davon betroffen. Die Symptome, die als Beleg für eine ausgeprägte Trennungsangst beim Hund beschrieben werden, sind u. a. übermäßige Aufregung bei der Rückkehr des Besitzers mit Hochspringen, Jaulen und unruhiges Umherlaufen, Anknabbern oder Zerstören von Gegenständen, Unsauberkeit oder Dauergebell während des Alleinseins. Hundehalter, die dies miterleben, sind meist doch sehr betroffen und auch ratlos. Sie sorgen sich um den Vierbeiner, fühlen sich aber auch unwohl, da Probleme mit Nachbarn vorprogrammiert scheinen. Dazu gesellt sich noch der Ärger über die zerstörte Einrichtung. Während hierzulande meist eine intensive Verhaltensanalyse und das aktive Management seitens des Besitzers im Vordergrund stehen, werden in anderen Ländern, ­darunter auch in den USA, Hunde mit der ­Diagnose „extreme Trennungsangst" sogar ­euthanasiert.

Das hundliche Sozialleben
Junge Hunde sind in ihren ersten Lebenstagen und -wochen essentiell von der Mutter abhängig. Sie artikulieren schon früh infantile Unmutsäußerungen und zeigen aktives Suchverhalten, wenn sie ihre Mutter nicht mehr fühlen und riechen können. Im Verlauf der juvenilen Entwicklung werden die Bande von Tag zu Tag ein wenig lockerer, was den Welpen ermöglicht, die Welt zu erkunden, dies immer noch aber in der Nähe der Mutter und der Wurfgeschwister.

Aufgrund der Domestizierung der Hunde beinhaltet die soziale Umwelt des Hundes auch uns Menschen und dies nicht nur optional. Die Mensch-Hund-Beziehung ist eine Beziehung zwischen zwei Spezies, die sich über Jahrtausende entwickelt hat. Folglich stellt der Mensch eine vergleichbare soziale Komponente für den Hund dar wie dessen Hundemutter. Wir Menschen übernehmen im Leben eines Hundes den wichtigen Part, ihn mit der menschlichen Welt und den vielen Schrecken der Zivilisation vertraut zu machen. Diese gemeinsamen Erlebnisse sind maßgeblich für eine vertrauensvolle Bindung. Es ist nicht verwunderlich, dass aufgrund dieser Nähe zum Menschen bei Hunden Trennungsängste auftreten können.

Extreme Trennungsangst: SRD und SAS
SRD, separation-related disorder, und SAS, separation anxiety ­syndrome, heißen die Diagnosen, wenn es um extreme Trennungsangst geht. Hunde mit echter Trennungsangst bellen, schreien, springen an der Tür hoch, kratzen an Wänden und zeigen während der gesamten Abwesenheit des Besitzers deutliche Stresssymptome. Diese Hunde beruhigt kein getragenes T-Shirt oder ein anderes Kleidungsstück des Besitzers, das man ihnen überlässt. Bei Rückkehr ihres Menschen (meist handelt es sich um eine ganz bestimmte Bezugsperson) ist die emotionale Anspannung dieser Vierbeiner deutlich spürbar. Sie sind während der Begrüßung ganz aus dem Häuschen und selbst nach Minuten des Wiederzusammenseins immer noch in heller Aufregung. Es finden sich in der Wohnung Spuren von Kot- oder Harnabsatz und/oder Zerstörungen der Einrichtung wie bspw. angeknabberte Möbel. Bevor jedoch vorschnell die Diagnose Trennungsangst gefällt wird, sollte in jedem Fall tierärztlich abgeklärt werden, ob hinter dem (veränderten oder verstärkten) Verhalten Krankheiten oder geriatrische (altersbedingte) Erscheinungen stecken. Schilddrüsenerkrankungen, Erblindung, Taubheit, metabolische oder Nierenerkrankungen können ­beispielsweise durchaus Auswirkungen auf das Verhalten haben.

Trennungsangst kann auch vorüber­gehend auftreten, wenn ein Umzug erfolgt ist, sich die allgemeine Familien­situation verändert oder ein traumatisches Erlebnis stattgefunden hat. Meist empfinden Hunde nach einem gemeinsam verbrachten Urlaub eine Trennung viel extremer, dann, wenn Herrchen oder Frauchen nicht mehr ganztägig bei ihnen ist. Auch der Mensch kann zu einer Verschlimmerung der Situation beitragen, indem er die Verabschiedung oder die Be­grüßung dramatisiert.

