Wie aus dem Wolf ein unentbehrlicher Helfer des Menschen wurde

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Die molekulargenetische Forschung unterscheidet außer­europäische sog. wolfdog-Rassen von europäischen Molosser-, Herdenschutzhund- und Jagdhundrassen. Die auf dem euro­päischen Kontinent entstandenen Hunderassen sind offensichtlich besser ausbildbar als die außereuropäischen. Hundlicher Gehorsam wird – gleich einem Zügel – bestimmt durch das ­Verhältnis von einerseits Ausleben bzw. Förderung hundlicher Triebe sowie andererseits ihrer Hemmung. Wie aus dem Beute­greifer Wolf ein unentbehrlicher Helfer des Menschen wurde, erklärt der Wiener Hundeexperte Dr. Hellmuth Wachtel.

Der Wolf ist in seiner domestizierten Form – also dem Haushund – das bei Weitem älteste Haustier des Menschen. Sicher ist, dass er vor mindestens 15.000 Jahren domestiziert wurde, vielleicht aber schon vor über 30.000 Jahren. Es sind nämlich schon aus diesem Zeitraum Funde von Wolfs-Skeletten bekannt, deren anatomische Abweichungen auf eine beginnende Domestikation zurückgehen könnten.

Die Wölfin Poldi
Diese Umwandlung des Wolfes zum Haustier muss als eine ganz große Leistung des Menschen ­betrachtet werden, denn der Wolf ist in Gefangen­schaft kaum „abrichtbar". So ist es mir nicht gelungen, festzustellen, ob und wo der Wolf je in einem Zirkus vorgeführt wurde, wenn man von wenig aussagekräftigen Informationen über Derartiges aus den USA absieht. Während also der Wolf besonders schwierig zu zähmen oder gar für Vorführungen auszubilden sein dürfte, sind Zirkusvorführungen von Raubkatzen wie Tiger und Löwen etwas ganz Normales.

Allerdings, eine erstaunliche Aus­nahme ist bekannt. Es war dies die bosnische Wölfin „Poldi", die der Kärntner Polizeibeamte Rudolf Knapp nach dem Ersten Weltkrieg als Welpe gefangen und zum Polizeihund ausgebildet hatte! Ja, er gab selbst seinen Beruf auf, um mit ihr für Vorführungen in mehrere Länder zu reisen und schrieb das Buch „Die Wölfin Poldi". Der angesehene damalige ­Direktor des Schönbrunner Tiergartens, ­Professor Dr. Otto Antonius, schrieb ihm sogar folgendes Vorwort dazu:

„Es ist mir aus doppeltem Grunde eine Freude, dem vorliegenden Buch ein Geleitwort mitgeben zu dürfen: Einmal, weil mir selbst die ­Vorführung dieser Wölfin ‚Poldi‘ durch ihren ­Besitzer und Führer eine unvergess­liche Erinnerung, ja geradezu ein tierpsychologisches Erlebnis bedeutete, dann aber auch, weil der ganze Vorgang, der in dem Buche als bescheidener und ungeschminkter Tatsachenbericht erzählt wird, von allergrößter Bedeutung ist für die Frage der Haustierwerdung unseres ältesten Haustieres, des Hundes. Möge das Buch gebührende Beachtung von Seiten der Hundefachleute, Haustierforscher und zukünftigen Tierpsychologen finden."

Dieser Fall ist allerdings so einmalig, dass man sich fragen muss, ob es sich hier nicht vielleicht um eine Wolf-Hund-Kreuzung gehandelt haben könnte, wenngleich die Bilder dafür keinen Hinweis zeigen. Auch wenn es noch andere Fälle von zahmen Wölfen gibt, so ist doch der Unterschied zu den vielen dressierten Raubkatzen bedeutsam. Dennoch besaß wohl der Wolf von allen Raubtieren die besten Voraussetzungen, zu einem wertvollen, ja unersetzlichen Gehilfen des Menschen zu werden. Dazu haben vor allem seine enorme Riechfähigkeit ebenso wie zweifellos seine sozialen Anlagen beigetragen.

Die Dingos – verwilderte ­Haushunde
Heute haben wir weltweit eine enorm große Anzahl von unterschiedlichen Hunderassen und Schlägen. Der ­australische Dingo sowie der Neu­guinea-Dingo – hochinteressante ­Fälle von seit langem wieder ver­wilderten Haushunden – stellen hingegen Unterarten dar. Sie gehen allerdings heute durch Verkreuzung mit Haushunden wohl dem Aus­sterben entgegen, wenn keine Maßnahmen zu ihrer Erhaltung als nunmehr ­wilde Tierarten getroffen werden. Sie ­zeigen jedenfalls, dass es bei einer Verwilderung von ursprünglichen Haushunden nicht zum Wiederentstehen der ursprünglichen Stammart, also dem Wolf, kommt.

