Verloren am Johanniskreuz

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WUFF-Leserin Annelore Bratek aus Hamburg erzählt eine ­berührende Geschichte über ihre Hündin Mädi, wie sie jeder Mensch, der Hunde mag, gefühlsmäßig nachvollziehen kann.

Wenn der Rucksack im Flur stand und die ­Wanderschuhe daneben, war Mädi nicht fern. Mädi war unser Mischlingshund. Der Pointer in ihr hatte die Oberhand. Sie war eine schwarz-weiße Hündin mit vielen dunklen Punkten, hatte ein sanftes Gemüt und einen ausgeprägten Jagdsinn. Sie lernte sehr schnell. Ich hatte sie mit etwa 9 Monaten aus dem Tierheim geholt. Wir brauchten ein Jahr, bis das ausgemergelte, immer hungrige Tier wusste, dass es bei uns regelmäßig Futter gab. Während dieser Zeit hatte Mädi uns zur Ordnung erzogen. Kein Stück Kuchen lag unbewacht auf dem Teller, Einkäufe wurden sofort weggeräumt, und zusammengeknülltes Papier von einer Tafel Schokolade landete nicht im Papierkorb, sondern im Mülleimer mit Deckel unter der Spüle hinter der Tür. Ja, unser Hund klaute wie ein Rabe, wenn die Möglichkeit dazu bestand.

Doch wenn sie im Flur neben der Wanderausrüstung lag, vergaß sie das Gulasch auf dem Küchentisch. Mit aufgestellten Schlappohren beobachtete sie jeden Schritt, den Werner tat. Es waren immer die gleichen Rituale vor einer Wanderung mit seinem Freund Johannes, dem Mann von Waltraud. Der Inhalt vom Rucksack wurde überprüft. Messer, Pflaster, die gefüllte Trinkflasche, zwei Äpfel, ein bisschen Schokolade, Ersatzwäsche und ein Pulli. Er schloss den Rucksack und griff zur Jacke. Nun erhob Mädi sich, trottete langsam zur Wohnungstür und versperrte den Weg, indem sie sich davor setzte und Werner aufmerksam, mit schief gelegtem Kopf fragend anschaute. Er grinste, nickte, und ergriff Mädis Leine, die am Haken neben der Garderobe hing. Nun war es vorbei mit ihrer gespielten Ruhe. Sie jaulte auf, sprang an Werner hoch, rannte zur Wohnungstür, zu Werner zurück und wieder zur Tür. Es ­konnte ihr nicht schnell genug gehen. Sie wollte nur noch raus aus dem Haus, ins Auto und ab in den Wald.

Wo bleiben Werner und Mädi?
Es war bereits dunkel und ich lief unruhig von Fenster zu Fenster. ­Werner und Mädi waren überfällig. Es wird doch nichts passiert sein? Ich rief bei unseren Freunden an, die um die Ecke wohnten. Johannes war natürlich auch noch nicht zurück. Sie fuhren ja im gleichen Auto in den Wald. Und Waltraud hatte auch nichts von ihrem Mann gehört. ­Während wir sprachen quietschte unser ­Garagentor. Und auch Waltraud hörte den Schlüssel im Schloss. Gottlob, sie waren zurück.

Wie immer nach der Wanderung wartete das Futter auf Mädi. Ausgehungert hatte sie mich dann immer überrannt und war über das Fressen hergefallen. Die Begrüßung kam danach. Doch heute hörte ich kein Tapsen im Treppenhaus als ich die Wohnungstür öffnete, um dem Hund freie Bahn ans Fressen zu verschaffen. Lediglich Werners schwere Schritte waren zu hören. Ich ging ihm entgegen, starrte ihn an und mein Blick suchte hinter ihm den Hund. Doch da war keiner: „Wo ist Mädi?“ Werner zuckte nur mit den Schultern und sagte kein Wort. Im Flur hängte er die Leine an den Haken und seine Jacke auf den Bügel. Ich zerrte ihn ins Wohnzimmer. „Was ist passiert?“

