Von Hunde-Unis und Kyno-Akademien …

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Ein guter Hundetrainer zu sein, ist ein anspruchsvoller und ehrbarer Beruf. Doch vielen ist das heute nicht mehr genug. Auch scheint der Mitbewerb manche gute oder auch weniger gute
Hundeschule dazu zu zwingen, sich „Hundeakademie“, „Hunde-Uni“ oder sonstwie zu nennen, und der Hundetrainer wird zum Hundepsychotherapeutenverhaltenspsychologencoach. Eine kritische Bestandsaufnahme von Klaus Haumann.

Wer kennt sie nicht, die mannigfaltigen Angebote rund um die Hundeausbildung und Erziehung unserer geliebten Vierbeiner. Schon bei einer kurzen Reise durch das Internet auf der Suche nach einem Hundetrainer, egal ob für den Welpen, Junghund oder den so genannten verhaltensoriginellen Problemvierbeiner, stolpert man zuhauf über genau so kreative wie waghalsige Berufsbezeichnungen der Hundeschulen und ihrer Trainer. Unter den Top-5 ist hier sicherlich das „Zentrum für natürliche Kommunikation“ zu nennen. Wer sich nun fragt, was dazu im Gegensatz die unnatürliche Kommunikation wäre, hat die bedeutungsschwangere Intensität dieser Berufsbezeichnung wohl nicht genug gewürdigt.

Hundeschule reicht nicht mehr?
Es reicht also scheinbar nicht mehr aus, einfach „nur“ Trainer zu sein, was an sich schon mit einem deutlich höheren Ausmaß an Ausbildung verknüpft ist, sondern der geneigte Rezipient erstarrt nun oft vor den unglaublich beeindru­­ckenden Berufsbezeichnungen wie zum Beispiel Hundepsychologe, Hundeverhaltenstherapeut oder auch Tiertrainer mit Schwerpunkt der Verhaltensmodifikation etc. Eine Hundeschule darf auch nicht mehr einfach „nur“ eine einfache Hundeschule sein. Da muss es schon gleich eine Akademie oder das Dog- Coach-Zentrum oder gar gleich die „Hunde“-Uni sein.

Hat man dann ein Angebot entdeckt und man besucht nun deren Webseite, erfährt man sogleich die mannigfaltigen Schwerpunkte des hier agierenden Ausbilders und/oder seines Teams. Es wird nicht gegeizt mit hochfahrenden Titeln und damit einhergehendem Fachwissen rund um die Vierbeiner und das berühmte ­andere Ende der Leine. Seit ein paar ­Jahren setzt man sich mehr oder minder erfolgreich vom Mitbewerber ab, wenn der Halter gleich mittherapiert wird. Man ist ja schließlich auch Psychotherapeut für Hunde und da kann das praktischerweise gleich miterledigt werden. Kompetenzen scheinen mehr als genug vorhanden, wenn auch in der Regel nur auf einem einzelnen Wochenendseminar mal kurz erworben. Zumindest der eigenen Wahrnehmung nach sollte das allemal ausreichen.

Dass die oben genannten Berufsbezeichnungen oftmals geschützt sind, wie zum Beispiel die Berufsangabe Verhaltenstherapeut, scheint nur sehr marginal bekannt zu sein. Ebenso, dass es rechtlich sehr fragwürdig ist, diese so inflationär zu benutzen und es im Falle einer Verfolgung recht bitter für die eigene Geldbörse werden kann, scheint zu den meisten dieser Trainern noch nicht durchgedrungen.

Was allerdings viel schwerer wiegt ist die Tatsache, dass eine immer größer werdende Gruppe Hundetrainer vorgaukelt, ein Fachwissen zu besitzen, was ihnen faktisch gar nicht zugänglich ist.

Alter Wein in neuen Schläuchen
Die wenigsten Trainer haben je eine Uni von innen gesehen oder gar Psychologie studiert oder eine Ausbildung in ­Verhaltenstherapie absolviert. Das ­Wissen, welches sie in der Regel haben, ­generieren sie aus Büchern, die nur zu oft von Laien geschrieben wurden, die sich ebenfalls nur durch Lesen von mehr oder minder anspruchsvollen Quellen ihren Wissenstand erarbeitet haben. Hier sei nur auf die vielen Ratgeber für ­Hundetrainer stellvertretend ­hingewiesen.

