Wenn Hunde in die Jahre kommen

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Hunde erreichen heute ein Alter, das sie früher selten erreicht haben. Damit sind bei ihnen aber auch ­altersbedingte ­Veränderungen häufiger, die unsere ­Aufmerksamkeit erfordern. Auch neue ­Fragen tauchen auf. Was können wir tun, um unserem vierbeinigen Familienmitglied das Altern so angenehm wie möglich zu machen? Und nicht vergessen werden darf die Frage, wann ist es Zeit, sich von ihm zu ­verabschieden?

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Gesellschaft – dank der modernen Medizin und der für viele Menschen gerade in unserer westlichen Welt besseren Lebens­umstände – immer älter wird. Zu ­dieser Gesellschaft gehören auch unsere Vierbeiner, die ebenso wie wir von den Fortschritten der medizinischen und ernährungstechnischen Versorgung profitieren. So hat sich das Durchschnittsalter des besten Freundes des Menschen innerhalb der letzten Jahrzehnte quasi verdoppelt. Dabei spielen natürlich viele Faktoren wie Rasse, Haltung etc. eine große Rolle. Doch wie beim Menschen geht der Alterungsprozess auch an unseren Fellnasen nicht spurlos vorüber, und so sieht sich fast jeder Hundehalter früher oder später mit altersbedingten Problemen seines Hundes konfrontiert. Was kann man tun und was ­sollte man wissen, um seinem Hund das Altern so angenehm wie möglich zu gestalten? Und wann ist es tatsächlich an der Zeit, sich von seinem treuen Vierbeiner zu verabschieden?

Die meisten Hunde sind in unseren Breitengraden zu echten Familienmitgliedern geworden – ihre körperlichen und seelischen Bedürfnisse werden heute oft mehr denn je ­berücksichtigt, was dazu führt, dass immer mehr Hunde eine Lebensphase erleben dürfen, die ihnen früher oft verwehrt blieb: das Alter. Auch der Markt hat diesen Trend erkannt und nicht nur Futtermittelhersteller verzeichnen Zuwächse bei Spezialfutter und diversen „Gadgets" für den haarigen Senior. Dabei sind die Bedürfnisse alternder Hunde meist so unterschiedlich wie die ihrer menschlichen (Leidens-)Genossen. Aus diesem Grund ist es überaus ratsam, erst einmal beim Tierarzt oder Fachtierarzt seines Vertrauens vorstellig zu werden, bevor man sich mit Spezialfutter, Ergänzungsmitteln und Tabletten für alle eventuellen Zipperlein eindeckt.

Körperliches Altern
Auch wenn Menschen heutzutage gerne einen großen Bogen um die Thematik des Alterns machen, muss sich nicht nur jeder Hundehalter darüber klar werden: Altern ist keine Krankheit. Das Altern ist ein normaler Prozess, der zum Leben dazugehört und früher oder später die meisten von uns einholt. Doch immer wieder müssen sich Besitzer alter Hunde gut gemeinte Ratschläge anhören, wie: „Der quält sich doch, warum ­schläfern Sie Ihren Hund nicht ein?". Dabei sind das Altern und die damit einher gehenden körperlichen Einschränkungen kein Grund, ein Leben zu beenden. Im Gegenteil: Laut Tierschutzgesetz dürfen Tierärzte ein Tier nicht ohne einen vernünftigen Grund ­einschläfern, und wer denkt, dass graue Haare, eine morgendliche steife Hüfte, die eine oder andere Urinpfütze auf dem Wohnzimmerboden und eingeschränktes Hör- oder Sehvermögen bereits einen vernünftigen Grund darstellen, der sollte sich wohl für den nächsten Sonntagsausflug einmal das lokale Altersheim auf die Liste setzen oder einfach mal wieder die Oma besuchen.

