Warum beissen Hunde?

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1997

Seit Jahrtausenden leben Hund und Mensch Seite an Seite, teilen ihr Leben, ihre Zeit und manche gar ihr Bett – und doch finden immer noch viele Missverständnisse statt, die ein Gefahrenpotenzial bergen. Warum ist das so und wo lauern die Gefahren im Alltag, die einen Beißvorfall begünstigen?

Unsere Hunde müssen sich uns Menschen in fast all ihren Bedürfnissen anpassen, denn wir entscheiden darüber, wann sie ruhen, fressen, spielen oder sich lösen dürfen. Unsere Hunde regulieren ihr Hungergefühl so, dass sie sich an »Essenszeiten« gewöhnen, ganz anders als ihre wilden Kollegen, die ihre Beute dann jagen, wenn sie hungrig werden, aber keine Erwartungssicherheit haben. Sie gewöhnen sich an unseren Schlafrhythmus oder daran, ihre Blase zu kontrollieren, damit sie den Harndrang zurückhalten können, bis wir mit ihnen rausgehen.

Wir empfinden diese Anpassung als eine Selbstverständlichkeit, doch just diese Einstellung birgt bereits die erste Gefahr. Anpassung kostet Energie, sie kostet Nerven und (über)fordert viele Hunde. Der eine Hund kann damit besser umgehen als der andere, das bedeutet aber bei Weitem nicht, dass er es mit der Leichtigkeit tut, die wir vermuten. Wenn also in diese Anpassung Energie gesteckt wird, fehlt sie vielleicht an anderer Stelle. Das kann sich in Form eines ausgeprägten Jagdverhaltens äußern, der Leinenaggression oder: dem Einsetzen des Zahnwerks. Immer wieder liest man in der Zeitung, dass ein Hund »aus dem Nichts« Passanten angreift oder das Kind zu Hause »plötzlich« verletzt. »Aus dem Nichts« ist im Grunde nur die Aussage, dass man keinen direkten Kausalzusammenhang finden kann. Den gibt es aber immer und er liegt sehr oft in der Annahme, dass unsere Hunde sich problemlos anpassen können.

Die Ursachen des Beissens
In den meisten Fällen, vor allem im familiären Kontext in den eigenen vier Wänden, zeigt der Hund weit vor dem Biss, dass er sich unwohl gefühlt hat.

Die häufigsten Ursachen von ­Beißvorfällen passieren in Verbindung mit Ressourcen, körperlicher Einschränkung, zu intensiver Interaktion und Schmerzen.

Mit ein maßgeblicher Faktor, der zu einem Hundebiss führen kann, ist das Übersehen der sogenannten Konflikt- und Stresssignale des Hundes. Beginnend mit dem Kopfabwenden, über den Fang Lecken, Hecheln, Penis Ausschachten, angelegten Ohren, großen Pupillen bis hin zu Übersprungsverhalten wie Hüpfen, Bellen, im Kreis Drehen und zum Ende das Zähne Fletschen, Drohen und Beißen.

Bis ein Hund zu diesem letzten Schritt greift, um sich »Gehör« zu verschaffen, hat er eine Menge »erzählt«. Es liegt also an uns Menschen, die Körpersprache des Hundes lesen und verstehen zu lernen, damit er gar nicht erst zu solch drastischen Maßnahmen greifen muss, um uns zu zeigen, dass er seine Ressource nicht mit dem Kind teilen möchte oder er sich unwohl fühlt, weil ein Fremder auf der Straße ihm auf den Kopf tätschelt.

Drohverhalten nicht bestrafen!
Immer wieder wird Drohverhalten Menschen gegenüber bestraft, weil es gefährlich scheint. Drohverhalten IST gefährlich, weil es die letzte Warnung vor dem Biss ist. Es gehört aber als ein unverzichtbarer Teil zur hündischen Kommunikation und gibt uns die Chance, die Reißleine zu ziehen, bevor ein Hund beißt. Es dient also in erster Linie der Regulation im Familienverband, deswegen ist es wichtig, dieses Verhalten nicht zu hemmen. Wenn ein Hund droht, darf das Drohverhalten also nicht bestraft werden, weil er das Drohen sonst künftig überspringen kann – und dann hat man den scheinbaren Biss »aus dem Nichts«. Sinnvoller ist, zu analysieren, warum er überhaupt drohen musste, und die Ursachen zu beheben.

