Von Wölfen, Hunden und deren Menschen

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Das von den drei Wissenschaftlern Kurt Kotrschal, Friederike ­Range und Szófia Virányi geleitete international ­renommierte Wolfsforschungszentrum (Wolf Science Center) im nieder­­­­öster­reichischen Ernstbrunn bedarf auch vieler freiwilliger ­Mit­arbeiterInnen. In diesem Teil der exklusiven WUFF
WSC-Serie kommt eine solche Mitarbeiterin zu Wort. Wie kam Sigrid Schmutzer zum WSC, wie ist ihre Sicht und wie läuft es hinter den Kulissen ab?

Ins Rollen kam mein Engagement am Wolf Science Center (WSC) eigentlich durch Pila, mein Hundemädchen. Sie ist der erste Hund, mit dem ich mein Leben teile, gemeinsam mit meiner 15 Jahre alten Katze Putzi. Als ich Pila vor gut acht Jahren vor einem ungewissen Schicksal in der Oststeiermark gerettet hatte, war sie gerade einmal 12 Wochen alt. Sie war misstrauisch und ließ sich nur ungern berühren – ganz im Gegensatz zu unseren WSC-Tieren, die im Vertrauen zu Gott und der Welt – vor allem zu Menschen – aufwachsen dürfen. Ich wollte unter allen Umständen Pilas Herz und ihr Vertrauen gewinnen. Schnell erkannte ich, dass die Fachbibliothek, die ich mir zugelegt hatte, wenig mit der Realität einer echten Mensch-Tier-Beziehung zu tun hatte. Das Basiswissen aus Biologie und Zoologie ist zwar hilfreich, die Qualität einer Beziehung spielt sich aber auf emotionaler Ebene ab. Beziehung kann man nur beschränkt lernen, man spürt sie vor allem.

Das „Clever Dog Lab"
Als Pila 5 Jahre alt war, las ich durch Zufall einen Artikel über das ­„Clever Dog Lab" der Universität Wien. Friederike Range und Zsófia Virányi suchten nach Probanden: Hund mit Herrchen oder Frauchen, zwecks kognitiver Verhaltensstudien. Sofort dachte ich: Das wär‘s! Ich hatte ohnehin immer das Gefühl, dass Pila unterfordert ist und viel mehr Anreiz benötigt, um ihr Potenzial ausschöpfen zu können. Also meldete ich uns an. Im Oktober 2009 schließlich entdeckte ich eine Überraschungspost in meiner Mailbox: Den ersten Newsletter des Wolfsforschungszentrums ­Ernstbrunn. Absenderin: Friederike Range. Bevor ich ihn noch öffnete, war ich schon aufgeregt. Instinktiv spürte ich: Das war etwas Besonderes! Und als ich diesen ersten WSC-Newsletter las, erwachte plötzlich wieder mein Interesse an der vergleichenden Verhaltensforschung von Konrad Lorenz, die mich viele Jahre meines Lebens intensiv begleitet hatte. Da war es, das Projekt meiner Jugendträume! Zugleich aber wurde mir bewusst, dass ich keinerlei naturwissenschaftliche Ausbildung absolviert hatte. Mein Background war ein Theaterwissenschaftsstudium und jahrzehntelanges Pharmamarketing mit Schwerpunkt Süd-Ost-Europa. Was also tun? Am Ende des News­letters wurde – natürlich – nach Sponsoren gesucht. Zum ersten Mal tat es mir leid, keine Millionärin zu sein. Außerdem war ich gerade – wie viele andere meiner Kollegen auch – nach einer Fusion zweier Pharmafirmen wegrationalisiert worden. Das bedeutete Geldmangel, aber Freizeit. Und die bot ich spontan Friederike Range in meinem Antwortschreiben an.

Ein Pionierprojekt
Im Laufe des Winters wurde ich dann zu einem runden Tisch nach ­Ernstbrunn eingeladen. Ich spürte unterschiedlichste Erwartungen. Es war klar, dass Friederike intensiv auf der Suche nach aktiven Mitarbeitern war, denn das WSC war ein Pionierprojekt und stand noch ganz am Anfang. Die Geldmittel waren – und sind – dürftig. Das WSC wird privat geführt und Wirtschaft ist bekanntlich die Kunst des Haushaltens mit knappen Mitteln. Auf Grund meiner Berufserfahrung könne sie sich meinen Einsatz im Marketing gut vorstellen, meinte Friederike. Kurt Kotrschal, dem unter anderem die Didaktik ein besonderes Anliegen ist, erläuterte seine Vorstellungen von Wissens­vermittlung nach außen – durch Führungen und andere Aktivitäten.

Nach kurzer Bedenkzeit bat ich da­rum, am Didaktikprogramm teilnehmen zu dürfen. Ich bot an, zwei Sonntage im Monat alle Führungen zu übernehmen. Das setzte voraus, dass ich das Projekt zuerst kennenlernen und „hinter die Kulissen" schauen musste. Und seitdem ich damit anfing, komme ich aus dem Staunen und dem Lernen nicht mehr heraus. Rasch wurde mir bewusst, dass ich Neuland betreten hatte, und zwar in vieler Hinsicht.