Auch Hunde altern nicht über Nacht. Der Prozess ist meist schleichend und kann sich je nach Hund sehr individuell gestalten. Aus diesem Grund empfiehlt Dr. Regine Kürtz, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz von der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Ältere Hunde sollten regelmäßig zu geriatrischen Vorsorge­untersuchungen beim Tierarzt vorstellig werden. So können medizinische Probleme frühzeitig erkannt und behandelt werden. Viele altersbedingte Leiden lassen sich heute durch eine entsprechende Medikation sehr gut therapieren beziehungsweise deren Voranschreiten verlangsamen."

Und auch Herrchen und Frauchen können einiges tun, um dem Hund das Altern zu erleichtern. Dabei sollte man seinen Hund sehr genau beobachten und auf seine veränderten Bedürfnisse eingehen. Kürtz: „Hunde werden mit zunehmendem Alter unflexibler und weniger anpassungsfähig. Durch abnehmende Sinnesleistungen wie Sehen oder Hören und körperliche Beeinträchtigungen im Alter können Unsicherheit und Angststörungen bei den Hunden auftreten oder intensiver werden. Auch der nächtliche Schlaf älterer Hunde ist häufig nicht mehr so lang und tief wie früher." Orientierungshilfen wie nächtliche Lichtquellen, für den Hund gut erreichbare und gepolsterte Liegeflächen, häufigere Ruhephasen und kürzere, dafür häufigere Spaziergänge, sowie ein geregelter und vorhersehbarer Tagesablauf können hier erste Abhilfe schaffen.

Die körperlichen Alterserscheinungen bei Hunden äußern sich oft durch organische oder orthopädische Probleme. Diese sollten in jedem Fall vom Tierarzt abgeklärt und entsprechend behandelt werden. Bei Gelenksproblemen lässt sich auch im Hundealltag einiges für den Vierbeiner verein­fachen: Rampen können zum Beispiel das Ein- und Aussteigen in das oder aus dem Auto erleichtern, das Gehen auf glatten Untergründen kann durch rutschfeste Teppiche unterstützt werden, und warme, vor Zugluft geschützte Liegeflächen helfen der Fellnase beim erholsamen Schlafen. Die Krallen alter Hunde sollten kurz gehalten werden, um Stolpern oder Hängenbleiben zu vermeiden. Körper­licher und psychischer Stress sollte für Hunde im Herbst ihres Lebens auf ein Minimum reduziert werden, dabei gilt es, verstärkt ruhige Rückzugsorte für den Hund zu schaffen und diese zu respektieren.

Geistiges Altern
Wie ihre zweibeinigen Kollegen, können auch Hunde im Alter ­geistig abbauen. Dieser Abbau kann sich auf vielfältige Weise äußern, doch bevor man nun in die Kiste der Psychopharmaka greift, sollten die Symptome ausführlich mit einem Tierarzt besprochen werden, denn allzu oft liegen veränderten ­Verhaltensweisen bei älteren Hunden körperliche Ursachen zugrunde. Die geistige Gesundheit des Hundes kann durch frühzeitige geistige Stimulation länger erhalten werden. Nach dem Motto „Wer rastet, der rostet" sollten auch alte Hunde geistig ausgelastet werden – wobei eine Überforderung ­natürlich unbedingt zu vermeiden ist. So können zum Beispiel Suchspiele, bei denen die körperliche „Arbeit" für den Hund in den Hintergrund tritt, den Senior mental fordern und ihm den Tag versüßen.

Neben normalen geistigen Alters­erscheinungen, zu denen eine ganze Palette von ­Verhaltensveränderungen gehört, gibt es auch beim Hund speziellere Formen des geistigen Alterns. Dazu gehört das so genannte kognitive Dysfunktionssyndrom oder auch „Hunde-Alzheimer" oder „senile Demenz" genannt (siehe Artikel in WUFF 7/2015). Die Diagnostik dieser noch wenig erforschten Erkrankung gestaltet sich dabei nicht einfach. Dr. Kürtz erklärt: „Da sich viele ­Verhaltensveränderungen auch auf körperliche Gebrechen und Schmerzen zurückführen lassen und die Symptome des kognitiven ­Dysfunktionssyndroms denen „normaler" altersbedingter Veränderungen oft sehr ähneln, müssen Halter und Tierarzt bei der Diagnose dieser Krankheit eng zusammenarbeiten. Eine gründliche Allgemeinunter­suchung und eine ausführliche ­Anamnese, idealer Weise durch einen tierärztlichen Verhaltensspezialisten, sind die Grundvoraussetzungen für die Stellung einer Diagnose."

