Verstehen Sie Hündisch?

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Ausdrucksverhalten besser verstehen

Hundeverhalten richtig zu verstehen hilft nicht nur unseren Hunden, sondern auch den Menschen. Im Rahmen einer Studie, die die Autorin durchgeführt hat, zeigte sich, dass man im Alter geübter wird, Frauen das ­Hundeverhalten besser einschätzen ­können als Männer und es sich auszahlt, eine ­Hundeschule zu besuchen.

Seit mehreren tausend Jahren leben Menschen bereits mit Hunden zusammen. Unterschiedlichste Rassen wurden heraus gezüchtet und auf Eignung für verschiedene Verwendungszwecke selektiert. Einige Rassen dienten als Gesellschaftshunde, welche den Damen Unterhaltung bieten sollten, andere bewachten Haus und Hof, hielten diese frei von Nagern oder unterstützten Viehhirten bei der Arbeit. Die Einsatz­gebiete waren und sind sehr vielfältig und genauso variabel ist auch das Aussehen unterschiedlicher Rassen. Es gibt große, kleine, langhaarige, kurzhaarige, glatthaarige und lockige Hunde, mit kurzen oder langen Schnauzen. Keine andere Tierart hat sich in so viele unterschiedliche morphologische Richtungen entwickelt wie der Hund. Bei all dieser Vielfalt sprechen Hunde dennoch mehr oder weniger die gleiche Sprache. Doch verstehen wir Menschen sie auch?

Viele Hundehalter sind der Meinung, dass ihr Hund sie immer versteht, weiß wie es ihnen geht und sie ­tröstet, wenn sie traurig sind. Es ist auch ­tatsächlich so, dass Hunde im Laufe der Zeit ­gelernt haben, uns Menschen individuell zu „lesen“. Oft scheint es, als wissen ­unsere Hunde bereits, was wir vor­haben, noch bevor uns selbst das richtig klar ist. Kleine Rituale, Veränderungen in der Körperhaltung oder der Mimik werden von unseren Vierbeinern extrem gut wahrgenommen. So manch einer ­wundert sich, warum der Hund bereits losläuft, um einen Dummy (= Beute­attrappe) zu holen, noch bevor das eigentliche Wort­kommando dafür erfolgt ist – dann stellt sich oft heraus, dass man selbst dem Hund unbewusst Signale dafür gegeben hat. Eine leichte Gewichtsverlagerung nach vorne kann bereits ausreichen und der Hund weiß, was folgen wird – denn es war ja immer so. Das bedeutet, unsere vierbeinigen Freunde nehmen sich viel Zeit um zu lernen, wie wir uns verhalten. Um­gekehrt stellte sich nun die Frage, wie gut können wir unsere Hunde ver­stehen? Sind Hundehalter viel geübter darin Hundeverhalten zu deuten als Nicht-Hundehalter? Oder gibt es gar ­einen Unterschied zwischen ­Männern und Frauen? Wird man im Alter ­weiser? Diesen Fragen möchte ich nun ­gemeinsam mit Ihnen auf den Grund gehen.

Ausdrucksverhalten
Um Hunde verstehen zu können, ist es vorerst einmal besonders wichtig, sich über ihre Signalgebungen im Klaren zu sein. Nur durch Kenntnisse des ­Ausdrucksverhaltens von Hunden ist es möglich, gut mit ihnen kommunizieren und interagieren zu können. Denn nur wenn man einander versteht, kann man Rücksicht nehmen und sich mit gegenseitigem Respekt begegnen. Hunde haben, ebenso wie wir Menschen, ­ritualisierte Verhaltensweisen zur Kommunikation miteinander ent­wickelt. ­Diese laufen auf vielfältige Art und ­Weise ab. Wie jeder Hundehalter weiß, lieben es Hunde an Grasbüscheln, ­Bäumen und anderem zu schnüffeln. Diese herausragenden Strukturen eignen sich für Hunde ideal, um ihre Duft­marken zu hinterlassen. Andere Hunde, die Minuten oder auch ­Stunden später vorbei kommen, können auf diese Art und Weise sehr viele Informationen erhalten. Die olfaktorische (= geruch­liche) Kommunikation dient den Hunden somit als wichtige Kommunikationsmöglichkeit über zeitliche Distanz. Treffen sich nun zwei Hunde, so wird vor allem optisch (= sichtbar) kommuniziert. Die ­Körpersprache vermittelt dem jeweiligen Gegenüber viele Hinweise. So weiß dieses genau, wie der andere Hund gerade gestimmt ist und ob näherer Kontakt erwünscht ist oder nicht. Hier gibt es durchaus gewisse Rasseunterschiede im optischen Ausdrucksverhalten. Das führt dazu, dass es für unsere Hunde sehr wichtig ist, früh mit unterschiedlichsten Rassen Kontakt zu haben, um ihre individuelle Sprache zu lernen. Eine Aufgabe, die man als Hundehalter wahrnehmen sollte und somit seinem Hund nach Möglichkeit verschiedene Kontakte bieten sollte.

