Vom Straßenhund zum Fernsehstar

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Alltagsgeschichten

Nala hatte keinen guten Start ins Leben. Sie stammt aus Rumänien und wurde von Tierschützern nach Deutschland gebracht. Krank, unrein und mit einigen Problemchen zog sie bei Familie Spyrka ein. Die ­damals 15-jährige Frederike erkannte Nalas Potenzial und ­begann mit ihr, verschiedene Dogtricks einzustudieren. Als Skateboard fahrender Hund wurden schließlich die Medien auf sie aufmerksam. 2016 kam dann das Highlight – eine Live-Show mit 20 Millionen Zuschauern. Vom Straßenhund zum Fernsehstar …

Als ich sie sah, war mir klar, dass dies mein Seelenhund war. Ich war schon seit Wochen auf der Suche nach einem Hund, aber irgendwas hatte immer nicht gepasst, doch jetzt war es anders. Mit meinen gerade mal 15 Jahren hatte ich meine ­Eltern überzeugen können, einen Hund zu adoptieren. Es sollte mein eigener Hund werden, für den ich die volle Verantwortung übernehmen wollte. Ich war mir sicher, dass ich das schaffen würde. In dem Zwinger saßen um die zehn Hunde aus Rumänien, darunter 3 Junghunde. In die eine Hündin hatte ich mich sofort verliebt. Schließlich ­sahen auch meine Eltern ein, dass das mein Hund werden sollte, und im Oktober 2014 zog die kleine Hündin bei uns ein. Ich taufte sie Nala, nach dem Löwenmädchen aus „Der König der Löwen“.

Unterschied zwischen Theorie und Praxis
Allerdings liefen die ersten Wochen und Monate ganz anders als erwartet. Nala war krank und hatte große Angst vor allem und jedem. Ihre Magen- und Darmkrankheit machten das Stubenreinheitstraining doppelt so schwer und ließen mich fast verzweifeln. Ich hatte keinerlei praktische Erfahrung mit Hunden. In der Theorie kannte ich mich mehr als gut aus, ich hatte unzählige Hundebücher studiert, jedoch merkte ich schnell und schmerzlich den Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Irgendwie lief alles nicht so, wie ich es gehofft hatte. Nach dem langen, ­grauen Winter stand fest, dass es so nicht weitergehen konnte. Nala langweilte sich. Die kleinen Spaziergänge reichten einfach nicht. Ich begann im Internet zu ­recherchieren und stieß auf die Hunde­sportart Trickdogging. Das Training besteht darin, dem Hund die verschiedensten Tricks beizubringen. Von Männchen über Skateboard-fahren bis hin zum Handstand. Ich bestellte mir ein Buch, in dem ein paar Tricks Schritt für Schritt erklärt waren. Dazu schnappte ich mir ein paar Leckerchen und meinen Hund.

Ich war völlig fasziniert und ­begeistert, Nala bei der Arbeit zuzusehen. Sie lernte unglaublich schnell. Nach ein paar Wochen beherrschte sie Dutzende Tricks. Wir führten das Training fort, und mit der Zeit bildete sich eine innige Beziehung und Bindung. Die längeren Spaziergänge ohne Leine sowie das Spiel mit anderen Hunden plus das Trick­training führten dazu, dass Nala sowohl körperlich als auch geistig ausgelastet war.

Das tollste Tier im Revier …
Bald sprach sich Nalas Können herum; „der Zirkushund“ wurde sie genannt. Schon bald gehörten über 100 Kommandos zu ihrem Trickrepertoire. Im Oktober 2015, genau ein Jahr nach ­ihrem Einzug, war sie das „tollste Tier im Revier“(WDR). Die Dreharbeiten machten mir unglaublich viel Spaß und Nala war konzentriert und motiviert bei der Sache. Souverän zeigte sie ihr ­Können, und als Skateboard fahrender Hund versetzte sie alle in Staunen. Der Beitrag im WDR war ein voller Erfolg. Nala wurde auf der Straße als Skateboard fahrender Hund erkannt, und schon bald erhielten wir neue Anfragen.

„Außenseiter Spitzenreiter“
Ich platzte fast vor Stolz, schließlich war die erste Zeit eine Katastrophe gewesen und gerade mal ein paar Monate her. Im Februar 2016 drehten wir eine kleine Reportage mit dem MDR, im Rahmen der Sendung „Außenseiter ­Spitzenreiter“. Das Fernsehteam kam extra aus Berlin ins Ruhrgebiet, nur um mit Nala und mir zu drehen. Nala machte einen fantastischen Job. Nur Skateboard fahren wollte sie partout nicht. Diesmal arbeiteten wir nach Drehbuch, was eine weitere Schwierigkeit darstellte, da ich Nala spontan ein paar neue Sachen beibringen musste, aber es machte uns sehr viel Spaß, und der Beitrag wurde Spitze, auch die Skateboard-Panne fiel nicht auf.

Im Frühling bewarb ich mich bei einer Filmtieragentur. Nala hatte bereits ­bewiesen, was für ein toller Filmhund sie war, und auch ich genoss die Dreh­arbeiten immer sehr. Ich liebte es, anderen unser Können zu zeigen, und sowohl Kinder als auch Erwachsene konnten wir bisher immer begeistern. Nala wurde auch in der ­Filmtieragentur aufgenommen. Ein weiterer großer ­Erfolg für Nala und mich.

