Von der Psyche unserer Hunde – Wesen und Struktur, Teil 1

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Manchmal fragt man sich, weshalb ein Hundetraining nicht fruchtet oder nach einer gewissen Zeit nichts mehr von der Mühe zu spüren ist, oder warum unser Hund plötzlich merkwürdiges Verhalten zeigt oder in Extremsituationen völlig unerwartet reagiert. Das könnte an seinem psychischen Innenleben liegen, vorausgesetzt, er ist medizinisch gesund. Das, was wir an Verhalten beobachten können, ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Denn bevor unser Hund etwas Sichtbares tut, gehen in ihm komplexe psychische ­Prozesse von­statten, die unsichtbar sind. Nun gibt es eine Möglichkeit, sich dem inneren Erlebnisraum unseres Hundes ein Stückweit zu nähern, damit wir diese verborgenen Ereignisse nachvollziehen können. Dazu müssen wir die Mensch-Hund Beziehung in einer 360°  ­Perspektive genauer betrachten.

Unsere Hunde fühlen und denken. Daran besteht kein Zweifel. Mit dem Entschluss der Wissenschaft, sich nur noch auf quantifizierbares Verhalten zu ­konzentrieren, nahmen die Untersuchungen, die sich mit der inneren Erlebniswelt unserer Tiere beschäftigten, etwa um die Mitte des ­zwanzigsten Jahrhunderts, ein Ende. Dies hatte damals sicherlich gute Gründe. Nun aber ist es wieder an der Zeit, uns dieser interessanten Aufgabe zu widmen. Einmal, weil das Wissen über die innere Erlebniswelt unseres Hundes zu einem besseren Verständnis seiner Natur im gemeinsamen menschlichen Lebensraum beiträgt, und aber weil wir ihm gerechter werden, wenn wir seiner Individualität und Persönlichkeit durch eine „spezielle Tierpsychologie" mehr Aufmerksamkeit und Beachtung schenken.

Unser Hund, zwischen Natur und Kultur
In der Welt der Hunde genießen ­unsere vierbeinigen ­Hausgenossen eine Ausnahmestellung. Betont ­spreche ich dabei von „unseren" ­Hunden, denn ihr natürlicher Lebensraum ist die menschliche Familie. Damit unterscheiden sie sich von anderen Hunden und ihren Verwandten, die entweder in freier Wildbahn leben oder am Rande der menschlichen ­Kultur an deren Vorteilen ­partizipieren. Diese Verschiedenartigkeit und die daraus folgenden sozialen Konsequenzen machen unseren Hund als Tier hierzulande einzigartig.

In unseren Breitengraden, und unter ähnlichen kulturellen Bedingungen, kann und darf sich kein Hund selbstständig ernähren oder von sich aus soziale Kontakte im Außen ­inszenieren. Bei der Erfüllung aller lebenswichtigen Bedürfnisse ist er auf unser Goodwill angewiesen. Schon deshalb ist auch seine Psyche nur in Bezug auf seine Beziehung zum Menschen zu verstehen. Unsere Hunde wurden absoluter Bestandteil der menschlichen Kultur, an die sie ihre Natur, vermutlich im Laufe einer gemeinsamen Entwicklung, anpassten. Dabei hält es auch die Wissenschaft für wahrscheinlich, dass sich durch den Einfluss des Menschen, im Rahmen einer möglichen kognitiven Koevolution, die Fähigkeiten unserer Hunde den Menschen zu verstehen, im Gegensatz zu seiner Urform, entsprechend verändert haben könnten.

Vom Helfer in Amt und Würden zum seelischen ­Begleiter
Viele Hunde erleichtern dem ­Menschen das Leben. Ob sie als Hüter von Nutztieren arbeiten, als Blindenführhund oder zum Schutz gegen ungeliebte Gäste. Die meisten von ihnen aber leben wohl als alltäglicher Begleiter und als Familienmitglied in unserem Haus, ohne besondere Aufgabe. In früheren Zeiten ging es überwiegend darum, die Leistungen von Hunden zu verbessern, da nicht selten die eigene Existenz von ihnen abhing. Heute wollen wir in erster Linie einen treuen Begleiter im Alltag. Mit den verschiedenartigen Gründen des Zusammenlebens haben sich auch unsere Einstellung und unser Ver­halten ihm gegenüber verändert.