Wird der Kontakt enger – zumindest einer der beiden Hunde nähert sich dem anderen an – dann kann es zu ­taktiler (= körperlicher) Kommunikation kommen. Die Hunde berühren einander beim Schnüffeln oder zum Beispiel beim Pföteln, wenn ein Hund den anderen mit der Pfote anstupst. Besonders beim Spielen kommt es oft zu Berührungen zwischen den Hunden. Aber auch beim entspannten Kontaktliegen, von mit­einander bekannten Hunden oder Hund und Mensch, wird Körperkontakt häufig gemocht.

Geschmackliche Kommunikation wird vor allem bei Rüden im Kontakt mit Hündinnen angewendet. Beim gegen­seitigen Putzen und der Körperpflege werden Informationen ausgetauscht, und akustische (= hörbare) Kommunikation ist ebenfalls von großer Be­deutung. In manchen Fällen dient sie unterstützend zur optischen Kommunikation – so ­zeigen ein angespannter ­Körper, aufgestellte Rückenhaare (= ­Piloerektion), ein gerunzelter Nasenrücken und gebleckte Zähne in Ver­bindung mit einem tiefen Knurren umso deutlicher, dass dieser Hund gerne mehr Distanz zu dem anderen hätte. ­Akustische Kommunikation kann sowohl über größere Distanz als auch bei fehlendem Sichtkontakt eingesetzt werden.

Hunde haben, im Gegensatz zu Wölfen, eine verstärkt ausgeprägte Tendenz zu bellen. Die Übersteigerung dieses Ausdruckskanals wird auch als Hypertrophie bezeichnet. Man kann sie als Anpassung an das Leben zusammen mit Menschen betrachten, welche sich vor allem verbal verständigen. Menschen reagieren einfach schneller auf einen Hund, der bellt oder winselt als auf einen, der sich still vor die Tür setzt, um rausgelassen zu werden. Wie man hier sieht, ist Kommunikation bei Hunden äußerst vielseitig und wird von unterschiedlichsten Kommunikationskanälen gespeist. Um seinen Hund nun besonders gut zu verstehen, ist es von großer Bedeutung, die visuellen (= sichtbaren) Verhaltensweisen zu erkennen und richtig zu interpretieren. Der Hund kann immerhin nicht „nicht“ optisch kommunizieren. Ebenso wie bei uns Menschen hat jede Körperhaltung und jeder Gesichtsausdruck eine bestimmte Bedeutung, es gibt für uns also immer etwas zu beobachten.

Relevanz
Bevor wir uns ausführlich mit dem Verhalten unserer Hunde beschäftigen, fragt sich vielleicht so mancher, wozu man dies überhaupt tun sollte. Regelmäßig kommt es zu Beißunfällen mit Hunden. Hunde beißen einander oder attackieren Menschen. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein, doch viele Unfälle würden sich vermeiden lassen unter der Voraussetzung, Hunde verstehen zu können, und daraus zieht jeder Vorteile. Nahezu jeder kann Vor­teile daraus ziehen, wenn Hundehalter ihre Hunde richtig verstehen können. Stellen Sie sich den Alltag mit Ihrem Hund einmal vor: man begegnet beim Spaziergang regelmäßig anderen Hunden und Hundehaltern, Freunde kommen zu Besuch, Kinder fragen, ob sie den Vierbeiner streicheln ­dürfen, man fährt zum Tierarzt oder zum Hundetraining. In all diesen Situationen ist es hilfreich zu wissen, wie es dem eigenen Hund gerade geht, was er fühlt, wie er denkt.

