Was ist Ihr Hund für Sie?

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Nach der Wilborn-Studie (s. Kasten) ist der Hund für rund 30% der Hundehalter ein „Kumpel": Der Hund wird von dieser Gruppe am meisten geliebt, und er ist Familienmitglied. Der Hund dankt dies durch ein – zumindest für die Familie – unproblematisches Verhalten. Bezeichnenderweise findet man in dieser Gruppe die meisten Mischlings- und/oder ehemalige Tierheimhunde.

Bedeutung der Hunde im Steigen
Nachdem die Bedeutung des Hundes für den Menschen, zumindest in unserem Kulturkreis (mit Ausnahme der Funktion des Sozialpartners), immer mehr abnahm, können wir in den letzten Jahren eine erfreuliche Renaissance der Bedeutung unserer Begleiter für die Gesellschaft beobachten. Die Einsatzmöglichkeiten unserer Hunde haben nicht nur ihr ehemals hohes Niveau erreicht, sondern es sind neue und für den Laien kaum glaubliche Möglichkeiten dazugekommen, die von Vielen nicht wahrgenommen werden. Nutzbar aber sind sie nur für denjenigen, der sich seinem Hund auch verständlich auszudrücken weiß und die Mechanismen einer geordneten Ausbildung kennt und anwendet.

Meist lieber beim Menschen!
Wir haben mit dem Hund – NOCH – neben uns Menschen ein zum sozialen Zusammenleben einzigartig geeignetes Lebewesen, das sich, und auch das ist einmalig in der Natur, in den meisten Fällen lieber mit dem Menschen als Artfremdem, als mit seinen eigenen Artgenossen zusammentut. Und dieser Vorgang begann früh in der gemeinsamen Geschichte der Gattungen Homo und Canis. Der Beginn dieser Beziehung kann auch heute noch modellhaft in Ländern beobachtet werden, in denen man ursprüngliche Hunde findet: Er äußert sich in dem lockeren Anschlussbedürfnis der vom Menschen scheinbar mehr oder weniger abhängigen Pariahunde. Gezähmt sind sie zwar nicht immer und unbedingt bereit, uns automaten- oder sklavenhaft zu Willen zu sein, sie sind aber durchaus bereit, uns ihre Freundschaft zu schenken. Vielleicht einer der wichtigsten Dienste in einer immer kälter werdenden Welt?

Die „Gretchenfrage"
Es stellt sich hier die „Gretchenfrage": Kann ein Tier zum Sozialpartner des Menschen werden, ohne dass dabei Tier oder Mensch Schaden erleidet? Eine in dieser oder ähnlicher Form gestellte Frage hört man oft von Menschen, die zu Hunden keine Beziehung aufgebaut haben, meist nichts vom wahren Wesen unserer Hunde wissen, und in diesem Zusammenhang wird oftmals LORENZ zitiert: KONRAD LORENZ bezeichnete vor bald fünfzig Jahren das Sich-Abwenden vom menschlichen Sozialpartner hin zum Tier als „Soziale Sodomie", die er als ebenso ekelhaft empfand wie die körperliche. Ist es aber nicht vielmehr – und hier sollte LORENZ widersprochen werden – die Situation unserer Gesellschaft in der heutigen Zeit, die ekelhaft, weil widernatürlich ist?
Der Mensch braucht, genau wie der Hund, für sein psychisches Wohlergehen soziale Kontakte, die beispielsweise der alternde und alleinstehende Mensch nicht immer findet: Der Lebenspartner ist verstorben, die Kinder haben längst das Haus verlassen, die Freunde sind ebenfalls tot oder zu sehr mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Der gelegentliche Besuch mit dem obligatorischen Strauß Blumen zu Muttertag oder Weihnachten durch Kinder und Enkel, die gelegentliche Kaffeefahrt mit der Möglichkeit des Erwerbs einer Rheumadecke, füllen nicht die kalte Leere eines ganzen langen Jahres. Zu der netten Fernsehansagerin oder dem sympathischen TV-Quizmaster lässt sich kein sozialer Kontakt herstellen.

