Unser Glück hat zwölf Pfoten!

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Alltagsgeschichten

Unter Hundefreunden fällt oft das Wort Seelenhund. Aber wie uns diese ­Geschichte zeigt, gibt es auch „Seelenmenschen“. Menschen, die einen besonderen Zugang zu ­Hunden haben. Menschen, denen sogar ängstliche oder verschreckte Hunde zugehen und sich anschließen. Von solchen Menschen handelt diese Geschichte.

Als unsere Berner Sennenhündin Ronja vor dreieinhalb Jahren starb, blieb ihre Tochter Lina traurig und antriebslos zurück. ­Unsere Töchter, Maria und Anna (damals 11 und 13 Jahre alt), wünschten sich einen Spielgefährten für Lina, aber auch für sich selbst. Einen Hund, für den ausschließlich sie verantwortlich sein wollten. Es sollte ein Mischling aus dem Tierschutz sein. Nach vielen Gesprächen und dem Bewusstsein, dass unsere Mädchen schon von einigen Tieren durch ihre Kindheit begleitet wurden und daher wussten, wie zeit- und arbeitsaufwändig, aber vor allem verantwortungsvoll die Betreuung eines Tieres ist, stimmten mein Mann und ich zu.

Kurze Zeit später zog Elli, eine schwarz-weiße Mischlingshündin aus dem Tierschutz, bei uns ein. Ihre Mutter war eine bulgarische Straßenhündin. Im Alter von ca. fünf Wochen musste Elli mit ihren beiden Schwestern mitansehen, wie ihre Mutter grausam erschlagen wurde. Anschließend wurde Elli mit den beiden Welpen in einen Plastiksack gesteckt und in einem Mülleimer entsorgt. Eine Tierschützerin, die das Ganze beobachtet hatte, rettete ihr Leben. Wir, die ein Leben lang Berner Sennenhunde hatten, eine Rasse, die bei uns beinahe in jeder Lebenssitua­tion souverän und ruhig agierte, ahnten nicht, wie schwer Elli durch ihre Vorgeschichte traumatisiert war.

Schwierige Zeiten durchstehen
Sofort übernahm Lina die Mutterrolle bei dem 8 Wochen alten Welpen. Sie umsorgte sie liebevoll, maßregelte sie, wenn es notwendig war. Maria und Anna verbrachten jede freie Minute mit Elli. Als Elli 14 Wochen alt war, begannen Maria und Anna mit der Kleinen regelmäßig eine Hundeschule zu besuchen. Die Hündin lernte schnell und fühlte sich wohl. Die anschließende Spielstunde mit ihren Hundefreunden genoss sie sehr. Im Alter von 6 Monaten veränderte sich Ellis Verhalten schlagartig. Fremde Menschen, Autos, laute Geräusche und vieles mehr brachten sie plötzlich total aus der Fassung. Bei ­Begegnungen mit anderen Hunden zeigte sie sich mit einem Mal aggressiv, auch in der Hundeschule. Ich, die während der Trainingsstunden immer nur zusah, erlebte mit, wie vorher harmlos gewesene Situationen mit Elli immer wieder eskalierten. Bot ich unseren Mädels an Elli zu übernehmen, lehnten sie kategorisch ab. „Mama, wir schaffen das“, hörte ich dann energisch. Für mich war es oft sehr schwer dabei zuzusehen. Manchmal hätte ich gern eingegriffen, wenn bei Maria oder Anna vor lauter Verzweiflung über das Verhalten ihrer geliebten Hündin die Tränen liefen. Die beiden haben unermüdlich mit Elli gearbeitet, haben ihr mit ihrer Liebe Vertrauen und Sicherheit gegeben und dadurch Unglaubliches geschafft. Gemeinsam mit einem tollen Hundetrainer, der die Mädels in vielen Situationen mit Rat und Tat unterstützte, war es möglich, weiterhin die Hundeschule zu besuchen. Elli bestand mit Maria und Anna die Begleithundeprüfung mit Bravour. Die beiden haben immer an Elli geglaubt. Die Beziehung zwischen den beiden und ihrem Hund wurde sehr intensiv und das gegenseitige Vertrauen wuchs.