Vom Wolf zum Hund und wieder zurück
Noch vor nicht allzu langer Zeit waren Wolf und Hund in unserem Verständnis ihrer Verhaltensweisen auf einer Linie. Wir adaptierten das Sozialverhalten der Wölfe nahezu eins zu eins auf unsere Hunde. Die Familie wurde zum Rudel und die primäre Bezugsperson zum Rudelführer. Diese Sichtweise hält sich noch heute hartnäckig in vielen Köpfen, obwohl die meisten schon weitestgehend davon abgerückt sind. Trotz vieldiskutierter Ähnlichkeiten auf den ersten Blick ist der Hund ein Hund und kein Wolf. Die wissenschaftliche Forschung liefert dafür genügend Hinweise.

Von der Tierpsychologie zur ­Ethologie
Menschen und Tiere fühlten sich stets miteinander verbunden. Auch in der Geschichte der Philosophie und Psychologie spielten sie eine große Rolle. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Tier­­p­sy­chologie eine „Hilfswissenschaft" der Humanpsychologie, die im Laufe der Zeit seltsame Blüten trieb. Dies führte schließlich dazu, dass man sich im Rahmen der Ethologie nur noch auf objektivierbares Verhalten be­schränkte. Das psychische Innen­leben der Tiere, die innere Erlebniswelt unserer Vierbeiner, war seither tabu.

Anthropomorphismus
Wer sich heute ernsthaft mit den Gefühlen und Emotionen von Tieren beschäftigt, bewegt sich auf dünnem Eis. Schon deshalb, weil wir ­unsere Tiere nicht nach ihrem Befinden befragen können. Anthropomorphismus, also die Vermenschlichung von Tieren, ist seit jeher ein Totschlag­argument für ungeliebte Fragen und Themen. Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass, wenn wir anfingen, uns den Gefühlen unserer Hunde zu nähern, wir Menschen mehr in die Diskussion geraten und es uns damit nicht mehr möglich ist, uns unserer Verantwortung zu entziehen. Natürlich müssen wir uns Begriffen bedienen, die wir normaler­weise in Zusammenhang mit uns Menschen verwenden, gleich wenn sie für ­Hunde eine andere Bedeutung haben. Denn sicher ist es unbestritten, dass die Qualität und die Bedeutung der Gefühle unserer Hunde andere sind als bei uns Menschen. Das biologische Verhaltensrepertoire beider Spezies und ihre emotionalen und kognitiven ­Ressourcen und Prozesse unter­scheiden sich. Gleichzeitig muss es überdies aus der menschlichen Evolution heraus eine Ebene in uns geben, die der der Tiere nicht unähnlich ist. Auch wenn die Qualitäten der Empfindungen unserer Hunde nicht den komplexen Ausformungen der Menschen entsprechen, sind doch die basalen Gefühle einander ähnlich.

Gleichwohl können wir uns den Gefühlen unserer Hunde nicht auf einem direkten Wege nähern, wie dies beim Menschen durch direkte ­psychologische Arbeit möglich ist. Deshalb müssen wir einen ­anderen Weg finden, die Psyche unseres ­Hundes zu verstehen.