1. Live-Show mit Nala
Sehr zu meiner Freude erhielten wir weitere Anfragen, ein paar musste ich sogar aus verschiedenen Gründen ab­lehnen, aber ein großes Projekt stand uns bevor: Im Juli 2016 würden wir in der ARD-Livesendung „Immer wieder sonntags“ auftreten. Wir sollten eine Choreografie aus verschiedenen Tricks zeigen und ich ein paar Fragen beantworten. Ich zögerte kurz, bevor ich zusagte, da eine Liveshow mit Hund nicht ganz ohne Risiko ist. Was würde passieren, wenn Nala während des Auftrittes von der Bühne laufen würde? War das zu viel Stress für den Hund? Ich erinnerte mich an unsere bisherigen Dreharbeiten. Ich schaffte es immer ganz ruhig zu sein, und daraufhin war Nala entspannt und konzentriert, aber würde ich das auch bei einer Liveshow schaffen? Trotz allem sagte ich zu. So eine Chance wollte ich mir keinesfalls entgehen lassen. Doch der Weg zur Liveshow war lang. Zuerst mussten einige rechtliche Dinge geklärt werden, da ich zum Zeitpunkt der Show noch minderjährig war. Ich brauchte eine Zustimmung meiner Eltern, meiner Schule, meines Arztes und des Jugendamtes. Außerdem musste ich von der Schule beurlaubt werden. Gleichzeitig überlegte ich mir eine Choreografie. Eine ­Mischung aus Trickdogging, Dogdance und Turnen. Bei den letzten Beiträgen war immer eine kleine Turneinlage dabei und irgendwie gehörte sie nun dazu.

Geplant war, dass ich einen ­Flick-Flack machen würde und Nala bei der ­Landung über meinen Rücken springen sollte, sobald ich den Boden berührt hatte. Während ihres Sprungs würde ich eine Flugrolle machen, so dass Nala über mir fliegen würde. Auch Skateboard-fahren sollte dabei sein. Ich schob ein paar Trainingseinheiten mit besonders tollen Leckerlies ein, und glück­licherweise sprang sie einige Tage später wieder begeistert auf das Board.

Das Wochenende rückte immer näher und ich beschloss, unsere Choreografie nochmal vor Publikum zu üben. In zwei ersten Klassen einer Grundschule zeigte ich unser Können und erzählte einiges zum Thema Hund. Zum Abschluss durften die Kinder Nala noch streicheln und selber ein paar Tricks mit ihr machen. An dem besagten Donnerstag im Juli ging es los. Die Sendung wurde von dem Festivalgelände des Europaparks gesendet, und so führte uns unsere Reise nach Rust. Spät abends kamen wir in Süddeutschland an. Am nächsten Tag war die Einzel- und Kameraprobe, jedoch hatten wir vorher Zeit, uns den Europapark anzuschauen.

In der Mittagszeit kletterte das Thermo­meter auf über dreißig Grad und die Hitze machte Nala schwer zu ­schaffen. Während der Probe flüchtete Nala ­während der Choreografie in den Schatten, so dass wir abbrachen. Auch am Samstag war es wieder so heiß, aber jetzt war ich mit einer Kühljacke und nassen Handtüchern ­gewappnet. ­Backstage lernte ich alle anderen Künstler und den Moderator kennen. Es überraschte mich, wie freundlich und interessiert alle waren. Während der Generalprobe lief dann alles glatt und auch die Liveshow am Sonntag war ein Riesenerfolg. Tausende Zuschauer verfolgten live die Sendung und Millionen Menschen vorm Fernseher. Als Dank bekam Nala einen großen Korb, welcher mit allerlei Leckereien gefüllt war. ­Während des Finales auf der Bühne platzte ich fast vor Stolz auf meine Nala und auf das, was wir erreicht haben.

Unzerstörbare Bindung entstanden
Vor weniger als zwei Jahren hatte ich diesen Hund adoptiert. Voller Angst, krank und unberechenbar. Und nun standen wir vor knapp 20 Millionen Zusehern auf der Bühne! Natürlich läuft bei uns auch nicht alles perfekt. Auch noch heute verzweifle ich regelmäßig, wenn Nala mich auf der Hundewiese doch mal ignoriert oder einen Hund blöd anmacht oder unseren Besuch an der Haustür fast „auffrisst“. Entscheidend ist aber, dass wir nicht aufgeben. Nala und ich sind ein Team. Ein unschlag­bares Team mit einer unzerstörbaren Bindung. Wir können uns aufeinander verlassen und einander vertrauen.

In Extremsituationen wie zum Beispiel Dreharbeiten oder Fernsehauftritten ist Nala immer hochkonzentriert dabei. Natürlich macht sie es für die Leckerchen und weil sie Spaß dabei hat, aber sie macht es auch für mich. Im Gegenzug lasse ich sie dann auch wieder einfach nur Hund sein. Dann darf sie mal an der Leine ziehen, zu einem anderen Hund abhauen oder einfach mal nur einen schlechten Tag haben. Haupt­sache ist, dass wir uns immer wieder zusammenraufen, nicht aufgeben und weiterhin unsere innige Beziehung pflegen. So können wir zeigen, wozu auch Straßenhunde in der Lage sind – mit dem richtigen Menschen an ihrer Seite …

Pdf zu diesem Artikel: alltagsgeschichte_112016

 

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