Wie denken Hunde?

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Als Kind war ich meinen Eltern durch hartnäckige Fragen über meine Hunde und Katzen stets lästig. Wie lernen sie, wieder nach Hause zu kommen? Wie erkennen sie ihren Namen? Wie wissen sie die Zeit, wann sie gefüttert werden? Wie lernen sie neue Kunststücke? Können sie zählen? Meine Eltern konnten mir da nicht wirklich weiterhelfen, und so blieben meine Fragen ohne Antwort. Dennoch entwickelte sich meine Neugier über das Wahrnehmungsvermögen und das Denken der Tiere stetig weiter, und ich interessierte mich dann in weiterer Folge auch für die kognitiven Fähigkeiten von Kindern. So entschloss ich mich daher, Psychologie zu studieren. Dort lernte ich bald, dass Psychologie nicht nur das Studium des Verhaltens von Menschen beinhaltet, sondern auch die wissenschaftliche Erforschung kognitiver Fähigkeiten bei Tieren. Tierpsychologen untersuchen die Mechanismen und Prozesse, die dem zugrunde liegen, wie Tiere lernen und Informationen verarbeiten, und wie sie sich an Altes und Neues erinnern. Diese Erkenntnis hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben: Ich unternahm wissenschaftliche Studien in der Psychologie der Tiere, und auch meine akademische Laufbahn ist seither vollständig der Erforschung der kognitiven Fähigkeiten von Tieren gewidmet.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse
In den letzten Jahren bezog sich meine Forschungsarbeit in erster Linie auf die kognitiven Funktionen des ältesten vierbeinigen Freundes des Menschen, des Hundes. Genauer gesagt, erforsche ich die Mechanismen der räumlichen Vorstellung und der Erinnerung bei Hunden und wie Hunde räumliche Veränderungen eines Objektes in einer Umgebung wahrnehmen und verstehen. Obwohl diese Themen schon seit Jahren in der vergleichenden wissenschaftlichen Tierpsychologie eine Rolle spielen, gibt es bisher jedoch nur sehr wenige ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen über die kognitiven Fähigkeiten des Hundes. Tatsächlich haben sich die Wissenschaftler mehr für so „exotische Tierarten“ wie Ratten, Mäuse und Tauben interessiert, um das Denken der Tiere zu studieren. Leider haben sie dabei lange Zeit das Tier ignoriert, das wahrscheinlich am intensivsten mit dem Menschen kommuniziert, den Hund, der wahrscheinlich vor 15.000 Jahren in Asien domestiziert wurde (Savolainen et al., 2002).
Glücklicherweise beginnen sich nun aber vermehrt Wissenschaftler für Hunde und deren kognitive Fähigkeiten zu interessieren. Seltsamerweise aber hat dieses Interesse lediglich in einigen anekdotischen Geschichten über die mentalen und emotionalen Zustände des Hundes in populären Büchern Niederschlag gefunden (bspw. „The Hidden Life of Dogs“ von E.M. Thomas, und „Dogs Never Lie about Love“ von Jeffrey Masson). In meinem Artikel möchte ich Sie mit einigen wissenschaftlichen Entdeckungen bekannt machen, die meine Kollegen und ich bei der Erforschung der Fähigkeiten des Hundes, aus seinem Blickfeld verschwindende Objekte zu lokalisieren, gemacht haben.

