Wenn Tierschutz keine Grenzen kennt

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Das Tierheim Krems hatte schon geschlossen und in der im selben Gebäude untergebrachten tierärztlichen Praxis begannen gerade die Ordinationszeiten, als eine junge Frau hereinstürmte und einen großen schwarz-braunen Mischlingsrüden beim Tierarzt abgeben wollte. Der Rüde wies eine Wundstelle um den Hals auf, die auf Kettenhaltung schließen ließ. Der herbeigerufenen Tierpflegerin, die sich in der dem Tierheim angeschlossenen Wohnung auf ihren Nachtdienst vorbereitete, erzählte die Frau, der Hund wäre ihr bei der Donau-Universität in Krems zugelaufen. Doch die auffallende Nervosität und das gesamte Verhalten der Frau ließen die Mitarbeiterin stutzig werden. Es war zu diesem Zeitpunkt kein einziger Zwinger, ja nicht einmal ein Nebenraum frei, das gesamte Tierheim restlos überfüllt mit Notfällen. Das rührte die „Finderin" wenig, sie wollte den Hund schnell loswerden, und so musste aufwändig die Katzenkrankenstation geräumt werden, die armen Patienten in Käfige auf dem Gang übersiedeln.

Flüchtet in die Dunkelheit
Als die „Finderin" das Tierheim verlassen wollte, fiel Vereinsobfrau Andrea Specht auf, dass nirgendwo ein Auto zu sehen war. Sie fragte die Frau, wo sie denn ihr Fahrzeug gelassen habe. Es wäre um die Ecke, weiter weg geparkt, behauptete die Frau. Das Angebot, sie bis zu ihrem Wagen mitzunehmen, konnte sie nicht schlüssig ablehnen. Etwa 50 Meter vom Tierheim entfernt fiel Andrea Specht ein weißer Transporter mit einem älteren Fahrer auf, der versteckt neben einem Feld parkte. Die Frage, ob sie zu diesem Wagen gehöre, verneinte die „Finderin" energisch. Sie verließ das Auto allerdings fluchtartig unweit eines nahen Autohändlers und verschwand sofort in der Dunkelheit. Im selben Moment startete der weiße Transporter und fuhr ebenfalls in Richtung des Autohändlers.

Mit ihrem Geländewagen versperrte Andrea Specht dem Fahrer den Weg und stieg aus, um das verdächtige Fahrzeug in Augenschein zu nehmen. Im Laderaum des Transporters befanden sich tatsächlich zwei Hundeboxen, eine davon leer, in der anderen kauerte ein Boxer. Darauf angesprochen, ob er mit dem gerade eben im Tierheim abgegebenen angeblichen Fundhund etwas zu tun habe, reagierte der weißhaarige Mann äußerst aggressiv. In einem waghalsigen Manöver gelang es ihm, mit dem Transportbus über das Feld auszuweichen und zu flüchten.

Autobahnpolizei verhört Tierschützer
Andrea Specht verfolgte den Wagen, der auf die Schnellstraße nach St. Pölten auffuhr, und verständigte per Mobiltelefon die Autobahnpolizei. Bei einer Tankstelle unweit von St. Pölten war die Verfolgungsjagd zu Ende. Der Fahrer, mittlerweile wieder in Begleitung der „Finderin", versuchte zwar noch einige Einschüchterungsmanöver, indem er mit einer Anzeige wegen Belästigung drohte, doch die Polizei war schon da. Der Vorfall wurde aufgenommen, Fahrer und Beifahrerin des Tiertransportes zeigten sich geständig. Trotzdem versuchte die Frau, die nach eigenen Angaben in Wien studierte, ihr mutmaßliches Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten. Sie hätte den Hund ja wirklich gefunden, allerdings in Ungarn, erzählte sie den Beamten, die derlei natürlich nicht gelten ließen. Beide wurden umgehend aufgefordert, den in betrügerischer Absicht als Fundtier deklarierten Hund unverzüglich aus dem Tierheim Krems abzuholen. Die Studentin erzählte schließlich, sie sei eine Mitarbeiterin von Animal Life und der Hund bei einer Doggenzüchterin im südlichen Niederösterreich, die auch eine Tierpension betreibe, untergebracht gewesen. Weiters: Weil der Rüde über Zäune klettere und die Zwinger nicht abgedeckt seien, wäre er die letzten Wochen an der Kette gehalten worden. Dabei habe er sich die Verletzungen am Hals zugezogen. In Absprache mit Frau Ozimic von Animal Life hätte sie deshalb versucht, den Hund im Tierheim Krems als „Fundhund" „unterzuschummeln", weil sie gehört hätte, dass dort die Tiere besonders gut betreut würden. Der zweite Hund im Auto sei für Frau Prohaska von Jagdhunde in Not bestimmt.