Hier wollen wir nun der Frage nach dem Ausmaß der Anpassung des Hundes an unsere Anforderungen bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit und Willigkeit, also des Gehorsams, nachgehen. Dies betrifft auch die Einfügung in das Zusammenleben mit uns. Hierin bestehen je nach Hunderasse unterschiedliche Befähigungen. Der Haushund stellt ja eine einmalige Erscheinung unter den domestizierten Tieren dar, da er unter allen ­Haustieren zur weitestgehenden Kommunikation mit dem Menschen in der Lage ist, ja, vielleicht sogar zur Entwicklung des Menschen ganz wesentlich beige­tragen hat (Driscoll, Macdonald 2010)!

Zügel aus Trieb und Hemmung
Die Fähigkeit, aber auch die Willigkeit, zur Leistung im Dienste des Menschen erfordern einerseits einen starken Trieb dazu, andererseits aber zugleich auch die Möglichkeit des Hundes, diesen Trieb zu unterdrücken, also den freiwilligen Gehorsam.

Für die Aufgaben, die wir unseren Hunden stellen, erwarten wir Fähigkeiten und instinktive Triebe aus dem Jagd- und Sozialverhalten, angepasst an unsere Bedürfnisse. Das sind die Riech-, Such- und Spürfähigkeit, der Schutztrieb und die Unterordnung, der Beutefang und die ­Überwältigung sowie der Gemeinsamkeitstrieb ­(Sozialität).

Grundlegend ist der Trieb bzw. die Willigkeit zur Befolgung erlernter Anweisungen von „anerkannten", ­sozial übergeordneten Menschen, selbst wenn sie zum eigenen ­instinktiven Drängen des Hundes in eklatantem Widerspruch stehen. Damit kommen wir zu der Notwendigkeit einer starken Hemmbarkeit instinktiver Triebe. Das bedeutet, der Hund muss in der Lage sein, auch intensive Regungen absolut unterdrücken zu können, solange ein dementsprechender Befehl des Menschen gilt. Dies ist wohl die maximal erreichbare (und auch zu erzüchtende) Leistung von einem domestizierten Haustier. Sie ist aber bislang nur beim Wolf gelungen.

Man könnte sagen, die Hemmbarkeit widerspricht oft so sehr den in der Natur lebenswichtigen Trieben eines Raubtieres, sodass sie von einem hohen Grad der Domestikation abhängig ist. Dies zeigt sich sehr deutlich, wenn wir eine maximal trainierbare Rasse, wie etwa den Deutschen Schäferhund, mit dem Wolf kreuzen und den Gehorsam der Mischlinge prüfen.

Derartige Kreuzungen wurden bekanntlich schon mehrmals vorgenommen, in der irrigen Annahme, solcherart eine „Superdiensthunde­rasse" erzüchten zu können (siehe WUFF 6/2012). Bekannt sind heute besonders der Tschechoslowakische und der Saarloos Wolfhund. Bei ihnen hängt das Ausmaß des Gehorsams meist sehr von dem Interesse ab, das der entsprechende Hund an der zu er­füllenden Aufgabe aufweist bzw. vom Trainer bei ihm entwickelt ­werden kann.

Außerdem ist dem Wolf eine gewisse erhöhte Sensibilität gegenüber den in der menschlichen Umwelt häufigen Lärm- und Knallgeräuschen angeboren, die er auch seinen Kreuzungen teilweise vererbt. So kann man Hunde dieser Wolfhundrassen auf Ausstellungen häufig mit ängstlich eingezogenen Schwänzen beobachten. Kurz, zu den erhofften Superdiensthunden sind sie nicht geworden, obwohl die weitergehende Selektion bei manchen Hunden der Tschechoslowakischen Rasse das Angstproblem inzwischen schon deutlich vermindert hat.

Trieb-Hemmbarkeit als Basis der Zusammenarbeit
Eine möglichst hohe Hemmbarkeit ist also eine Eigenschaft, die bei Hunderassen erforderlich ist, um mit dem Menschen besonders eng zusammen­arbeiten zu können. Das gilt ganz besonders für Diensthunderassen, wie bspw. den Malinois oder den Deutschen Schäferhund einerseits, und Rassen der sogenannten gundog-Gruppe unter den Jagdhunden, also Vorstehhunde, Stöberhunde ­(Spaniels, Wachtelhund) und ­Retriever andererseits. Diese ­Rassen haben sich vor längerer oder ­kürzerer Zeit aus Herdenschutzhunden bzw. aus Bracken und Laufhunden herausgebildet. Dazu haben sich bei diesen europäischen Hunderassen eigene Rassen­gruppen (sog. genetische ­Cluster) gebildet. Heute stellen die europäischen Hunde­rassen ganz allgemein eine höher domestizierte Rassengruppe als die außereuro­päischen dar, wie molekulargenetische Untersuchungen ergaben (Parker et al., 2004).

Hier sei – wie bereits in WUFF 12/2010 berichtet – an die Ver­mutung Konrad Lorenz‘ erinnert, dass es zwei Unterarten von Haushunden gebe. Doch hat er dies im Jahre 1960, als es noch keine molekulargenetischen Untersuchungen gab, irriger Weise mit einer Abstammung vom Schakal (europäische Hunderassen) und vom Wolf (die übrigen, nicht-europäischen Rassen) erklärt. Doch nur europäische Hunde haben bisher höher domestizierte Hochleistungsrassen entwickelt.