Gegenseitig helfen
Unsere Tochter Maria, ein immer viel zu ruhiges, sehr tolerantes Mädchen, erlangte durch die Arbeit mit Elli großes Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen in allen Belangen. Der geliebte Hund beeinflusste die Entwicklung unseres Kindes total positiv. Dafür und für vieles mehr bin ich Elli unglaublich dankbar und liebe sie sehr. Als Maria meinte, sie würde Elli gern zur Schulwallfahrt mitnehmen, hatte ich dennoch Bedenken. Die vielen Menschen, eine ungewohnte Umgebung und vielleicht auch andere Hunde, wäre das für unsere Hündin nicht eine zu große Herausforderung? Durch die innige Beziehung, die Maria zu Elli hat, wurde dieses gemeinsame Erlebnis für beide prägend und unvergesslich. Ich holte ein glück­liches Kind und einen noch glücklicheren Hund ab. Maria erzählte mir, dass ihre Hündin sich vorbildlich benommen hatte und sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. „Mama, als wir auf einer Wiese standen und beteten, sah Elli zuerst nur mich an und blickte dann in den Himmel. Sie hat genauso wie ich gespürt, dass Gott uns ganz nah ist“, meinte unsere Tochter. Nur gegenseitiges Vertrauen macht es möglich, solche Augenblicke so bewusst zu erleben!

Einschnitt in die Idylle
Annas und Ellis Verhältnis wurde bei einem Spaziergang durch die plötzliche Begegnung mit einem freilaufenden Hund, der Halter schaffte es nicht, diesen rechtzeitig abzurufen, massiv überschattet. Obwohl nichts passiert war, wagte Anna es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr, mit ihrer geliebten Gefährtin in der Nähe unserer Siedlung spazieren zu gehen. Spaziergänge in unbewohnten Gegenden oder das Agility- Training im Garten machten ihr ab diesem Zeitpunkt mehr Spaß.

Neue Liebe in Sicht?
Seit einiger Zeit besuche ich das Tierheim Dechanthof in Mistelbach, um den dort untergebrachten Hunden durch einen Spaziergang ein wenig Auszeit vom Tierheim-Alltag zu schenken. Die Geschichten, warum diese Tiere im Tierheim landen, sind für mich manchmal schwer zu verstehen. Dennoch genieße ich die Spaziergänge mit diesen Hunden sehr und freue mich immer wieder, wenn ich miterleben darf, wie ein doch etwas schwieriger Vierbeiner zu uns Menschen wieder Vertrauen fasst und Spaß am Leben hat. Wenn es neben der Schule möglich ist, begleitet mich Anna. Von Anfang an bemerkte ich bei unseren Besuchen im Tierheim, dass die von mir an der Leine geführten Hunde sehr intensiv den Kontakt zu unserer Tochter suchen. Während unserer Spaziergänge spielen wir mit den Hunden, und wenn es das Wetter zulässt, setzen wir uns ins Gras, um mit ihnen zu kuscheln, natürlich sofern die Hunde es zulassen. Nicht immer sind es Hunde, die engen Kontakt zu fremden Menschen möchten, weil sie diese nicht kennen oder ihnen durch Menschen Leid zugefügt wurde, das ist ganz klar zu akzeptieren. Doch bemerkte ich schnell, dass, wenn die Hunde bei mir vorerst skeptisch sind, sie Annas Nähe förmlich suchen, sich an sie schmiegen und von ihr völlig entspannt streicheln lassen. Das alles findet ohne Worte statt. Ihre Blicke, ihr Körper und ihre Seele sprechen mit den Tieren. Ein für mich immer wieder total beein­druckendes Geschehen.

Im September wurden sieben Hunde aus einer behördlichen Abnahme im Tierheim aufgenommen, unterernährt und völlig verwahrlost. Da sie von der Außenwelt isoliert gehalten wurden, war ihnen vieles fremd und sie rea­gierten selbst in alltäglichen Situatio­nen ­total verängstigt. Mein erster Spaziergang mit einem dieser Hunde rührte mich zutiefst. Die im Wind raschelnden Blätter eines Maisfeldes lösten so eine große Panik bei dem Hund aus, dass er sich auf den Boden warf und zusammen­rollte. Längere als zehn­minütige Spaziergänge waren zu Beginn nicht möglich, da die Hunde die simplen ­Eindrücke von der großen weiten Welt nur schwer verkraften konnten.