»Das ist meins – lass das!«
Es gibt Hunde, die wir als »Ressourcenschweinchen« bezeichnen. Sie knurren, kräuseln die Nase oder verdecken ihren »Schatz« mit ihrem Kopf. Vor allem in sozialen Medien werden immer wieder abenteuerliche Versuche unternommen, diese »Ressourcenschweinchen« über Ausgebetraining daran zu gewöhnen, ihren Schatz überall und jederzeit liegenzulassen, wenn der Halter dies möchte. Ausgebetraining ist wichtig, keine Frage, und gehört für mich zum Basis-Training eines (Familien-)hundes. Die Frage ist nur, wie?

Ausgebetraining
Wir Menschen können oft nicht einschätzen, wie wichtig unseren Hunden das Spielzeug, der Knochen oder das Futter ist. Futtermotivierte Hunde empfinden den Knochen vermutlich als größere Ressource als ein Hund, der mäkelig ist und sich eher über einen Zergel (= eine Art Spiel-Tau) freut. Entsprechend wird die Reaktion auf das Wegnehmen einer Ressource mit hoher Wertigkeit also intensiver ausfallen bzw. der Hund muss mehr Energie aufwenden, sich zurückzuhalten als bei einer Ressource, die ihm nicht so wichtig ist.

Wenn nun zehnmal ein Ausgabetraining mit einer hochwertigen Ressource gemacht wird und der Hund all seine Energie aufgewendet hat, um sie uns jedes Mal zu überlassen, und dann kommt beim elften Mal zufällig der nette Nachbar vorbei oder das Besucherkind und nimmt sie sich, kann es sein, dass der Hund, wieder scheinbar »aus dem Nichts«, zubeißt, um sich seine Ressource zurückzuholen. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Hunde uns jedes Mal ein Geschenk machen, wenn sie uns etwas überlassen, das ihnen wichtig ist. Deswegen ist beim Ausgebetraining ein Tauschen zu Beginn sehr sinnvoll und das Üben mit Ressourcen, denen sie nicht so viel Bedeutung beimessen.

Das engumschlungene Liebespaar, die Mutter, die ihr Kind an sich drückt und umarmt, wenn es sich weh getan hat, das sind Bilder, die uns Menschen vertraut sind. Unseren Hunden nicht. Einer Hündin, die verletzt ist, bietet ein Hund Körperkontakt an oder schleckt über die Wunde. Das enge an den Körper Drücken oder körperliche Einschränken ist aber eher ungewöhnlich. Gleiches gilt für das eng umschlungene Liebespaar. Hunde, die sich mögen, liegen manchmal eng beieinander, aber eben nicht so, dass sie nicht jederzeit die Möglichkeit hätten, sich zurückzuziehen oder aufzustehen und zu gehen.

Wir Menschen übertragen also unsere Gewohnheiten, unser Verhalten auf das der Hunde und erwarten auch hier wieder eine Anpassungsleistung unserer Hunde, mit der sie sehr häufig überfordert sind. Wir denken nicht darüber nach, ob dem Hund das Kuscheln oder die Interaktion zu eng oder zu viel ist. Auch das kann aus einer Überforderungssituation heraus zu einem Biss führen.

Kind und Hund – Freundschaft und Stressor zugleich
Es krabbelt, bewegt hektisch seine Arme und kreischt. Aus der Perspektive eines Hundes ein Objekt, das sich bewegt und schwer einschätzbar ist. Das ist für viele Hunde der Grund, warum sie auf Kinder, die zu krabbeln beginnen, häufig mit Unwillen reagieren. War der Hund liebevoll mit dem kleinen Baby, solange es noch im Bettchen lag, wird das krabbelnde Baby zu einem Stressor, mit dem der Hund lernen muss, umzugehen. Manche Hunde reagieren mit Angstverhalten und ziehen sich zurück, andere reagieren auf die Unsicherheit mit Aggressionsverhalten und drohen dem Kleinkind schon auf Distanz. Beide Fälle sind keine gute Grundlage für eine sichere und nachhaltige Kind-Hund-Beziehung. In dieser Phase zeigt sich immer wieder auch eine Überforderung der Eltern, weil sie den geliebten Hund plötzlich nicht mehr einschätzen können. Da hilft nur Geduld, Liebe, Training und ganz wichtig: ein gutes Management, denn bis zum 7. Lebensjahr sollten Kind und Hund nicht unbeaufsichtigt bleiben. Die meisten Beißvorfälle passieren in den ersten 7 Lebensjahren. Sehr häufig ist, vor allem bei kleineren Kindern, der Kopf Ziel der Beißattacke, vermutlich, weil er sich auf Höhe des Hundes befindet. Abschließend geklärt ist die Ursache für das Beißen in den Kopf und/oder das Gesicht allerdings nicht. Management dient der Prävention und unterstützt Eltern im Alltag. Das kann zum Beispiel ein Türgitter sein, ein Laufstall oder die Hausleine.

