Wesenstests heutzutage

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Wesenstests entscheiden oft über Leben und Tod eines Hundes oder über verschärfte Haltungsbedingungen. Dass allerdings die Wesenstests, wie sie heute üblicherweise bei Hunden durchgeführt werden, einer wissenschaftlichen Grundlage entbehren und daher überdacht werden müssen, ist die Kernaussage des Verhaltens­biologen und Experten der „pet-group“, PD Dr. Udo Gansloßer, in seinem Vortrag bei einem „hundepolitischen Abend im ­hessischen Landtag“ (siehe Bericht WUFF 10/2010).

Die Praxis von Verhaltensüberprüfungen, wie sie heute überall durchgeführt werden, sei aus methodischer und wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar, so die ­zentrale Aussage von Privat­dozent Dr. Udo Gansloßer anlässlich des „hundepolitischen Abends im ­hessischen Landtag“ (siehe Bericht in WUFF 10/2010). Der Grund liege ­darin, dass diese Wesenstests zu ­keinen nachvollziehbaren ­Ergebnissen führen, weil ihre Methodik nicht ­stimme. Wie nun ein Test aussehen soll, der zu einem verwertbaren Ergebnis führen kann, erklärt der Verhaltensbiologe anhand der Methodik seriöser Persönlichkeitstests.

Nur ein Test, der dieselben Ergebnisse hervorbringt, wenn er unter gleichen Bedingungen wiederholt wird, ist wissenschaftlich haltbar und daher verwertbar. Elementar sind die interne und externe Wiederholbarkeit bzw. Testbarkeit (Validität), wie Gansloßer erklärt.

Interne Validität
Ein fundierter Test müsse in sich schlüssig und wiederholbar sein. Möglichst im Blindversuch, d. h. der Tester dürfte nicht wissen, dass es sich um den gleichen Hund handelt, wenn er nach einer bestimmten Zeit (im Abstand von mehreren Monaten oder 1-2 Jahren) diesen neuerlich einem Test unter identen Bedingungen unterzieht. Ist ein Test valid, dann müsste immer das gleiche oder zumindest ein vergleichbares Test­ergebnis herauskommen. Das ist Voraussetzung für einen wissenschaftlich verwertbaren und statistisch auswertbaren Test.

Gansloßer verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass alle Studien und Arbeiten zum Thema zeigen würden, dass ein Test bei einem Hund vor dem Alter von abgeschlossenen 24 Monaten keine statistisch und ­wissenschaftlich nachweisbare interne Validität hat. Es mache daher keinen Sinn, einen Hund vor Erreichen dieses Alters überhaupt einer Testung zu unterziehen.

Externe Validität

Externe Validität heißt, inwieweit sind bei ein und demselben Hund die Testergebnisse von verschiedenen Testern miteinander vergleichbar. Nur wenn dies zutrifft, kann ein Test eine sinnvolle Aussage treffen. Über­prüfen lässt sich dies folgendermaßen: ­Mehrere Tester müssen anhand einer Liste mit 20-25 ­Verhaltensmerkmalen verschiedene Hunde beurteilen. Jeder Tester für sich allein, ohne zu wissen, wie ein anderer Tester denselben Hund beurteilt hat. Danach werden die Ergebnisse der Tester verglichen. Valid ist dann der Test in Bezug auf ein bestimmtes Verhaltensmerkmal nur dann, wenn 95% der Tester in ihrem Ergebnis übereinstimmen. Kein Wunder, ein Test würde ja ­völlig sinnlos sein, wenn der Prüfer A zu einem ­anderen Ergebnis als der ­Prüfer B kommt. Überhaupt optimal wäre überhaupt ein sogenannter Doppel­blindversuch, bei dem praktisch alle möglichen Einflüsse auf das Test­ergebnis noch einmal minimiert ­würden, so ­Gansloßer: „Es würde aber ein enormer Aufwand an Zeit, Energie, Engagement und Geld dahinter­stecken, um einen ­methodisch ­sauberen Test mit vergleichbaren Ergebnissen durch­zuführen“, so der Experte. Dazu würden aber nun ­weitere Schwierigkeiten ­kommen, ­darunter gruppen­­dyna­mische ­Prozesse.

Gruppendynamischer Prozess
Gansloßer weist darauf hin, dass es bei Hunden charakteristische Persönlich­keiten gebe, zudem seien auch die Persönlichkeitsfaktoren des Halters relevant. Vor allem habe ein Mensch-Hund-Team als soziale Be­ziehung andere Eigenschaften als das einzelne Individuum für sich gesehen. Dies ist durch gruppen­dynamische Prozesse verursacht. Daher müsse eigentlich ein Beziehungstest her, so Gansloßer.

