Dr. Hellmuth Wachtel: 1925 – 2015 – Ein Nachruf

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Als er geboren wurde, schafften seine Eltern, die am Stadtrand von Wien wohnten, eine Kuh für ihn an. Man wollte sicher sein, dass das Baby tuberkulosefreie Milch erhalte. Das hat er mir zumindest so erzählt. Schon als Kind hat er versucht, seinem Hund Kunststücke beizubringen, und noch mit über 80 Jahren ging er mit dem Hund seiner Tochter mehrmals in der Woche laufen. Kaum jemand hatte ein derart großes, fast enzyklopädisches Wissen über alle wissenschaftliche Literatur über den Hund wie er, und noch mit 90 Jahren konnte er sich im Internet bewegen, wie kein anderer seines Alters. Er war ein starker und ausdauernder Kämpfer für die Gesundheit unserer Hunde, wollte das Hundeausstellungswesen refomieren, dem er die Hauptschuld für den Niedergang der Hunderassen gegeben hat. Vor 20 Jahren habe ich ihn erstmals getroffen, und seither hatten wir regelmäßigen Kontakt und viele lange und gute Gespräche über unsere Vierbeiner. Und nicht zuletzt konnte ich ihn für die Publikation vieler Artikel in WUFF gewinnen, die stets große Aufmerksamkeit errungen haben, einige von ihnen mit schon legendärem Ruf. Am 24. Oktober 2015 ist er mit 90 Jahren gestorben: Dipl. Ing. Dr. Hellmuth Wachtel.

Schon lange vor der Gründung von WUFF war in Hundefachkreisen ein Mann bekannt, der ein umfassendes Wissen um die jeweils aktuelle Wissenschaft zum Thema Hund hatte wie kein zweiter. Mit der Idee der Gründung eines Hundemagazins schwanger begegnete ich Dr. Hellmuth Wachtel im September 1995 im kleinen Städtchen Wissen im Westerwald, wo die Trumlerstation ihre jährliche Versammlung abhielt und stets interessante Vortragende dafür gewinnen konnte. Auch ich hatte seinerzeit das Vergnügen, dort u.a. über „Ethik in der Mensch-Tierbeziehung“ zu sprechen. Wachtels Vortrag über „genetische Aspekte des Sozialverhaltens von Hunden“ war gespickt mit wissenschaftlichen Daten und er sparte nicht mit Kritik an der gängigen Zuchtpraxis.

Heutige Hundezucht ist genetischer Massenmord
In der allerersten WUFF-Ausgabe, die im Januar 1996 erschien, schrieb ich über seinen Vortrag: „Wenige Rüden auf vielen Hündinnen, wie es häufig praktiziert wird, ist genetischer Massenmord. Durch zahlreiche Diagramme bewies Dr. Hellmuth Wachtel seine Aussage. Die genetische Variabilität sollte mehr forciert werden, was die Bedeutung der Teamarbeit in der Hundezucht unterstreicht. Wie Wachtel berichtete, wurden in verschiedenen Tests Wolf und Hund verglichen, wobei der Wolf im Labyrinthtest besser abschnitt als der Hund, im Ruhigstellungs- und Leinenführigkeitstest hingegen der Hund besser als der Wolf. Lässt sich daraus auf eine Reziprozität von Intelligenz und ‚Abrichtbarkeit‘ schließen? Ist also der am besten ausbildbare Hund der dümmste? Dies wird von Dr. Wachtel verneint, da in diesen Tests nur einige wenige Hunderassen untersucht wurden und daher derart generalisierende Aussagen nicht zulässig erscheinen.“ So mein kurzer Bericht über Wachtels Vortrag.

