Vom Beruf zur Berufung:

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Es war nicht das schnelle Geld, das Ute Dissemond aus Weilerswist im Landkreis Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) lockte, ihren gut bezahlten und gesellschaftlich angesehenen Beruf einer Bankkauffrau aufzugeben und Hundetrainerin und Tierpsychologin zu werden. Die Wurzeln dieser Entscheidung werden – zum Teil zumindest – wohl in der Kindheit liegen. Ute Dissemond lebt seit ihrem 5. Lebensjahr mit Tieren. Seppel war ihr größter Wunsch und ers-ter Hund … Seinen Namen erhielt der Rauhaardackel im XL-Format vom Titel einer Dackelgeschichte für kleine Tierfreunde. „Ein altes Kinderbuch von Veronika Fritsche (1953), das mir meine Großmutter so oft vorgelesen hatte, dass ich die ganze Geschichte komplett auswendig kannte", erzählt Ute Dissemond.

Narbe als Mahnmal
Über die Erziehung des ersten Hundes der Familie erkennt sie im Nachhinein, dass damals viele Fehler gemacht wurden. „Das einzig Positive an Fehlern ist, sie zu erkennen, sich einzugestehen und daraus zu lernen", sagt die heutige Hundefachfrau. Das klingt so, als ob sich an den ersten Hund nicht nur tolle Erinnerungen knüpfen, und tatsächlich zeigt Ute Dissemond eine Narbe auf ihrem linken Unterarm: „Seppel war der einzige Hund, der mich jemals gebissen hat. Diese Narbe wird mir ein ewiges Mahnmal bleiben". Ihre Zuneigung zu Seppel hat dies aber nicht beeinträchtigt.

Wie ist es überhaupt zu dem Beißunfall gekommen? Ute erzählt: „Ich hatte schon lange mit Seppel gespielt, aber inzwischen wollte er seine Ruhe haben. Deshalb legte er sich im Wohnzimmer unter einen Sessel. Ich hingegen wollte noch weiter spielen. Meine Mutter sagte zu mir, ich solle Seppel in Ruhe lassen, er brauche eine Pause. Doch die kleine Ute wollte nicht. Beim nächsten Versuch, ihn unter dem Sessel hervorzuziehen, knurrte er bereits. Meine Mutter schimpfte mit mir und sagte: ‘Wenn du ihn jetzt nicht in Ruhe lässt, wird er dich beißen.’ Also ließ ich vorübergehend von ihm ab, um dann in dem Moment, als meine Mutter sich abwandte, ihn am Nacken zu packen und herauszuziehen. Dabei ist es dann passiert. Meine Mutter drehte sich wieder um und wusste natürlich gleich, was geschehen war."

So hat Ute auf schmerzliche Weise wohl einige der wichtigsten Lektionen über Hundeverhalten gelernt. Bis zu seinem Tod im Jahre 1982 war Seppel „ein guter Freund und Seelentröster".

Tiere, Tiere, Tiere …
Es waren aber nicht nur Hunde, die die Tierfreundin in ihren Bann zogen. Schweine und deren kleine Ferkel, die sie im Stall des o­nkels besuchte, faszinierten sie genauso wie die Enten, Gänse, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen bei den Großeltern. Und oft hielt sich die kleine Ute auf den nahen Weiden auf und beobachtete Schafe, Kühe und Pferde. Besonderes Interesse galt damals auch Seppels Mutter Hexi, die 18 Jahre alt wurde und auf einem kleinen Bauernhof ein relativ freies Leben führte. Besonders spannend war es für Klein-Ute, wenn Hexi einen Wurf hatte: „Dort zu beobachten, wie Hexi mit den Welpen umging, wie sie in den ersten Tagen kaum jemand an die Hundehütte heranließ, und wie dann die Welpen anfingen, die Umgebung zu erkunden, all’ das hat mich immer beeindruckt." Und so war es auch nicht verwunderlich, dass der erste Berufswunsch Tierärztin war. Doch das Schicksal wollte es anders …

Hundelose Jahre als Bankkauffrau
Nach der 10. Klasse Gymnasium wechselte Ute in die Höhere Handelsschule, wo sie sich in Mathematik am leichtesten tat. So war es naheliegend, sich in diese berufliche Richtung zu orientieren, zumal eine gute Bezahlung als Bankkauffrau verlockend erschien. Und so erlernte Ute diesen Beruf. Doch glücklich wurde sie damit nicht, wie sie sagt: „Das waren für mich hundelose Jahre, denn Mischlingshund Toni, Seppels Nachfolger, blieb bei meinen Eltern, da er nicht 8 Stunden täglich allein sein sollte." Doch zumindest Urlaubsbetreuungen für Katzen, Hunde und Kleintiere sicherten den weiteren Tierkontakt.

