… und lässt mich nicht im Stich

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Seit 3 1/2 Jahren wohnt Günther Kulzer aus Freilassing bei seiner Lebensgefährtin in einer Wohnhausanlage in Salzburg, zuerst als Gast und seit einem Jahr dort mit Zweitwohnsitz gemeldet. Schon 1997, als Günther regelmäßig seine Lebensgefährtin besuchte, hatte seine Freundin die Hausverwaltung telefonisch (leider nicht schriftlich) über seinen Hund informiert, um nur ja keinen Anlaß für Ärger zu geben.
Bully, das ist ein mittlerweile 8jähriger Bullterrier Rüde mit geheimnisvoller Vergangenheit. Vermutlich gezüchtet in der Nähe von Prag, gelangte er auf dunklen Kanälen zu Chinesen nach Hallein. Und irgendwie landete der Hund nach mehreren Monaten schließlich im Tierheim. Nach einem Monat Aufenthalt dort entdeckte ihn Günther und gab dem mittlerweile 7 Monate jungen Bullterrier ein neues Zuhause. Bully ist auffallend verspielt und kinderlieb. Günther: „Bully ist stürmisch in seinen Liebesbezeugungen, er keift nicht und rauft nicht und liebt eigentlich jeden, der ihm begegnet.“

Der Schock: Weg mit Bully in vier Wochen
Alles war eitel Wonne, Bully war überall in der Wohnanlage beliebt – aber am 7. Juli 2000, nur wenige Tage nach dem schrecklichen bekannten Unfall in Hamburg und dem dann einsetzenden Medien-Hundewahn, flatterte Günthers Lebensgefährtin ein Schreiben des Eigentümers, der Wohnbaugesellschaft, folgenden Inhalts ins Haus: „Die Hausverwaltung wurde informiert, daß in Ihrem Haushalt ein Hund gehalten werden soll. Bei diesem Tier soll es sich um einen Kampfhund (Bullterrier) handeln, wodurch sich Ihre Mitbewohner in ihrer Sicherheit bedroht fühlen. Wir ersuchen Sie daher, das Tier binnen einen Monat, das ist bis längstens 7. August 2000 zu entfernen.“

Kampf um Bully: Was tun?
Bully zu „entfernen“, kam natürlich nicht in Frage. Also wird der „Kampf“ um Bully aufgenommen. Zunächst wandten sich Günther und seine Lebensgefährtin an das Bewohnerservice der Wohnanlage, da doch jeder Bully kenne und liebe. In einer Besprechung der Hausvertrauensleute wurde geklärt, daß kein Bewohner sich gegen den Hund ausgesprochen habe. Auch der Hausmeister der Anlage kannte den Hund als ruhig und verspielt. Aber trotzdem – das Schreiben des Hauseigentümers war eindeutig. Günther wandte sich auch an die Tierschutzbeauftragte des Landes Salzburg, Landesrätin Dr. Wagner-Schöppl. Die engagierte und weit über Salzburg hinaus bekannte Tierärztin riet Günther, mit einem Wesenstest an der veterinärmedizinischen Univ. Wien die Sicherheit und Ungefährlichkeit seines Hundes zu dokumentieren und sich damit wieder an den Hauseigentümer zu wenden. Da es aber keinen offiziellen anerkannten Wesenstest in Österreich gäbe, riet der Tierpsychologe der Universität, Univ.-Prof. Dr. Hermann Bubna-Littitz, zu einer Abwandlung und Anwendung eines bereits vorhandenen Wesenstests für Therapiehunde.