Das Fünf-Faktoren Modell (FFM)
In weiterer Folge erklärt Gansloßer ein nicht unkompliziert wirkendes Modell, das aus der Humanpsychologie kommt, und deren Anwendung auf die Hunde­psychologie in den USA durch eine groß angelegte Vergleichsstudie einer amerikanischen Univer­sität bestätigt wurde – das sog. ­Fünf-Faktoren Modell.

Bei diesem Modell werden die Per­sönlichkeitstypen anhand von fünf Achsen beschrieben. Jedes Tier wird auf jeder Achse zwischen Null und Zehn bewertet. Die jeweiligen Achsen betreffen folgende Eigenschaften:
1. Emotionale Stabilität.
2. Extrovertiertes oder Introvertiertes Verhalten.
3. Geselligkeit, d.h. Interesse an ­Kontaktaufnahme.
4. Offenheit und Bereitwilligkeit, sich mit neuen Situationen zu beschäftigen.
5. Gewissenhaftigkeit in dem Sinne, wie lange ein Hund bereit ist, sich mit einer Aufgabe auseinander­zusetzen.

Die Kombination dieser 5 Achsen lasse ein recht differenziertes Bild über die Persönlichkeit des getesteten Hundes entstehen, so Gansloßer. Zugleich sei aber auch leicht erkennbar, dass ein einmaliger Test lediglich eine Momentaufnahme des Ver­haltens darstellt, die am nächsten Tag oder eine Stunde später bereits völlig anders ausfallen könnte.

Aufbauend auf diesem Achsenmodell stellte der Verhaltensbiologe zwei grundlegende Typen dar, den A- und den B-Typ.

Hunde-Grundpersönlichkeiten
• Der A-Typ ist ein sich bereit­willig neuen Situationen stellender Hund, mit einer aktiven Erkundung seiner Umgebung. Dies könne auf Be­obachter scheinbar aggressiv wirken. Da der A-Typ auch viele Kontakte sucht, sei er naturgemäß öfter in Auseinandersetzungen verwickelt. Der A-Typ liebe es, sein soziales und nichtsoziales Umfeld zu ­kontrollieren, und solange ihm dies gelingt, sei er zufrieden. Andererseits neige ­dieser Typ zu einer geringen Frustra­tionstoleranz mit Auftreten von Stress, wenn er seine Umwelt nicht kontrollieren kann. Der A-Typ würde im Stresssystem durch die Hormone des Nebennierenmarks(Adrenalin und Noradrenalin) und verwandte Botenstoffe im Gehirn (Dopamin) beeinflusst.

• Der B-Typ hingegen ist eher zurückhaltend und passiv. In ­unklaren und unüberschaubaren ­Situationen nimmt er sich, sofern er die ­Möglichkeit dazu hat, gerne aus der Situation ­heraus und beobachtet lieber aus sicherer Entfernung. Der B-Typ wird durch das passive Stresshormon­system des Cortisols gesteuert. ­Dieses ist unter anderem verant­wortlich für Angst­aggression und Kontrollverlust­aggression. In Wesenstests wird gerade dem B-Typ oftmals die Möglichkeit, sich aus einer kritischen Situation herauszu­nehmen, verwehrt. Das Tier hat somit gar nicht die Möglichkeit, sich seiner Persönlich­keit entsprechend zu verhalten. In ­solchen Situationen fördert das ­Cortisol eine Selbstverteidigungs­attacke. Das Tier wird somit ge­­zwungen, sich zu verteidigen, da es in eine Situation gedrängt wird, in die es sich real ­niemals begeben würde.

Erblichkeit von Verhaltensmerkmalen

Grundpersönlichkeiten wie der A- und der B-Typ könnten durch gezielte Selektion verbessert oder verschlechtert werden, so Gansloßer, die Erblichkeit würde bei ungefähr einem Drittel liegen.

Mit seinen Ausführungen konnte der Verhaltensbiologe zeigen, dass Rasselisten und darauf aufbauende Wesenstests problematisch zu sehen seien, da – wie aufgezeigt – ­viele ­Faktoren eine Rolle spielten, die aber nicht berücksichtigt würden. Ein ­Ausweg aus dieser Problematik ­müsse auf wissenschaftlich fundierten gesetzgeberischen Entscheidungen beruhen. Es sei notwendig, über neue Lösungen zu diskutieren und neue Lösungen zu durchdenken, so 
Gansloßer ab­schließend.

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