Grundannahmen
1. Unser Hund ist von uns absolut abhängig
2. Unser Hund fühlt und denkt
3. Unser Hund lebt unterschiedliche emotionale Zustände
4. Die emotionalen Zustände ­unserer Hunde folgen einer gewissen ­Ordnung

Gefühle und Emotionen als ­Kommunikationsebenen
Viele Autoren und Wissenschaftler machen zwischen Gefühlen und Emotionen einen Unterschied. Und obwohl es in der Wissenschaft keine einheitliche Definition gibt, macht es für die Praxis Sinn, dass wir beide Begriffe und ihre Bedeutung voneinander abgrenzen. Während Gefühle eher unspezifisch wahrgenommen werden, sind Emotionen konkret und finden ihren Weg nach außen. Unser Hund kann sich nicht gut fühlen und uns dieses subjektive Gefühl durch sichtbares Ausdrucksverhalten mitteilen und dadurch, dass in uns Menschen wiederum Gefühle entstehen. Emotionen werden damit zur psychischen Verbindung innerer Erlebnisse zwischen Hund und Mensch. Emotionen sind Kommunikationsbrücken. Das heißt auch, sie üben auf uns Einfluss aus. Während Gefühle den inneren Dialog anstoßen, signalisieren uns Emotionen, in welcher Gemütsver­fassung sich unser Hund befindet.

Der innere Dialog
Auf den inneren Dialog werden wir im zweiten Teil dieses Artikels näher eingehen. Doch so viel sei hier schon gesagt: Bevor unser Hund seine Gefühle nach außen kehrt, hat in ihm etwas stattgefunden. Nämlich, dass er seinen inneren Gefühlszustand für sich und seine aktuelle Situation bewertet. Diesen psychischen Prozess nennen wir den inneren Dialog. Im zweiten Teil wird es darum gehen, uns diesem inneren Dialog näher zu widmen und ihn uns mit einer klaren und transparenten Ordnung verständlich und nachvollziehbar zu machen.

Es ist nur schwer verständlich, dass, wenn wir von kommunikativen ­Signalen sprechen, Emotionen keine Beachtung finden. Wenn wir sie genau betrachten, wirken sie schneller und intensiver als alle anderen Zeichen des Ausdrucks. Zum einen sind Gefühle und Emotionen ein wichtiger Grund, weshalb wir überhaupt mit Hunden zusammenleben, zum anderen halten sie das soziale Gefüge erst zusammen und sind insgesamt ein Gradmesser für die Qualität der Beziehungen innerhalb einer Familie.

Im Rahmen dessen, was wir bisher formulieren konnten, zeigt uns das emotionale Ausdrucksverhalten den inneren Zustand des Hundes, macht sichtbar, ob er sich wohl fühlt oder nicht. Dabei sollte stets das gesamte System in der Betrachtung stehen. Denn aggressives Verhalten kann je nach Hundepersönlichkeit und Anlage bekannter Weise sowohl aus Unsicher­heit heraus entstehen, einem generellen Unwohlsein, Schmerzen oder aus vielen anderen Gründen. Wenn wir Emotionen keine Beachtung schenken, können wir auch ­keine Rückschlüsse auf seinen inneren Zustand ziehen. Für unsere ­„spezielle Tierpsychologie" sind Emotionen ein wichtiger Gradmesser. Bei uns Menschen werden sie nicht nur über die physiologische Sinneswahrnehmung, durch Ausdrucksverhalten, erkannt, sondern sie werden erspürt. Das ist trügerisch, denn um uns ein einigermaßen ungetrübtes Bild zu machen, müssen wir uns über die eigenen Gefühle und Emotionen, und wann sie wie wirken, im Klaren sein. Vielleicht macht es dieser Umstand wenig attraktiv, sich mit Gefühlen und ­Emotionen zu beschäftigen, er ist aber für ein wirkliches Kennenlernen unserer Hunde unerlässlich. Davon abgesehen würde Hundeerziehung dann auch bedeuten, sich mehr mit der Psyche des Menschen am Ende der Leine auseinanderzusetzen. Emotionale Aktionen und Reaktionen sind psychische Muster, die identifiziert werden wollen. Dann sehen wir unseren Hund in der Praxis nicht mehr isoliert vom Menschen, sondern innerhalb des familiären Systems als gleichwertig und akzeptiert.

