Was das Innenohr über das Verhalten einstiger Fleischfresser verrät (mit Video)

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Wiener Wissenschafter: Überdimensionaler prähistorischer Hund war vermutlich kein Rudeljäger

Foto: Adobe Stock

Wien (APA) – Aus dem Aufbau des Innenohrs lassen sich gewisse Rückschlüsse auf die Lebensweise von Tieren ableiten. Das zeigten Cathrin Pfaff von der Uni Wien und deutsche Kollegen bereits anhand verschiedener Arten von Hörnchen. Im Fachblatt „Scientific Reports“ berichten sie nun mit Wiener Forschern darüber, was die Beschaffenheit des Organs über das Jagdverhalten lange ausgestorbener Raubtiere verrät.

Mit seiner bulligen Gestalt und annähernd der Größe eines Grizzlybären machte der Hunde-Vorfahre „Epicyon haydeni“ im Zeitraum vor rund 17 bis sieben Millionen Jahre in Nordamerika Jagd auf Beute. Das tat er laut den neuen Erkenntnissen der Forscher um Pfaff und Jürgen Kriwet vom Institut für Paläontologie sowie Gerhard Weber vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien und Julia Schwab von der University of Edinburgh (Großbritannien) eher, indem er Tiere ansprang und nicht als Aasfresser oder Hetzjäger im Rudel, wie es heute Wölfe tun. Diesen Schluss leiten die Wissenschafter aus der Beschaffenheit des Innenohrs – dem Sitz des Gleichgewichtssinns – des längst ausgestorbenen Tieres ab.

Entscheidend für die Wahrnehmung der Raumlage sind die drei Bogengänge. Deren Ausmaße lassen sich auch bei Fossilien mittels Computertomografie(CT)-Aufnahmen des knöchernen Labyrinths, also jenes Hohlraums im Schädel, der das Innenohr beherbergt, analysieren, ohne das wertvolle Material zu zerstören.
Dass sich aus ihrer Beschaffenheit sinnvolle weiterführende Schlüsse ziehen lassen, wurde lange bezweifelt. Doch Pfaff wies 2015 nach, dass sich die Dicke der Bogengänge bei Hörnchen-Arten, die am Boden leben, und Gleithörnchen oder Fledermäusen, charakteristisch unterscheidet. Daraus kann abgeleitet werden, wie sich die verschiedenen Tiere bewegen. „Das Faszinierende ist, dass Wien im 19. Jahrhundert eigentlich ‚die‘ Wirkungsstätte der Innenohrforschung war und das Gebiet danach dann lange nicht weiter verfolgt wurde“, sagte Pfaff im Gespräch mit der APA.

Ob sich eine Bewegungsweise auch bei Fleischfressern ableiten lässt, war nun die Fragestellung der neuen Studie, für die sich die Forscher auch Fossilien ausgestorbener Raubjäger aus Nordamerika schicken ließen. Da das Verhalten aktuell lebender Raubtiere gut dokumentiert ist, lassen anatomische Ähnlichkeiten des Innenohrs auf ähnliche Bewegungsmuster längst verstobener Vertreten schließen, so der Ansatz. Tatsächlich zeigten die Fleischfresser-Innenohren aber ein anderes „Signal“ zur Unterscheidung der Verhaltensweise als jene der Hörnchen, nämlich „die Größe der Bogengänge“, sagte Pfaff. „Schnelle Jäger wie der Wolf oder auch der Gepard entwickelten größere Bogengänge, da sich ihre Laufgeschwindigkeiten schneller der Beute anpassen müssen als generalisierte Jäger wie der Fuchs“, so Schwab.

Aufgrund der Dicke der Gänge konnten die Wissenschafter wiederum unterscheiden, ob sie es mit einem katzen- oder hundeartigen Räuber zu tun hatten. In Zukunft möchte das Team auch herausfinden, ob das Innenohr von Robben, Bären oder anderer Wirbeltiere ebenso Rückschlüsse auf das Verhalten ihrer Vorfahren erlaubt.

 

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