Wo ist die Beute?
Wenn ich mit Hunden spiele, fordere ich gerne ihre Fähigkeiten heraus, Objekte zu finden. Ich nehme einen Gegenstand, wie beispielsweise einen Ball (oder jedes andere für den Hund interessante Objekt), und werfe ihn hinter ein Hindernis, etwa einen Baumstamm, einen Felsen oder eine Scheune, so dass das Objekt vollkommen aus der Sicht des Hundes verschwunden ist. Meistens stürmen die Hunde dann sofort los, laufen zum Versteck, finden den Ball, nehmen ihn auf und bringen ihn mir zurück. Manchmal aber scheinen die Hunde Schwierigkeiten zu haben, das verborgene Objekt zu finden, und kommen mit „leerer Schnauze“ zurück. Diese Aktivität, die jeder Hundehalter sehr gut kennt, zeigt uns ein entscheidendes Verhalten des Hundes: Die Verfolgung von und die Suche nach Objekten – Beute oder Ähnlichem – , die plötzlich in einem Versteck „verschwinden“. Tatsächlich ist das ein Teil des beutegreiferischen Verhaltens von Hunden. Beispielsweise erlebt ein jagender Hund eine Situation, wo sich seine Beute (z.B. ein Kaninchen) zunächst bewegt und dann hinter einem Felsbrocken verschwindet, also temporär unsichtbar ist. Um seine Beute wiederzufinden, muss der Hund fähig sein, eine oder mehrere Informationsquellen zu nützen, um sich zu erinnern, an welcher Stelle die Beute verschwunden ist.
Die Fähigkeit des Hundes, sich bewegende Objekte zu verfolgen und zu lokalisieren, hat sich höchstwahrscheinlich in der Phylogenese (Stammesgeschichte) entwickelt und ist fast sicher ein Erbe seines unmittelbaren Vorfahren, des Wolfes. Diese Hypothese ist noch wahrscheinlicher, wenn man daran denkt, dass der genetische Code des Hundes wahrscheinlich von nur drei Wölfinnen in Ostasien stammt (Savolainen et. al, 2002).

Mit der Nase oder den Augen?
Wie lokalisieren nun Hunde versteckte Gegenstände? Verwenden sie dabei ihren berühmten Geruchssinn, oder sind es visuelle Informationen, die sie nutzen? Um diese beiden rivalisierenden Hypothesen zu testen, haben Kollegen von mir (Gagnon & Doré, 1992) für Hunde ein Experiment adaptiert, das vom Schweizer Psychologen Jean Piaget ursprünglich für Kinder entwickelt wurde. In diesem Experiment steht der Hund einer Reihe von identen Kisten (meist sind es vier) gegenüber, und er sieht ein für ihn attraktives Objekt (z.B. einen Ball oder ein Spielzeug). Dieses Objekt bewegt sich und verschwindet schließlich hinter einer dieser Kisten. In diesem Moment wird der Hund losgelassen und beginnt sofort, es zu suchen. Wenn er das Objekt schon beim ersten Mal hinter der korrekten Kiste findet, wird er mit einem Leckerli oder einer sozialen Belohnung (z.B. Spielen, Loben etc., Anm.d.Red.) bestärkt. Um Beeinflussungen durch den Geruch des Objektes auszuschalten, wurde mittels Ventilatoren Rosenwasser gleichmäßig im Raum zerstäubt. Daher müssten Hunde, wenn sie sich bei der Lokalisation des Objektes auf ihren Geruchssinn verließen, bei diesem Experiment versagen. Dieser Versuch wurde hunderte Male in meinem Labor und in anderen wiederholt. Insgesamt beträgt die Erfolgsquote der Hunde ca. 90%. Daraus lässt sich schließen, dass Hunde sich in erster Linie auf visuelle Informationen verlassen, um Objekte, die sie in einem Versteck verschwinden sehen, zu lokalisieren. Weitere Experimente haben übrigens ergeben, dass Gerüche zu diffus sind, um die genaue Lokalisation eines aus dem Blickfeld verschwundenen Objektes zu ermöglichen.

Vergleich mit anderen Tierarten
Vielleicht denken Sie nun, dass die Leistung der Hunde, versteckte Objekte zu finden, nicht sehr beeindruckend ist. Oder Sie glauben vielleicht, dass das Auffinden versteckter Objekte eine leichte Aufgabe ist, die von jeder Tierart auf die eine oder andere Weise instinktiv bewältigt werden kann. Im Vergleich mit anderen Tierarten ist dies aber nicht der Fall! Einige (z.B. Kaninchen und Hühner) benötigen ein intensives Training, um zu lernen, ein Objekt zu lokalisieren, das sie zuerst sehen, und das dann plötzlich hinter einem Hindernis verschwindet. Bei anderen Tieren unterschiedlicher Ordnungen (z.B. Spinnen, Insekten) ist die Fähigkeit, eine Beute zu fangen, die aus dem Blickfeld verschwindet, sehr beschränkt. Bei Hunden hingegen ist die Suche nach verschwindenden Objekten sehr flexibel und spontan. Diese Fähigkeit zeigt sich etwa ab der 5. Lebenswoche und entwickelt sich bis zur 8. Woche sehr rasch (Gagnon & Doré, 1994). Die Welpen können sehr bald ganz spontan – und ohne jegliches vorheriges Training – unterschiedliche Objekte lokalisieren (bspw. einen Ball oder ein Wurfgeschwister), die sich bewegt haben und dann hinter unterschiedlichen Hindernissen verschwunden sind (z.B. einer Kiste, einer Wand oder einer Tür). Wenn zum Beispiel ein rollender Ball zuerst hinter dem Fernseher im Wohnzimmer verschwindet, auf der anderen Seite des Gerätes wieder hervorrollt und dann wieder hinter einer Tür verschwindet, werden die Hunde den Ball hinter der Tür finden.

