Wenn der Hund für immer wegläuft

0
1517

Richtig reagieren rettet Hunde-Leben

Sazou war eine ­wunderschöne, ­sanfte und charmante Malinois-­Hündin. Sie war mein Schatten, mein wundervoller Hund, den ich ab der 8. Lebenswoche bei mir ­hatte und der seitdem keinen Tag ohne mich war. Ihr habe ich alles, was ich an Hundewissen besitze, ­gegeben. Sie war für mich der Inbegriff des gut erzogenen Hundes – nie ­weiter als 10 Meter von mir entfernt, ­perfekter Rückruf, überall ablegbar, umwelt­sicher und sozial. Ja, ich war stolz auf sie und auf das Team, das wir waren.

Sazou ist nicht mehr in meinem Leben. Am 4. August 2015 ist sie gegangen. Aber wohin, das weiß ich nicht.

Es war der letzte Spaziergang nach einem Kurztrip in Deutschland, Hessen (ich lebe in Österreich). Vier meiner fünf Hunde hatte ich für diese Zeit zuhause bei einer Freundin gelassen – nur Sazou war dabei. Denn sie hätte ohne mich gelitten. Ich wollte an diesem Abend zurück nach Österreich fahren. Mein heutiger Verlobter und ich haben mit seinen Hunden und Sazou noch eine letzte Spazier-Runde gedreht. Wir waren schon auf dem Rückweg zum Auto, es war noch hell. Sazou war wie so oft wenige Meter vor mir und entspannt. Dann schaute sie unvermittelt in den Wald und schoss hinein. Ich war wie ­paralysiert. Das habe ich in den 4 ­Jahren, die wir das Leben gemeinsam teilten, noch nicht erlebt. Ich habe Hunde mit jagdlicher Ambition – Sazou hat nicht dazu gehört. Da die anderen Hunde nicht reagiert haben, war es auch unwahrscheinlich, dass sie jagen gegangen war. Denn einige der Hunde, die dabei waren, hätten Wild eindeutig angezeigt – aber selbst die haben uns regelrecht fragend angeschaut.

Keiner von uns hatte ein Geräusch gehört – kann es also ein Schreckreiz gewesen sein? Bei dem Hund, der keine Umweltprobleme hatte und zudem aktiv und problemlos ist in einem Hundesport, bei dem es Schüsse aus der Schreckschusspistole gibt? – Die Gedanken waren wirr, als ich sie rufend und suchend durch den Wald gerannt bin. Plötzlich habe ich ein kurzes ­Schreien – wie ein Schmerzschrei – ­gehört, das abrupt verstummt ist. Ich bin dem Schrei nachgelaufen, so schnell ich konnte – doch ich konnte nichts finden. Gar nichts. Sie war wie vom Erdboden verschwunden. Keine Spuren von z.B. Wildschweinen oder Ähnlichem. Es war totenstill bis auf die normalen Waldgeräusche.

Der Horrortrip, der auf ihr Verschwinden hin für mich folgte, ist der Grund, unsere Geschichte zu schreiben. Denn wenn ich eines weiß, dann, dass ich gerne all das Wissen gehabt hätte, das ich heute habe, um dieses Erlebnis zu verhindern. Wir haben noch an Ort und Stelle die Polizei verständigt, so dass bekannt war, dass eine belgische ­Schäferhündin abgängig ist. Wir haben das Auto, das Sazou kannte, an die Stelle ihres Verschwindens gestellt und bis in die Nacht hinein gesucht. Mein Kopf war leer und nur besessen davon, meinen Hund zu suchen und zu finden, koste es was es wolle. Doch vor der schwarzen Nacht mussten wir kapitulieren, zumal das Aufkommen an Schwarz­wild in ­diesem Wald extrem hoch ist.