Die angezüchtete Hemmbarkeit ermöglicht es uns bei den erwähnten Hochleistungsrassen, einen Hund auch noch bei sehr triebhaften Betätigungen nach Wunsch verlässlich aktiv sein zu lassen oder das eben abzu­brechen. Andererseits wurde den hoch domestizierten Rassen auch eine hohe, ja triebhafte Bereitschaft ­angezüchtet, Kommandos auszuführen, die gar nichts mehr mit den Notwendigkeiten natürlicher Betätigung eines Raubtieres zu tun haben. Dazu gehört etwa das Suchen nach und die Identifizierung von Drogen, Lawinenopfersuche und dergleichen.

Es haben sich daher bisherige, an sich naheliegende Versuche als ­erfolglos erwiesen, in tropischen Ländern die dort vorhandenen Dorfhunde wegen deren besserer Anpassung an tropisches Klima für Tätigkeiten wie bspw. die Minensuche ­auszubilden. Eine Arbeit, für die sonst darauf ­spezialisierte europäische Rassen wie ­Schäferhunde und Retriever eingesetzt werden. Doch fehlt den außereuropäischen Hunden offenbar diese so wertvolle spezialisierte Selektion, wie sie bei den europäischen Rassen teilweise über Hunderte Jahre (oder noch länger) durchgeführt wurde.

Unterschiedliche Rassecluster
So haben wir nach Parker et al. einerseits die sogenannten wolfdogs (nicht-europäische Rassen) sowie die europäischen Cluster ­watchdogs (Molosserrassen), herding dogs ­(Herdenschutzhunde) und hunting dogs (Jagdhunde). Diese Bezeichnungen korrelieren allerdings nicht notwendigerweise mit den heutigen Aufgaben aller dieser Rassen. Später (2007) kamen noch die Alpine dogs dazu (das sind Sennen- u. a. Hunde).

Worin liegt nun der Unterschied der Hunde des wolfdog-Clusters zu den Rassen aus den europäischen ­Clustern? Erstere datieren als Gesamtheit nur 2.000 bis 3.000 Jahre zurück (nicht wenige Rassen aus diesem Cluster mögen aber sogar nur hundert Jahre oder oft noch jünger sein!). Sie stammen nicht aus Europa. Diese Hunde sind ursprünglicher als die europäischen Rassen, daher die Bezeichnung „wolfdogs". Typisch für sie ist ein geringeres Gehorsamkeits­niveau als bei den europäischen Rassen, vor allem im Vergleich zu den erwähnten gun dogs und Dienst­hunderassen.

Natürlich gibt es große individuelle Unterschiede. Von den wolfdogs seien hier nur die Huskys, die Pariahunde oder sogenannten village dogs, das sind der afrikanische Basenji und seine vielen Verwandten, erwähnt. Bisher haben nur wenige wolfdog-Rassen in entwickelten Ländern in der Konkurrenz mit den europäischen Rassen Erfolg gehabt. Zu erwähnen sind hier vor allem die Huskys als Schlittenhunde. Die wolfdog-Rassen sind jedoch für manche spezialisierten Liebhaber gerade wegen ihrer Ursprünglichkeit von besonderem Interesse.

Doch bei der Untersuchung der genetischen Cluster gab es auch große Überraschungen. So weist der vor langer Zeit vermutlich aus China gekommene Mops, also eine ­primär außereuropäische Rasse, heute nur mehr zu einem geringen Anteil wolfdog-Gene auf, was wohl auf viele ­Verkreuzungen in Europa zurückzuführen ist. ­Andererseits hat sich gezeigt, dass z.B. der aus China stammende ­Pekingese aus euro­päischen Zwergspaniels ­entstanden ist, die vor langer Zeit über das Meer oder die Seidenstraße nach China gekommen sind! Wir können also bei der ­weiteren genetischen Erforschung der Hunde­rassen und der Domestikation mit ­vielen neuen Erkenntnissen über den ­Wolf rechnen!

Literaturhinweise

  • Bridgett von Holdt et al, Genome-wide SNP and haplotype analyses reveal a rich history underlying dog domestication, doi:10.1038/natureo8837, 2010
  • Driscoll, CA, Macdonald DW, Top dogs: wolf domestication and wealth. Journal of Biology, 9:110, 2010
  • Konrad Lorenz, So kam der Mensch auf den Hund, Dr. G. Borotha-Schoeler, Wien, 1960
  • Parker HG et al, Breed identification, basic genetic ­structure of dog breeds, SCIENCE, 21.5.2004, Vol. 304:1160-1164
  • Parker HG et al., Genome res.., 2007,17: 1562-1571
  • Wobber W.E. The evolution of cooperative signal comprehension in the domestic dog (Canis familiaris). Thesis, Department of Anthropology, Harvard Univer­sity, Cambridge, Mass. 2008

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