Problemlösung
Die Suche nach verschwindenden Objekten beinhaltet mehrere kognitive Mechanismen. Um ein solches Problem lösen zu können, muss der Hund eine oder mehrere Quellen räumlicher Informationen enkodieren und diese Informationen dann wieder abrufen, um sie in weiterer Folge zu nutzen, um das Zielobjekt finden zu können. Grundsätzlich ist räumliche Information für alle Lebewesen wichtig, die sich in ihrer Umgebung bewegen. Nach Hause Zurückfinden, Wanderungen, das Wiederausgraben eines vergrabenen Knochens, die Lokalisation von Beutetieren usw., all das beinhaltet die Verwendung von räumlichen Informationen, um Objekte korrekt orten zu können.

Wie orientieren sich Hunde im Raum?
Um nun herauszufinden, welche der beiden räumlichen Informationsquellen (siehe Kasten) vom Hund genutzt werden, um ein verschwindendes Objekt zu lokalisieren, haben wir eine vollkommen kontrollierbare Umgebung in unserem Labor aufgebaut (Fiset et. al, 2000). Wir konstruierten einen „Such-Raum“ innerhalb eines größeren „Test-Raumes“. Das erlaubte uns, innerhalb eines einzigen Versuches die Wände des „Such-Raumes“ zu verschieben, ebenso wie die potenziellen Verstecke (Kisten). In den Experimenten wurde dem Hund ein attraktives Objekt präsentiert, das sich bewegte und dann hinter einer von mehreren identen Kisten verschwand. Dann wurde für eine Dauer von 10 Sekunden vor dem Hund eine undurchsichtige Barriere platziert. Innerhalb dieser 10 Sekunden wurden alle Quellen allozentrischer Information im „Such-Raum“ (also die Kisten, der Versuchsleiter und die Wände) systematisch um 100 cm zu einer neuen Position in diesem „Such-Raum“ verschoben. Nach Entfernung der Barriere begannen die Hunde zu der Kiste zu laufen, von der sie annahmen, dass sich dahinter der Gegenstand verbarg. Die Ergebnisse dieses Experimentes lassen nun darauf schließen, dass Hunde keine dieser erwähnten allozentrischen Informationsquellen (also Landmarken, Formen etc. der Umgebung) nutzen, sondern vielmehr das versteckte Objekt primär nach der Winkelabweichung, bei der sie das Objekt verschwinden sahen, lokalisieren. Detaillierte Videoanalysen bestätigten auch die Tatsache, dass die Hunde sich nicht auf die Orientierung ihres Körpers oder Kopfes verließen, um das Objekt zu finden. Daraus schlossen wir, dass Hunde einen egozentrischen Rahmen als Referenz nutzen, um ein verschwindendes Objekt zu lokalisieren.
Ein weiteres Experiment bewies auch, dass der räumliche Enkodierungsprozess von Hunden höchst flexibel und an die Umstände angepasst ist: Die Hunde enkodieren allozentrische Rauminformation zwar, um versteckte Objekte zu lokalisieren, aber ihr Suchverhalten basiert auf egozentrischer Information, es sei denn, eine solche ist nicht verfügbar.

Einfachste Form räumlicher Repräsentation
Hunde zeigen eine beeindruckende Flexibilität in der Verarbeitung von räumlichen Informationen, die es ihnen erlaubt, in spezifischen Situationen von egozentrischer zu allozentrischer Informationsgewinnung zu wechseln. Dennoch bevorzugen Hunde interessanterweise die egozentrische Rauminformation. Warum? Abgesehen von Strategien, die nicht-mnemonisch ablaufen (also ohne Verwendung des Gedächtnisses, Anm.d.Red.), ist die egozentrische Information für Lebewesen, die sich im Raum bewegen, die einfachste Form räumlicher Repräsentation im Gehirn. Wenn das Tier sich zwischen der Enkodierung der Information und dem Beginn der Suche noch nicht bewegt, ist die egozentrische Information gut angepasst und abgestimmt. Es bleibt nun noch herauszufinden, warum es für Hunde wichtig ist, auch die allozentrische Information zu enkodieren, um ein verstecktes Objekt zu finden. Das soziale Erbe der Hunde als kooperative Jäger größerer Beutetiere kann Teil der Lösung sein. Beispielsweise kann es für Hunde, wenn sie gemeinsam jagen, extrem wichtig sein, allozentrische Information zu enkodieren und dann zu verwenden, um gleichzeitig sowohl den Jagdgenossen als auch der Beute folgen zu können, obwohl zahlreiche natürliche Hindernisse zeitweise die Sicht verdecken.

