Von der Domestikation zur Deformation: Rassestandard vs. Tierschutzgesetz?

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Seit 15 Jahren weisen renommierte Autoren und Kynologen in WUFF auf die Sackgasse hin, in der sich die heutige Rassehunde­zucht befindet. Dr. h.c. Hans Räber und Dr. Helmuth Wachtel ­gehören zu den Vorreitern derer, die ein Umdenken fordern und Vorschläge machten wie etwa in Räbers Artikel „Rassehundezucht und falsch gesetzte Zuchtziele“ (WUFF 1997) oder Wachtels ­„Rassehundezucht: Es ist 5 vor Zwölf“ (WUFF 2/2010).
Große Aufmerksamkeit erhielt nun auch Alexander Däubers kürzlich erschienener Artikel „SOS Rassehund“ (WUFF 7/2010), in der er über populationsgenetische Probleme der modernen Rasse­hundezucht berichtete und ein von Wissenschaftlern begleitetes Einkreuzungsprojekt als Rettung der Rasse Nova Scotia Duck ­Tolling Retriever vorstellte.
In folgendem Artikel geht es Däuber um den Zusammenhang ­zwischen Rassestandards und Tierschutzgesetz.

Hunde begleiten den Menschen schon seit über 15.000 Jahren. Sehr schnell erkannte man die Fähigkeiten des Hundes, die der Mensch gerne für sich nutzte, sei es als Jagdbegleiter, Hütehund oder Wächter. Durch seine enorme Anpassungsfähigkeit und seinen großen Nutzen für den Menschen entwickelte sich diese einzigartige und großartige Domestikation.

Seit einigen Jahrzehnten muss man jedoch eine zunehmende Entwicklung zu Degeneration und Deformation feststellen. Bedingt durch menschliche Eitelkeit, Profitgier, Arroganz, Ignoranz oder Modetorheiten hat es der Mensch innerhalb von einigen Jahrzehnten geschafft, den „besten Freund des Menschen“ derart zu degenerieren und deformieren, dass es kaum mehr zu ertragen ist.

Beginn der „Reinzucht“ in genetisch isolierter ­Population
Während früher die Menschen Hunde nach ihren Leistungen beurteilten und „züchteten“, kam vor rund 150 Jahren in Großbritannien die Idee auf, Rassehunde zu „kre­ieren“. Daher gilt Großbritannien auch als Mutterland der Rasse­hundezucht. Nach und nach wurden sog. Standards für einzelne Rassen festgelegt, die beschreiben, wie der jeweilige Hund auszusehen hat. Dann wurden bald „die Zuchtbücher geschlossen“, d.h. es wurden nur noch reinrassige Hunde mit Stammbaum in die Zuchtbücher eingetragen. Mit dieser „Reinzucht“ genannten Maßnahme schuf man eine genetisch isolierte Population. Das war der Beginn einer neuen Ära in der Hundezucht – mit teilweise fatalen Folgen.

In fast allen Fällen geht die Rasse­hundezucht auf relativ wenige Gründertiere zurück. Zu einer ähnlichen Situation kam es auch in der Nachkriegszeit (insbes. nach dem 2. Weltkrieg), in der viele Rassen oftmals auf nur eine Handvoll Tiere aufgebaut wurden. Äußere Merkmale haben eine hohe Heritabilität (Vererblichkeit), weshalb zum möglichst raschen Erreichen und zur Festigung des „Typs“ – d.h. durch Reinerbigkeit für das jeweilige Merkmal – Inzest, Inzucht und Linienzucht angewandt wurden und auch heute noch angewandt ­werden. Dadurch konnte ­tatsächlich sehr rasch ein einheitlicher äußerer Typus erreicht werden, diese Zuchtpraktiken haben aber auch einen sehr großen Nachteil: Sie führen zu einer genetischen Verarmung und damit zur kontinuierlichen Zunahme von Erbkrankheiten, Vitalitätsverlust, ­sinkender Lebenserwartung und anderen bekannten negativen Auswirkungen.