Hinzu kommt in letzter Zeit der ein oder andere zwar tatsächlich studierte „Therapeut“, ein Psychologe, der in Ermangelung einer eigenen Praxis oder einer Kassenzulassung zur fundierten Ausübung eines Therapeutenberufs sich aber dann für geringes Entgelt einer mehr oder minder namhaften Hundeschule anschließt und nun mit seinem Wissen seine prekäre Lage versucht in den Griff zu bekommen. Ähnliches gilt hin und wieder auch für einzelne Wissenschaftler wie z.B. Biologen, die ebenfalls in Ermangelung einer Anstellung in ihrem Fachbereich ein teilweise hanebüchenes Unwesen an Ausbildungsinstituten für Hundetrainer treiben.

Da momentan die Hundeschultrainer auf dem Trip sind, sich quasi als Wissenschaftler zu gerieren oder zumindest einen wissenschaftlichen Anspruch haben, ernährt sich der wenig erfolgreiche Therapeut letztendlich nicht besonders gut, aber dennoch auskömmlich durch mannigfaltige Workshops und Seminare.

Dass dabei oftmals nur alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird, erschließt sich dem geneigten Bezahler allerdings nicht auf den ersten Blick. In den entsprechenden Workshops werden hier nicht selten veraltete Theorien aus dem humanen Bereich der Verhaltenstherapie, Psychologie oder der einfachen Kognitionsforschung einfach recht rudimentär auf unsere Caniden angewandt. Dass diese Theorien sehr oft älter als 30 Jahre sind und im Humanbereich schon längst als überkommen angesehen werden, kann der Workshopteilnehmer nicht einmal erahnen. Wie denn auch, wenn man dieses Fachgebiet in Ermangelung eines Studiums nun mal nicht überbli­­cken kann.

Abheben vom Mitbewerb
So tradiert der durchaus engagierte Trainer angebliches Wissen und suggeriert damit den Kunden eine Kompetenz, die er oder sie schlichtweg nicht besitzt und auch nicht besitzen kann. In jedem anderen Berufszweig wäre dies ein Anlass für einen Haufen von Klagen, denn nicht umsonst gibt es in den verschiedenen Berufsständen so etwas wie Regeln, Vorschriften und Gesetze, die eine Berufsausübung und eine Anerkennung in diesem Bereich arbeiten zu dürfen, reglementieren. Dass das Vorgehen so manch eines Trainers also schlichtweg Scharlatanerie ist, mag der ein oder andere so nicht nennen wollen, ist aber im Kern letztlich richtig.
Dieser Teil der Hundetrainer ist durch viele verschiedene Gründe auf dem falschen Weg. Gut gemachte Werbung der Dozenten und Ausbildungsinstitute, der eigene Anspruch, besser zu sein, hoher Anspruch der Kunden oder einfach, um sich vom Mitbewerber werblich abheben zu können. Das alles ist ehrenwert und durchaus nachvollziehbar, führt aber schnell zu einem Rollenverständnis, das sich als gefährlich für Hund und Halter herausstellen kann.

Trainer als Humantherapeut?
Wenn es allerdings nur dabei bleiben würde, wäre dies etwas, das man durchaus auch vernachlässigen könnte, schließlich wird in der Werbung grundsätzlich meist etwas versprochen, was sich in der Realität nicht immer halten lässt. Viel schwerer wiegt dagegen ein Trend bei Trainern, der auf den ersten Blick sehr richtig und logisch ist: die Tendenz, den Menschen im Training in den Vordergrund zu stellen. Immer mehr Hundetrainer haben verstanden, dass es in Sachen Erziehung mit der Konditionierung des Hundes allein nicht weit her ist. Hier das soziale Tier Mensch mit all seinen Schwächen und Stärken im Fokus zu haben, ist demnach nur folgerichtig.

Wenn dies aber dazu führt, dass sich Trainer dazu aufschwingen, an und in der Psyche der Menschen herumzuwerkeln, kann dies durchaus brandgefährlich sein.