Übrigens: Jungen sind fast doppelt so häufig Opfer eines Beißvorfalls wie Mädchen! Die Ursache liegt auf der Hand: Jungs spielen oft körperbetonter, sind lauter und grobmotorischer.

Fehlende Ruhe begünstigt Beissvorfälle
Ein Hund, der non stop unter Strom steht, kann seine Batterien nicht aufladen und reagiert auf Situationen, denen er in einem ausgeruhten Zustand vielleicht keine Bedeutung beigemessen hätte, deutlich intensiver. Er wird zum Nervenbündel, deswegen sind viel Ruhe und Schlaf wichtig. Das bedeutet aber auch, dass man ihm diese Möglichkeit schaffen muss, egal ob der Hund zu Hause in einem Haushalt mit Kindern lebt, als Bürohund oder im therapeutischen Bereich eingesetzt wird – er benötigt eine Ruhezone, die ihm gehört und die kein Kind oder Kollege betritt. Oft höre ich, dass der Hund nicht schlafen, sondern lieber mit im Geschehen dabei sein möchte. Hunde können sich selbst manchmal schlecht regulieren, d.h. sie finden keinen »Exit-Knopf«, um sich aus einer Situation zu lösen, auch wenn sie es dringend nötig hätten.

Als Faustregel gilt: 18-20 Stunden am Tag Ruhe und Schlaf; die wenigsten Hunde, vor allem in Familien, haben die Chance, so viel Ruhezeit in Anspruch nehmen zu können. Eine Regel ist deswegen, dass Kinder strikt ferngehalten werden, wenn der Hund schläft. Der etwas uncharmante, aber sehr treffende Spruch aus der Menschenwelt, den ich als Mutter dreier Jungs so bestätigen kann »Nach müde kommt dumm«, trifft auch bei unseren Hunden zu. Wenn Körper und Gehirn zu vielen Reizen ausgesetzt sind und keine Möglichkeit besteht, sich zu regenerieren, ist die Quittung oft unerwünschtes Verhalten. Ausreichend Ruhe und Schlaf sind für ein sicheres Zuhause also mindestens ebenso wichtig wie das Management.

Schmerzen und die Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten
Schmerzen dienen als Schutzfunktion unseres Körpers. Sie sind wichtig, weil sie uns darauf hinweisen, dass eine Verletzung oder Entzündung vorliegt, die auskuriert werden sollte. Schmerzen zu haben, ist für die meisten Lebewesen mit großem Stress verbunden. Ich behaupte, für unsere Tiere noch mehr als für uns. Während wir uns artikulieren und schnell therapieren können, damit der Schmerz nachlässt, bleibt eine Schmerzproblematik beim Hund oft unentdeckt, denn unsere Hunde sind Meister im Verstecken von Schmerzen. Evolutionsbiologisch durchaus sinnig, für den Alltag mit uns Menschen aber gänzlich kontraproduktiv, weil das ein chronischer Stressor sein kann, der wahnsinnig viel Energie kostet. Deswegen empfehle ich eine Konsultation beim Tierarzt UND beim Physiotherapeuten, um sicherzugehen, dass die Energie, die für die Bewältigung des Alltags benötigt wird, nicht durch Schmerzen verbraucht wird. Auch hier kann die Konsequenz wieder Aggressionsverhalten sein, das mit den Zähnen im menschlichen Gewebe endet.