Genetische Verstümmelung ist tierschutzrelevant!
Heute weisen die Rassehunde ca. 450 verschiedene Erbkrankheiten auf – bei enorm steigender Tendenz. Dies ist in Verbindung mit dem beklagenswerten Genverlust („genetische Verstümmelung“) eindeutig als tierschutzrelevant einzustufen.

Schön war, was Fitness verlieh
Vor dem Beginn der Rassehundezucht in Großbritannien wurden Hunde fast ausschließlich wegen ihrer Leistungen geschätzt und gehalten. Daher verpaarte man auch nur diejenigen Hunde, die für den jeweiligen ­Verwendungszweck am ehesten geeignet waren – also eine Selektion auf Leistungsfähigkeit. Das äußere Erscheinungsbild sollte für die jeweilige Aufgabe des Hundes funktionell geeignet sein. Dem Schäfer war es ziemlich egal, ob sein Hütehund lang-, kurz- oder rauhaarig war und ob er Steh-, Kipp- oder Hängeohren hatte. Hauptsache war, dass er seine Arbeit gut machte.

Durch diese Selektion auf Leistungs­fähigkeit und Funktion gab es damals im Gegensatz zur modernen Hundezucht kaum anatomische Übertreibungen, da diese die Leistungsfähigkeit schmälerten. Schön war, was dem Gebrauch diente! Ebenso vermied man Inzucht, weil dies zu einem Verlust an Vitalität und Fitness führte. Dies ist auch heute noch in sogenannten Gebrauchszuchten der Fall, wie bspw. bei der „Arbeitsgemeinschaft zur Zucht Altdeutscher Hütehunde“.

Ausstellungszirkus dominiert ­Hundezucht
Bei der Rassehundezucht, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien begonnen hatte, ging es primär um das äußere Erscheinungsbild, welches auf Hundeausstellungen beurteilt wurde, während der Gebrauchswert des Hundes immer mehr in den Hintergrund rückte.
So bestimmt auch heute noch der „Ausstellungszirkus“ in vielen Fällen maßgeblich die Hundezucht. Wesen und Gesundheit der Rasse geraten dabei in den Hintergrund.

Und wie die Realität der letzten 150 Jahre beweist: Sobald im Rasse­standard Eigenschaften wie „lang / kurz / massig / groß / viel / reichlich“ etc. gefordert werden, führt dies zwangsläufig zu ­Übertreibungen dieser Attribute. Der Hang zum Extremen nimmt ständig zu. Dabei würden die meisten Standards primär gar keinen Anlass zu Übertreibungen geben, dennoch verfolgen Züchter und Ausstellungsrichter Modetrends und „überinterpretieren“ einen Standard. Manche Standards fordern heute sogar schon wörtlich dazu auf, auf Übertreibungen von Merkmalen zu verzichten oder bspw. „die unbehinderte Atmung zu gewährleisten“. Dass dies schon ­explizit erwähnt werden muss, ist schlimm genug und sollte zu denken geben!

Die Folgen solcher fehlgesetzten Zuchtziele und Merkmalsübertreibungen (wie Kurzköpfigkeit, Riesen- und Zwergwuchs, übertriebene Faltenbildung, Kurzbeinigkeit etc.) stehen im Gegensatz zu tierschutzrechtlichen Forderungen, denn häufig werden sogar die biologisch vertretbaren Grenzen überschritten.

Da zudem viele Rassehunde in heutiger Zeit nicht mehr gemäß ihrem ursprünglichen Verwendungszweck eingesetzt werden bzw. werden können, dienen in vielen Fällen die gültigen Rassestandards nur noch der Optik. Dies lässt sich an den folgenden Beispielen verdeutlichen.

