Vom Steinzeitjäger zum modernen Verhaltensforscher

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„Das unvoreingenommene Anschauen der Natur ist Beginn und Grundlage allen Forschens, und es ist um so unentbehrlicher, je komplizierter das zu erforschende Objekt ist. … Um in das Wesen eines höheren Tieres einzudringen, muss man sehr lange schauen und dazu noch sehr gute Augen haben.“ Konrad LORENZ (1971)

Für viele Hundebesitzer ist der Begriff „Ethologie“ etwas Abstraktes, etwas aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft, ohne darüber nachzudenken, welche Bedeutung hinter dem Wort für jeden steckt, der sich ernsthaft mit seinem vierbeinigen Freund auseinandersetzen will. Ethologie – andererseits ein Wort, das man gerne und oft in den Mund nimmt und von dem doch, wie man schnell feststellt, erstaunlich viele Leute nicht genau wissen, was hiermit gemeint ist.
Nun, zuerst einmal ein Blick in das Lexikon, in dem steht: „Ethologie = Verhaltensforschung. Eigenständiger Teilbereich der Biologie, der sich mit der objektiven Erforschung genetisch bedingten, arttypischen und erworbenen Tierverhaltens auseinandersetzt.“

Hunde-Ethologie auch heute noch seltenes Lehrfach
Die moderne angewandte Ethologie lässt drei Hauptdisziplinen erkennen:
– die beobachtende und beschreibende Verhaltensforschung
– die Untersuchung von Verhaltensreaktionen mit Hilfe biochemischer Methoden
– die Verhaltensgenetik einschließlich der Evolution des Verhaltens.
Diese Reihenfolge bedeutet keine Wertung, sondern sie hat chronologischen Charakter: Die Beobachtung und Beschreibung der Verhaltensweisen von Tieren ist die älteste ethologische Methode und für die klassische Verhaltenstherapie an Hunden auch immer noch die wichtigste. Biochemische Untersuchungsmethoden bleiben den großen Labors vorbehalten, da sie aufwendige und teure Apparaturen und ein speziell geschultes Personal verlangen, übersteigen also ganz erheblich die fachliche Ausbildung und apparative Ausstattung der Praxis des „normalen“ Verhaltenstherapeuten. Merkwürdig genug: Während die landwirtschaftlichen Nutztiere schon seit langem – weil unmittelbar als Nahrungsquelle oder Arbeitstier genutzt – im Brennpunkt des Interesses einer angewandten Ethologie stehen und Bücher hierüber ganze Regale füllen, sind unsere Hunde bis vor wenigen Jahrzehnten von der Forschung vernachlässigt worden – über ihr Verhalten wird selbst heute auch an tiermedizinischen Hochschulen erstaunlich wenig gelehrt. Dabei ist Hundeerziehung, -ausbildung und artgerechte -haltung letztlich angewandte Ethologie!

Strafen meist falsch eingesetzt
Natürlich kann man dem Hund etwas beibringen, mit Gewalt „andressieren“, indem man – die natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens und der Lernmechanismen missachtend – ihn mit mittelalterlich erscheinenden Methoden, mit Stachelwürger, Teletakt und anderen Zwangsmitteln in seinem Wesen vergewaltigt. Und – Schelte erwartend – möchte ich andeuten, wo man diese Methoden immer noch beobachten kann: Auf einigen Hundeplätzen, deren Anzahl allerdings im Schwinden begriffen ist, und in gewissen „Hinterhof-Hundeschulen“! Aber auch hier ist ein gewaltiger Umdenkungsprozess im Umgang mit dem Partner Hund zu beobachten. Wohlverstanden – eine antiautoritäre Hundeerziehung ganz ohne Strafe ist nicht möglich, wobei aber gleichzeitig angemerkt werden muss, dass Strafen ein Instrument der Erziehung sind, die beim Hund nur hochsensibel zur Anwendung kommen dürfen und die von der Mehrheit aller Hundebesitzer völlig falsch eingesetzt werden.
Die Mehrheit aller Hunde, vor allem im ländlichen Bereich, ist niemals in den Händen einer der vielen Hundeschulen gewesen. Sie leben einfach mit im Hause und werden in vielen Fällen – wie uns dies BLOCH in einem Buch (2001) anschaulich schildert – in nicht hundegerechten Rahmenbedingungen gehalten und könnten oftmals ihrem menschlichen Umfeld, aber auch sich selbst, große Probleme bereiten. Aber dennoch: Die außerordentlich große Anpassungsfähigkeit und hohe soziale Intelligenz der Caniden ist die Erklärung dafür, warum trotz millionenfacher falscher Haltung und oft haarsträubender Erziehungsmethoden nicht noch mehr schlimme Unfälle passieren, als dies ohnehin der Fall ist.