Natürlich stand, besonders am Anfang, das Beobachten der herrlichen Tiere im Vordergrund. Schnell ertappte ich mich jedoch dabei, dass mein „Zugang" ein anderer war als der der Wissenschaftler. Die analytische Auswertung von Daten, der Fokus auf eingegrenzte Fragestellungen irritierte mich etwas. Ich war – wie wohl die meisten ­Menschen – sehr auf „ganzheitliche Verhaltensforschung" eingestellt gewesen. Gleichzeitig konnte ich mein dringendes Bedürfnis nach Diskussion und „in Frage stellen" nicht wirklich befriedigen. Da das Wolfsforschungszentrum ein wissenschaftliches Institut ist, musste ich mich also zurücknehmen und lernen, die Vorgaben zu akzeptieren so wie sie sind, und den zahlreichen Besuchern das Projekt möglichst objektiv – vom Fokus der Kognitionsforschung her – zu erklären. Das Interesse, das uns entgegenschlägt, ist wirklich enorm. Da ich selbst nicht unter Zeitdruck stehe, genieße ich es, auch nach meinen Führungen Fragen zu beantworten, und ich konnte dabei schon manch interessante Persönlichkeit kennen lernen.

Gruppendynamik im Team
Auch die Gruppendynamik unter den einzelnen Teammitgliedern des WSC unterscheidet sich von der, die ich bis dahin beruflich gewohnt war: Da sind zuerst einmal die drei ForscherInnen, die sich zu einer Art „Schicksalsgemeinschaft auf gleicher Augenhöhe" zusammengetan haben: Friederike Range, Zsófia Virányi und Kurt Kotrschal gründeten das WSC und leiten es gemeinsam. Dann gibt es die Gruppe der Trainerinnen, denen durch ihre tägliche Arbeit die Tiere am engsten vertraut sind. Sie stammen aus Ungarn, Deutschland, Österreich und Großbritannien.

Auch die TrainerInnen sind – so wie die drei ForscherInnen – in ihrer ­Persönlichkeit sehr unterschiedlich. Sie versuchen natürlich möglichst gleichartig und mit derselben Einstellung mit den Tieren zu arbeiten, was eine extrem große Herausforderung für alle darstellt (Ausspruch von Kurt Kotrschal: „Wölfe und Hunde sind bekanntlich auch nur Menschen …"). Die Gehege werden von Alex ­Reitmayr vorbildlich betreut.

Und da ist noch die Gruppe der StudentInnen, die im Falle von Diplomarbeiten oder Projektmitarbeit im Schnitt 3-4 Monate bleiben. Einige junge Wissenschaftler, DissertantInnen oder Post Docs, die ein größeres Projekt zu betreuen haben, bleiben auch länger. Ja, und schließlich die Voluntäre: Ihre Anzahl wurde inzwischen etwas größer, ihr Aktivitätsspektrum auch. In den Sommermonaten gibt es unter der Woche neben den Sonntagsführungen viele Privat- und Schulführungen.

Enthusiasmus und Engagement
Es werden Managerseminare in Zusammenarbeit mit den „Management Pilots" angeboten, „Howl Nights" mit Wolfsgeschichten am Lagerfeuer – nahe den Wölfen; sowie exklusive VIP-Führungen, Wolfs­spaziergänge und Foto­shootings – also ein Tag in den Rudeln. Ge­legenheit zum direkten Kontakt mit den Tieren gibt es für uns Freiwillige in den „Pack Meetings", die regelmäßig vor dem wöchentlichen Jour fixe abgehalten werden – gemeinsam mit den gerade anwesenden Trainern und Forschern.

Auch die Gestaltung der WSC-Homepage ist eine kreative Herausforderung für alle. Zusätzlich habe ich vor ein paar Monaten einen „WSC-Internen Info-Service" über aktuelle Medienberichte, wissenschaftliche Publikationen und Web News ein­gerichtet – unter dem Titel : „Von Wölfen, Hunden und deren Menschen". Darunter fallen u.a. Themenbereiche wie Tierschutz, Mensch-Tier-Beziehung und natürlich alles, was über das WSC in den Medien erscheint.

Sämtliche Mitarbeiter, ob ForscherInnen, TrainerInnen, StudentInnen, Angestellte oder Freiwillige – sie alle bringen ein unglaubliches Maß an Enthusiasmus und Engagement mit. Das ist das, was mich am allermeisten fasziniert! Und dieses enorme Potenzial an leidenschaftlicher Begeisterung der Menschen für dieses Projekt spüren auch die Tiere im WSC. Durch die Handaufzucht ist es ihnen möglich, ein Urvertrauen zu den Menschen aufzubauen. Aber erst die ­kontinuierliche positive Zuwendung und Betreuung durch ihre mensch­lichen Bezugspersonen ermöglicht es ihnen, so stressfrei wie möglich zu leben, und wie man aus der Neurobiologie weiß, sind nur unter solchen Voraussetzungen optimale Ergebnisse für die Kognitionsforschung zu erwarten.

WSC: Freiwillige Mitarbeiter gesucht

Freiwillige werden vom Wolf ­Science Center (ein wissenschaftlicher Verein) immer benötigt. Wir brauchen Helfer, die älter als 18 Jahre sind und die Wölfe und Hunde dabei unterstützen wollen, den Menschen mehr über sich und ihr Leben näher zu bringen. Wenn Sie das Talent haben mit Menschen zu sprechen, wenn Sie gerne den Tieren nahe sind und sich auch gerne in der Natur aufhalten, wenn Sie ein Mitglied eines motivierten und internationalen Teams sein wollen, und wenn Sie Freizeit haben, die Sie regelmäßig in Ernstbrunn verbringen können, werden Sie es genießen, ein Teil des WSC zu sein! Wollen Sie mehr über die Forschung und das Training mit den Tieren am WSC erfahren, und wollen Sie die Wölfe und Hunde einmal die Woche treffen? Werden Sie ein Tour-Guide (d.h. führen Sie Besuchergruppen in 1,5 Stunden langen Spazier­gängen durch den Wildpark), helfen Sie in unserem Shop aus oder bei Veranstaltungen wie zum Beispiel unseren Howl-Nights oder Foto­shootings.

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