Rassestandard und Verlust der ursprünglichen Funktion

  • Ursprünglich begünstigte die ­steile Hinterhandwinkelung des Chow Chows die „­Masttierhaltung“ (die Hunde waren seinerzeit Fleischlieferant), weil damit eine Bewegungseinschränkung verbunden ist. Noch heute finden wir dieses Merkmal „steile Hinterhand­winkelung“ im Rassestandard! Der dadurch erzielte „stelzende Gang“ wird als „charakteristisch“ bezeichnet! (vgl. http://www.sommerfeld-stur.at/qualzucht/gutachten
  • Als die Englische Bulldogge nicht mehr für Tierkämpfe gebraucht wurde und sie ihren „Verwendungszweck“ verloren hatte, bestand keine Notwendigkeit mehr, auf Leistung zu züchten. Man definierte neue Zuchtziele und übertrieb in den Merkmalen breiter Kopf, kurze Nase, Vorbiss, Faltenbildung, breite Brust usw. Auch heute noch scheut man sich nicht vor extremen tierquälerischen Ausprägungen. Den Hunden nimmt man dabei jedoch die Grundlage des Lebens, nämlich die natürliche Fortpflanzung. Nach dem erst kürzlich erschienenen Report des Zoologen der Universität Cambridge, Prof. Patrick Bateson, werden 86,1% aller Englischen Bulldoggen durch Kaiserschnitt geboren (Bateson, Independent Inquiry into Dog Breeding, 2010, http://www.dogbreedinginquiry.com). Die Standardmerkmale werden also eindeutig der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Hunde übergeordnet.
  • Pekingese: Nach Dr. Hans Räber waren die ersten Pekingesen größer und hochläufiger als die heutigen (H. Räber, Enzyklopädie der Rassehunde, Bd.1, 1995, Franckh-Kosmos Verlag). Zudem besaßen sie ein viel dürftigeres Haarkleid, die Vorderläufe waren bis zum Ellenbogen sichtbar. Heute hingegen reicht das Haar bis auf den Boden! Früher trat die Nase der Pekingesen deutlich aus dem Gesicht hervor und war gerade. Auch hier haben wir heute leider ein anderes Bild. So jappste der „Siegerhund“ der weltweit größten Hundeausstellung „Crufts“ in Großbritannien im Jahre 2003 nach einigen Metern im Ausstellungsring nach Luft und musste später auf dem Siegerpodest sogar auf einem Kühlakku sitzen, um einer Überhitzung entgegenzuwirken. Außerdem musste sich der Hund nach Aussage der BBC-Reportage „Pedigree Dogs Exposed“ einem chirurgischen Eingriff am weichen Gaumen unterziehen, um seine Atemprobleme zu beheben.
  • Und Dr. Räber über den Bernhardiner: „Der berühmte Barry ist, verglichen mit den heutigen Bernhardinern, eher klein, die heutigen Kolosse mit 65 bis 80 kg Körpergewicht wären zum Gebirgsdienst auch gar nicht mehr tauglich.“ (H. Räber, Enzyklopädie der Rassehunde, Bd.1, 1995, Franckh-Kosmos Verlag).

In der Tabelle (s. http://www.wuff.eu/­daeuber1010) wird exemplarisch für einige Rassen aufgezeigt, ­welche ­Fehlziele die Rassestandards ­heute vorschreiben und wie ­Hunde­experten und das Tierschutzgesetz (­„Qualzucht­-Paragraph“) dies beurteilen. Um diesbezüglichen Einwänden ­vorzubeugen – diese Auflistung stellt in keiner Weise eine „Rassendiskriminierung“ dar, vielmehr wird aufgezeigt, wo dringender Handlungsbedarf besteht, Standards unter tierschutzrechtlichen Aspekten zu überarbeiten.

Was kann man tun?

