Wann vertrauen uns Hunde?

0
2697

 

„Ein Lächeln bricht alle Widerstände“ – Mark Twain

Während der Mensch sich gerne für geheimnisvoll und ­vielschichtig hält, sind wir Zweibeiner für Hunde schon ­lange kein Buch mit ­sieben Siegeln mehr: Unsere Vier­beiner lesen unsere ­Gefühle oftmals besser als so mancher Mensch – doch was fangen sie ­eigentlich mit diesen Informationen an? Wie beeinflussen unsere oft schwer nachvollziehbaren Emotionen das Verhalten der Fellnasen?

Kommunikation ist der Schlüssel einer jeden Beziehung! Was zunächst nach einer Binsenweisheit aus einem Beziehungsratgeber klingt, hat verschiedenen Spezies im Laufe der Evolution das Überleben gesichert. ­Hunde und Menschen können auf eine lange gemeinsame Vergangenheit zurückblicken: Die friedliche Koexistenz beider Spezies dauert nun bereits circa 14000 Jahre an, und aus dieser Langzeitbeziehung hat sich laut Forschern auch eine verbesserte, speziesübergreifende Form der Kommunikation entwickelt. Fairerweise muss man allerdings eingestehen, dass die Hunde als Kommunikationsforscher einen weitaus besseren Job gemacht haben als wir Menschen. Während sie uns oftmals lesen wie ein offenes Buch, stecken unsere Erkenntnisse über die Kommunikationsmethoden unseres besten Freundes noch in den Kinderschuhen. So wurde beispielsweise erst vor kurzem eine Studie von Forschern der University of British Columbia in Kanada veröffentlicht, die besagt, dass eine Umarmung – eine typisch menschliche Form Zuneigung zu äußern – bei unseren Hunden oftmals ungeahnten Stress auslösen kann. Diese und andere Studien beweisen, wie wenig wir eigentlich über die Kommunikationsformen unserer Vierbeiner wissen.

Lächeln funktioniert …
Ebenso interessant ist die Frage, in welchem Ausmaß Hunde menschliches Verhalten und Emotionen interpretieren können und was sie mit den gewonnenen Informationen anfangen. Diese Frage stellte sich 2014 auch die Psychologiestudentin Peggy Gartman von der Brigham Young University in Utah im Rahmen ihrer Masterarbeit: „Unsere Studie basierte auf dem Prinzip des ­sogenannten sozialen Referenzierens. Wir wollten herausfinden, ob Hunde genauso gut wie Menschen auf menschliche Reize reagieren.“ Die Durchführung der Studie, so Gartman, basierte dabei auf der Versuchsanordnung der „Visuellen Klippe“, einem Experiment zur räumlichen Wahrnehmung aus den 1960-er Jahren. Bei dieser Studie wurden Kleinkinder bzw. Säuglinge im Krabbelalter auf einen Tisch gesetzt, auf dem sich ein rein visuelles, aber kein tatsächliches Hindernis befand. Der Aufbau zeigte, dass die Kinder, deren Mütter fröhlich lächelten, trotz des augenscheinlichen Hindernisses weiterkrabbelten, während Kinder, deren Mütter besorgte oder unglückliche Gesichter machten, sich nicht weiter trauten. Diese Reaktion auf menschliche Reize und Emotionen ist – so die Forscher – evolutionsbedingt und soll Kinder schon in frühen Jahren vor Gefahren schützen.

Doch wie steht es mit unseren ­Hunden? Haben auch sie im Laufe der Zeit ­gelernt, menschliches Verhalten zu lesen und zu deuten? Um dies herauszufinden, führte Gartman, unter Anleitung des BYU (Brigham Young University, Utah, USA) Psychologie-Professors Ross Flom, mehrere Experimente mit 60 Hunden verschiedenen Alters und unterschied­licher Rassen durch. Gartmans ­Assistenten zeigten dabei im Laufe der ­Experimente auf eine versteckte Belohnung. Die Geste wurde dabei entweder vollständig neutral durchgeführt oder mit positivem Verhalten, wie Lächeln und einem freundlichen Tonfall, oder mit negativem Verhalten, wie ­strengen oder unglücklichen Gesichtszügen (Stirnrunzeln, zusammengezogenen Augenbrauen) sowie einem härteren Tonfall verbunden. „Wir fanden heraus, dass menschliche Gefühlsäußerungen die Hunde tatsächlich bis zu einem gewissen Grad in ihren Reaktionen beeinflussen. Während die Hunde unter Äußerung positiver Gefühle ihre Belohnung fast immer ohne Probleme oder Verzögerung fanden, waren sie unter dem Einfluss negativer menschlicher Gefühle deutlich zögerlicher“, so Gartman.