Die 4 F’s
Je nachdem, ob mein Hund gerade Kontakt mit anderen Hunden möchte oder nicht, kann man als Halter ausweichen oder den Kontakt zulassen (auch Signale des anderen Hundes sind hierbei zu beachten). Vielleicht ist dem Hund das eine Kind nicht ganz ­geheuer, während er sich gerne von einem anderen streicheln lässt. Sollte es dem Hund zu viel werden, kann man einfach weitergehen, und beim Tierarzt hilft es ebenfalls, wenn man den eigenen Hund möglichst gut einschätzen kann. Es gibt viele Hunde, die auf dem Behandlungstisch vor Angst erstarren und scheinbar tapfer aushalten. Aber das ist nur ein Typ Hund! Grob gesagt, kann man vier verschiedene Reaktionen auf Stress unterscheiden, die sogenannten „4 F’s“, welche Fight (Kampf), Flight (Flucht), Freeze ­(Erstarren) und Fiddle (Blödsinn machen, alternativ „Flirt“) genannt werden. Kennt man seinen Hund und betrachtet ihn genau, erkennt man recht gut, ob er eine Situation gerade über sich ergehen lässt oder wirklich entspannt dabei ist. Ein Hund, der zuerst erstarrt, bei größerem Stress vielleicht die Flucht wählen würde, diese aber nicht gegeben ist, kann schlussendlich zum Kampf übergehen und seine Zähne zeigen. Oft liegen viele verschiedene Verhaltens­weisen dazwischen, welche man möglichst gut erkennen sollte.

Auch im Hundetraining kann man schnell zwischen besseren und schlechteren Trainingsmethoden unterscheiden, wenn man auf die Reaktionen der Hunde achtet. Es gilt dabei, ­übermäßigen Stress der Hunde zu erkennen und eventuell andere Trainingswege zu beschreiten, bei denen entspanntes Lernen möglich ist. Denn in einer stressigen Situation kann ein Hund, ebenso wie wir Menschen, kaum lernen.

Optisches Ausdrucksverhalten – Normalausdruck
Wenn man nun die Körpersprache seines Hundes studieren möchte, empfiehlt es sich, diesen einmal im Alltag genau zu beobachten. Es geht darum, den „Normalausdruck“ bei entspannter Körperhaltung herauszufinden. Dabei hat der Hund den Kopf angehoben und die Beine sind im Stand leicht gewinkelt. Es gibt jedoch Rasseunterschiede zu beachten. So haben Chow-Chows zum Beispiel besonders steil gestellte Beine. Die Rutenhaltung hängt auch stark von der Rasse ab. So kann die Rute leicht gebogen herabhängen, wenn der Hund entspannt ist, oder sich in einer ­„Dauerimponierhaltung“ befinden, wie es bei manchen ­Terriern der Fall ist. Auch gibt es Rassen mit angeborener Ringelrute, die über den Rücken gebogen liegt. Rassen, bei ­denen die Rute jahrelang kupiert wurde, kommunizieren zum Teil weniger mit dieser, auch wenn sie heute wieder eine Rute be­sitzen. Besonders wichtig ist es auch, dass die „normale“ Ohren­haltung ­bekannt ist, da sich Form und Länge der Ohren von Rasse zu Rasse ­unterscheiden. Nur wenn man den „Normalausdruck“ kennt, ist es ­möglich, Abweichungen von diesem zu sehen und zu verstehen.

Menschliche Kenntnisse des ­optischen Ausdrucksverhaltens
Um zu den anfangs gestellten Fragen zurückzukehren – wer kann nun das Verhalten unserer Hunde am besten ­einschätzen? Um dies herauszufinden, habe ich einen Onlinefragebogen erstellt, bei dem es 10 Bilder und 5 Texte zu unterschiedlichem ­Hundeverhalten zu interpretieren galt. Insgesamt nahmen 1155 Personen an der Studie teil, wobei der Großteil (952 Personen) Frauen waren.

Hundehalter oder Nicht-Hunde­halter – wer macht das Rennen?
Wie erwartet gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen Hundehaltern und Nicht-Hundehaltern, wenn es darum geht, das optische Ausdrucksverhalten von Hunden zu interpretieren. Hundehalter waren darin um einiges besser. Erstaunlich ist jedoch, dass Personen ohne eigenen Hund, die aber viele Hunde im Bekanntenkreis haben, das Verhalten von Hunden besser interpretieren können als Menschen ohne diesen Hundekontakt. Durch den ­regelmäßigen Kontakt mit Hunden können die ­Fähigkeiten, das Verhalten von Hunden richtig zu deuten, trainiert werden. Dies hilft auch Nicht-Hundehaltern dabei, mögliche gefährliche Situationen mit Hunden vermeiden zu können. ­Während Hundehalter mit zunehmendem ­Alter die Tendenz zeigen, besser bei der Interpretation von Hundeverhalten zu werden, ist dieser Trend bei Nicht-­Hundehaltern nicht zu verzeichnen.