In Fällen, in denen der Standard keinen Anlass zur Typübertreibung gibt oder eine Übertreibung mit Gesundheitsbeeinträchtigung sogar explizit verbietet, sollten Züchter und Ausstellungsrichter Vernunft walten lassen und keinen Modetrends oder „menschlichem Geschmack“ folgen.

Bei vielen Rassen sind aber dringend Zuchtmaßnahmen erforderlich. Zahlreiche Wissenschaftler und namhafte Kynologen zeigen schon seit Jahrzehnten die Auswüchse der Rassehundezucht auf und fordern eine Wende hin zu einem Hund ohne gesundheitsbeeinträchtigende Übertreibungen. Darauf hat der Hund schließlich auch ein Recht!

Doch leider bewegt sich in den Zuchtvereinen kaum etwas. So schreibt z.B. einer der einflussreichsten Vereinsfunktionäre des Hundewesens, Christopher Habig (ehemaliger VDH-Präsident und Vizepräsident der FCI) in der diesjährigen Juni-Ausgabe der VDH-Verbandszeitschrift: „Wir wollen keine Übertreibungen“. Auf dem Titelbild derselben Ausgabe und im Innenteil finden wir jedoch mehrere „Shar Pei – Faltenknäule“ abgebildet. Stolz wird auch der FCI-Gruppensieger der letzten VDH-Europasieger-Ausstellung gezeigt: ein Basset Hound, der prinzipiell die in der Tabelle (s. http://www.wuff.eu/daeuber1010) beschriebenen Qualzuchtmerkmale aufzeigt.

Herr Habig schreibt in Bezug auf den English Bulldog in der benannten Zeitschrift: „Aus Richterperspektive war diese Rasse in der FCI noch nie so gesund wie heute.“ Wie diese Gesundheit aussieht, erkennt man, wenn man sich den oben erwähnten Report des Zoologen Prof. P. Bateson durchliest, wonach 86,1% aller English Bulldogs per Kaiserschnitt zur Welt kommen.

Wer ist verantwortlich?
Die Hundezucht-Organisationen – allen voran die einflussreichsten wie der weltweite Dachverband FCI sowie Verbände und Vereine wie bspw. der VDH, der ÖKV, der britische Kennel Club usw. – sind für dieses ­Dilemma mitverantwortlich. Der VDH beschreibt sich selbst gemäß seines Leitbildes zwar als „führende Interessenvertretung aller Hundehalter in Deutschland“. Doch die Interessen des Hundes, um den es eigentlich gehen sollte, bleiben dabei wohl auf der Strecke.

Doch Großbritannien hat bereits reagiert: Der Kennel Club fordert mit seiner Kampagne „Fit For Function: Fit For Life“ und den Leitlinien „to see, breathe and walk freely“ ein Umdenken. Allein diese Forderung, dass Hunde sehen, frei atmen und normal gehen können sollten, beweist, wie es heute durch menschliche Fehlziele, züchterische Verantwortungslosigkeit und letztlich Respektlosigkeit gegenüber dem Hund zu einer derartigen Degeneration und Deformation unserer Vierbeiner gekommen ist.

  • Es ist schon längst überfällig, in der Hundezucht eine Wende einzu­leiten.
  • Es ist schon längst überfällig, die Interessen des Hundes zu ­vertreten.
  • Es ist schon längst überfällig, das Hundewesen zu reformieren. 
  • Es ist schon längst überfällig, wissenschaftliche Erkenntnisse in der Zuchtpraxis zu berücksichtigen.
  • Es ist schon längst überfällig, tierschutzrechtliche Forderungen zu erfüllen.
  • Es ist schon längst überfällig, die Qualzucht-Ära endlich zu ­beenden.

Es wäre schon längst an der Zeit gewesen, eine Wende einzuleiten! Hoffen wir, dass es noch nicht zu spät ist!

Wie könnte eine solche Wende aus­sehen? Was kann und was muss man tun? Mehr darüber in einer der ­nächsten Ausgaben.

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