Verschwundene Hunderassen

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1610

Der White English Terrier

Man nimmt an, dass der White English Terrier ein gewöhnlicher Hundetyp in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Grafschaft Lancashire in England war. Um 1890 herum wurde er als eine eigene Rasse anerkannt. Dieser Terriertyp hatte einen langen, schmalen Kopf mit einem flachen Schädel und einem langen kräftigen Fang. Die ovalen Augen waren klein und dunkel mit einem interessierten Ausdruck, seine Ohren V-förmig, eng an den Wangen hängend. Der Hals war lang und leicht gebogen und die Brust tief. Das Fell war fein und glänzend, die Farbe immer rein weiß. Manche hatten braune Flecken auf dem Rücken, aber das konnte auf Zuchtschauen zur Disqualifikation führen.

Terra-Terrar-Terrier
Terrier werden schon in Dr. Caius’ Buch „De Canibus Britannicis" (Über britische Hunde) erwähnt, das 1570 erschien. Caius schrieb „Es gibt eine andere Art, die den Fuchs jagt und den Dachs …, die wir Terrars nennen, weil sie in die Erde kriechen…". Eine einfache Erklärung für ihren Namen, sie werden Terrier genannt, weil sie in die Erde kriechen. Der Name Terrar leitet sich von Terra ab, dem lateinischen Wort für Erde. Terrier haben viele Eigenschaften gemeinsam – sie sind stabil gebaut, gut bemuskelt, klein bis mittelgroß, und in vielen Fällen sind ihre Ohren dreieckig. Im Allgemeinen ist ihr Fell rau mit dichter Unterwolle, und die Augen werden durch das Fell geschützt.

Um 1800 gab Sydenham Edwards sein berühmtes Buch Cynographia Britannica heraus. Darin stellte er fest, dass es zwei Arten von Terriern gab, und er teilte sie nicht nur auf in kurz- und langbeinige, sondern auch in solche mit gerader und gekrümmter Vorhand. Terrier mit gerader Vorhand hatten üblicherweise kurzes Fell und solche mit gekrümmter Vorhand langes. Weiß war die bevorzugte Farbe, besonders bei Jägern, „Und", fügte Edwards hinzu, „ihre Ohren und Ruten werden üblicherweise kupiert."

Ein unübersehbares Erbe
Wenn man über die Geschichte des Bull Terriers liest, kann man den Old White English Terrier nicht übersehen. Anders als viele andere ausgestorbene Rassen hat der White English Terrier ein unübersehbares Erbe hinterlassen – den heutigen Bull Terrier. Der Schöpfer dieser Rasse, James Hinks, kreuzte zunächst einen Bulldog mit einem Black-and-Tan Terrier (auch ausgestorben). In der nächsten Generation brauchte er den White English Terrier wegen seiner Farbe. Als der Bull Terrier als Rasse anerkannt wurde, war die bevorzugte Farbe Weiß. Der White English Terrier ist auch einer der Ahnen von Foxterrier, American Rat Terrier, Boston Terrier und American Staffordshire Terrier. Die entscheidende Frage, warum der White English Terrier nicht mehr existiert, ist schwierig zu beantworten. Meiner Meinung nach konnte er nicht überleben, weil er von vielen Züchtern benutzt wurde, um neue Terrier-Rassen zu schaffen. Und so hat er sich in gewisser Weise selber überflüssig gemacht.

Wild und schnell arbeitende Terrier
Im England des 19. Jahrhunderts bedeutete „Sport" mehr oder weniger dasselbe wie Jagen. Jeder Jäger, der etwas auf sich hielt, besaß in seiner Meute von Jagdhunden – neben dem Otter Hound oder dem Fox Hound – mindestens zwei oder drei Terrier. Diese wild und schnell arbeitenden Terrier jagten die Beute in ihre Höhlen, wobei sie die ganze Zeit Laut gaben und damit dem Jäger die Stelle anzeigten, wo er die Beute finden konnte. Sie wurden als „Allround- Jagdhunde" angesehen, die nicht nur Füchse, Dachse, Wiesel, Iltisse, Hasen und Kaninchen jagten, sondern auch exzellente Vernichter von Schädlingen wie Ratten und Mäusen waren. All das ist der Grund für ihre große Popularität zu jener Zeit.

Terrier als Begleithunde
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren Terrier auch populäre Begleithunde. William Taplin (ca. 1750 – ca. 1830) schrieb, dass er seit 1780 Terrier als Begleithunde hätte. Und auch andere Hunde-Schriftsteller äußerten sich positiv über den White Terrier. Z. B. schrieb „Stonehenge" (J.H. Walsh) um 1860 herum, „So ist der reine English Terrier, ein völlig anderes Tier als die Abscheulichkeiten mit dem kurzen, dicken Maul, den Spaniel-Augen, dem langen Rücken und den Katzenpfoten, die heute so weit verbreitet sind." Eine sehr deutliche Aussage, und David Hancock fügte 1968 hinzu: „Obwohl schwer nach Show-Kriterien zu züchten, war der English White eine charakteristische Rasse, die auch leicht wieder zu erschaffen ist." Ich glaube, dass die Wiedererschaffung dieser Rasse nie stattfand, weil sich am Ende des 19. Jahrhunderts der Bull Terrier und der Fox Terrier recht schnell zu populären Rassen für den Ausstellungsring entwickelten.