Die Methodik der Ethologie
Wie arbeitet ein ethologisch geschulter bzw. orientierter Verhaltenstherapeut? – Die klassische Ethologie als ein Teilgebiet der Biologie bedient sich prinzipiell der streng definierten Methodik aller Naturwissenschaften: Der seriöse Ethologe geht von wiederholbaren Beobachtungen aus und versucht, aus dem Beobachteten Gesetzmäßigkeiten zu finden. Diese Methode setzt einen hohen zeitlichen Input voraus. Alle Beobachtungen zielen auf den Gewinn möglichst exakter Informationen über die Verhaltensweisen. Der moderne Ethologe benutzt also hiermit Methoden, die sein Kollege – der altsteinzeitliche Jäger – auch schon einsetzte. Hierbei ist es prinzipiell einmal gleichgültig, ob wir das Tier selbst oder aber den Ausschlag eines Messinstrumentes beobachten. Wer aber das Tier, seine o­ntogenese (Entwicklung) und seine natürliche Umwelt nicht kennt, wird immense Schwierigkeiten bei der Interpretation des „Zeigerausschlages“ bekommen.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen angeborenen und erworbenen bzw. erlernten Verhaltensweisen, auch beim Hund. Während man angeborene Verhaltensweisen kaum therapieren kann, sondern bestenfalls kanalisieren, sind erworbene hingegen therapiefähig, denn was der Hund einmal gelernt hat, das kann er auch wieder verlernen.
Mit das Wichtigste bei der Beobachtung ist eine möglichst große Nichtbeeinflussung des beobachteten Objektes, in unserem Fall ein Hund, durch den Beobachter. Insbesondere hier kann man sich in vielen Fällen fragen, wer eigentlich wen beobachtet. Verhaltenstherapeuten, die ein Fehlverhalten eines Hundes genauer und ohne Beeinflussung betrachten wollen, bedienen sich hierbei einer Überwachungskamera. Überhaupt hat es sich im Gegensatz zu den früher teuren Schmalfilmen immer mehr durchgesetzt, die visuellen Beobachtungen durch Videographie zu konservieren. Man hat einmal die Möglichkeit, sich eine Beobachtung immer wieder anzusehen und ggf. im Kollegenkreis zu diskutieren, andererseits kann man durch Manipulation der Laufgeschwindigkeit (Zeitlupe) Vorgänge deuten, die sich aufgrund ihrer Schnelligkeit sonst dem trägen menschlichen Auge entziehen.

Trumler: Studium des Grundmusters hundlichen Verhaltens an „Wildhunden“
Unsere heutigen Haushunde stammen fast ausnahmslos aus Hochzuchten. Aufgrund der Domestikation und gezielten Zucht auf bestimmte Merkmale zeigen sie – neben gravierenden Veränderungen im Aussehen – nicht mehr die ursprünglichen Verhaltensweisen der Wildhunde. Viele Verhaltensweisen treten bei ihnen verändert oder in abgeschwächter Form auf oder sind überhaupt nicht mehr zu beobachten, da sie im Verlauf der Zuchtgeschichte verloren gegangen sind. Hieraus ergibt sich, dass man nur durch Untersuchungen an ursprünglichen und wildhundblütigen Tieren das eigentliche und komplette hundliche Verhalten beobachten kann. „Unsere Rassehunde und deren Bastarde können so lange keine Forschungsobjekte sein, solange wir nicht alles über ihre Ahnen wissen“ kommentierte TRUMLER dieses Problem.
Um zu vermeiden, dass nur das Verhalten einer bestimmten Hunderasse oder aber das Verhalten einer Wildhundart (Wolf, Schakal, Dingo) untersucht wird, nahm TRUMLER gezielt Verpaarungen der verschiedensten Hunderassen mit Wildhundblütigen unter bestimmten Gesichtspunkten und wissenschaftlichen Fragestellungen vor. Durch das Zusammenfügen mehrerer Erbmuster wurden also Tiere für die Forschung verfügbar, die das Grundmuster hundlichen Verhaltens noch aufweisen. Wichtigste Grundvoraussetzung für diese Arbeiten ist die Haltung der Tiere in organisch gewachsenen Familienverbänden – den Rudeln – unter möglichst naturnahen Bedingungen. Hierfür ist die von ihm 1979 gegründete Forschungsstation in Wolfswinkel im nördlichen Westerwald bestens geeignet: Auf einem Gelände von 1,2 Hektar leben in reich strukturierten und naturnahen Gehegen die Hunde ganzjährig im Freien und – von Fütterungen abgesehen – ohne Eingriffe durch den Menschen. Dem Wissenschaftler bieten sich in Wolfswinkel ideale Forschungsmöglichkeiten. Viele Erkenntnisse der modernen Kynologie, vor allem über die Individualentwicklung und die Entwicklung des Sozialverhaltens, wurden hier von Eberhard TRUMLER gewonnen und konnten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Durch die Haltungsbedingungen der Hunde in der Geborgenheit eines intakten Sozialverbandes entfalten die Tiere alle ihre ihnen genetisch vorgegebenen sozialen Verhaltensweisen und können sie in ihrem Zusammenleben, bei der Aufzucht und Erziehung der Welpen und der weiteren Organisation ihres Familienverbandes ausleben.

