Verhaltensbeobachtungen im Funktionskreis der Fortpflanzung beim American Staffordshire Terrier

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Einleitung
In Züchterkreisen ist es üblich, Hündinnen durch einen fremden Rüden decken zu lassen. Hierbei wird die Auswahl des Rüden bei den „Exterieurzuchten“(Schönheitszuchten) nach rein äußerlichen Gesichtspunkten getroffen. Bei Leistungs- und Gebrauchszuchten liegen die Auswahlkriterien in der Funktionalität und der Konstitution. Es ist durchaus üblich, sieht man die Auswahlkriterien bei den zukünftigen Elterntieren erfüllt, dass Deckakte kurzfristig und mit menschlicher Hilfe durchgeführt werden. Verpaarungen mit „Fixieren“ der Hündin und/oder „Maulkorbdeckakte“ sind dann nicht auszuschließen. Auf diese Art und Weise kann ein Beschädigungsbeißen unterbunden werden (Ref. 1).
Um den für den erfolgreichen Deckackt günstigsten Zeitpunkt der Hitze zu ermitteln bedient man sich zum einen der Hilfe eines Veterinärs, der durch einen sogenannten Vaginalabstrich versucht, den Zeitpunkt der höchsten Deckbereitschaft der Hündin zu bestimmen. Zum anderen wird von seiten des Züchters versucht, anhand eigener Beobachtungen den optimalen Tag der „Standhitze“ genauer einzugrenzen. In vielen Fällen sind mehrere Kontaktversuche zwischen Rüde und Hündin erforderlich, bis der Deckakt vollzogen ist.
Zwangsläufig bleibt bei diesen Vorgehensweisen das Verhaltensinventar der Hunde, Aktion und Reaktion zwischen Rüde und Hündin, auf der Strecke. Dies ist für die meisten Züchter von keinem oder nur einem nachgeordneten Interesse. Einen Ablauf, so wie ihn „Mutter Natur“ vorgesehen hat, von einer Anfangsphase des gegenseitigen „Kennenlernens“, des „Spielens“ und „Werbens“ bis hin zum Deckakt findet man daher bei Züchtern nur selten.
Werden nun einer bestimmten Hunderasse, zum Beispiel dem American Staffordshire Terrier, a priori Verhaltensweisen aus dem Funktionskreis des Fortpflanzungsverhaltens abgesprochen, bzw. nur sehr eingeschränkt zugesprochen, spricht man vielmehr in pauschaler Form von einem hypertrophen Aggressionsverhalten (Ref. 2), das eine natürliche Verpaarung nahezu unmöglich mache, wird eine Beobachtungsreihe biologisch und kynologisch interessant.
Die dokumentierten Beobachtungen erstrecken sich über einen Läufigkeitszyklus, vom Tag der ersten erkennbaren Verhaltensänderungen bis zu dem Tag, an dem der Rüde keine sexuelle Affinität gegenüber der Hündin mehr zeigt. Für die Festlegung des Beginns der Läufigkeitsphasen wurde der erste subjektiv festgestellte Vaginalausfluss der Hündin herangezogen (Ref. 3).

Ergebnisse
Neben den Änderungen im Verhaltensmuster der Hündin sind insbesondere Verhaltensänderungen des Rüden erste Hinweise auf eine bevorstehende Läufigkeit. Noch bevor ein erster Vaginalausfluss sichtbar ist, beginnt die Hündin in kurzen Abständen zu urinieren. Der Rüde, der erste Signale der bevorstehenden Läufigkeit über den olfaktorischen Sinn wahrnimmt, zeigt verstärktes Interesse an der Hündin in Form von Anlaufen ihrer Urinabsatzstellen, Nachlaufen (Schnüren) und dem Versuch, ihre Genitalregion zu belecken. Letzteres wird jedoch durch Absetzen ihres Körpers verhindert.
Zeitgleich nimmt das Markierverhalten des Rüden zu. Markante Stellen im Beobachtungsareal sowie die Urinabsatzstellen der Hündin werden mit Harn bespritzt. In den Folgetagen nehmen die Läufigkeitserscheinungen der Hündin zu. Die Vulva schwillt an, beginnt sich zu röten und setzt sich vom Umfeld ab. Ihr Markierverhalten in Form von häufigem Urinieren nimmt zu und ein erster weißlich gefärbter Vaginalausfluss ist festzustellen. Versuche des Rüden, die Genitalregion der Hündin zu belecken, werden von der Hündin verhindert. Ebenso ungerichtete Klammerversuche des Rüden. Sobald der Rüde versucht, mit seinen Vorderläufen ihre Gliedmaßen zu umklammern, fixiert die Hündin den Rüden, knurrt und schnappt in die Luft. Als Reaktion auf das Drohverhalten der Hündin weicht der Rüde zurück, knickt in den Vorderläufen ein (Vorderkörpertiefstellung), springt hoch, dreht Pirouetten läuft mit „Rundrücken“ um die Hündin. Beginnt dann „gestreckt“, den Hals lang machend, mit nach hinten gezogenen Ohren und hochgestellter Rute die Hündin erneut anzulaufen.