Interessantes Detail am Rande: Als Andrea Specht mit Frau Dr. Ozimic, der Chefin von Animal Life, telefonierte, gab sich diese völlig überrascht und entsetzt über das „unglaubliche" Verhalten ihrer Mitstreiterin. Sie hätte davon nichts geahnt. Doch als sie unmittelbar vorher mit ihrem Fahrer, der sich Simon nannte, telefoniert hatte, meinte dieser noch für die Umstehenden mithörbar: „Leugnen ist zwecklos, sie wissen alles."

Gemeinsam wieder in Krems angekommen, wurde erst der völlig erschöpfte Boxerrüde aus dem Auto geholt und von den Mitarbeitern im Tierheim notversorgt. Erst nach einer Erholungspause, Wasser, Futter und neuen trockenen Decken ging die Fahrt weiter. Der untergeschobene „Fundhund" Tommy wurde von einer St. Pöltner Tierärztin als Pflegehund aufgenommen, auf die Homepage des Tierheimes Krems gestellt und vermittelt. Das Tierheim Krems verzichtete übrigens auf eine Anzeige, verlangte aber ein klärendes Gespräch mit Vereinsobfrau Dolores Ozimic, ein Gespräch, zu dem es leider nie gekommen ist …

Auch andere Tierheime beklagen sich!
Doch auch andere Tierheime wissen Haarsträubendes über „untergeschobene" Hunde zu berichten. So etwa Erwin Schlosser vom gleichnamigen Tierheim in Gastern bei Heidenreichstein. Er fiel gleich mehrfach auf die Tricks findiger „Tierschützer" herein. „Als eines Tages ein Pärchen gleich fünf Hunde bei mir abgeliefert hatte, weil sie die Tiere angeblich nicht mehr brauchen konnten, war ich sehr verzweifelt, denn auch bei mir ist Überfüllung der Normalzustand. Es handelte sich um eine kranke Schäfermischlingshündin, drei Magyar Viszlar und einen drahthaarigen Mischling." Als Erwin Schlosser die vierbeinigen Neuzugänge auf seiner Homepage veröffentlicht, meldet sich ein Anrufer und klärt ihn darüber auf, dass es sich bei den Tieren um Hunde aus ungarischen „Tötungsstationen" handle und er die ehemaligen „Besitzer" kenne. Zur Rede gestellt, gaben die beiden unverhohlen zu, dass sie bei der Abgabe gelogen hätten. Doch bei Animal Life hätte man ihnen dazu geraten zu vertuschen, woher die Hunde seien. Schlosser: „Sonst hätten sie die ja nicht genommen."

Manipulierte Impfpässe aus Ungarn?
Auffällig waren auch die mitgegebenen Impfpässe, die nach Schlossers Meinung nicht mit den Tieren übereinstimmten. Erwin Schlosser: „Man konnte genau erkennen, dass die Klammern in der Mitte geöffnet worden waren und aus mehreren Impfzeugnissen ein neues „gebastelt" worden war. Auch die Papierfarbe der einzelnen Seiten differierte stark. Das ist doch Dokumentenfälschung."

Erwin Schlosser kontaktierte Dolores Ozimic von Animal Life, wurde jedoch aus seiner Sicht unwirsch von ihr abgefertigt. Zu Diskussionen über Vereinspraktiken war man dort offenbar nicht aufgelegt. „Leider fallen immer wieder Tierfreunde auf Animal Life herein", klagt Erwin Schlosser. So auch ein junges Pärchen in der Nähe von Gmünd, die jede Woche nach Ungarn fahren, Hunde holen. „Die inserieren sie dann unter `Verkaufe diverse Hunderassen in jedem Alter’." Mittlerweile hätten sie allerdings erkannt, dass es gar nicht so leicht ist, die Hunde wieder ‘loszuwerden’, geschweige denn zu verkaufen. „Vor kurzem riefen mich die beiden an und fragten mich, ob ich ihre Hunde aufnehmen könnte", erzählt Erwin Schlosser. „Natürlich habe ich abgelehnt. Ich kann doch nicht ständig ungarische Notfälle aufnehmen und die Tiere, die vor meiner Haustür dringend Hilfe brauchen, im Stich lassen. Außerdem kann ich mir das auch finanziell gar nicht leisten. Ich werde ja von niemandem subventioniert."