Auslöser des kognitiven Dysfunktionssyndroms sind irreversible degenerative Veränderungen im Gehirn des Hundes, ähnlich wie bei Alzheimer. Heutiger Kenntnisstand ist, dass diese Erkrankung unabhängig von Rasse oder Geschlecht eines Hundes auftreten kann, und dass mangelnde geistige Aktivität ein schnelleres Voranschreiten der Krankheit begünstigt. Um diese Aussagen zu validieren, muss auf diesem Gebiet allerdings noch einiges an Forschungsarbeit geleistet werden.

Zu den typischen Symptomen der senilen Demenz zählt zum Beispiel die Desorientiertheit: Die Hunde haben plötzlich Schwierigkeiten, sich auch im gewohnten Umfeld zurechtzufinden, wandern ziellos umher, starren ins Leere und erkennen zum Teil weder Herrchen noch Frauchen. Sie bleiben zum Beispiel hinter Möbeln „stecken", wirken verwirrt und wissen nicht mehr, auf welcher Seite sich die Tür öffnet. Oftmals ist auch die Interaktion mit Menschen oder anderen Hunden verändert. Die Hunde entziehen sich dem Streicheln, fordern weniger Aufmerksamkeit und zeigen insgesamt weniger gerichtete Aktivität. Oft zeigen betroffene und vorher stubenreine Hunde auch eine Stubenunreinheit – wobei all diese Symptome für sich genommen auch Hinweise auf körperliche Leiden sein können, weshalb regelmäßige Besuche beim Tierarzt für Hund und Halter unumgänglich sind.

Eine Therapie für betroffene Hunde besteht laut Dr. Kürtz aus verschiedenen Bausteinen: „Die Erkrankung ist leider nicht heilbar, mit einer Kombination aus unterschiedlichen Therapiemaßnahmen lässt sich ein Fortschreiten aber oftmals verlangsamen oder im Einzelfall zeitlich begrenzt sogar eine Verbesserung der Symptomatik erzielen. Eine Kombination aus Spezialfuttermitteln, Nutraceuticals und Psychopharmaka hat sich in der Therapie des kognitiven Dysfunktionssyndroms bisher bewährt."

Schlaf-Wach-Rhythmus
Viele Hunde zeigen im Alter einen veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus. Die damit einhergehenden Symptome, wie tagsüber vermehrter Schlaf und reduzierte Aktivität, verminderter Nachtschlaf und nächtliche Unruhe können, müssen aber kein Anzeichen für eine senile Demenz oder andere Erkrankungen sein. Auch in diesem Fall gilt es, den Hund genau zu beobachten und ihn gegebenenfalls auf schmerzhafte Prozesse oder andere medizinische Probleme untersuchen zu lassen, um den Ursachen für dieses Verhalten auf den Grund zu gehen.

Angenehmes & würdevolles Altern – Palliativpflege für Hunde
Viele Hundehalter sind mit den neuen Bedürfnissen und Verhaltensweisen ihres alternden Hundes überfordert, und so werden auch heute noch viele Hunde „vor ihrer Zeit" eingeschläfert. Dass es auch anders geht, zeigen Programme und Institutionen wie zum Bespiel die International Association of Animal Hospice and Palliative Care, kurz IAAHPC, aus Texas, USA. ­Coleen Ellis and Dr. Kathy Cooney haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben alter und sterbender Hunde so angenehm wie möglich zu gestalten und ihnen und ihrer menschlichen Familie zu helfen, mit der veränderten Situation umzugehen. Dr. Cooney: „Neben medizinischer Betreuung des Hundes bieten wir den Hundehaltern vor allem Informationen und Training zum Umgang mit den veränderten Bedingungen, damit sie realistische Erwartungen in Bezug auf ihren Hund haben. Alte Hunde zeigen ein verändertes Verhalten, sie haben einen neuen „Normalzustand". Hunde und Halter müssen sich einfach auf diesen neuen Zustand einlassen – dabei ­können wir ihnen helfen."