Das familiäre System mit Hund
Das Familiensystem mit Hund zeigt das Beziehungsnetz, in dem er lebt. In ihm findet permanent Verständigung statt, ob wir uns nun mit unserem Hund aktiv und bewusst ­beschäftigen oder nicht. Dies bedeutet auch, dass permanent Informationen ausgetauscht werden und, was noch viel wichtiger ist, dass diese auch Wirkung zeigen – wenn auch nicht immer unmittelbar. Komplexe ­Systeme an sich haben die Eigenschaft, sich immer irgendwie im Gleichgewicht zu halten und das auch auf der ­emotionalen Ebene. Wir alle wissen, dass, wenn sich innerhalb des familiären Regelsystems für den Hund etwas ­Gravierendes verändert, dies Einfluss auf ihn haben wird. Deshalb ist es beispielsweise sinnvoll, wenn ein Kind in die Familie kommt, mit unserem Hund entsprechend umzugehen, oder anders ausgedrückt, ihn darauf vor­zubereiten, dass sich das System Familie nun verändert und er trotzdem seinen Platz behält.

Hundebild
In der Psychologie hat jede Theorie eine Idee von dem Objekt, mit dem es sich beschäftigt. Wir können unsere Hunde von vornherein ganz unterschiedlich betrachten, was schon in der Geschichte der Tierpsychologie zu zum Teil unüberwindlichen Differenzen führte. Dies hat nebenbei bemerkt den Grund, dass es sich in dieser Tiefe um ganz persönliche und private Weltanschauungen handelt. Es geht dabei schon um philosophische Fragen des Seins und wenn wir die teils hitzigen Diskussionen in der Hundewelt betrachten, können wir leicht Rückschlüsse darauf ziehen, wie tief die Ansichten über unsere Hunde in die menschliche Persönlichkeit eingreifen. Das Bild, das wir von unseren Hunden haben, entscheidet nicht zuletzt auch darüber, wie wir mit ihm zusammen leben und wie wir uns ihm gegenüber verhalten. Besonders in Konfliktsituationen können wir feststellen, ob dieses Bild tatsächlich etabliert ist oder aber unser Wunschbild ist. Dabei geht es um so entscheidende Fragen, die ich etwas lapidar stellen möchte, wie: Ist unser Hund ein Familienwolf? Möchte er uns mit aggressivem Verhalten innerhalb der Familie dominieren oder fühlt er sich eher unsicher, grenzenlos? Jagt unser Hund, aus seiner wölfischen Geschichte heraus, oder weil er Spaß daran hat sich auszutoben, oder will er uns (aus systemischer ­Perspektive) zeigen, dass er Grenzen braucht? Gestehe ich meinem Hund Gefühle zu und wie gehe ich damit um, wie kommen sie zustande und modellieren sie sich? Mache ich mir überhaupt Gedanken darüber? Und dabei wird es noch um viele weitere Fragen gehen. Es ist für uns eine gute Übung darüber nachzudenken, wie wir unseren Hund sehen und wie wir mit unserer Überzeugung in der Praxis umgehen. In jedem Fall ist unser Hundebild Grundlage dafür, wie wir mit ihm zusammen leben und uns mit ihm verhalten.

Von der Seele zur Psyche
Tiere, besonders die, die ­unmittelbar in der menschlichen Umgebung leben, weckten beim Menschen schon immer ein besonderes Interesse. Bevor die Tierpsychologie methodisch wurde, kursierten viele philosophische Ansätze. Von der Antike an sprachen viele große Denker unseren Tieren eine Seele zu (Psychologie, als Wissen­schaft von der Seele). Dies nahm mit der Strukturierung der ­Folgewissenschaft Psychologie langsam ein Ende. Wer heute noch von der Seele der Tiere spricht, wird allenfalls skeptisch beäugt. Davon abgesehen ist der Begriff der Seele seit Jahr und Tag Gegenstand wilder ­Spekulationen. Schließlich ging es um Greifbarkeit, auch unsichtbarer Dinge, an die wir glauben, mit denen wir leben, aber uns schwer tun, mit ihnen zu ­arbeiten. Dies liegt sicher nicht zuletzt an unserem wissenschaftlichen Anspruch, der viele notwendige Themen verständlicher­weise nur schwer zulässt. Doch er soll uns deshalb nicht davon abhalten, uns auch mit den wichtigen Themen zu beschäftigen, die diesem Anspruch derzeit noch nicht genügen. Da ist guter Rat teuer.