WUFF HINTERGRUND


„Ich kann es ja verstehen!"
sagt WUFF-Redakteurin Andrea Specht

Bei der derzeitigen Diskussion um importierte Nothunde muss man klar und deutlich sagen, dass natürlich diese Hunde Hilfe brauchen. Ich habe selbst eine Hündin aus Griechenland mitgenommen, und sie lebte sechzehn Jahre in unserer Familie. Nur ist die Situation durch den unglaublichen Anstieg von Importhunden bereits eskaliert, und unser Tierschutzsystem verkraftet keine weitere Belastung. Vor dieser Tatsache dürfen wir unsere Augen nicht verschließen.

Österreichisches Tierheimsystem steht vor dem Kollaps
Man hört oft das Argument, dass Tierheimbetreiber in Österreich es ja leicht hätten. Sie hätten ja ein eigenes Tierheim. Doch wer es sich so einfach macht, vergisst, dass diese Heime auch erhalten werden müssen – und zwar zu zwei Dritteln und mehr aus Spenden und Veranstaltungen. Das ist harte Arbeit, und alle kämpfen jedes Jahr aufs neue ums Überleben. Auch die Behauptung, es wäre einfacher, einen Hund etwa von Animal Life als aus österreichischen Tierheimen zu bekommen, ist nur kurzfristig richtig. Denn die Erfahrung zeigt, dass unprofessionell vermittelte Hunde irgendwann wieder auf der Straße stehen und heimische Tierheime zusätzlich belasten. Auf Dauer können wir die Flut an ausländischen Notfällen nicht mehr auffangen. Das System steht kurz vor dem Kollaps.

Heimische Notfälle leiden hinter Gittern
Auch dieses Argument hören wir oft: Dass es in Österreich ja bessere Tierschutzgesetze als anderswo gäbe und man einen ungewollten Hund nicht ohne Strafverfolgung erschießen dürfe. Doch das passiert bei uns oft genug, vor allem in ländlichen Regionen, und kein Hahn kräht danach. Ebenso oft erzählt jemand, er hätte deswegen einen ausländischen Hund aufgenommen, weil dieser sonst getötet worden wäre, währenddessen Hunden in heimischen Tierheimen zumindest ein solches Schicksal erspart bliebe. Doch ist es fair, wenn immer mehr heimische Notfälle Jahre ihres Lebens unschuldig hinter Gittern verbringen müssen, weil es Hunden anderswo „noch schlechter geht" und potenzielle Plätze mit ausländischen Nothunden besetzt werden? Hier ist ein Umdenken mehr als nötig.

Idealismus ja – aber nicht die Augen vor der Realität verschließen
Trotz aller negativer Erfahrungen mit Animal Life-Mitstreitern und meinem Ärger über manche Aktionen verstehe ich sie auch. Was dort drüben in Ungarn passiert, ist eine Schande für die Europäische Union. Ich habe selbst im Rahmen einer WUFF-Aktion mehrmals vor Ort mitgeholfen, und es ist kaum möglich, vor diesem Leid die Augen zu verschließen oder die Entscheidung zu treffen, einen Hund zurückzulassen. Doch es ist ebenfalls eine (wenn auch traurige) Tatsache, dass wir nicht alles Leid dieser Welt lindern können, sondern immer nur ein klein wenig. Alle Hunde jetzt nach Österreich zu bringen, würde bedeuten, dass unsere heimischen Notfälle auf der Strecke bleiben, was zum Teil schon der Fall ist. Viele Mitstreiter von Animal Life sind idealistische junge Menschen, die einfach nur helfen wollen und irgendwann aus Verzweiflung begonnen haben, die Augen vor der gesamten Realität zu verschließen, nur noch „ihre" Sache zu verfolgen.

Helfen ja – aber miteinander und nicht gegeneinander
Es ist unfair und verursacht weiteres Tierleid, Tierschutz auf Kosten heimischer Tierheime zu betreiben. Und – es ändert gar nichts an ungarischen Verhältnissen, im Gegenteil. Sinnvoller und auf Dauer erfolgreicher wäre es dagegen, ehrlich zusammenzuarbeiten und mit durchdachten Strategien gegen die „Abdeckereien" in Ungarn anzukämpfen. Dafür sollten wir uns alle gemeinsam einsetzen. Nur dann können wir etwas verändern.

WUFF LESER-DISKUSSION


Leser berichten über Animal Life
In Leserreaktionen zum Artikel über Animal Life (WUFF 2/06, S. 32 ff.) wird auffällig oft über die Seuche Parvovirose berichtet, sowie dass man sich nach Übernahme des Hundes allein gelassen fühle. Und schon fast grotesk der Fall einer Wiener Familie, die Animal Life ausdrücklich mitteilte, einen Hund ohne Jagdleidenschaft übernehmen zu wollen. Was man dann erhielt, war ein Deutscher Jagdterrier-Mix!