Aggression durch Zucht beeinflussbar
Im selben Heft kam aber auch er selbst zu Wort. Unter dem Titel „Die Einwirkung von Zuchtmaßnahmen auf die Aggressivität“ wies Wachtel nach, dass es sich bei der Aggressivität ebenso wie bei der Scheuheit um „relativ hochvererbliche Eigenschaften“ handelt. Das bedeutet, dass bei Wegfall einer Zuchtauslese für gesteigerte Aggressivität diese Eigenschaft in der Nachzucht relativ rasch verschwindet. Als Beispiele dafür nannte Wachtel den Deutschen Boxer und die Englische Bulldogge. In beiden Fällen sei es durch gezielte Selektion gelungen, „dass es über Aggressionsprobleme mit einem Tier dieser Rassen heute nichts mehr zu lesen gibt“, so Wachtel in WUFF 1/1996.

Kritik am Ausstellungswesen
Wachtel hat die negativen Entwicklungen in der Hundezucht in WUFF stets sehr kritisiert und stets versucht, wenn schon nicht die Rassezuchtvereine auf ihn hören wollten, so wenigstens die großen Hundedachverbände in Österreich, Deutschland und der Schweiz zu Veränderungen in Zuchtregelungen und im Ausstellungswesen zu bewegen. So warf er bspw. in einem Schreiben an den Verein für das deutsche Hundewesen (VdH) diesem vor, die „gesundheitlichen Nachteile der Inzuchtdepression eben als Schicksal des Rassehundes“ in Kauf zu nehmen. Wachtel kritisierte in seinem Brief nämlich, dass es in der Hundezucht nur um den „Geschmack von Züchtern und Richtern“ ginge, dass Arbeitsleistung in der Zuchtwahl keine Bedeutung mehr habe und durch den extrem starken Einsatz von auf Ausstellungen prämierten Rüden die Inzucht vermehrt würde, was die Gesundheit und Lebensdauer der Hunde beeinträchtige.

Hunde sind Kulturgüter
Neben dem Leid, das eine solche Hundezucht sowohl für die kranken Tiere als auch deren Besitzer bedeute, würde damit das ursprüngliche Aussehen und die Leistungsfähigkeit der Hunderassen verschwinden. „Hunde jedoch sind Kulturgüter und müssten als solche erhalten werden“, so Wachtel, der auch mehrere Bücher geschrieben hat, darunter „Hundezucht 2000“.

Reform des Ausstellungswesens
Wachtel plädierte für eine Reform im Ausstellungswesen, um die Hundezucht dem „seltsamen Geschmack mancher Zuchtrichter, der Freunderlwirtschaft und der Korruption im Ausstellungswesen zu entziehen“, wie er mir immer wieder sagte. Denn dadurch würden gerade nicht die gesündesten Hunde prämiert. Er wollte, dass die Zuchtqualität eines Hundes – und ausschließlich darum ginge es auf Ausstellungen – durch ein Gremium von drei Personen bestimmt werde. Dabei sollte es sich um einen genetisch ausgebildeten Tierarzt, einen langjährigen erfahrenen Hundezüchter und einen kynologisch versierten Hundefreund (also eine Person aus den Reihen von uns Hundehaltern!) handeln.

Dr. Hellmuth Wachtel: RIP
Ich habe den alten Herrn in den 20 Jahren meiner zahllosen Treffen mit ihm liebgewonnen, gerade auch seine etwas umständliche Art, ein Gespräch zu führen. Er forderte immer viel Zeit ein, ihm genau zuzuhören, was er sagte. Zugleich aber war er seinerseits ein guter Zuhörer. Bei einem meiner letzten Besuche zeigte er mir – einmal mehr – stolz seine umfangreiche Sammlung wissenschaftlicher Publikationen über Hunde in mehreren Reihen dicker Ordner, genauso aber auch zahllose PDF-Dokumente auf seinem PC. Wir sprachen wieder einmal über seine Bücher, über aktuelle Entwicklungen und auch über zwei Artikel, die er für WUFF geplant und deren Textentwürfe er mir bereits gemailt hatte. Die letzten Monate war er dann allerdings ganz rasch vergesslich geworden.

Am 24. Oktober 2015 ist der letzte große Kynologe vom Stile eines Eberhard Trumler, Erik Zimen und Hans Räber im Beisein seiner Familie gestorben und am 12. November auf dem Friedhof Wien-Mauer zu Grabe getragen worden. Hellmuth Wachtel, Requiescat In pace!

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