Verhalten nach einem Konflikt

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Versöhnungsbereitschaft bei Wölfen und Hunden

Eine Studie konnte bei in einem Gehege lebenden Wölfen im Vergleich zu Haushunden ein unterschiedliches Verhalten nach einem Konflikt beobachten. Während Wölfe sich nach einem Streit wieder versöhnen, gehen Hunde sich eher aus dem Weg.

Versöhnung nach einem Konflikt ist für hoch sozialisierte Lebewesen von großer Bedeutung, weil Kooperation ein wichtiger Faktor in ihrer Lebens- und Überlebensstrategie ist. Das gilt für das durch Arbeitsteilung bestimmte Leben der Menschen genauso wie für sozial organisierte Tiere. Daher ist anzunehmen, dass die Versöhnungsbereitschaft nach einem innerartlichen Konflikt bzw. Streit umso ausgeprägter ist, je mehr eine Art auf Kooperation angewiesen ist.

„Versöhnung“ haben Verhaltensforscher zunächst bei Schimpansen
und dann auch bei vielen anderen Affen, Wildziegen, Delfinen, Fleckenhyänen, Saatkrähen und Raben nachgewiesen. Bei diesen Tierarten suchen die Beteiligten nach einem Konflikt die gegenseitige Nähe, um wieder Frieden zu schließen. (Siehe Literaturliste im Kasten)

Die These der Parallelität von Versöhnungsbereitschaft und Ausmaß notwendiger Kooperation bei in einem Gehege gehaltenen Wölfen und bei Haushunden untersuchten kürzlich fünf Forscherinnen aus dem Wolf Science Center (WSC) im niederösterreichischen Ernstbrunn und dem Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Cafazzo 2018). Untersucht wurde, wie oft Haushunde und Wölfe streiten, und wie sie sich anschließend verhalten.

Die Wissenschaftlerinnen beobachteten dazu jeweils vier Rudel von Wölfen und Hunden, die in Gehegen im Wolfsforschungszentrum leben. Die Häufigkeit aggressiver Auseinandersetzungen ­variierte bei Wölfen und Hunden erheblich. Während es innerhalb von 500 Stunden bei den Wölfen 419 Aggressionen untereinander gab, gab es sie bei den Hunden lediglich in 55 Fällen. Allerdings unterschied sich die Art der Aggression: Während bei den Wölfen sechs von zehn Konflikten ohne Körperkontakt, also bspw. durch reines Drohen, Nachlaufen und Hinschnappen, also Formen ritualisierter Aggression, gekennzeichnet waren, machten sich die Hunde Konflikte im Regelfall (in neun von zehn Fällen) durch tätliche Angriffe wie Beißen und Niederstoßen aus. Sie scheinen also die ritualisierte Aggression im Verlauf der Domestikation verloren zu haben.

Post-Konflikt Verhalten
Das Verhalten von Wölfen und Hunden nach einem Konflikt unterschied sich signifikant. Die Hunde zeigten in der Studie nämlich keine Anzeichen von Versöhnung, sondern vielmehr eine Vermeidungsstrategie, d.h. sie gingen einander nach einem Streit stets aus dem Weg, berichten die Forscherinnen. Wölfe hingegen verbrachten nach einem Konflikt mehr Zeit miteinander, wobei die Versöhnung meist vom unterlegenen, rangniedrigeren Tier ausging.

In der Natur sind Wölfe viel mehr auf einander und eine funktionierende soziale Gruppe angewiesen als Hunde, erklären die Forscherinnen in dem Fachartikel. Wölfe jagen im Rudel, verteidigen ihr Gebiet als Gruppe und ziehen gemeinsam ihre Jungen auf. Hunde müssen sich hingegen eher mit den Menschen gutstellen als mit Artgenossen. Selbst freilebende Hunde handeln nur im Bedarfsfall gemeinsam. Die Forscherinnen nennen dies „unverbindlich sozial“. Deshalb sei die Fähigkeit einer raschen Aussöhnung für Wölfe viel wichtiger als für ihre domestizierten Verwandten.

Es gibt allerdings auch Untersuchungen eines Forscherteams der Universität von Antwerpen, in denen nachgewiesen wurde, dass auch Hunde die Fähigkeit zur Versöhnung nach einem Konflikt haben (Cools 2008). Die Hunde in dieser belgischen Studie hatten allerdings zueinander ein vertrauteres Verhältnis bzw. waren miteinander verwandt, was bei den Hunden der Studie im WSC nicht in diesem Ausmaß der Fall war. In der belgischen Studie musste die Versöhnung zwischen den Hunden allerdings unmittelbar nach Beendigung des Konflikts stattfinden. War dies nicht der Fall, zeigten die Hunde ein ähnliches Verhalten wie die der vorgestellten Studie: Die Hunde gingen einander eine Zeit lang aus dem Weg.

Literatur

Im Text zitierte Literatur in alphabetischer Anordnung:
• Aureli F et al. Conflict resolution following aggression in gregarious animals: a predictive framework. Anim. Behav. 2002;64:325–343.
• Baan C et al. Conflict management in free-ranging wolves, Canis lupus. Anim. Behav. 2014;90:327–334.
• Cafazzo S. et al. The effect of domestication on post-conflict management: wolves reconcile while dogs avoid each other. R.Soc.opensci. 2018;5: 171553.
http://dx.doi.org/10.1098/rsos.171553
• Cools AKA et al. Canine reconciliation and third-party-initiated postconflict affiliation: do peacemaking social mechanisms in dogs rival those of higher primates? Ethology 2008;113:53–63.
• Cordoni G, Palagi E. Reconciliation in wolves (Canis lupus): new evidence for a comparative perspective. Ethology 2008;114:298–308.
• de Waal F, van Roosmalen A. Reconciliation and consolation among chimpanzees. Behav. Ecol. Sociobiol. 1979;5:55–66.
• de Waal F. Dominance ‘style’ and primate social organization. In Comparative socioecology, the behavioral ecology of humans and other animals (eds V Standen, R Foley), 1989:243–263. Oxford, UK
• Fraser ON, Bugnyar T. Ravens reconcile after aggressive conflicts with valuable partners. PLoS ONE 2011;6,e18118. ↵
• Samuels A, Flaherty C. Peaceful conflict resolution in the sea? In Natural conflict resolution (eds F Aureli, FBM de Waal), 2000:229–231. Berkeley, University of California Press.
• Schino G. Reconciliation in domestic goats. Behaviour 1998; R135: 343–356.
• Seed AM et al. Post conflict third-party affiliation in rooks, Corvus frugilegus. Curr. Biol. 2007;17:152–158.
• Wahaj SA et al. Reconciliation in spotted hyenaa. Ethology 2001;107:1057–1074.

Pdf zu diesem Artikel: verhalten_hund_vs_wolf

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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