Die Nacht im Auto war schlaflos und quälend, bis wir am nächsten Morgen einen Anruf der Polizei bekamen, dass Sazou gesehen worden ist – in einem Ort, 9 Kilometer entfernt und auf der anderen Seite der Autobahn! Die Aus­sage der verschiedensten Menschen, die sie gesehen haben, war mehrfach: „Sie ist gerannt, als sei der Teufel hinter ihr her.“

Es gab noch einige ­Sichtungsmeldungen – und wir sind jeder nachgefahren. Und tatsächlich: Am 5. August habe ich sie gesehen! Sie stand etwa 8 Meter vor mir! – Ich habe das getan, was ich ­immer tue, wenn ich einen meiner Hunde rufe: die Arme ausgebreitet und meinen geliebten Hund mit seinem Kosenamen angesprochen. Doch … das war nicht mehr „mein“ Hund. Sie hat mich nicht einmal erkannt – sie hatte nur Panik in den Augen, hat durch mich hindurchgesehen, hat sich umgedreht und ist weggerannt. In diesem Moment bin ich ein zweites Mal gestorben. Sie ist in diesem Moment gegangen – für immer. Und so wie ich sie verloren habe, habe ich mich verloren. Dass hinter mir eine ganze – besorgte und ­hilfsbereite – ­Menschentraube mitgelaufen war, habe ich nicht bemerkt. Hätte ich es und wäre ich allein gewesen … ich darf nicht darüber nachdenken, dass mich dieser unbewusste Fehler vielleicht final meinen Hund gekostet hat. Die folgenden Wochen und Monate ­waren bestimmt von der Suche nach Sazou. Nicht nur TASSO e.V. war informiert, sondern so ziemlich jede auffindbare Möglichkeit, ihr Verschwinden öffentlich zu machen, haben wir genutzt. Kilometer im Umkreis waren gepflastert mit Suchplakaten. Pet-Trailer haben gesucht, Tierkommunikatoren haben sich bemüht. Meine eigene, Mantrailing-erfahrene Pinscherhündin „Atinka“ hat sie gesucht. Wir haben Wildtierkameras mit Futterstellen aufgestellt, Facebook-Gruppen aktiviert und sind persönlich gefühlt in beinahe ganz Mittelhessen gewesen und haben unzählige Menschen informiert und Sazou gesucht. Hunderte Kilometer sind wir in den kommenden 3 Wochen gefahren – doch länger konnte ich nicht bleiben. Ich hatte meine Familie, meine Arbeit und meine anderen Hunde in Österreich. Fahren zu müssen und dabei zu wissen, dass hier irgendwo mein Hund herumläuft – 600 Kilometer entfernt von zu Hause – war brutal. Nicht zu wissen, ob sie noch lebt, wie es ihr geht, ob sie Schmerzen hat – die Ungewissheit hat die Seele regelrecht aufgefressen.

In den kommenden Monaten war ich regelmäßig – und sei es nur für ­einen Tag oder ein Wochenende – im 600 ­Kilometer entfernten Hessen, um Sazou zu suchen. Ich habe Decken ausgelegt, habe die Stellen abgefahren, an denen Sazou gesehen worden sein sollte – auch vagen Sichtungsmeldungen bin ich nachgegangen. Mein ganzes Leben hat sich um nichts Anderes gedreht als darum, meinen Hund wieder zu finden. In dieser ganzen Zeit haben mich weder der Schmerz noch die Selbstvorwürfe losgelassen. Ich habe mich gefragt, was mich noch berechtigt, als Hundetrainerin zu arbeiten, wenn ich es nicht mal schaffe, dass mein Hund bei mir bleibt. Ich, die jeden Hund, der auch nur minimal jagdlich ambitioniert ist, an der Schleppleine lasse, bis ich absolut sicher sein kann, dass der Hund Wild nicht mehr als Auslöser sieht, jagen zu gehen. Ich habe mich selbst hinterfragt, wem ich schon einmal Unrecht getan habe, denn ich gebe zu, dass ich das ein oder andere Mal, als ich von einem entlaufenen Hund gehört habe, still für mich dachte, dass die Bindung dann wohl nicht die beste gewesen sein konnte … was war ich dumm. Denn wenn eines nie das Problem zwischen meiner Sazou und mir war, dann die Bindung. Auch Fragen wie „Bin ich ein guter Hundehalter?“ oder „Bin ich ein verantwortungsvoller Mitbürger?“ haben mich nicht losgelassen. Was, wenn einem Menschen etwas passiert, weil er Sazou zum Beispiel mit einem Auto ausweicht? Würde ich mit dieser Schuld je umgehen können? Ich habe in den Monaten viele Freunde verloren, weil ich mich abgekapselt und selbst gesucht habe. Zum Jahreswechsel 2016 war ich mit meinen Nerven endgültig am Ende. Erst etwa ein Jahr später wurde es besser.