Bevor sich nun die eigentliche Tierpsychologie, die noch versuchte die innere Welt der Tiere zu erforschen, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verabschiedete, gab es vielversprechende Ansätze einer Umschreibung ihrer Aufgabe in ihren Grund­zügen. So formulierte J. A. Bierens De Haan, ein niederländischer Biologe, im Jahre 1935, in einer Abhandlung zur theoretischen Biologie, auf ­seine ­formulierte Frage hin nach dem Objekt der Tierpsychologie: „…, dass Objekt der Psychologie, des Menschen sowohl wie der Tiere, die subjektiven Erscheinungen bei diesen Wesen sind: das sind solche Erscheinungen, die gebunden sind an ein Subjekt, an ein Ich."

Unter weiter heißt es, seinen Kollegen Claparède zitierend: „Die Tierpsycho­logie muss ein psychisches Leben, wie rudimentär es auch sei, bei jedem Tiere voraussetzen, denn sich mit der Tierpsychologie beschäftigen heißt ja eigentlich jedes Tier als ein Subjekt betrachten."

Die Psyche unseres Hundes ist demnach etwas sehr Eigenes. Dabei geht es um die innere Erlebniswelt genauso wie um die sichtbaren ­Äußerungen. Erlebnisse im Rahmen der ­biologischen Schranken eines jeden Individuums sind subjektiv und einzigartig. Und genau darum geht es: Um die subjektive Erlebniswelt unserer ­Hunde und wie sie sich, unter welchen ­sozialen Umständen, nach außen zeigt. Mit all ihrer Einzigartigkeit und ­Nuancen. Wir wollen Rückschlüsse darauf ziehen, in welcher emotionalen Verfassung unsere Hunde sind und einen Weg finden, ihrer sozialen Position und ihrem Wert in der Familie gerecht zu werden. Wir wollen nicht gegen sie kämpfen, weil das diese Idee nicht zulässt, sondern wir wollen fürsorglich und sensibel auf sie reagieren. Diese „spezielle Tierpsychologie" ­liefert die Gründe und Erklärungen, die Wege dafür, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Unsere Hunde sind Persönlich­keiten
Ein logischer Schluss dessen, was bisher gesagt wurde, ist, dass jeder Hund eine individuelle Persönlichkeit ist. Seine Grenzen, diese zu leben, sind seine Anlagen, seine Biologie als Hund, und schließlich werden diese innerhalb der Familie entwickelt. Es sind einige Versuche erfolgt, wie wir die Persönlichkeiten von Hunden kategorisieren können. Anhand unserer Grundannahmen und Voraussetzungen können wir uns nun daran machen, die eine Persönlichkeit von einer anderen abzugrenzen. Dieser spannenden Aufgabe werden wir uns im zweiten Teil widmen. Bislang können wir aber festhalten, dass auf Grund der unterschiedlichen psychischen Entwicklung auch verschiedene Persönlichkeiten erkennbar sein müssen. Dabei handelt es sich um differenzierte Verhaltensmuster, in denen Fühlen und Denken mit eingeschlossen sind. Wir ­möchten aber auch ihre Beziehung zu uns Menschen berücksichtigen und das bedeutet in unserem Zusammenhang, die Gründe für ein Verhalten. Für die Zukunft bedeutet das eine große und kontroverse Herausforderung, weil die Denkansätze eng mit dem Bild, das wir über unsere Hunde haben, zusammenhängen. Um genauer darauf eingehen zu können, müssen wir die psychischen Prozesse näher kennen lernen und auch die Prozesse, wie diese verarbeitet und abgespeichert werden und wie sie sich innerhalb der inneren Erlebniswelt etablieren, um schließlich als Persönlichkeitsmerkmal charakterisiert zu werden.