Generationen von Verhaltensforschern
Schon vor dem Krieg und von den Ergebnissen BAEGEs begeistert angeregt, begann das Ehepaar MENZEL noch vor ihrer Flucht 1938 ins damalige Palästina mit der Verhaltensforschung an Hunden mit der Absicht, Erkenntnisse für eine bessere und gezieltere Hundezucht zu erhalten. Die MENZELs wurden später dann auch als die Züchter einer neuen Hunderasse, des Kanaan-Hundes bekannt, dessen Ursprünge in den Pariahunden Syriens, Jordaniens und Palästinas liegt. Auch SCOTT und FULLER in den USA forschten schwerpunktmäßig über den Einfluss der Verhaltensentwicklung in den ersten Lebensmonaten auf das spätere Leben des adulten Hundes und veröffentlichten ihre Ergebnisse 1965: Sie beschreiben, dass es bei der Entwicklung der Welpen zum Junghund bestimmte Phasen gibt, in denen sich grundlegende Verhaltensformen entwickeln und festigen, die später kaum mehr veränderlich sind.
Die Arbeiten im deutschsprachigen Raum bis z.T. in die unmittelbare Gegenwart von TRUMLER und FEDDERSEN-PETERSEN brauchen hier wohl kaum vorgestellt zu werden. Die Verleihung des Nobelpreises 1973 an LORENZ und TINBERGEN beweist die Bedeutung, die der modernen Ethologie inzwischen beigemessen wird. Seit einigen Jahren schon weist BLOCH, geschult durch langjährige Freilandbeobachtungen nordamerikanischer Wolfsrudel, in seinen Vorträgen und dann in seinem Buch („Der Familienbegleithund im modernen Hausstand“) darauf hin, dass es kaum brauchbare Untersuchungen über Verhaltensökologie und adaptative Strategien von Haushunden gibt. Hier tut sich ein weites und potenziell fruchtbares Feld auf! Gerade hier ist der Verhaltenstherapeut in hohem Maße auf die Angaben seiner Klienten über das Verhalten des betreffenden Hundes angewiesen. Dass der Therapeut sich den Hund gründlichst in seinem eigenen Umfeld ansehen muss und dass es nicht genügt, verschickte Fragebögen im heimischen Büro für teures Geld auszuwerten, muss hier nicht besonders betont werden.

Fehler in der Prägungsphase kaum mehr therapierbar
Überaus wichtig, aber vielfach kaum erhebbar, ist bei auftauchenden Problemen bei Hunden die Kenntnis der frühen o­ntogenese. Insbesondere sind Fehlverhalten, die ihre Wurzel in der Prägungsphase haben, praktisch irreversibel und nicht therapierbar. Auf das Problem der Massenzuchten mit ihren völlig unzulänglich durchgeführten Welpenprägungen möchte ich hier nur kurz hinweisen: Fehler, die beim Hund während der Prägungsphase gemacht wurden, sind therapieresistent! Wer es versäumte, seinem Hund in dieser für das spätere Zusammenleben mit dem Menschen wichtigsten Lebensperiode mit viel Zuwendung und unter erheblichem Zeitaufwand zu zeigen, dass der Mensch der wichtigste Ansprech- und Sozialpartner für das spätere Hundeleben sein wird, der wird zeitlebens einen scheuen und ängstlichen Hund haben, der sich auch einer geordneten Erziehung und Ausbildung entzieht. Diesen Zeitaufwand einer ordnungsgemäßen Prägung der Welpen vermag aber allein der verantwortungsbewusste Züchter, nicht jedoch der kommerziell arbeitende Hundevermehrer in einer Massenzucht aufzubringen!