Dass es immer wieder mal angebliche Sichtungsmeldungen gab und bis heute gibt, ist Fluch und Segen zugleich. Bis heute reißt es mich schier von den Füßen, wenn es wieder eine Sichtungsmeldung gibt mit Foto, ob dies vielleicht Sazou ist. Ich bin unendlich dankbar für die Meldungen und dass sie unvergessen ist. Ich wünsche mir bis heute nichts mehr, als dass sie zurückkommt. Außer vielleicht eines: Endlich Frieden finden und abschließen können! Ob ich den ­jemals finde, weiß ich nicht. Was ich aber sicher weiß ist, dass jeder wissen sollte, welche Möglichkeiten es gibt, welches Verhalten das richtige ist und was gut gemeint, aber fatal sein kann.

Retrospektiv habe ich bei meiner Suche durchaus Fehler gemacht. Ich habe all die Zeit versucht, einen Sinn darin zu erkennen, dass mein Hund weggelaufen ist, wenn doch alles im Leben einen Sinn haben soll… Doch die krampf­hafte Suche danach hat mich nur immer weiter runtergezogen. Schlussendlich habe ich lernen müssen, loszulassen. Auch, wenn es unendlich weh tat. Und vielleicht war das meine Lektion. Es war jedenfalls die einzige Chance, ein bisschen Frieden zurück zu erlangen. Ganz gehen wird der Schmerz sicherlich nie.

Wer mein Profil bei Facebook anschaut, sieht wieder eine Malinois-Hündin darauf. Sie heißt Wusa und ist mein Sonnenschein. Sie kann und soll niemals ein Ersatz für Sazou sein. Sie ist ein anderer, neuer Schatten …

WUFF-INFORMATION

Die wichtigsten Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen

1. Niemals – auch wenn man ihn sieht – dem Hund hinterherlaufen. Panik entkoppelt Körper und Geist – der Hund wird nicht so reagieren, wie Sie es gewohnt sind. Im Gegenteil – er wird handeln wie ein (beinahe) wildes Tier. Individualgeruch von „Frauchen“ und „Herrchen“ werden nicht wahrgenommen und zugeordnet. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem dunklen Wald, haben sich verlaufen und haben Angst. Das Adrenalin pumpt durch die Adern, jedes Knacken jagt Ihnen einen Schauer über den Rücken – und dann hören Sie plötzlich Stimmen hinter sich… Außer dem Fluchtreflex funktioniert nichts mehr. Oft ist zu beobachten, dass sich ein entlaufener Hund immer wieder nähert und wegläuft. Daran kann man erkennen, wie der Hund im Zwiespalt zwischen Instinkt und Erinnerung steht.

2. Stellen Sie unbedingt hochwertiges und nahrhaftes „Lieblings-Futter“ an den Ort des Verschwindens. Erneuern Sie es, so oft es erneuert werden muss – aber nur, wenn Sie sehen können, dass sich der Hund nicht im Umkreis der Futterstelle befindet.

3. Bilden Sie niemals kopflos Such­trupps. Damit treiben Sie den Hund ohne ihn zu sehen vor sich her. Dabei ist es egal, ob der Hund unauffällig und schon ewig beim Halter lebt oder ein Hund aus dem Tierschutz und noch nicht lange in seiner Familie ist.