Die Vergangenheit vergessen
Die nächsten Wochen leisteten die Tierheim-Mitarbeiter/innen Übermenschliches. Mit sehr viel Liebe, Respekt und Einfühlungsvermögen wurden aus diesen Vierbeinern Hunde, die sich auf den Weg machten, die Vergangenheit zu vergessen. Die Entwicklung dieser Hunde, die ich bei meinen Besuchen Woche für Woche miterleben konnte, war unglaublich schön für mich. Dennoch gab es noch viele Situationen, wo die Angst sie überfiel.

Als Anna mich wieder einmal ins Tierheim begleitete, bereitete ich sie auf das ängstliche Verhalten dieser Hunde vor, denn in der Vergangenheit hatte ich immer wieder erlebt, dass das Verlassen des Tierheims, der Weg durch die Tür, eine große Herausforderung für die Hunde war. Ich bat um einen dieser ­sieben Hunde, der mir in letzter Zeit sehr ans Herz gewachsen war. Die Pflegerin brachte ihn. Als sich die Tür öffnete, wanderte der Blick dieses Hundes zu Anna, er fixierte sie, lief schnurstracks auf sie zu und schmiegte seinen Kopf an die von Anna gebotene Hand. Ein absoluter Gänsehautmoment, der nicht nur mich zu Tränen rührte. Während des Spaziergangs, ich führte ihn an der Leine, wich er nicht von Annas Seite. Beim Zurückbringen fiel beiden der Abschied sehr schwer.

Aus 8 Pfoten werden 12 …
Es kam wie es kommen musste, Anna bat uns, diesen Hund zu uns zu holen. Als ich meinem Mann vom Kennen­lernen der beiden im Tierheim erzählte, stand fest, dass Annas Seelenhund in unserer Familie seinen Lebensplatz ­finden wird. Aber was würden Lina und Elli zu dem Hunde-Bub sagen? ­Besonders Elli bereitete mir Bauchschmerzen. Würde sie ihn akzeptieren? Wir fuhren mit den beiden ins Tierheim. Bei einem gemeinsamen Spaziergang lernten sie sich kennen. Die mittlerweile zehn Jahre alte Lina mochte den zweijährigen Rüden vom ersten Augenblick an. Elli reagierte zu Anfang neugierig, aber doch etwas zurückhaltend. Dennoch, das Eis war schnell gebrochen. Wenige Tage später holten wir Einstein, diesen Namen gab ihm Anna, nach Hause, und als er da von Elli zum Spielen aufgefordert wurde und die beiden voller Freude durch den Garten tobten, war dies ein sehr schöner Moment für unsere ganze Familie.

Im neuen Leben angekommen
Anna und Einstein haben gemeinsam schon viel geschafft. Fast ihre ganze Freizeit schenkt sie ihm. Mit Geduld und Liebe konnte unsere Tochter diesem Hund bereits so viel Sicherheit geben, dass seine Angst Platz machen musste, für viele schöne Momente in seinem glücklichen Hundeleben. Er liebt es mit ihr zu laufen, Rad zu fahren oder auf dem Trampolin zu springen. Aber auch beim Herumtoben mit seinen Hunde-Mädels merkt man, er ist angekommen. Endlich darf auch er glücklich sein. Er ist eine unglaublich große Bereicherung für unsere Familie. Mit seinem vorsichtigen, sanften, lieben und lustigen Wesen verzaubert er uns jeden Tag. Wir sind unglaublich stolz auf unsere Töchter, die mit ihrer Liebe, ihrem Glauben und dem festen ­Willen, Elli und Einstein ein wunderbares Leben zu schenken, so vieles geschafft haben. Gemeinsam freuen wir uns über die vielen schönen Momente, die wir mit unserem wunderbaren Trio erleben dürfen.

Wo ist Ihre Alltagsgeschichte?
Werden Sie Teil dieser unterhalt­samen Serie und schreiben Sie uns Ihre Alltagsgeschichte mit Ihrem Hund. Ganz wichtig: Mindestens fünf Fotos in Originalgröße (also nicht verkleinert) schicken.

Pdf zu diesem Artikel: alltagsgeschichte_05_2017

 

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