Nicht nur, dass an Hunden mit einem meist recht reduzierten wissenschaftlichen Know-how (Lerntheorien) herumgewerkelt wird, was eigentlich schon recht befremdlich wirkt bei unseren hochsozialen Hunden, schwingen sich mittlerweile immer mehr Hundetrainer dazu auf, Menschen zu coachen, Angstpatienten zu therapieren oder sogar Traumata bei Hund und Haltern oder sogar Kindern zu „bearbeiten“.

Was macht der durchschnittlich therapeutisch gebildete Hundetrainer dann, wenn er, ohne es zu ahnen, ein Trauma bei seinem Kunden triggert und dieser in eine psychologisch durchaus ernst zu nehmende Regression gleitet? Oder sein Kunde bekommt plötzlich heftigste Panikattacken, die durchaus mit einer gut gemeinten, aber mangels Fachwissen schlecht gemachten Intervention des Trainers in Zusammenhang stehen? Oder der Kunde ist einfach „nur“ in einer Depression und erleidet nach einer schlecht durchdachten Intervention eines Hundetrainers ein neuerlich starkes Auftreten depressiver Symptome und suizidiert sich wenig später, weil ich als einfacher Hundetrainer mit profundem Halbwissen einfach mal was losgetreten habe, ohne mir auch nur ansatzweise über mögliche Konsequenzen meines Tuns Gedanken gemacht zu haben?

Wie will der Hundetrainer dies in der Situation handeln und/oder darüber hinaus später auffangen? Geht das überhaupt? Wer hat als Hundeprofi nicht schon bei einem Gespräch mit Kunden erlebt, dass sie plötzlich und aus unerfindlichen Gründen emotional völlig aus dem Häuschen und vor lauter Weinen zu nichts in der Lage mehr waren? Wir kennen alle Situationen, in denen der Kunde plötzlich wie absent wirkt und auf keine Ansprache mehr reagiert. Oder wo Kunden aus unerfindlichen Gründen plötzlich nicht mehr kommen oder nicht mehr kommen können, weil sie es einfach psychisch nicht mehr aushalten, sich mit der momentanen Problematik des Hundes und deren Bezug zu ihnen selbst auseinander zu setzen?

Grenzen erkennen
Gerade auch bei Hunden, die im Bereich Aggression auffällig werden, haben die Menschen einen enormen Druck auszuhalten und leiden oft schon lange unter der Situation. Selbstzweifel, Versagensängste und Druck aus dem Umfeld machen die Sache nicht einfacher und manch ein Mensch braucht schon enorm viel Mut, um überhaupt einen Fachmann aufzusuchen. Wenn man in solchen (Ausnahme-) Situationen von einem vermeintlichen Fachmann einen Rat erhält, wird dieser in der Regel befolgt, ohne zu ahnen wie gefährlich das für einen selbst werden kann.

Und hier hilft nicht, dass man sich als Hundetrainer mäßig erfolgreich als Therapeut versucht oder sogar eine Therapie für Hund und Halter ausdenkt. Hier hilft kein vermeintliches Fachwissen aus dem Bereich Psychologie und schon gleich gar nicht die erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zum Neurolinguisten oder anderer Formen des Coachings.

Das Einzige was in solchen Fällen wirklich hilft sind Empathie, soziales Gewissen und das Eingeständnis, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben muss. Alles andere wäre nicht ethisch und schon gar nicht vertretbar.

Fazit
Ein einfacher Hundetrainer zu sein ist schon anspruchsvoll genug und obendrein ein ehrbarer Beruf. Wer sich dessen besinnt, wird mit dieser Erkenntnis Erfolg haben und lange erfolgreich bleiben. In diesem Sinne bleibt was Ihr seid: Einfach Hundetrainer!

Pdf zu diesem Artikel: hunde_unis

 

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Klaus Haumann
Klaus Haumann, Jahrgang 1963, betreibt seit mehr als 10 Jahren die Hundeschule canis familiaris – die traditionelle Hundeschule in Witten. Er ist geprüfter Sachverständiger LHundG NRW, Ausbilder, Dozent, Autor, Jäger und passionierter Terrierbesitzer. Klaus Haumann, Durchholzer Straße 136a 58456 Witten, Tel: +49 178 1819431 www.canis-f.de

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