4. Lassen Sie jeden Hund nicht nur chippen, sondern auch bei Tasso oder zusätzlichen Heimtierregistern ­registrieren.

5. Sollten Sie einen Hund aus dem Tierschutz oder von Privat übernehmen, sollten Sie ihn dringend in den ersten drei Monaten mindestens mit Sicherheitsgeschirr und Halsband doppelt sichern und an der Leine lassen. Auch mit Schleppleinen oder in eingezäunten Ausläufen lässt sich tolle Qualitätszeit leben – und dabei an Bindung, Gehorsam und Kooperation arbeiten. Hunde brauchen diese Zeit, um in ihrem neuen Zuhause „anzukommen“. Lassen Sie sich vom vermeintlich folgsamen, ruhigen neuen Hund nicht täuschen – Sie wissen nicht, was er alles erlebt hat bisher und was ihn deshalb alles – über­raschend für Sie – erschrecken kann.

6. Wenn Sie den Hund sehen – auch wenn es schwerfällt: Den Hund nicht ansehen, sich nicht auf ihn zu bewegen und ihn nicht ansprechen! Unternehmen Sie keinerlei Fangversuche, sondern bleiben Sie ruhig. Benachrichtigen Sie unbedingt die zuständigen Behörden (Polizei und Ordnungsamt) sowie das zuständige Tierheim oder die Tierschutzorganisation, TASSO e.V. und das Forstamt.

7. Achten Sie darauf, dass Sie jederzeit telefonisch erreichbar sind! (Dazu ­gehört auch ein geladener Handy-Akku und das Beachten von Funk­löchern für den Handyempfang.)

8. Verteilen Sie weitläufig im kilometerweiten Umland Suchplakate!

9. Falls Sie kürzlich umgezogen sind, verteilen Sie die Plakate unbedingt zwischen Ihrem alten und neuen Wohnort bzw. bei der ehemaligen Pflegestelle/Tierheim.

10. Wenn es Sichtmeldungen gibt, zeichnen Sie die Sichtungspunkte und die Sichtungszeiten lückenlos auf. Dies kann dabei helfen ein Lauf- und Verhaltensmuster zu erkennen und erleichtert das Platzieren von Köderstellen. Die Qualität und die richtige Platzierung der Futterstellen ist der beste Weg, den Hund sichern zu können – und das idealerweise via Distanznarkose oder Lebendfalle. Distanznarkose braucht zudem noch eine sinnvoll aufgebaute Deckung für einen Profi. Hat ein Hund eine Futterstelle sicher angenommen, kann er im Normalfall binnen ­weniger Tage gesichert werden. Es ist dafür unabdingbar, dass es keinerlei Fangversuche an der ­Futterstelle gab. Sonst verbindet der Hund diese Stelle mit Gefahr, sucht sich lieber überfahrenes Wild als Nahrung und gerät dabei selbst in Lebensgefahr, und nicht selten stirbt er, wenn er überfahren wird.

11. Mit jedem misslungenen Fangversuch wird es schwerer einen Hund zu fangen. Lassen Sie keine Zeit verstreichen und wenden Sie sich so unmittelbar wie möglich an einen Profi-Fänger.

12. Und zu guter Letzt: Wenn Sie einen Hund sehen, der entlaufen sein kann, melden Sie es. Aufmerksames Mitdenken und ruhiges, schnelles Handeln kann lebensrettend sein.

13. Sollten Sie eine Sichtung mitbekommen und von einem gesuchten Hund wissen, bedenken Sie, dass jede Meldung für einen Menschen auch wieder ein „Gefühlserdbeben“ ist. Wägen Sie somit ab, ob der gesichtete Hund tatsächlich zum gesuchten passen kann.

Pdf zu diesem Artikel: weglaufen

 

Teilen
Vorheriger ArtikelDie Welpenmafia
Nächster ArtikelGut vorbereitet durch den Herbst und Winter
Susanne Bock
Susanne Bock war, so lange sie zurückdenken kann, vom „Virus“ Hundeliebe infiziert. Das Training der eigenen Hunde (Unterordnung, Agility, Mantrailing, Mondioring, Tricktraining), zahlreiche Seminare und Fortbildungen waren Grundsteine für ihre Seminare, die sie in Österreich und Deutschland hält. Seit 2014 leitet sie ihre Hundeschule – die Hunde-Uni-Bock – erfolgreich und steht interessierten Mensch-Hund- Teams für Gruppen- und Einzelstunden zur Verfügung. Weitere Infos unter www.hunde-uni-bock.at.

Keine Kommentare