Frauen gegen Männer
Es zeigte sich schnell, dass es einen hoch signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt, wenn es darum geht das optische Ausdrucksverhalten zu interpretieren. Frauen konnten das Verhalten von Hunden deutlich besser einschätzen, unabhängig davon, ob sie selbst Hundehalter sind oder nicht. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern kann auf verschiedene Gründe zurückgeführt werden. In der Psychologie wurde bereits untersucht, dass Frauen tendenziell besser in Verbal- und Kommunikationsleistungen (u.a. Interpretation der Körpersprache) abschneiden als Männer. Männer sind hingegen bei visuell-räumlichen und mathematischen Leistungen die Besseren. Eine Vermutung legt nahe, dass Frauen in unserer Gesellschaft eher dazu ermuntert werden, Emotionen zu zeigen. Dadurch sind sie auch geübter, Emotionen zu interpretieren. Ebenso verfügen sie über ein größeres ­Wissen an nicht-verbalen Hinweisen. Dies könnten mögliche Gründe sein, weshalb Frauen nicht nur die Körpersprache des Menschen, sondern auch die von Hunden besser interpretieren können als Männer.

Akademiker oder Lehrabschluss
Interessanterweise zeigte sich im ­Rahmen der Studie, dass es keinen signifikanten Unterschied zwischen Menschen mit Matura- (Abitur-) oder Universitätsabschluss und Personen mit Lehr- oder Berufsabschluss gibt. Die Ausbildung scheint sich nicht maß­geblich auf die Kenntnisse des optischen Ausdrucksverhaltens von Hunden auszuwirken.

Hundeschule oder nicht
Im Gegensatz zum Bildungsniveau spielt der regelmäßige Besuch von Hundeschulen eine Rolle bei der Fähigkeit zur Interpretation des optischen Ausdrucksverhaltens von Hunden. Hundehalter, die nie regelmäßig in eine Hundeschule gegangen sind, sind im Gegensatz zu Hundehaltern, die dies taten, deutlich besser darin, das Verhalten von Hunden zu interpretieren. Dies könnte daran ­liegen, dass der Hundeschulbesucher sich regelmäßiger mit dem eigenen Hund beschäftigt. Zusätzlich lernt er beim Training das Verhalten richtig zu deuten oder bekommt auch vom Hunde­trainer wichtige Tipps und Wissen vermittelt.

Fazit
Um nun die Frage zu klären, wer das Verhalten von Hunden am ­allerbesten interpretieren kann, wäre eine Hunde­halterin mit über 30 Jahren und ­regelmäßigen Hundeschulbesuchen der Favorit. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse nicht absolut. Die genaue Beschäftigung mit Hunden verbessert die Fähigkeiten, ihr Verhalten richtig zu interpretieren – unabhängig davon, ob man männlich oder weiblich ist.

WUFF-Information

Kleine Verhaltenskunde

Im Folgenden werden Verhaltens­weisen aufgezeigt, welche für verschiedene Emotionen stehen können. Bei der Interpretation sind jedoch immer die gesamte Situation und auch das Individuum mit einzubeziehen – ein einzelnes Blinzeln deutet z.B. nicht zwingend auf Stress hin.

Entspannt: Das Gewicht ist gleich­mäßig auf die Vorder- und Hinterbeine verteilt, waagrecht getragener Schwanz.

Ängstlich: Das Gewicht ist mehr auf die Hinterbeine verlagert, Ohren eng angelegt, weite Pupillen, ­Augen ­aufgerissen, niedrig getragener Schwanz, eingezogener Schwanz, ­lange Mundwinkel.

Distanz vergrößern: Kopf abgewendet, Körper abgewendet, Pfote heben, Augen abgewendet oder auch fixierend, Nase wird geschleckt („Licking intention“), Ohren zurückgelegt.

Aggressiv: Das Gewicht ist stark auf die Vorderbeine verlagert, die Augen fixieren ein Ziel, kleine Pupillen, kurze runde Mundwinkel, nach vorne gerichtete Ohren, steil aufgerichteter Schwanz, Haare in Hals- und Nackenregion aufgestellt.

Aufmerksamkeit: Ohren aufgerichtet und nach vorne gestellt, Kopf schief gelegt, eingerollte Schwanzspitze bei niedrig getragener Rute.

Stress: Blinzeln, Nase wird geschleckt („Licking intention“), Zurückweichen, Pfote heben, sich kratzen, schütteln, niesen, gähnen, niedriger/eingezogener Schwanz, große Pupillen, aufgerissene Augen, zurückgelegte Ohren, angespannter Körper, hecheln, speicheln, Haarausfall, Schuppen, Zittern.

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Sarah Lehner
Sarah Lehner … … ist studierte Biologin und akademisch geprüfte Kynologin, außerdem ist sie als Tiertrainerin unter ­„Animal Train“ selbständig und besucht regelmäßig kynologische Aus- und Fortbildungen. Kontakt: www.animal-train.at

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