Trennungsangst oder nicht?
Für den Hundehalter ist es nicht immer leicht herauszufinden, inwieweit das gezeigte Verhalten des geliebten Vierbeiners kurz vor, während und nach der Trennung von seinem menschlichen Bindungspartner die Diagnose Trennungsangst rechtfertigt. Hundehalter erleben aus direkter Anschauung meist nur, wie sich der Hund kurz vor seinem Weggehen und nach dessen Rückkehr verhält. Nur in seltenen Fällen (Videoüberwachung, Aussagen der Nachbarn) ist er auch über das Geschehen während seiner Abwesenheit informiert.

Viele Verhaltensweisen des Hundes sind durchaus als normal anzusehen. Auch verfügt er selbst über Strategien, um mit dem Alleinsein fertig zu werden. Viele Hunde sind in den ersten Minuten durchaus nervös und aufgeregt, beruhigen sich aber meist in den ersten 5-20 Minuten nach dem Weggehen des Besitzers, sodass das Alleinsein für sie erträglich bleibt. Vieles, was während der Abwesenheit des Besitzers geschieht, muss gar nicht mit der Trennungsangst in Verbindung stehen.

Einen guten Hinweis bietet das Begrüßungsverhalten des Hundes bei Rückkehr seines Menschen: Ist er zwar aufgeregt (er freut sich!), beruhigt sich aber recht schnell wieder, nachdem er einmal so richtig durchgeknuddelt wurde, ist dies ein Hinweis darauf, dass sein Stresspegel nicht allzu hoch gewesen sein kann. Er hat aus Erfahrung gelernt und vertraut darauf, dass sein Mensch immer wiederkehrt. Zu beachten ist ferner, dass bei einer längeren Abwesenheit des Besitzers die Begrüßung stürmischer ausfallen kann.

Bindungsprobleme
Der Aspekt, der das hundliche Verhalten während des Alleinseins entscheidend zu beeinflussen scheint, ist die Mensch-Hund-Beziehung selbst: Wie sieht es mit der Bindung zum Menschen aus? In einigen Veröffentlichungen wird die Auffassung vertreten, Hunde, die unter Trennungsangst litten, seien übermäßig anhänglich („hyperattached") und verfolgten ihren Besitzer ständig auf Schritt und Tritt. Doch es mehren sich die Hin­weise, dass dem nicht so ist, denn Hunde mit diagnostizierter Trennungsangst und jene ohne diese Diagnose verhalten sich hinsichtlich ihrer Anhänglichkeit recht ähnlich. Sehr anhängliche Hunde müssen also nicht unbedingt eine Trennungsangst entwickeln.

Wahrscheinlich liegt die Ursache für eine ausgeprägte Trennungsangst in einer ambivalenten oder unsicheren Beziehung zum Besitzer begründet. Man kann hier durchaus Parallelen zum Bindungsverhalten von Menschenkindern erkennen. Kinder mit einer sicheren Bindung sind zuversichtlicher, sind zwar ­irritiert oder weinen sogar kurzzeitig in einer Trennungssituation, beruhigen sich jedoch schnell wieder und lassen sich beispielsweise auch von einer ihnen unbekannten Person zum Spielen verleiten. Kinder mit einer unsicheren (unsicher-vermeidenden oder unsicher-ambivalenten) oder desorganisierten Bindung ähneln in ihrem Verhalten durchaus Hunden mit ausgeprägter Trennungsangst. Unsicher-vermeidende Kinder haben die Zuversicht in die Rückkehr des Bindungspartners verloren und zeigen depressive Züge, vermeiden sogar den Kontakt, als Vorbeugung gegen Enttäuschung. Unsicher-ambivalente Kinder zeigen deutlichere Stresssymptome, empfinden das Verhalten des Bindungspartners als nicht vorhersehbar und sind weniger neugierig. Bei Rückkehr der Bezugsperson können sie sehr stark klammern oder auch aggressiv sein. Sie zu beruhigen fällt schwer. Desorientierte Kinder fallen durch stereotypes sowie unerwartetes Verhalten auf. Das Verhalten von Hunden mit SAS oder SRD ähnelt in vielen Punkten dem von Kindern mit Trennungsängsten.