Zum Wesenstest nach Wien
Geraten, getan. Durch Günthers verzweifeltes und trotzdem effizientes Engagement fuhr er nur zwei Wochen nach Eintreffen der „Hundekündigung“ schon mit seinem Bully nach Wien und hat dort am 21. Juli an der veterinärmedizinischen Universität den Wesenstest erfolgreich bestanden (Über den Wesenstest siehe Kasten): Bully wird attestiert, daß er „im Vergleich zu anderen Hunden aufgrund seines Verhaltens kein erhöhtes Risiko bzw. Bedrohung für Menschen oder Artgenossen darstellt.“

Brief an den Hauseigentümer
Am 16. Juli, wenige Tage vor der Reise zum Wesenstest nach Wien, hatte Günthers Lebensgefährtin einen Brief an den Hauseigentümer geschrieben, in dem sie darauf hinwies, daß „Bully in der ganzen Wohnanlage und insbesondere auch bei den Kindern als problemloser Hund bekannt sei. Außerdem bemerkte sie, daß auch das Hausmeisterehepaar, mehrere Mitbewohner und die Landesrätin und Tierärztin Dr. Wagner-Schöppl die Harmlosigkeit des Bullterriers bezeugen könnten. Schließlich wies sie in dem Brief auch noch darauf hin, daß ein Wesenstest geplant sei, dessen Ergebnis man umgehend dem Hauseigentümer bekannt machen werde. Der Brief schloss mit der Bitte, die Entscheidung nochmals zu überdenken.

Genehmigung erteilt
Der 23. Juli 2000 wird Günther und seiner Lebensgefährtin wohl immer in Erinnerung bleiben. An diesem Tag erhielt er zwei Briefe. Einen aus Wien mit der Bestätigung der positiven Absolvierung des Wesenstestes und einen vom Hauseigentümer mit der Erlaubnis der Hundehaltung (noch bevor diese vom Ergebnis des Wesenstestes Bescheid hatte). Offensichtlich hatte bereits die Einschaltung von Bewohnerservice, Hausvertrauensleuten, Hausmeister, Tierärztin Dr. Wagner-Schöppl usw. sowie die Ankündigung des Wesenstestes ausgereicht, die Haltungsgenehmigung zu erteilen.



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Der Wesenstest für Bully
Ein Überblick von Hans Mosser

An der veterinärmedizinischen Universität Wien wurde mit Bully ein Wesenstest durchgeführt. Dieser bestand zunächst aus einer tierärztlichen körperlichen Untersuchung an der 1. Medizin. Univ.klinik für Kleintiere. Dort wurde Bully für körperlich gesund erklärt. Dann wurde mit Bully von Univ.-Prof. Dr. Bubna-Littitz ein Wesenstest durchgeführt. Dazu fuhr der Professor mit Bully, Günther und dessen Lebensgefährtin ins Donauzentrum, einem großen, von vielen Besuchern frequentierten Einkaufspark in Wien. Bully verhielt sich völlig unbeeindruckt von den Menschenmassen.

Wesenstest: Der Bericht über Bully
Auszug aus dem Bericht des Professors über den Wesenstest im Einkaufszentrum: „Der Hund geht bei Fuß und reagiert weder ängstlich noch aggressiv gegenüber Personen. In einem hallenähnlichen Raum, der von vielen Passanten durchquert wird, wird der Hund abgelegt (angeleint). Er reagiert nicht ängstlich oder aggressiv auf nahe vorbeigehende Passanten – vielmehr macht er einen eher gelangweilten Eindruck. Der Bullterrier begegnet einigen Artgenossen, zeigt sich bei einer Hündin interessiert und möchte mit ihr spielen. Bei keiner Begegnung mit anderen Hunden zeigt er Anzeichen von Ängstlichkeit oder Aggressivität. Nach etwa 40 Minuten Aufenthalt fahren wir an die VMU zurück. Die Rückfahrt gestaltet sich ebenso problemlos wie die Hinfahrt.“