Sie verschwanden einfach
Eine Beschreibung aus dem Jahr 1920 spricht von „einer relativ neuen Rasse, von der niemand weiß, woher sie kommt und zu welchem Zweck sie gezüchtet wird." Der Schreiber dieser Zeilen war nicht gut informiert, denn Frederick White aus Clapham scheint einer der Besitzer dieser „neuen" alten Rasse gewesen zu sein. Der bekannte Züchter S.E. Shirley hatte auch mit dieser Rasse zu tun. James Roocroft war ein weiterer wohlbekannter Züchter. Einige Hunde aus seiner eigenen Zucht waren offensichtlich taub; ein Phänomen genannt Leuzismus, das mit dem weißen Fell zusammenhängt. Der English Kennel Club veröffentlichte 1874 das erste Zuchtbuch. Es beweist, dass der English White Terrier schon mindestens seit 30 Jahren existiert hatte. Diese Feststellung bedeutet, dass alle Quellen davon ausgehen, dass der White Terrier seit etwa 1840 bekannt war.

Der niederländische Hunde-Schriftsteller Graaf Henri van Bylandt erwähnte den White English Terrier in seinem berühmten Buch Hondenrassen (Hunderassen), das 1904 in 4 Sprachen erschien. Seiner Meinung nach war der Zuchtstandard des White English Terriers ähnlich dem des Black-and-Tan Terriers mit Ausnahme der Farbe. (Der Black-and-Tan Terrier ist ein Ahne des heutigen Manchester Terriers.) Um 1890 herum schrieb der Hunde-Schriftsteller und Terrier-Experte Rawdon B. Lee (1845-1908): „Diese Rasse ist nicht älter als vierzig Jahre." Unglücklicherweise kann nicht mehr bestimmt werden, wann der English White Terrier ausstarb. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass sie nach 1906 auf Ausstellungen nicht mehr gesehen wurden. Sie waren einfach verschwunden.

Der Talbot
Talbot ist nicht nur der Name einer ausgestorbenen Hunderasse, sondern auch einiger Pubs und Gasthäuser in England, eines Oldtimer-Automobils und ein Familienname, der aus dem Mittelalter stammt. Und sie alle haben etwas miteinander zu tun.

Die Zucht verschiedener Arten von Hunden für verschiedene Arten von Jobs – Jagen, Wachen, Hüten, Spurensuche – begann schon vor dem Mittelalter. Die Spezialität des Talbots war die Spurensuche, aber nicht für eine Jagdpartie, sondern auf dem Schlachtfeld. Soldaten, die davonlaufen wollten, mussten an die exzellente Nase des Talbots denken, der ihren Spuren folgte. Im Mittelalter waren Kriege und Schlachten in Britannien weit verbreitet, und daher kam der Talbot ins Spiel. Robert the Bruce (1274-1329) war der Führer der schottischen Opposition gegen die Engländer. Während einer seiner vielen Schlachten wurde er vom Feind gejagt, und sein Talbot fiel den Engländern in die Hände. Der englische Befehlshaber ließ dann den Talbot frei und setzte fünf seiner besten Soldaten auf dessen Spur – in der Hoffnung, dass der Hund sie zu seinem Herrn führen würde. Und so geschah es auch. Der Talbot war mit Robert wieder vereint, und die Schlacht endete zugunsten der Schotten.

Verschiedene Namen für verschiedene Typen
Über die Jahre hinweg wurde der Talbot unter verschiedenen Namen bekannt – Sleuth Hound, Lime Hound, Limer und Liam – aber auch „Bloodhound" wurde benutzt. Einige Autoren heben kleine Unterschiede in der Erscheinung hervor und stellen fest, dass die unterschiedlichen Namen zu verschiedenen Typen gehören. Der Talbot wurde auch benutzt, um Viehdiebe aufzuspüren oder entflohene Gefangene und wurde daher im Polizeidienst eingesetzt. Die ausgezeichnete Nase dieser Rasse und ihre Fähigkeit Spuren zu verfolgen machten ihn auch zu einem geschätzten Jagdhund, der das Wild aufspürte und auch das verwundete oder tote Wild nach dem Schuss finden konnte. In verschiedenen europäischen Ländern waren Talbots ausschließlich im Besitz des Adels und jener, die reich genug waren, um diesen wertvollen Hund kaufen, besitzen und ernähren zu können. Wir wissen, dass der Talbot zu seiner Zeit sehr geschätzt wurde. 1615 schrieb WilliamGervase Markham in Country Contentments: „Die größeren und schwereren Talbot Hunde, von welcher Farbe auch immer, sind die besten Spürhunde."