Fehlgeleitetes Beutefangverhalten als Ursache für Beissvorfälle
Ein Hund beginnt auf offener Straße einen sich schnell bewegenden Menschen zu hetzen, beißt und schüttelt ihn, um ihn anschließend zu »erlegen«. Ein dramatisches Bild, das glücklicherweise nicht allzu häufig vorkommt. Trotzdem gehört es für mich erwähnt, denn die Ursache dieser Art des Beißens liegt im Jagd-, nicht im Aggressionsverhalten. Das ist auch der Grund, warum in diesem seltenen Fall tatsächlich kaum Anzeichen erkannt werden, bevor der Hund beißt. Das fehlgeleitete Beutefangverhalten ist nicht nur deshalb so fatal, weil es kaum Vorzeichen gibt, sondern auch deswegen, weil der Beißvorfall selbst zu massiven Verletzungen führt. Es findet kein Abschnappen oder gehemmtes Beißen statt, sondern geht direkt in das Erlegen der Beute über. Leider lassen sich viele Hunde, die sich einmal verbissen haben, auch unter starker aversiver Einwirkung nicht von dem Opfer lösen. Diese Fälle sind allerdings sehr selten und sollten nicht Maßstab für den »klassischen« Beißvorfall sein.

Rasse = Rasse = Rasse?
Die Diskussion um das erhöhte Beißvorfall-Risiko durch sogenannte »Listenhunde« ist nicht neu. Das Risiko anhand von gezählten Beißvorfällen auf eine Rasse umzulegen, ist meiner Meinung nach viel zu einfach gefasst. Es gibt inzwischen wissenschaftliche Forschungen, die belegen, wie »gefährliche« Hunde durch die Berichterstattung stigmatisiert werden. Ebenso gibt es genügend Studien, die das Bild, das durch die Presse entworfen wird, widerlegen. (Nachzulesen in D. Mills und C. Westgarth (Hrsg.), Dog Bites: A Multidisciplinary Perspective, 5M Publishing 2017, 303,7.1)

Alle beschriebenen Ursachen, die zu einem Beißvorfall führen können, betreffen JEDEN Hund, gleich welcher Rasse. Sicher bringt jeder Hund eine genetische Disposition mit, derer man sich vor der Anschaffung bewusst sein muss. Am Ende liegt es aber am Halter, an der Umgebung, am Gesamtzustand des Hundes, ob ein Hund beißt oder nicht. Viele Hundehalter gehen nicht auf die (rassespezifischen) Bedürfnisse ihrer Hunde ein, erwarten aber, dass er »funktioniert«. Diese Einstellung müssen wir dringend ändern, denn nur so lassen sich Beißvorfälle verhindern – nicht durch das Erstellen einer Rasseliste, sondern durch Aufklärung und umsichtige, bedürfnisorientierte Haltung unserer besten Freunde.

Kiss to dismiss

In sozialen Medien werden oft Bilder gezeigt, auf denen ein Hund einen Menschen abschleckt. Das, was auf den ersten Blick süß aussieht, ist meist ein liebevolles Kommunikationsangebot unserer Hunde. Der Hund verschafft sich durch das Abschlecken Distanz. Diese Art des »Küssens« nennt sich »kiss to dismiss«, häufig zu beobachten in Verbindung mit Menschen, die den Hund durch Umarmungen einschränken. Im Folgenden der Unterschied »Kiss to dismiss« zum echten »Hundekuss«, der meist auf Bildern zu sehen ist, auf denen der Hund nicht umarmt wird, sondern von sich aus Nähe sucht:

»Kiss to dismiss«: Körperachse zeigt weg vom Mensch, Ohren sind angelegt, Augen groß, manchmal ist das Weiß zu sehen (Walaugen), Fang angespannt.

»Hundekuss«: Körperachse geht Richtung Mensch, Ohren sind vorn oder befinden sich in der normalen Position, Augen sind nicht aufgerissen oder zusammengekniffen, Fang ist entspannt.

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Aurea Verebes ist Autorin der Kinderbuchreihe »Verstehen, Staunen, Trainieren, Entdecken, Bd. 1-3«. Sie schreibt aktuell ihr neues Buch »Warum beißt ein Hund die Menschen, die er liebt?«, das im August im Canimos Verlag erscheint. Sie ist Referentin für Bissprävention und begleitet Familien mit Problemstellungen zwischen Zwei- und Vierbeinern im familiären Kontext.

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