Psychisch und physisch gesunder Hund hat selten Verhaltensprobleme
Nun muss allerdings eingefügt werden, dass ein normaler Hund selbst meist keine Verhaltensprobleme hat. Es ist seine Umwelt, die sich durch sein Verhalten gestört und eingeengt fühlt. Vor jedem seriösen Therapiebeginn steht der Besuch beim Tierarzt: Hat eine plötzlich auftauchende Verhaltensänderung vielleicht eine medizinische Ursache? – Wir Menschen sind auch nicht besonders gut und zu Scherzen aufgelegt, wenn wir schon morgens mit einem vereiterten Backenzahn aufwachen! Generell kann aber festgestellt werden, dass ein physisch und psychisch gesunder Hund gar keine Verhaltensprobleme haben kann, er reagiert nur artgemäß auf für ihn störende Umweltfaktoren. Diese zu erkennen und zu eliminieren ist die wichtigste Aufgabe des Therapeuten!



>>> WUFF STELLT VOR


Der Autor

Dr. Frank G. Wörner ist Hundefachmann und Zoologe, darüber hinaus ein „alter“ Freund des Hundemagazins WUFF. Die sehr ausführliche Literaturliste zum Artikel sowie Literaturempfehlungen von Dr. Wörner finden Sie auf der website von WUFF (http://www.wuff.at) unter dem Button Service>Aktuelle Infos.



>>> WUFF – HINTERGRUND


Ethologie: Von Aristoteles bis heute

TINBERGEN führte 1951 den Begriff „Ethologie“ als Fachbezeichnung für die biologische Wissenschaft vom Verhalten der Tiere ein. Andererseits aber kann man die Ethologie als eine der ältesten Wissenschaften überhaupt ansehen: Die ersten Ethologen, die wir uns vorstellen können, waren urzeitliche Jäger. Denn ohne umfassende Kenntnisse über das Verhalten des Wildes ist eine erfolgreiche Jagd kaum möglich. Tiere waren für den Urmenschen Feinde oder Nahrung und wurden mit magischen und religiösen Vorstellungen verbunden. Das Wissen um ihre Eigenheiten wurde von Generation zu Generation weiter gegeben.
Die ersten schriftlich überlieferten, auf Beobachtungen beruhenden ethologischen Philosophien gehen auf ARISTOTELES zurück. Völlig vermenschlichend und den Tieren menschliche Tugenden, Laster und Antriebe zuschreibend, waren andere Autoren der Antike aus der Schule der sogenannten „Atomisten“: Sie meinten allerdings schon recht modern anmutend, alles auf Kausalitäten zurückführen zu können, und da Mensch und Tier aus der gleichen Materie geschaffen seien, so müssten auch deren Gedankengänge und ihr Verhalten gleich sein. Diese Vermenschlichung der Tiere wurde bis in unsere Zeit fortgesetzt, man erinnere sich hier an den „alten“ BREHM bis hin zum TV-Schwachsinn „Lassie“, „Kommissar Rex“ oder „Unser Charly“ als Paradebeispiele.
Erst im 20. Jahrhundert bekam die Ethologie den wissenschaftlichen Stellenwert zugewiesen, der ihr gebührt: Die Großen und deren Leistungen für die Forschung sind uns allen bekannt, hier seien stellvertretend für viele andere UEXKÜLL, TINBERGEN, HEINROTH sowie LORENZ genannt, bis schließlich vor allem EIBL-EIBESFELDT mit seiner vergleichenden Humanethologie den Kreis vom tierischen zum menschlichen Verhalten schloss.
Höchst erstaunlich ist, dass man sich ernsthaft mit dem Verhalten der Hunde (immerhin dasjenige Lebewesen, das seit rund 14.000 Jahren eng mit uns zusammenlebt) erst seit vielleicht 70 Jahren beschäftigt. Einer der Ersten – und in Vergessenheit geraten – , Bruno BAEGE, untersuchte Anfang der 1930er Jahre mit äußerst limitierter finanzieller Ausstattung die O­ntogenese von Hunden in den ersten drei Lebensmonaten. Er und – 40 Jahre später der unvergessliche Nestor der deutschsprachigen Kynologie – Eberhard TRUMLER untersuchten die Wechselwirkungen zwischen körperlicher und seelischer Entwicklung und deren Auswirkungen auf Lernvorgänge und Sozialverhalten in Abhängigkeit vom Lebensalter. Man unterschied nun zwischen angeborenen und erlernten Verhaltensweisen und erkannte, dass am Beginn der Entwicklung der Motorik – was TRUMLER vier Jahrzehnte später als „Vegetative Phase“ benannte – nur Reflexbewegungen beobachtet werden können.

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