Erfahrungen einer Tierärztin mit Animal Life
Ich sehe diese Organisation aus einem differenzierten Blickwinkel:

1. Sie mobilisiert aus einem Gefühl, das vielen von uns bekannt ist und Verständnis erweckt –, nämlich Mitleid mit der gequälten und zum Tode verurteilten Kreatur – menschliche Ressourcen. Diese Menschen, die verzweifelt mit einer Sisyphus-gleichen Methodik Hunde aus den Todeszellen holen, lässt der Gedanke nicht mehr los, dass jeder Hund, der nicht von ihnen geholt wird, sterben wird. – Verständlich!

2. Für das Erreichen des Zieles, möglichst viele Tiere aus der Hölle zu holen, ist jedes Mittel recht, auch wenn es teilweise nicht den Gesetzen entspricht. (Die Tiere verfügen weder über gültige und wirksame Impfungen, noch über Mikrochips oder EU-Pässe – können unter den Bedingungen ja auch kaum vorhanden sein.) Unverständlich!

3. Für die geretteten Tiere gibt es in Österreich nur eine ungenügende Infrastruktur. Es kann meiner Meinung nach nicht funktionieren, von einer Sekunde auf die andere Hunde direkt zu vermitteln, auch sogenannte Pflegeplätze (vorübergehend) sind nur ein schlechter Ersatz für Tierheime. Diese Pflegeplätze entziehen sich schließlich weitestgehend einer Kontrolle der Tierschutzorganisation – sowohl was die Haltungsbedingungen, als auch die Vermittlungsmodalitäten bzw. Finanzen betrifft. Wenn das funktionieren würde, wären alle Formen von Tierheimen ad Absurdum geführt.

Ich empfinde menschliche Sympathie für die paar „Animal Life-Menschen", die ich bisher kennen gelernt habe. Ich bin überzeugt davon, dass ihr Engagement nicht von materiellen Erwägungen geprägt ist. Ich denke, es wäre wichtig, das Problem der Todeszellen und der unkontrollierten Vermehrung vor Ort – an der Wurzel des Übels – in den Griff zu bekommen oder wenigstens zu lindern. Auf welche Weise, das bedarf einer eingehenden Diskussion – und da müsste Animal Life den in Österreich agierenden Tierschutzorganisationen mit ihrer meist jahrzehntelangen Hundevermittlungserfahrung mit Gesprächsbereitschaft entgegentreten. Sonst werden die „geretteten" Tiere dort enden, wo es wohl keiner will: die ohnehin mit österreichischen Hunden überfüllten Tierheime müssen dann die schlecht oder nicht vermittelten Tiere aus Ungarn vermitteln …
Tierärztin Katia Vogelsinger
3950 Gmünd

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Deutscher Jagdterrier-Mix als Schnauzermix …

Familie Faustmann aus Wien suchte bei Animal Life ausdrücklich einen Hund ohne Jagdleidenschaft. Der Hund, den sie von einer Tierpension in Zeiselmauer abholten, war ein Deutscher Jagdterrier … Nach ernsten Problemen des Hundes mit dem Kleinkind der Familie erreichte man nur mit großer Hartnäckigkeit, dass der Hund von Animal Life wieder zurückgenommen wurde. Dennoch hat Frau Dr. Faustmann differenzierte Gedanken zum Problem.

1. Erstens müssen die ungar. „Tierverwertungsstellen" von der Aufbewahrung überzähliger Tiere entkoppelt werden. Das geht sicher nur per Auflage seitens der Behörden.

2. Jeder, der sich von seinem Hund trennen will oder muss, sollte im Vorfeld eine Annahme im Tierheim beantragen können. So ist es vielleicht möglich, mit einer Übergangsfrist dem Tier das Heim zu ersparen, da der neue und der alte Besitzer Kontakt aufnehmen können.

3. Organisationen, wie Animal Life oder andere, sollten, wenn sie es ernst meinen, die Ressourcen eher in den Ausbau einer bestehenden Anlage stecken, als sich selbst noch einmal das Rad neu zu erfinden. Zeit, Geld und Kraft sind dann an anderen Stelle wieder frei.

4. Vielleicht kann auch eine Patenschaft zwischen Tieruniversitäten und Organisationen angeregt werden, denn da können angehende Tierärzte viel Leid lindern, und die Organisationen können viel Geld sparen.

5. Vielleicht sollte man eine Liste der „guten" ungar. Tierheime anfertigen, damit diese Unterstützung bekommen von anderen. Und sei es durch Partnerschaften ähnlich wie bei den Städtepartnerschaften.

Dr. Martina Faustmann
1010 Wien

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