Erst schleppend, dann immer flüssiger  kam Werner der Bericht über die Lippen: „Wir waren beim Johanniskreuz, du weißt, so ca. 60 Kilometer von hier. Ein herrliches Waldgebiet. Mädi lief wie immer flott ein paar Meter vorweg. Ja, ja, ich weiß, sie soll nicht ohne Leine laufen. Aber das tat sie nun mal. Sie stöberte neben dem Weg im Unterholz. Plötzlich bellte sie heiser, ich schrie ihren Namen, aber sie hörte mich nicht mehr. Wir sahen sie nur noch im Wald verschwinden. Johannes machte mir große Vorwürfe, dass ich den Hund ohne Leine laufen ließ, und er hat ja recht. Wir warteten lange auf Mädi, aber sie kam nicht. Dann liefen wir stundenlang durch den Wald und riefen ihren Namen. Nichts. Am späten Nachmittag gaben wir auf und gingen zum Wagen. Es hatte angefangen zu regnen. Unweit vom Parkplatz war das Forsthaus. Dort klopften wir und gaben dem Förster Bescheid. Ich bekam eine berechtigte Lektion über den Umgang mit einem Hund im Wald zu hören: „Er gehört an die Leine, und wenn er beim Wildern erwischt wird, wird der Hund erschossen.“

Suche nach Mädi
Ich schluckte. Meine Fantasie ging mit mir durch. Im Geiste sah ich Mädi ­verletzt im Wald liegen, umherirren und ich sah sie erschossen im Gras. Johannes rief an: „Was habt ihr vor?“ Werner wollte etwas essen und trinken. Danach holten wir den Wagen aus der Garage und fuhren zu einer weiteren Suchaktion in die Nacht hinaus.

Mit aufgeblendeten Scheinwerfern standen wir auf Waldwegen und riefen nach Mädi. Ich pfiff unseren Pfiff schrill auf zwei Fingern und wir lauschten. Bei jedem Rascheln keimte Hoffnung auf, unseren Hund zu ­finden. Auf den Straßen ­fuhren vereinzelt Autos, die ihre Fahrt verlangsamten, wenn sie unseren voll beleuchteten Wagen im Wald ­stehen sahen. Sicher dachten sie an ein Verbrechen. Wir fuhren alle, auch verbotene Wege, ab, die Werner und Johannes gelaufen waren. Vom Regen durchnässt, frierend und heiser, den Tränen nahe, gaben wir auf. Es war schon nach Mitternacht als Werner den Wagen auf den Parkplatz mit den Worten rollen ließ: „Und hier haben Johannes und ich geparkt.“

Im Scheinwerferlicht sah ich einen großen  Stapel gefällter Bäume und an einen dicken Stamm gedrückt Mädi, die den Kopf hob und uns mit verschlafenen Augen ansah. Ich schrie auf, sprang aus dem rollenden Auto, Werner zog die Handbremse und kam hinterher und wir stürzten uns auf unseren nun vor Freude laut jaulenden Hund. Mir liefen die Tränen unkontrolliert über die Wangen und Werner strahlte.

Wieder zuhause fiel Mädi über ihr Fressen her und legte sich danach zufrieden in ihren Korb, während wir eine Flasche Sekt öffneten. Sehr früh am Morgen riefen unsere besorgten Freunde an und freuten sich mit uns. Auch den Förster riefen wir an. Der wollte nun genau wissen, wo der Hund in den Wald verschwand und wo das Auto parkte. „Sie haben einen sehr guten Spürhund. Er ist auf seiner eigenen Spur zurück gelaufen, ist auf Ihre Spur gestoßen und hat sie etliche Kilometer zurückverfolgt. Die Spur hörte am Parkplatz des Autos auf. Dort hat der Hund gewartet. Das ist eine enorme Leistung. Außerdem hat es geregnet. Ein toller Hund. Würden sie ihn mir verkaufen?“

Wir haben es natürlich nicht getan, aber wir ließen eine Plakette anfertigen mit Mädis Namen und unserer Adresse. Diese Plakette hat sie nun bei jedem Gassigehen am Halsband. Sie wurde allerdings nie gebraucht.

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