William the Conqueror
Die enge Verwandtschaft zwischen dem St. Hubert Hound, dem Talbot und dem Bloodhound fällt sofort ins Auge. Benediktiner Mönche entwickelten den St. Hubert Hound im Belgien des 6. Jahrhunderts. Das war ein schwer gebauter, mittelgroßer Black-and-Tan Hund mit einem Körper etwas länger als die Widerristhöhe. Der schwere Kopf und die hängenden Lefzen waren charakteristisch, und die Hunde waren bekannt für ihr tiefes und sonores Bellen, ihre exzellente Nase und ihre irgendwie schwerfälligen Bewegungen. Der St. Hubert Hound war der Ahne des heutigen Bloodhounds und des nun ausgestorbenen Talbots.

Der Talbot wird für eine gefleckte weiße oder leberfarbene Variante des St. Hubert Hounds gehalten, der durch Kreuzungen mit anderen Hunden entstand, möglicherweise französischen Hunden. Nahezu jeder Hunde-Autor vermutet, dass der Talbot im 8. Jahrhundert entwickelt wurde und aus Frankreich stammt, dann von William the Conqueror 1066 nach England gebracht wurde, von dem Mann, der King Harold in der Schlacht von Hastings eine Lektion erteilen wollte. William benutzte den Talbot – meist von weißer Farbe – zur Jagd auf Hirsche. Später benutzten ihn die Engländer zur Fuchsjagd, wobei sie zugaben, dass seine Nase exzellent war, aber dass es ihm an Geschwindigkit fehle. Der Talbot hatte einen recht großen Kopf mit langen Hängeohren. Und diese Merkmale können wir heute noch bei Basset, Beagle, Harrier, (American) Coonhound und dem Bloodhound finden. Man nimmt an, dass der Talbot „irgendwann im 16. Jahrhundert" ausstarb.

„Talbott, oure good dogge"
Die Vorfahren des Earl of Shrewsbury, deren Familienname Talbot lautet, können bis ins Mittelalter zurück verfolgt werden. Ursprünglich kam die Talbot-Familie aus der Normandie (Frankreich), mit einer Verbindung zu William the Conqueror. Um 1449 wurde ein gewisser John Talbot vom englischen King Henry IV „oure good dogge" („unser guter Hund") genannt. Vielleicht glaubte der König wirklich, dass der Earl of Shrewsbury eine gute Seele sei, aber es könnte sich genauso gut auch um einen königlichen Scherz wegen seines Familiennamens gehandelt haben. Die Beziehung zwischen dem Familiennamen und dem Hund existierte tatsächlich – seit Generationen führten die Earls of Shrewsbury einen Hund in ihrem Wappen. Ohne jeden Zweifel ähnelt dieser Hund dem Talbot. Aber die Frage ist: Was kam zuerst? Wurde der Talbot nach der Familie benannt, oder leiten sich der Familienname und das Wappen vom Hund ab?

Weiße, gefleckte oder leberfarbene Talbots
Die drei Farb-Varianten – weiß, gefleckt oder leberfarben – finden sich in der Literatur. Jüngere Abbildungen zeigen auch Talbots mit einer Fellzeichnung wie die Dalmatiner – weiß mit Flecken. Die Illustrationen zeigen zwei Gasthaus-Schilder mit einem bzw. mehreren Talbots. Die Website http://www.midlandspubs.co.uk/ pubsigns bietet noch mehr Kneipenschilder mit gefleckten Talbots. „The Talbot" ist ein beliebter Name für Pubs oder Gasthäuser in England. Ein Grund dafür mag sein, dass Talbots – ebenso wie auch Dalmatiner – hinter oder neben den Kutschen liefen, die von Gasthaus zu Gasthaus reisten. Was aber ist mit dem alten englischen Automobil, das ebenfalls Talbot hieß? Das erste Talbot-Auto verließ 1904 die Fabrik. Auf der Motorhaube war ein kleines Modell eines Hundes mit langen Ohren. Und das leitete sich ab vom Familiennamen und dem Wappen des Fabrikbesitzers – des Earl of Shrewsbury!

WUFF LITERATUR


Literaturhinweise

• Alderton, David, Hounds of the World. Shrewsbury, 2000
• Bylandt, H.A. Graaf van, Hondenrassen II. Deventer, 1904
• Cummings, Bryan, Terriers of Scotland and Ireland. Phoenix, 2003
• Cunliffe, Juliette, The Encyclopedia of Dog Breeds. Bath, 1999
• Hancock, David, Old Working Dogs. Princes Risborough, 1998
• Hoeven-de Meyïer, B. van der, Terriers. Zutphen, n.d.
• Hubbard, Clifford L.B., Dogs in Britain. London, 1948
• Hutchinson’s Popular & Illustrated Dog Encyclopaedia. London, 1927
• Ritchie, Carson I.A., The British Dog, its History from Earliest Times. London, 1981
• Secord, William, Dog Painting 1840-1940. Woodbridge, 1992

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