Gegen Einsamkeit
Das behinderte Kind, das von Gleichaltrigen gemieden, gehänselt und von Erwachsenen nur bedauert wird – wer tritt ihm unbefangen gegenüber, schenkt ihm Liebe und Kameradschaft und lässt es seine Behinderung vergessen? Große Erfolge erzielte man bei der Behandlung autistischer Kinder durch den Einsatz von Hunden.
Für den Behinderten im Rollstuhl ist sein Begleithund eine Brücke der unverkrampften Kommunikation zum Nichtbehinderten; der Hund lässt vorhandene Berührungsängste und Hemmschwellen deutlich geringer werden. Man spricht zusammen, und zwar über den Hund und nicht über die Behinderung – somit dient der Hund der Kontaktherstellung.
Wer kann verdenken, dass ein Mensch, verlassen und vergessen von seinen Artgenossen und deshalb eigentlichen Sozialpartnern, seine Liebe und Aufmerksamkeit einem lebenden Wesen schenkt, das völlig auf ihn eingeht und das immer und bedingungslos für ihn da ist, das keine Berührungsängste kennt und ihn niemals alleine läßt, das stets ein williger Zuhörer ist und das vielleicht auf dem letzten Stück Weg gemeinsam mit ihm alt geworden ist.

Hunde in die Altenheime!
Leider nur ganz allmählich – Vorreiter auf diesem Gebiet wieder die USA und Großbritannien – dürfen die Alten in einigen Heimen ihre Hunde mitbringen. Bekannt ist, dass diese Hunde dann ganz schnell der Mittelpunkt des liebevollen Interesses der meisten der übrigen Heimbewohner werden; es gibt aber auch schon engagierte Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern Altenheime aufsuchen und so viel Freude den Menschen bringen. Dass diese Hunde ganz bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, braucht nicht näher erläutert zu werden.
Hunde werden ebenfalls in einigen Gefängnissen der USA zur Sozialisierung der Inhaftierten eingesetzt – viele von ihnen haben zum ersten Mal in ihrem Leben ein Wesen, das sich ihnen anvertraut und für dessen Wohlergehen sie verantwortlich sind. Das gleiche gilt für straffällig gewordene Jugendliche.

Der Hund als Objekt
Weitere 20% der Hundehalter sind hingegen nur als „Besitzer" zu bezeichnen: Der Hund ist Prestigeobjekt, Sportgerät o.ä., hierzu gehört der Erwerb von oftmals teuren und ausgefallenen/auffälligen Rassen, im weitesten Sinne aber auch solche Personen, die in dem Hund die Chance sehen, waffenscheinfrei eine Waffe führen zu können, d.h. also Halter von Hunden, die aus verantwortungsloser bis hin zu verbrecherischer Zucht stammen und mit ebensolch kriminellen Methoden ausgebildet worden sind. In jedem Fall sind durch die teilweise auch dadurch verursachte, neu aufkommende Hundefeindlichkeit unsere Hunde in ihrer physischen Existenz bedroht. Und diese Hundefeindschaft beruht nicht nur auf der Angst vor sogenannten Kampfhunden – nein, auch die nette ältere Dame von nebenan mit ihrem verspielten Kleinpudel oder der sympathische junge Mann mit seinem lustigen Dackel können durchaus öffentlichen Zorn erregen, wenn ihre zugegebenermaßen lieben und friedlichen Tierchen den Hauseingang oder die Sandkiste auf dem Kinderspielplatz verschmutzen. Spaziergänger, die keine Erfahrung mit Hunden oder sogar vielleicht Angst vor diesen haben, stehen Höllenqualen aus, wenn ihnen beim Spaziergang ein Schäferhund oder Rottweiler unangeleint entgegen springt und Herrchen fröhlich ruft: „Keine Angst, der will nur spielen!" Auch in all’ diesen und ähnlichen Fällen hat der Hundehalter versagt und Munition für Hundefeinde, seien es Privatpersonen oder aber von Ignoranz geschüttelte Behörden, geliefert.

Vierbeiniger Partner
Gerade bei der Personengruppe, die aus dienstlichen Gründen (vorzugsweise aus dem Bereich der Bewachungsunternehmen) eine Hundehaltung betreiben, sollten die elementarsten Grundregeln im Umgang mit dem Hund nicht vergessen werden: Will man im Alltag als ernstzunehmender Hundehalter oder aber in Ausübung seines Berufes als Diensthundeführer einen zuverlässigen vierbeinigen Begleiter, so nützt es wenig, einen durch brutale Erziehungsmethoden gefügig gemachten Hund zu führen. Nur derjenige kann sich auf seinen Hund wirklich verlassen, der mit ihm ein Team bildet; ein Team, in dem er zwar als Chef und Ranghöchster bedingungslos anerkannt wird, wobei der Hund sich aber nicht seiner Würde beraubt und als vergewaltigter Sklave vorkommt, sondern als ein Individuum, das in Partnerschaft seine Aufgaben gemäß seiner speziellen Begabung und Fähigkeiten zugewiesen bekommt – wie es bei der wölfischen Rudeljagd der Fall ist.
Generell ist jeder Hund durch seine ihm angewölften Verhaltensweisen bestrebt, sich seinem Herrn unterzuordnen – solange sein Herr in seinen Augen „kein Hund ist", wenn bei der Aufzucht und Erziehung keine Fehler gemacht worden sind, und wenn der Herr auf die elementaren Bedürfnisse, auch die psychischen, seines Hundes eingeht. Tiere, die diese Eigenschaften der freudigen Unterordnung nicht mehr aufweisen, haben hiermit eine der typischsten Charaktereigenschaften der Hunde verloren.

Lernfähigkeit und Freude
In den meisten Fällen unterscheidet die Ausbildung den Diensthund von anderen Hunden. Zwar wird seit langem versucht, der Hundeausbildung eine verhaltenskundliche Basis zu geben, aber erst vor relativ kurzer Zeit wurde erkannt, dass alle Methoden, die nicht die natürliche Lernfähigkeit und angeborene Lernfreude unserer Hunde ausnutzen, schlichtweg falsch sind: Der beste Erzieher der Welpen und später der Junghunde ist der Vaterrüde. Seine Erziehungsmethoden haben sich im Laufe der Evolution der Gattung Canis entwickelt und vervollkommnet. Bei unserer Erziehung der Hunde können mit Gewalt nur vordergründige Scheinerfolge erzielt werden – oder benutzt der Vaterrüde etwa Stachelhalsband und „Teletaktgerät"? Bei ihm erfolgt mit der notwendigen Konsequenz die gesamte Erziehung spielerisch. Diese Erkenntnisse drückte einst EBERHARD TRUMLER kurz und prägnant aus: „Erziehung ist alles – Dressur ist nichts" – was aber längst noch nicht auf allen Ausbildungsplätzen anerkannt ist. Die neuen Methoden der Hundeerziehung sind also auch nicht etwa der Einsatz von HighTech – wie die elektronische Überwachung durch Videokameras, wie von vielen Hundeschulen in ihren farbigen Hochglanzbroschüren propagiert – die neue Methode ist das Umdenken im Umgang mit dem Partner Hund.
Im nächsten WUFF der letzte Teil dieser dreiteiligen Serie.



>>> WUFF – INFORMATION


So sieht der Mensch seinen Hund

Die Zahlen stammen zwar aus einer bereits älteren Studie (Wilborn 1976), sind aber im Wesentlichen noch heute aktuell.

– 30% Hund ist Kumpel
– 20% Hund ist Besitz (Sportgerät, Prestige usw.)
– 20% Hund wird benutzt (für Jagd, Bewachung usw.), aber kein sozialer Kontakt
– 25% sind um den Hund besorgt (glauben, Hund hat Verhaltensprobleme)
– 5% keine Angaben




>>> WUFF -HINTERGRUND


Hunde und alte Menschen

In einer seit 1983 laufenden Studie über die „Bedeutung von Heimtieren und Hunden für alte Menschen" schildert Professor BERGLER mit seiner Arbeitsgruppe die hierbei gemachten Beobachtungen: Wegen ihrer Forderung nach Kommunikation, ihrer Zuwendung zu Menschen, ihrer Empfänglichkeit für Streicheleinheiten, d.h. Zärtlichkeiten, und ihrer Freude am Spiel, sind Hunde in der Lage, Einsamkeitserlebnisse zu mindern. Sie haben alten Menschen gegenüber keine Vorurteile oder gar – was leider zu oft geschieht – Ablehnung oder Ekel. Sie akzeptieren ihren Besitzer besser und mehr, als dies in vielen Fällen die eigenen Kinder tun, und sind immer für ihn da. Hunde können den Alten das Gefühl geben, nicht abgeschoben, sondern gebraucht zu sein; sie zwingen den Menschen zu Bewegung in frischer Luft – und sie sind hierbei hervorragende Hersteller von Kontakten zu anderen Menschen.

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