Mit Fortschreiten der Läufigkeit zeigt der Rüde ausgiebiges Lecken der Kopf- und Halsregion der Hündin. Diese Verhalten wird von ihr geduldet, wohingegen sie auf heftige Schnauzenstöße des Rüden gegen ihren Kopf- und Halsbereich mit Knurren reagiert. Als Reaktion auf die Drohmimik der Hündin weicht der Rüde zurück, knickt mit den Vorderläufen ein, stellt sich auf die Hinterläufe und springt auf die ebenfalls aufgerichtete Hündin zu („Hochkampf“).
Die Interaktion findet ihren Abschluss im „Beißspiel“. Hierbei umgreifen sich die Hunde im Bereich des Ober- und Unterkiefers. Diese Interaktion der Hunde ist bestimmt durch schnelle Kopfbewegungen, Fang in Fang greifen, Nasenrückenrunzeln, Zähneblecken, begleitet von knurrenden, winselnden, „fauchenden“ Lautäußerungen.
Ab dem 11. Tag der Läufigkeit treten weitere Änderungen im Verhaltensmuster der Hündin auf. So wird z.B. das Belecken ihrer Genitalregion geduldet. Seine Klammer- bzw. Kopulationsversuche jedoch werden nach wie vor durch Knurren und Schnappen der Hündin gestoppt. Am 14. Tag der Läufigkeit ist die „Blutung“ deutlich zurückgegangen und die Schwellung der Vulva beginnt sich zurück zu bilden. Die nun vermehrt auftretenden Klammer- bzw. Kopulationsversuche des Rüden werden jedoch von der Hündin weiterhin durch akustisches und optisches Drohverhalten abgewehrt.

Am 16. Tag der Läufigkeit werden Klammer- bzw. Kopulationsversuche des Rüden geduldet. Die Hündin, die bis zu diesem Tag der Läufigkeit „aggressive“ Verhaltenskomponenten beim „Bedrängen“ durch den Rüden gezeigt hat, übernimmt nun die „aktive“ Rolle. Sie läuft auf den Rüden zu, dreht dabei die Rute hoch und zur Seite, bleibt in Nähe des Rüden stehen, positioniert sich in der Vorderhand breitläufig und drückt dabei ihr Becken hoch („Bockstellung“). Die Kopulationsversuche des Rüden werden ab diesem Zeitpunkt durch den Beobachter verhindert.

Auch am 17. Tag zeigt sich ein vergleichbares Verhaltensmuster. Die Hündin läuft den Rüden an, positioniert sich, dreht die Rute hoch und dann zur Seite an die Flanke. Geht die Initiative von dem Rüden aus, nähert er sich der Hündin, dreht diese die Rute an die Flanke und verlagert ihren Schwerpunkt durch einen breiten Stand der Vorderläufe.
An den Folgetagen nimmt das „Kontaktlaufen“ beider Hunde ab. Die Hündin bietet sich dem Rüden nicht mehr an. Die Kopulationsversuche des Rüden verringern sich und werden von der Hündin durch Knurren und Zähne blecken beendet. Auch in diesem Endstadium der Läufigkeit reagiert der Rüde mit Einknicken der Vorderläufe, Pirouetten drehen, Überspringen und Umlaufen der Hündin.