Coleen Ellis ergänzt: „Unsere Rolle umfasst dabei auch die ­emotionalen Aspekte, die mit dem Altern und ­Sterben des geliebten Haustiers ­verbunden sind. Wir bieten Informationen und emotionale Unterstützung, nicht nur im Umgang mit dem Hund und unter medizinischen Aspekten, sondern auch beim Treffen von Entscheidungen und bei der Vorbereitung auf den Tod."

Die Phasen, die ein alternder Hund durchläuft, können sehr individuell sein, dennoch sollten ­Hundebesitzer sich rechtzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. So empfiehlt Dr. Cooney zum Beispiel, den Hund schon frühzeitig an das Benutzen von Rampen und unterstützenden Geschirren zu gewöhnen, damit die Umstellung im Alter leichter fällt. Eine nicht zu unterschätzende Rolle für den alten Hund spielt ein ruhiges, gewohntes Umfeld. Cooney: „Alte Hunde leiden oft an Unruhe oder Angstzuständen. Eine ruhige, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Umgebung sowie Rückzugsorte können ihnen eine große Hilfe sein. Eine speziell zugeschnittene Schmerztherapie und Hygiene sollten selbstverständlich sein."

Für alte Hunde ist ein geregelter Tagesablauf Gold wert. Er bietet ihnen Stabilität und schafft Vertrauen. Angepasste körperliche und geistige Aktivitäten sowie Spezialfuttermittel für Senioren sind dabei auch für Hunde gesund und können den Alterungsprozess verlangsamen.

Wann ist es Zeit?
Doch auch bei noch so guter Pflege ist es irgendwann an der Zeit, sich vom geliebten Vierbeiner zu verabschieden. Auch bei dieser schweren Aufgabe stehen palliative ­Dienstleister, wie die IAAHPC, ihren zwei- und vierbeinigen Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Dabei kommt der Möglichkeit der Einschläferung von Tieren eine besondere Bedeutung zu. Dr. Cooney erklärt in diesem Zusammenhang: „Bei unterstützender Palliativmedizin und Hospizarbeit haben Hunde oftmals bessere Chancen, einen natürlichen, friedvollen Tod zu sterben, ohne dass eine Euthanasie nötig wird. In anderen Fällen ist eine Einschläferung natürlich immer vorzuziehen, wenn es darum geht, leidende Tiere zu erlösen." Ellis ergänzt: „Die Diskussion rund um das Thema Euthanasie beruht oftmals auf Ängsten. Diese Ängste versuchen wir durch Aufklärungsarbeit abzubauen, indem wir alle Optionen mit den Tierhaltern besprechen. Der emotionale Druck überfordert dabei viele Halter und sie fühlen sich nicht in der Lage, eine richtige Entscheidung zu treffen. Unsere Aufgabe liegt darin, Informationen zu liefern, die Angst vor dem Ungewissen abzubauen und sowohl medizinische als auch emotionale Betreuung in dieser Zeit anzubieten. So kann sich der Hundebesitzer sicher fühlen, da er weiß, dass er alles in seiner Macht getan hat, um nicht nur die letzten Jahre, sondern auch das Ende für sein geliebtes Haustier so angenehm wie möglich zu gestalten." 

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Sylke Schulte
Sylke Schulte arbeitet seit Beendigung ihres Anglistik / Germanistik-Studiums als freie Journalistin und setzt ihre Begeisterung für Tiere in Artikeln für verschiedene Fachzeitschriften um. www.diesprachpraxis.de

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