Die Ergebnisse der Studie mögen die meisten Hundebesitzer nicht überraschen, doch die sich aus ihnen ergebenden Schlussfolgerungen und Verhaltensmuster beeinflussen die Hund-Mensch-Beziehung wohl weitaus mehr als bisher angenommen. Dabei ist zunächst einmal schon die Tatsache, dass Hunde eine – zugegebenermaßen recht simple – aber doch sehr menschliche Geste wie das „auf etwas Zeigen“ verstehen können, ziemlich beeindruckend. Zum Vergleich: Ähnliche Versuche mit den uns doch sehr viel ähnlicheren Menschenaffen haben gezeigt, dass diese mit der Interpretation der Geste des Zeigens auf ein Objekt weitaus größere Probleme haben als Hunde. Gartman geht bei der Interpretation der Studienergebnisse noch weiter: „Tiere lassen sich tatsächlich von ­mensch­lichen Emotionen in ihren Reaktionen ­beeinflussen.

Dies sollten wir in unseren ­Inter­aktionen unbedingt bedenken. Botschaften an unsere Hunde sollten immer absolut eindeutig sein, wenn wir ­wollen, dass sie auf uns reagieren, denn negative ­Gefühlsäußerungen, wie zum ­Beispiel Ärger, können den Hund dazu bringen, bei der Umsetzung unserer ­An­weisungen zu zögern. Hunde ­reagieren schneller und bereitwilliger auf positive Gefühle und Verstärkungen – Ärger und negative Gefühlsäußerungen verunsichern sie. Kurzum: Wie schon die Kleinkinder im Experiment aus den 60ern, vertrauen uns die Hunde eher, wenn wir unsere Gesten mit aufmunternder Mimik und Stimme untermalen.

Hunde vertrauen uns nicht, wenn wir wütend sind
Welche Lehre können wir also als einfache Hundehalter aus dieser wissen­schaftlichen Studie mit nach Hause nehmen? Die Botschaft ist so wichtig wie simpel: Wenn wir wollen, dass unser Hund auf uns reagiert und unsere Kommandos schnellstmöglich und bereitwillig umsetzt, sollten wir einen normalen, freundlichen Umgangston mit ihm hegen. Negative Gefühlsäußerungen führen im besten Fall zu einer verspäteten Reaktion, im schlimmsten Fall sogar zu Verweigerung. Frustration und Ärger im Umgang mit Hunden beeinflussen demnach die Kommunikation zwischen den Spezies negativ, denn Hunde vertrauen uns nicht, wenn wir wütend werden. Gartmans und andere Studien beweisen auch, wie vielschichtig und eng die Beziehung zwischen Hund und Mensch tatsächlich ist. So bleibt nur zu hoffen, dass die Forschung uns auch in Zukunft immer neue Erkenntnisse dazu liefern kann, wie unsere Fellnasen sich in der menschlichen Welt orientieren, damit wir in den nächsten 14000 Jahren unsere Kommunikation perfektionieren können.

Pdf zu diesem Artikel: vertrauen

 

 

 

TEILEN
Vorheriger ArtikelDer alte weiße Hund und ich
Nächster ArtikelBuchtipps WUFF 10/2016
Sylke Schulte
Sylke Schulte arbeitet seit Beendigung ihres Anglistik / Germanistik-Studiums als freie Journalistin und setzt ihre Begeisterung für Tiere in Artikeln für verschiedene Fachzeitschriften um. www.diesprachpraxis.de

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT