Wenn der Hund entlaufen ist

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Auf dem Bahnhof in Kufstein fährt der Zug ein. Die Tür geht auf und der 10-jährige Eurasier-Rüde Akki springt versehentlich aus dem Waggon. Sein Frauchen schafft es nicht, mit auszusteigen. Die Tür geht zu und der Hund bleibt allein auf dem Bahnsteig zurück. Seit diesem Tag war Akki vermisst. Der ängstliche Rüde irrte drei Monate im Raum Kufstein umher. Viele tierliebende Menschen waren an der Suche nach Akki beteiligt …

Akki ist längst kein trauriger Einzelfall, Tausende Hunde werden bei uns jährlich vermisst. Durch unvorhersehbare Ereignisse laufen Hunde plötzlich davon und sind dann spurlos verschwunden. Streunende oder jagende Hunde, die meist nach ein paar Stunden wieder vor der Haustür stehen, zählen nicht dazu. Nicht selten sind es Hunde aus dem Tierschutz, die noch nicht lange beim Besitzer sind, oder Angsthunde, die erschrecken oder aus Panik weg­laufen. Oder ein Fall wie Akki, der fälschlicherweise aus dem Zug aussteigt, Hunderte Kilometer weit von zu Hause entfernt: Sie alle sind Vierbeiner, die dann als vermisst gelten.

Erste drei Tage am wichtigsten!
Mein Hund ist verschwunden. Was tun? Auch wenn dem Frauchen oder Herrchen jetzt das Wasser in die Augen steigt und sich Verzweiflung breit macht, heißt es Ruhe ­bewahren und ganz gezielt nach einem Plan vorzugehen. Natürlich beginne ich die Suche genau dort, wo der Hund entlaufen ist. Die ersten drei Tage sind die wichtigsten! Nur der Besitzer hat durch sein Rufen, seine Stimme eine Chance, den Hund zu locken. Zusätzlich sollten aber sofort alle nahen Tierärzte, Tierheime und auch die Polizei verständigt werden. Danach drucke ich unzählige Flyer mit einem Foto des Hundes und einer kurzen Beschreibung sowie meiner Telefonnummer. Wichtig ist es auch, die Suchenden zu informieren, dem Hund weder nachzulaufen noch zu versuchen, ihn einzufangen. Aufgrund der veränderten Situation und einer daraus sich entwickelnden Panik könnte das Tier sehr scheu sein und geht dann sicher keinem fremden Menschen zu. Wenn fremde Personen den Hund locken oder gar in die Enge treiben, könnte das Tier verunsichert und noch weiter vom Suchort weg vertrieben werden. Vielmehr sollen die Helfer Sichtmeldungen sofort telefonisch durchgeben. Oft kristallisiert sich dann ein gewisses Muster heraus, wie sich der Hund verhält, d.h. bspw. wo er eventuell Futterstellen aufsucht bzw. auf Futtersuche geht, oder wo er ­seinen Schlafplatz hat.

Überlebenskämpfer
Die Windhündin Nala löst sich am 1. März, ganz in der Nähe des Wohnhauses ihrer Familie in Wien, durch ein plötzliches Erschrecken vom Brustgeschirr. Sie ist erst einen Monat lang bei ihrem Besitzer und vieles bereitet ihr noch Angst. Gerade Menschen vertraut sie noch gar nicht. Hunde, die weglaufen, werden schnell scheu. Panik und Orientierungslosigkeit lassen sie zu Überlebenskämpfern werden. Sie finden bald heraus, wie sie an Futter kommen können und wo sie Ruhe vor fremden Menschen haben. So auch Nala, die mitten in Wien zwischen stark befahrenen Straßen und alten Schrottplätzen hin und her wandert.

Sie bleibt in der Nähe des Hauses und wird täglich unzählige Male von ­Passanten gesichtet. Durch die ge­zielten Sichtmeldungen ergibt sich relativ rasch ein System, das dann beim erfolgreichen Einfangen hilft. Nala kommt nämlich zu Katzenfutter­stellen, um dort zu fressen, und sie schläft in Autowracks am Schrottplatz. Fast jede Stunde kehrt sie zum Haustor zurück, wagt sich jedoch nicht in das Haus. Ihre Angst ist zu groß! So irrt die junge Hündin 5 Tage lang in Wiener Gassen umher, wird sogar von Autos leicht angefahren, nähert sich aber den Menschen keine zehn Meter. Gefahr ist im Verzug, weil Nala immer wieder auf die Straße läuft.

Profihilfe erforderlich
Der deutsche Hundetrainer Frank Weisskirchen (siehe auch Artikel „Pet Trailing" von Iris Strassmann in WUFF 6/2007), spezialisiert auf die Suche nach vermissten Hunden, weiß, dass bei scheuen Tieren wie Nala und Akki nur ein exakter Plan hilfreich ist. ­„Distanznarkose ist die letzte ­Option. Es ist halt eine Narkose mit allen ­Risiken, die dann zum Einsatz kommt, wenn Hunde nicht in Fallen gehen oder es zu lange dauern würde oder wenn Hunde für den Straßenverkehr zum Risiko werden. Dann ist es jedenfalls eine gute vollwertige Option, die schon vielen Hunden das Leben ge­rettet hat." Natürlich dürfen Narkotika nur von Tierärzten oder professionell tätigen Personen verabreicht werden und nur in einem Gebiet, wo die Hunde ziemlich abgesichert sind, um nicht durch die Betäubung auf Straßen zum Liegen zu kommen. Frank Weisskirchen ist in der Lage mit Blasrohr oder Betäubungsgewehr und mit angepassten Betäubungsmitteln den Hund zu sichern. Die Distanz zum Tier sollte dreißig bis vierzig Meter nicht überschreiten.

Bei Nala kommt eine Betäubung durch Futter zum Einsatz. Da sie regelmäßig in einer bestimmten Gasse auf und ab läuft, wird diese auf beiden Seiten mit Weidezaun versperrt. Nun ist Nala gefangen, lässt aber trotzdem keinen an sich ran, flüchtet sofort und läuft immer wieder unter die parkenden Autos. Nun soll das präparierte Futter helfen. Es ist ein Glück, dass die Hündin gerade Hunger hat. Sie frisst die bereitgestellte Schüssel leer und sinkt erst nach etwa einer Stunde in sich zusammen. Durch ihre Angst und Panik wirkt das Mittel sehr langsam, weil die Hündin sich sichtlich gegen das Eindämmern wehrt. Neben einem Baum kommt Nala dann endlich entspannt zum Liegen und kann gefangen werden. Beim Tierarzt stellt sich heraus, dass sie völlig erschöpft, aber unverletzt ist. 5 Tage war sie auf Wiens Straßen zwischen Autos, Ampeln und vielen Menschen umhergeirrt, hatte ab und an eine Taube erlegt, für Streunerkatzen ausgelegtes Katzenfutter gefressen und auf dem Autofriedhof geschlafen. Nala konnte gesund geborgen werden, jedenfalls rechtzeitig genug, bevor Schlimmeres passieren konnte.

Bei den verzweifelt Suchenden taucht immer wieder die Frage auf, warum sich ein ohnedies schon geschwächter Hund nicht freiwillig den Menschen nähert. Das Phänomen der ent­laufenen Hunde ist jedoch komplexer, weiß der Profi Frank Weisskirchen: „Hunde fallen in so einer Situation in ein reines Triebschema, weil das beim ­Menschen Erlebte nur konditioniert, also erlernt ist. Fehlen der Mensch und das bekannte Umfeld, dann dominiert wieder der Instinkt nach Futter, ­Wasser und sozialem Schutz. Alles andere könnte ein Feind sein, dem man aus dem Weg geht. Ein schreiender, hinterherlaufender Mensch verstärkt das logischerweise.

4 Wochen lang auf der Flucht
Dass ein Hund auch bei Minusgraden vier Wochen lang unterwegs sein kann, beweist der Galgorüde Chili. Bei seinem Transport von Spanien nach Österreich entwischt er innerhalb der ersten Stunde nach seiner Ankunft. Er kennt die neue Gegend ­natürlich nicht, weder ein Haus noch eine Bezugsperson sind ihm vertraut. Am Stadtrand von Wien flüchtet er sich in die Wälder, läuft täglich viele Kilometer herum. An dieser Stelle ist anzumerken, dass das A und O bei der Suche nach entlaufenen Hunden die Mithilfe anderer Menschen ist. Immer wieder mobilisieren sich in solchen ­Situationen die Hundefreunde und versuchen gemeinsam die Hunde zu bergen. ­Dieser gemeinsame Einsatz ist wichtig, weil gerade bei großen Suchgebieten viele Menschen gebraucht werden.

So war es auch bei Chili: Viele Passanten meldeten täglich und präzise, wo sie den auffällig großen braunen Hund gesehen hatten. Immer wieder bekamen die Suchenden den Hund zu sehen, waren aber machtlos, weil er immer ohne Ziel panisch weiterlief. Doch nach 3 Wochen wurde Chili ­endlich sesshaft und verbrachte ­mehrere Tage am selben Ort. Jetzt konnte angefüttert werden.

Nachtsichtgerät und Lebendfalle
An bestimmten Stellen wurden Futter­schüsseln aufgestellt, wobei man aber nicht zu viel geben darf, denn der Hund soll ja rasch wieder Hunger bekommen. Mit Nachtsichtgeräten (aus dem Fachhandel geliehen) konnte festgestellt werden, dass es tatsächlich Chili war, der regelmäßig zum Futter kam, und kein anderer Streuner, kein Dachs und auch keine Wildkatze. Wenn diese Sicherheit gegeben ist, kann zumeist eine Lebendfalle zum Einsatz kommen. Tiergärten oder Tierheime verleihen gegen Kaution solche Fallen. Sie sind der Größe des Tieres angepasst und funktionieren genauso wie Katzen- oder Fuchs­fallen. Auf einer oder beiden Seiten ist die Falle offen und innen am Boden befindet sich eine Wippe. Der Hund riecht das Futter im Inneren der ­Falle und löst durch das Betreten der ­Wippe die Fallen­tore aus, die dann sofort ­schließen. Dabei ist es natürlich ­wichtig, dass die Falle groß genug ist und den Hund nicht verletzt.

Chili schlief und fraß in der Nähe eines Wirtschaftshofes. Tagelang wurde er dort angefüttert, um ihn an den Ort zu binden. Auf dem Hof befanden sich alte Gartenhütten und genau dort wurde schließlich die Falle positioniert. Getarnt mit Decken, Laub und Holz, bestückt mit stark riechenden Kutteln wartete die Falle auf Chili. Ganz wichtig bei solchen Maßnahmen ist es, dass die Falle auch überwacht wird. Denn falls andere Tiere in die Falle gehen, müssen sie auch wieder freigelassen werden. Eine Lebendfalle ist daher ein Fulltimejob und darf auch nicht überall aufgestellt werden. In diesem Fall war der Eigentümer des Hofes damit einverstanden, der als Tierfreund selbst jede Stunde die Falle kontrollierte.

Nach vier Wochen kam endlich der erlösende Anruf des Wirtschaftshofbesitzers: Chili schläft mit vollem Bauch und seelenruhig in der Falle. Chilli hatte Glück im Unglück: Er hatte ja nach der Ankunft in Österreich noch keinen Besitzer. Helfer, die ständig an der Suche beteiligt waren, verliebten sich in ihn und gaben ihm ein neues Zuhause.

Die Angst, dass entlaufene Hunde nie mehr ein normales Leben mit Freilauf genießen könnten, wie man manchmal hört, ist jedoch unbegründet. ­Viele Hunde fallen nach ihrer Rückkehr wieder in ihr altes Leben. Sie sind bequem und unauffällig. Doch gerade bei Angsthunden oder Tieren aus dem Tierheim lohnt es sich natürlich, anfänglich immer doppelt gesichert aus dem Haus zu gehen, mit Halsband und Brustgeschirr, beides mit einer Doppel­karabinerleine gesichert. So schnell reißt sich dann kein Hund mehr los.

Akki gefunden?
Entlaufene Hunde sind zwar Über­lebenskünstler, und wenn sie gesund sind, halten sie das auch sehr lange durch. Dennoch stellen sie eine Gefahr für sich und andere dar. Gerade in den Städten mit viel Verkehr können sie leicht Unfälle verursachen. Meist überstehen sie ihre Ausflüge mit ein paar Kratzern, Floh- und Zeckenbissen sowie Gewichtsverlust. Der 10-jährige ­Eurasierrüde Akki, der drei Monate entlang der Bahngleise in Kufstein unterwegs war, mobilisierte Hunderte Menschen, die täglich nach ihm suchten. Der rote Hund war auch regel­mäßig gesichtet worden und wurde nach so langer Zeit endlich sesshaft. Doch kurz vor dem Einfangen hatte er sich auf den Boden gelegt und war eingeschlafen. Für immer! Seine Reise hatte zu lange gedauert und ihn offensichtlich zu sehr geschwächt. Seine Besitzer trauern. Aber eines ist sicher – Akki war nie aufgegeben worden, sondern bis zum Schluss von vielen Hundefreunden gesucht worden. Run free, lieber Akki!

WUFF-INFORMATION

Check list: Hund entlaufen! ­Was tun?

■ Die ersten Tage am Ausbruchsort bleiben

■ Chipnummer sollte registriert sein, damit bei Fund auch Verständigung erfolgen kann (gerade bei Tierschutzhunden, die meist gechippt, aber nicht registriert sind)

■ Tierheime, Tierärzte und Polizei verständigen

■ Flyer mit Foto und Nummer aufhängen, überall plakatieren

■ Taxifahrer, Tankstellen und alle möglichen Menschen sensibilisieren

■ Lokale Radiostationen bitten, die Suchmeldung durchzugeben

■ Bei längerer Sichtung am gleichen Ort: Futterstellen einrichten

■ Eventuell als Besitzer dort warten oder Lebendfalle aufstellen

■ Info: Frank Weisskirchen 
  http://www.hundentlaufen.de

VORGESTELLT

Tractive GPS-Ortung

Die Halter von Ausreißern können aufatmen. Seit April ist ein neues Gerät auf dem Markt, das den Standort des Hundes in Echtzeit auf dem Smartphone anzeigen kann. Der nur 35g leichte Tractive GPS-Sender ist wasserdicht und verfügt über ein integriertes Licht, welches von der App aus eingeschaltet werden kann. Man sieht nicht nur wo der Hund war, sondern kann seine Route live mithilfe der Tractive Live-Tracking Funktionen verfolgen. Außerdem kann man eine Sicherheits­zone definieren: Sobald der Hund diese Zone verlässt, erhält man sofort eine Nachricht direkt auf das ­Smartphone.

Info: http://www.tractive.com

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