Diskussion

Während des Läufigkeitszyklusses spielt bei den Interaktionen zwischen Hündin und Rüden neben denolfaktorischen (geruchlichen) und den akustischen (hörbaren) Signalen, das optische Ausdrucksverhalten über Körper, Körperteile und Bewegung eine wesentliche Rolle. Die Hunde agieren zum einen als Sender, das heißt sie geben durch Körperhaltung und Bewegungsabläufe entsprechende Signale. Zum anderen sind sie in der Lage als Empfänger die Körpersprache des anderen Hundes richtig zu erkennen und biologisch sinnvoll und der Situation angepasst zu reagieren. Dies gilt insbesondere auch für den agonistischen (kämpferischen) Bereich.

Aggressives Verhalten beim Hund kann den verschiedensten Motivationsformen unterliegen. So kann es zum Beispiel sexuell- (Fortpflanzung), territorial- (Revier), beute- (Nahrung) und angst- (Selbst-und Nachkommenschutz) motiviert sein. Ausdrucksformen von Aggression sind zum Beispiel: Fixieren, Nasenrückenrunzeln, Zähneblecken, Knurren, Schnappen, defensives oder offensives Beißen. Natürliches, der Situation angepasstes aggressives Verhalten in Form von Zähne blecken,

Nasenrücken runzeln, Knurren und in die Luft schnappen konnte in dem Beobachtungszeitraum ausschließlich bei der Hündin beobachtet werden. Diese Verhaltenselemente traten zu einem Zeitpunkt der Läufigkeit auf, in der sie biologisch sinnvoll waren. Die Hündin wehrte den „bedrängenden“ Rüden durch optisches und akustisches Drohen (Zähneblecken und Knurren) zu einem Zeitpunkt der Hitze (bis zum 16. Tag) ab, in der eine Kopulation mit großer Wahrscheinlichkeit zu keiner Befruchtung geführt hätte. Bestimmt man über die Paarungsbereitschaft der Hündin, gemessen an ihrem Verhalten (Rüden anlaufen und ihm die Vulva präsentieren), die Zeit des Eisprungs, so ist das festgestellte Zeitfenster nahezu deckungsgleich mit Angaben aus der Literatur. Auch hier wird der Eisprung um den 16. Tag datiert (Ref. 3) . Das Verhaltensinventar von Rüde und Hündin, das Wechselspiel von Aktion und Reaktion im agonistischen („kämpferischen“) Bereich ist entsprechend ausgeprägt, so dass Sozialkontakte während der Läufigkeit ohne übersteigertes Aggressionsverhalten ablaufen. Eine Eskalation in Form eines übersteigerten Angriffs- und Kampfverhaltens auch von seiten des Rüden war zu keinem Zeitpunkt zu beobachten. Sobald die Hündin knurrte, die Zähne bleckte, wurde durch geeignete Signale des Rüden in Form von spielerischem Einknicken der Vorderläufe und Rennspielen die Situation „entschärft“,die Hündin „besänftigt“. Diese Verhaltenselemente aus dem Bereich des Spielverhaltens sind hier als Beschwichtigungsgeste als Reaktion auf die Drohsignale der Hündin zu sehen. Im Endeffekt wäre eine natürliche Verpaarung ohne Beschädigungsangriffe bzw. ohne Beschädigungsbeißen möglich gewesen.

Durch das gezeigte Ausdrucksverhalten der Hunde wird weiterhin deutlich, dass Verhaltenskomponenten aus anderen Funktionskreisen in das Fortpflanzungsverhalten mit hineinfließen. Insbesondere Elemente aus dem Bereich des Spielverhaltens und des Sozialverhaltens sind zu beobachten. Wobei die Übergänge fließend sein können. Näher aufgeschlüsselt zeigt sich folgendes Bild:

– Spielverhalten mit Kontakt- oder Rennspielen, übertriebenem Mimikspiel und Beiß- oder Kampfspielen. Als Spielsignale wurden beobachtet:

– Einknicken der Vorderläufe bzw. Vorderkörpertiefstellung

– Schnauzenstoßen

– Anspringen und Umspringen

– Losrennen

– Sozialverhalten mit Belecken und Beknabbern von Schnauze, Kopf und Ohren des anderen Hundes. Kontrolliertes Umfassen von Körperteilen und Schnauze mit dem Fang (Ref. 4).