Tierschutz
Die Beschäftigung mit der Psyche unserer Hunde ist praktizierender Tierschutz. Es soll uns nicht nur darum gehen, ob ein Hund „funktioniert", sondern mehr um seine Lebensqualität in seinem menschlichen Lebensraum. Wir wollen alle, dass es unseren Hunden mit uns gut geht. Nur, was heißt das letztendlich und was bedeutet unsere Einstellung ihm gegenüber und unser Verhalten für den Hund? Funktionieren und ­Wohlfühlen sind nicht ein und dasselbe. Ein Hund, der immer das tut, was wir von ihm erwarten, und sich dann gut fühlt, wenn er dafür Bestätigung erhält, fühlt sich in seiner Haut nicht zwangsläufig wohl. Aber genau damit wollen wir uns künftig beschäftigen. Mit der Lebensqualität unserer Hunde. ­Freilich schließt dies nicht aus, dass unser Hund ein integrativer und ­unauffälliger Bestandteil unserer Familie und der Gesellschaft sein soll, um nicht die Gemüter derer zu er­hitzen, die ihm nicht wohlgesonnen sind oder um ­keinen unnötigen Schaden anzu­richten. Uns geht es dabei um Wertschätzung ihm gegenüber und darum, unserem eigenen Verhalten mehr und mehr Beachtung zu geben.

Ausblick
Unsere Hunde haben zweifelsohne Gefühle und sie denken. Die ­Psyche ist nicht bei all unseren Hunden gleich, sondern sie entwickelt sich ­innerhalb der Mensch-Hund Be­ziehung ganz individuell. Nehmen wir dies in Betracht, können wir am Ende ­Persönlichkeiten identifizieren, weil typische Verhaltensmuster, jenseits der Biologie, uns dies ermöglichen. Viele Verhaltensweisen sehen auf den ersten Blick gleich aus. Doch haben sie unterschiedliche Gründe. Angst ist nicht gleich Angst, genauso wie Aggressionen nicht gleich Aggres­sionen sind. Angst kann sowohl bio­logische Ursachen haben, einfach um physisch zu überleben, ebenso wie Aggressionen. Doch beide Gefühlseinheiten können auch psychischer Natur sein. Für die Zukunft bedeutet dies eine individualisierte Herangehensweise an so genannte Ver­haltensauffälligkeiten, aber auch eine spezialisierte Pädagogik der Hundeerziehung. Und was für unsere Arbeit sehr wichtig ist: wir Menschen ­werden unbedingter Bestandteil dieser Überlegungen. Den hauptsächlichen Grund hierfür haben wir beschrieben. Unsere Hunde sind von uns Menschen existenziell abhängig. Somit gelten Mensch und Hund als eine ­psychische Einheit. Hunde isoliert, ohne ihre Beziehung zu uns zu betrachten, macht aus psychischer Sicht keinen Sinn. Diese ­„spezielle Tierpsycho­logie" möchte eine ­Synthese, die die ­Verhaltensbiologie mit einschließt. Beide Disziplinen werden in der Zukunft mehr Verständnis für unsere Hunde ­etablieren, eine ganzheitliche Sicht, die der sozialen und ­psychischen Situation innerhalb der Familie gerecht wird, um so den Persönlichkeiten unserer Hunde Rechnung zu tragen. Dadurch können wir mehr Disziplin und Auseinandersetzung im Umgang fördern und die ­Diskussionen, wie wir unsere Hunde sehen und behandeln können, weiter am Leben ­halten. Dabei muss es uns durchaus bewusst sein, wie kontrovers ­diese ­Diskussionen werden ­können, da ­Qualität im Zusammenleben nicht messbar ist und damit auch nicht für allgemeingültig erklärt werden kann. Doch das soll uns nicht davon ab­halten, weitere Schritte zu gehen.

Im zweiten Teil dieses Artikels nähern wir uns weiter der Psyche unserer Hunde an, zeigen ihre innere Ordnung und wie sich die Persönlichkeit ­unseres Hundes innerhalb seiner Familie ­entwickelt.

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