Familiengründung
1987 wurde geheiratet. Utes Mann, ein Polizeibeamter, hatte vorher nie etwas mit Hunden oder anderen Tieren zu tun gehabt. Inzwischen ist aber auch er „vollends auf den Hund gekommen". 1988 wurde ein Sohn geboren, und damit auch die berufliche Pause, denn „Dritte mit der Kindererziehung zu beauftragen, kam für mich nie in Betracht." Natürlich war jetzt auch wieder Zeit für einen Hund. Das war 1988, als Flecki, das Ergebnis einer Liebesbeziehung zwischen einer schwarzen Labradordame und einem Foxterrier, ins Haus kam. Ute erinnert sich: „Mein Sohn wurde auch gleich an Hunde gewöhnt – oder soll ich besser sagen mit Hunden sozialisiert." 1992 kam die Tochter zur Welt. Ute Dissemond: „Beide Kinder kennen kein Leben ohne Haustiere und können es sich auch gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man beim Nachhausekommen nicht freudig begrüßt wird."

Tierischer Haushalt
Im Jahre 2000, der Zeit der großen Hundehysterie nach dem schrecklichen Beißunfall in Hamburg, war Ute Dissemond großen Anfeindungen ausgesetzt. Eine Massenzeitung hatte sichtlich ganze Arbeit geleistet und mit unsachlichen und von vielen als hetzend empfundenen Artikeln das Klima zwischen Hundehaltern und Bürgern ohne Hunde vergiftet. Dabei war Flecki nicht einmal ein „Listenhund". „Aber zeitweise reichten bei einem größeren kräftigen Hund schon ein merkwürdiger Gang und ungünstig verteilte Proportionen aus, um Panik zu verbreiten", erzählt Ute. Flecki starb 2004. Mittlerweile sind es drei Hunde, die im Haushalt der Dissemonds leben: Rasta, Sandy und Strolchi. Daneben ein altes Wellensittichpaar auf einem Gnadenbrotplatz, später kam noch ein Großsittich dazu, der natürlich nicht lange allein blieb, sowie Willi, mit seinen 8 Jahren ein Meerschweinchengreis, dessen Lebensgefährtin vor kurzer Zeit verstorben ist. Dass auch die nichthundlichen Tiere regelmäßig Freilauf und Freiflug erhalten, sei unschwer an den angeknabberten Tapeten und Teppichfransen zu erkennen, schmunzelt die Hausfrau …

Neuanfang
Als die Kinder groß genug waren, wollte sich Ute wieder beruflich engagieren. Es stellte sich die Frage, wieder in den alten Beruf zurückzukehren oder etwas Neues zu beginnen. Langes Grübeln und durchwachte-durchdachte Nächte führten zur Entscheidung, sich für ein Fernstudium in den Bereichen Tierpsychologie und Tierhomöopathie anzumelden. „So hatte ich mit Tieren und Menschen zu tun und konnte meinem Hobby, den eigenen Tieren und gelegentlichen Urlaubstieren, weiter frönen", erinnert sich Ute. Das Fernstudium wurde bei ATN, einem Schweizer Institut, absolviert. Es dauerte ca. zweieinhalb Jahre und endete mit einer Abschlussprüfung in der Schweiz. Ute über ihre Studienzeit: „Neben dem reinen Fernunterricht bestand die Möglichkeit, an zahlreichen Seminaren teilzunehmen. Kontakt zu den Dozenten – alles namhafte Fachleute – war jederzeit möglich, was auch stets für Verständnisfragen der Lektionen genutzt wurde."

Der Grund, warum es gerade ein Fernstudium sein sollte, lag in der Möglichkeit einer flexiblen Zeiteinteilung der Lerninhalte, was besonders wichtig ist, wenn man eine Familie hat. Das Studium umfasste die allgemeine Ethologie, die spezielle Ethologie von Pferd, Hund und Katze, sowie Anatomie, Krankheiten und Homöopathie. Die Anwendung der Homöopathie bei Tieren sieht Ute Dissemond differenziert: „Die Homöopathie kann vieles, aber nicht alles. Kunden, die eine homöopathische Behandlung ihres Hundes wünschen, werden von mir dann an den Tierarzt verwiesen, wenn für ihr Problem eine schulmedizinische Behandlung erfolgversprechender scheint".

Das schnelle Geld?
„Das schnelle Geld kann man seriöserweise als Tierpsychologin nicht verdienen", sagt Ute nach eineinhalb Jahren Erfahrung in ihrem neuen Beruf. Das war aber auch nie das Ziel ihrer beruflichen Veränderung: „Mein Anliegen ist es, den Menschen und Tieren zu helfen, so gut ich kann, und nicht, möglichst rasch und viel an ihnen zu verdienen …". Die konsequente Umsetzung dieser Einstellung kann sich die Hundepsychologin aber nur leisten, weil sie von ihrem Mann die volle Unterstützung erhält: „Denn ohne sein Einkommen, von dem die ganze Familie leben muss und kann, wäre ich nicht in der Lage, meinen jetzigen Beruf auszuüben."

Ute Dissemond sieht ihre jetzige Arbeit offensichtlich als Vorbereitung und Übergang zu ihrem eigentlichen Zukunftsprojekt, der Errichtung einer „Auffangstation für alte, behinderte und/oder verhaltensauffällige Hunde", wie sie erzählt. Der Plan liege derzeit zwar noch auf Eis, aber sie sei zuversichtlich, ihn eines Tages realisieren zu können.

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