Sicherlich beziehen sich diese Beschreibungen auf eine Einzelfallstudie, wobei ähnliche Beobachtungen auch während weiterer Hitzezyklen gemacht wurden. Auch spielt für das „Harmonieren“ zwischen Rüde und Hündin das ständige Zusammenleben eine Rolle. Weitere Begründungen, weshalb in dem geschilderten Beobachtungszeitraum kein übersteigertes Aggressionsverhalten und kein Beschädigungsbeißen beobachtet werden konnte, lassen sich unter Umständen finden. Tatsache ist jedoch, dass diese Verhaltensbeobachtungen durchgeführt wurden und sicherlich jederzeit wiederholbar sind, auch mit anderen Hundeindividuen dieser Rasse. Tatsache ist auch, dass ähnliche Beobachtungen mit großer Wahrscheinlichkeit bereits gemacht, jedoch nicht schriftlich in dieser Form dokumentiert wurden.

Schlussfolgerung
Die vorgestellten Ergebnisse zeigen auch beim American Staffordshire Terrier ein normales Paarungsverhalten, das neben den bekannten olfaktorischen Parametern auch durch eine fein abgestimmte körpersprachliche Kommunikation bestimmt ist. Das dieser Rasse von Nichtwissenschaftlern pauschal zugesprochene sog. „hypertrophe Aggressionsverhalten“, welches in den jeweiligen Landes-Hundeverordungen als gegeben vorausgesetzt wird und als Folge zu viel Leid und Schmerz bei Hunden und deren Familien geführt hat war bei dem dokumentierten American Staffordshire Terrier-Paar nicht einmal ansatzweise zu beobachten.

 

>>> VORGESTELLT

Der Autor
Matthias Wissel studierte in Frankfurt und Heidelberg Diplom Biologie mit Hauptfach Zoologie. Schwerpunkte seines Studiums waren ethologische (verhaltensbiologische) Seminare, Praktika und Arbeiten. In einer kleinen Gruppe von Hundefreunden engagiert er sich wöchentlich bei der Ausbildung und Erziehung von Tierheimhunden. Nebenberuflich ist er als freier Hundesachverständiger tätig und betreibt seit einem Jahr, zusammen mit der Diplom Biologin Elke Harnischfeger, eine Hundeschule. Beide sehen ihre Schwerpunkte in der Ausbildung und Erziehung der Hunde nach den Prinzipien der modernen Verhaltensforschung.

>>> REFERENZEN

Hinweise / Quellen
(1) Gespräche mit Züchtern verschiedener Rassen und eigene Beobachtungen während verschiedener Deckaktversuche unterschiedlicher Rassen.
(2) Hypertrophes Aggressionsverhalten: Als Hypertrophie des Aggressionsverhaltens wird ein übersteigertes Angriffs- und Kampfverhalten bezeichnet, das leicht auslösbar jedoch biologisch in keiner Weise sinnvoll und kontrollierbar ist. Im Gegensatz zu kontrolliertem Aggressionsverhalten, das schnell durch geeignete Signale beendet werden kann (Fox, 1971, Schenkel 1967), wird bei hypertrophem Aggressionsverhalten jeder Sozialkontakt mit Aggression und Beschädigungsbeißen beantwortet. Biologische Verhaltensweisen wie Sexualverhalten werden durch Aggression ausgeschaltet.
(3) M. B. Willis, Züchtung des Hundes: Was die Östrusdauer betrifft, so wird der normale Zeitraum etwa mit 19 –20 Tagen veranschlagt, wobei man von dem Zeitpunkt ausgeht, an dem die Hündin den ersten Ausfluss zeigt und den Eisprung um den 16. Tag ansetzt (Whitney, 1971). Gewöhnlich wird sich die Hündin dem Rüden vom 11. bis 18. Tag anbieten.
(4) Einteilung erfolgt nach Dr. D. Feddersen-Petersen, Hunde und ihre Menschen, 1992.

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Matthias Wissel studierte in Frankfurt und Heidelberg Diplom Biologe mit Hauptfach Zoologie. Hier lagen die Schwerpunkte im Bereich Verhaltensbiologie. In der Hundeschule Pro Canis, Standort Gelnhausen Altenhaßlau, betreut er seit 2002 Hunde und deren Menschen. Das Arbeiten mit verhaltensauffälligen Hunden sowie die Schulung des Menschen im Umgang mit dem Sozialpartner Hund sind seine Schwerpunkte. Mit Gleichgesinnten ist er ehrenamtlich im Hundeschutzbund Main Kinzig e.V. aktiv. Der Verein wurde 2010 von der Hessischen Landesregierung für besonders engagierten Hundeschutz ausgezeichnet.

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