Vom Pflegeplatz zum Lebensplatz

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Alltagsgeschichte

Durch Zufall erhielt ich die WUFF-Ausgabe von Mai 2017. Der Artikel über den Bearded Collie Einstein (Unser Glück hat zwölf Pfoten) ging mir ganz besonders nahe, da ich damals bei der Abnahme mit dabei war und ich solche ­Zustände eigentlich nur aus dem Fernsehen kannte.

Ich war damals schockiert, in welchem Zustand die Tiere waren, wie sie gehalten wurden und wie verängstigt sie waren. Das Fell war verklebt und zusammengewachsen, sie konnten nicht mehr selbständig gehen, und wir trugen die Tiere zu den Autos. Ein Hund lief in das Haus. Ein Polizist, eine weitere Person und ich durften das Haus betreten und Ausschau nach dem Hund halten. Der Gestank war entsetzlich, Urin-getränkte Tücher, Müll eigentlich unvorstellbar. Einige Hunde liefen einfach in den Wald hinein, und diese konnten wir leider nicht finden.

Bevor diese Abnahme stattfand, konnten 7 Welpen von dort herausgeholt werden. Wir übernahmen als vorläufige Pflegestelle zwei dieser Welpen. Als wir abends mit den beiden völlig verschreckten kleinen Welpen ankamen, war unsere Rasselbande sehr neugierig. Wir hielten die beiden einfach mal zum Schnuppern hin. Diese Minuten konnten wir ihnen nicht ersparen, damit sie von unseren Hunden aufgenommen werden konnten. Danach stellten wir sie auf den Boden, die ersten vorsichtigen Schritte der beiden wurden von unseren erwachsenen Hunden genau ­beobachtet. Danach befanden wir, dass es für den Anfang genug war und ich mit den beiden Kleinen die erste Nacht alleine in einem Zimmer verbringen würde und mein Mann mit unseren Hunden in den 1. Stock ging. In dieser Nacht war nicht an viel Schlaf zu denken. Die beiden ­lagen ganz dicht bei mir und ich wagte es kaum mich zu bewegen, um sie ja nicht zu verschrecken.

Vor der geschlossenen Tür lagen unsere Hunde und hielten „Wache“. Als ich in der Früh mit ihnen aus dem Zimmer kam, wurden sie von unseren begrüßt, und dann ging es mal ab in den Garten. Wir gaben ihnen die Namen Buddy und Bobby. Den ersten Tag blieben wir fast nur im Garten. Man spürte die vielen Defizite, die diese kleinen Hunde hatten. Sie orientierten sich den ganzen Tag an den großen und liefen einfach mit ihnen mit. Da mein Mann den ganzen Tag Dienst hatte, war ich mit ihnen ­alleine. Was sie sehr schnell begriffen, war durch die Hundeklappe zu ­gehen. Sie sprangen den großen einfach hinterher, als ob sie nie etwas anderes getan ­hätten. Ich dachte, in der Zeit, in der sie bei uns sind, werden wir einfach ­schauen, dass sie mit Hilfe der großen Hunde so viel wie möglich lernen.

Abends als mein Mann heimkam, ­merkte ich, dass ich es mir etwas leichter vorgestellt hatte. Bobby hatte riesige Angst vor Männern. Ich bekam ihn fast nicht ins Haus. Mein Mann wagte sich kaum bewegen. Bobby hatte ihn immer im Blick und war jederzeit bereit für die Flucht. Es dauerte Wochen, bis Bobby erkannte, „er wird mir nichts tun und ich brauche keine Angst haben“. Es gab viele Geräusche, die sie nicht kannten, und an Besuch bei uns war gar nicht zu denken. Da verschwanden sie im Garten und kamen nicht mehr hervor. Erst als der Besuch weg war, ließen sie sich wieder blicken. Einzig allein unser Enkelsohn (damals noch 5 Jahre) wurde von ihnen sofort akzeptiert.

Wir ließen Bobby und Buddy drei Tage Zeit, aber dann wurde es Zeit für den ersten Tierarzt-Besuch. Alleine mal das Brustgeschirr hinaufzugeben war eine Herausforderung. Wir ließen sie damit einige Zeit herumlaufen, um ihnen zu zeigen, dass da nichts passiert. Als es Zeit wurde, die beiden ins Auto zu setzen, hatten wir nicht mit der ­Reaktion unserer vier Hunde gerechnet. Sie bellten, jaulten und es war kaum möglich die beiden ins Auto zu bringen. Letztlich gaben wir auf und mein Mann blieb mit unseren daheim und ich fuhr alleine zum Tierarzt. Als ich mit den beiden wieder heimkam und die Reak­tion auf beiden Seiten sah, war mir klar, dass wir uns – ohne ein Wort darüber zu sprechen – entschieden hatten, die beiden bleiben bei uns und haben einen Lebensplatz.

Das erste Jahr mit Bobby und Buddy war nicht einfach. Wir gaben ihnen bei ­Allem und Jedem die Zeit, die sie brauchten und forderten. Die Sicherheit ihres „Rudels“ ist auch heute noch ihr großer Rückhalt. Sie orientieren sich an deren Verhalten, und Lilly, unsere ­älteste Bernersennenhündin, gab ihnen die hundliche Erziehung, die sie als ­Welpen offensichtlich nie erhalten hatten. Wir sind auch mit den Geschwistern unserer beiden Bearded Collies in Kontakt, und alle erzählen von den gleichen Problemen: Angst Männern gegenüber, Angst bei diversen Gegenständen und Geräuschen. Mit ihrem freundlichen und offenen Wesen konnten bereits viele Ängste abgebaut werden. Auch die Angst vor unbekannten Räumen wie z.b. der Garage haben wir bereits in den Griff bekommen. Da bin ich immer sehr dankbar, dass unsere vier ihnen vieles einfach vorleben. Sie legen sich in die kühle Garage und schlafen dort, mittlerweile ist die Garage für sie ein normaler Raum, in dem man sich auch hinlegen und entspannen kann. Ich arbeite mit all unseren Hunden mit positiver Verstärkung und jeder unserer Hunde durfte immer in seinem eigenen Tempo lernen, aber bei Bobby und ­Buddy ist der leichteste Weg immer über die großen Hunde. Für sie scheint etwas in Ordnung zu sein, wenn es die anderen auch machen – und auf diesem Ansatz, einmal Angst oder ein Hindernis überwunden zu haben, kann ich weiter aufbauen.

Nach dem ersten Jahr kann ich nur sagen, es ist sicher noch einiges aufzuarbeiten, aber sie haben bereits viel geschafft.

Link zum Artikel „Unser Glück hat zwölf Pfoten!“ aus WUFF 5/2017: http://www.wuff.eu/unser-glueck-hat-zwoelf-pfoten

Pdf zu diesem Artikel: alltagsgeschichte_0118

 

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