Aggressionsprovokations-Test
Weiter im Bericht über Bullys Wesenstest. Prof. Bubna-Littitz: „In einem Raum versuche ich aggressives Verhalten auszulösen (Aggressionsprovokationsproben). In dem Raum sind nur Hr. Günther Kulzer, der Hund und ich anwesend. Der Hund wird mittels Leine von Hrn. Günther Kulzer gesichert. Weder durch starre Blickfixierung des Hundes noch durch Erheben der Hand gegen den Hund und Andeuten eines Schlages kann nicht einmal andeutungsweise aggressives Verhalten ausgelöst werden. Zuletzt deute ich mit einer 80 cm langen Holzlatte einen raschen Schlag gegen den Hund an. Er zeigt nicht das geringste Zeichen von Angst oder Aggression. Ich gewinne den Eindruck, der Hund erwarte, daß ich den Stock zum Apportieren wegwerfen werde. Anschließend läßt er sich von mir an Kopf und Bauch streicheln.“

Bully’s Testergebnis
Bully konnte durch sein ruhiges und souveränes Verhalten und sein liebenswertes Wesen im Test den Professor überzeugen, folgende zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme abzugeben: „Aufgrund meiner Beobachtungen und der von mir durchgeführten Tests (Aggressionsprovokation) möchte ich feststellen, daß der Bullterrier Blackboy vom Kirchfeld im Vergleich zu anderen Hunden aufgrund seines Verhaltens kein erhöhtes Risiko bzw. Bedrohung für Menschen und Artgenossen darstellt.“



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Pitte-Bull ist geil…
von Günther Kulzer, Freilassing und Salzburg

Keine Hunderasse ist von Grund auf böse oder gefährlich. Es liegt ausnahmslos an der falschen oder fehlenden Erziehung, mangelnder Sozialisierung und Vermenschlichung des Tieres. Wir haben weder in Österreich noch in Deutschland ein Kampfhundeproblem. Wir haben hier das Slum-Problem der Großstädte. Gewisse Leute mißbrauchen ihren Hund als Waffe: „Pitte-Bull bedeutet Macht, Pitte-Bull ist geil …“. Es kann nicht angehen, daß ein Besitzer des Hamburg-Vorfalles bereits Monate zuvor die behördliche Auflage bekam, den Hund nur mit Leine UND Maulkorb zu führen, nachdem das Tier schon einmal auffällig war und dann bereits einige Tage nach dem Geschehen wieder einen neuen Pitbull zuhause stehen hat! Ich bin sicher nicht fremdenfeindlich, es geht hier nur um Tatsachen!

Positiv präsentieren
Ich plädiere dringend für mehr soziales Verhalten und Kompetenz der Hundehalter. Es ist natürlich Arbeit, den Hund gut zu erziehen und gut zu sozialisieren. Es ist aber nicht viel mehr Arbeit, den Hund zu lehren, sein Geschäft nicht auf die Straße oder die Spielplätze zu machen. Es ist auch nicht viel mehr Arbeit, den Hund anzuleinen, wenn ein altes Mutterl mit ihrem Wuffi entgegenkommt oder wenn man ihre Angst bemerkt, auf die andere Straßenseite zu wechseln. Es ist nichts dabei, den Hund nicht stänkern oder raufen zu lassen. Das Wichtigste ist zudem, sich mit seinem Hund stets positiv zu präsentieren und entsprechen gelassen zu reagieren, wenn mal böse Kommentare von Passanten kommen. Hier gehört nämlich auch die gute Erziehung des Halters dazu und ein stimmiges Gespann (Herr und Hund) spricht für sich als gutes Argument gegen Anfeindungen.
Ich kann jedenfalls allen, die ähnliche Probleme mit ihrem Hund und ein gutes Gewissen für ihren Hund haben, den Wesenstest empfehlen. Es ist zwar kein Freibrief, aber ein positives Ergebnis gibt doch etwas mehr Sicherheit und liefert eine Grundlage für etwaige Auseinandersetzungen. Seit etwa 5 Jahren bin ich im Internet unter http://go123.net/bulli mit zu finden und engagiere mich an dieser Stelle sehr für diese Rasse.

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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