Zustand verbessern
Wie kann nun den Hunden geholfen werden, mit der ­unvermeidlichen phasenweisen Trennung von ihren Menschen fertig zu werden be­ziehungsweise gar keine Trennungsangst zu entwickeln? Unabdingbar ist es, das Alleinsein schrittweise zu trainieren und Welpen keinesfalls zu früh allzu lange alleine zu ­lassen, schon gar nicht in unbekannter Um­gebung.

Bei bestehender Trennungsangst müssen unbedingt alte Rituale durchbrochen werden. Ein Abchecken des Gesundheitszustandes und eine ­Analyse der häuslichen Wohnsituation sind ebenfalls hilfreich. Nur in seltenen Fällen ist ein zweiter Hund die Lösung, denn Hunde empfinden die Trennung von ihrem menschlichen Partner oft als so unangenehm, dass sie mit der Gegenwart eines zweiten Hundes gar nichts anfangen können. Interne Rangeleien, Eifersucht o.ä. können die Lage sogar noch verschlimmern.

Allgemein können optimistische ­Hunde besser mit Trennungssituationen umgehen als pessimistische ­Hunde. Tatsächlich stellte man fest, dass es Hunde mit einer positiven und einer eher negativen Erwartungs­haltung gibt. Somit wäre die Trennungsangst kein solitäres Problem, sondern eines von mehreren Symptomen, das auf einen unsicheren ­Charakter hinweist. Unsicherheiten sind gut zu therapieren, indem man dem Hund hilft, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Hierzu kann maßgeblich ein Training beitragen, das den Hund vor allem geistig auslastet und ihm Erfolgserlebnisse beschert. Eine zu starke Fixierung auf einen einzigen Menschen und eine damit verbundene Abhängigkeit sollte vermieden und stattdessen eine qualitativ hochwertige Beziehung aufgebaut werden. Dazu gehört unabdingbar, dass der Hund nicht ständig in Watte gepackt wird, sondern während seiner Entwicklung zu einem selbstsicheren Hund heranreifen kann, indem er Erfolg und Misserfolg kennen, sowie eine gewisse Frustrations­toleranz erlernen kann. Dass Hunde jedoch nicht übermäßig lange allein gelassen werden dürfen, da sie Sozial­kontakte wie Wasser und Nahrung zum Leben benötigen, versteht sich von selbst.

Hintergrund
Was ist Trennungsangst?
Versuch einer Definition

Heutzutage sind Erklärungen für das Verhalten des Hundes, das als ­Trennungsangst bezeichnet wird und Hundehalter so sehr beschäftigt, schnell bei der Hand und zum Teil auch verwirrend. Der Hund sei ein „Kontrollfreak" ist eine davon. Man unterstellt, er wolle sein Herrchen oder Frauchen dominieren und kontrollieren. Andere Erklärungen sind: Bindungsprobleme, konditioniertes Verhalten, übertriebene Anhänglichkeit, generalisierte Angst, Trotzverhalten.

Entfernung eines wichtigen ­Bindungspartners

Relativ weit gefasst und erst einmal wertneutral könnte man Trennungsangst als eine Verhaltensänderung aufgrund der räumlichen oder zeit­lichen Entfernung eines ­wichtigen Bindungspartners definieren. ­Parallelen zum frühkindlichen Verhalten, wenn Mutter oder Vater sich entfernen, sind gar nicht so weit hergeholt, denn Hunde sind soziale Tiere. Ohne Sozialkontakt können Hunde nicht überleben.

Literatur

Die für die Recherche zu diesem Artikel verwendete Literatur nach Erscheinungsjahr geordnet.

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Karin Joachim studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Bonn und leitete lange Jahre ein archäologisches Museum in Rheinland-Pfalz. Heute veranstaltet sie Kultur- und Naturführungen, Familienwanderungen und thematische Stadtbesichtigungen für Mensch und Hund in und um Bad Neuenahr-Ahrweiler unweit von Bonn. Zur Zeit begleitet sie Airedale Terrier Hündin Lina. www.forum-mensch-hund.de 

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