Wie lange kann ein Hund sich erinnern?
Wir erforschten weiters das Gedächtnis der Hunde bei der Lokalisierung versteckter Objekte. D.h. wir wollten wissen, wie lange Hunde sich an die Stelle erinnern können, wo sie ein Objekt haben verschwinden sehen (Fiset & al., 2003). Waren sie fähig, sich diese Stelle über Stunden oder vielleicht sogar über Tage zu merken? Anekdotenhafte Anmerkungen von Hundebesitzern lassen vermuten, dass Hunde in dieser Beziehung ein exzellentes Gedächtnis haben. Unsere Hoffnungen in dieser Hinsicht schwanden aber sehr bald. Denn die Experimente zeigten vielmehr, dass das Gedächtnis des Hundes für die Lokalisation eines versteckten Objektes nur im Bereich von Sekunden und Minuten lag (Eine genauere Darstellung dieser Gedächtnisexperimente im nächsten WUFF, Anm. d. Red.). In zukünftigen Forschungsprojekten werden meine Studenten und ich das Gedächtnis von Hunden für die Lokalisation von Gegenständen untersuchen, die sie selber in ihrer Umgebung versteckt haben. Pseudowissenschaftliche Literatur und Berichte von Hundehaltern sprechen davon, dass Hunde sich über Stunden oder sogar Tage an die Stelle erinnern können, wo sie selbst ein für sie „kostbares Objekt“ – wie beispielsweise einen Knochen – vergraben oder versteckt haben. Vielleicht haben Hunde ganz spezielle Gedächtnismechanismen, um ein Objekt zu lokalisieren, das von ihnen selbst anstatt von anderen versteckt wurde.

Fazit: Noch viele unbeantwortete Fragen
Einige Jahrzehnte später sind die meisten meiner Fragen an meine Eltern über Hunde noch immer ohne Antwort … Obwohl wir sehr viel darüber wissen, wie man Hunde hält und ausbildet, wissen wir wenig über hundliches Erkenntnisvermögen und Denkstrategien. Meine Forschungen sind erst ein erster Schritt in der wissenschaftlichen Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Hunden. Ich wünsche mir, dass meine Forschungen mehr und mehr Studenten dazu animieren mögen, sich damit zu beschäftigen, wie das Denken des Hundes funktioniert. Und ich hoffe auch ganz ehrlich, dass ich eines Tages fähig sein werde, die schwierigen Fragen meiner eigenen Kinder nach dem Denken und Verhalten unseres Hundes zu beantworten.

Hinweis auf weitere wissenschaftliche Arbeiten in den nächsten Ausgaben von WUFF:
Wenn Sie einen anderen Menschen ansehen, dessen Blick auf etwas Bestimmtes gerichtet ist, dann wissen Sie üblicherweise, was er gerade ansieht. Dies ist eine sehr bemerkenswerte Eigenschaft, die wichtige kognitive Prozesse beinhaltet. Bis vor nicht allzu langer Zeit galt die Meinung, dass dazu nur Menschen in der Lage sind. Forschungen der letzten Jahre auf dem Gebiet der sozialen Kognition befassen sich u.a. damit, ob auch der Hund weiß, d.h. antizipiert, wohin ein Mensch blickt, bzw. was er gerade ansieht. Mehr darüber im nächsten WUFF (Ausgabe 9/2003).
Ein weiterer Artikel wird sich mit der wissenschaftlichen Exploration einer von Hundehaltern tagtäglich gemachten Erfahrung befassen: Hunde können menschliche Gesten verstehen und danach handeln – etwas, wozu z.B. die uns biologisch näher stehenden Menschenaffen nicht in der Lage sind! Ist diese bemerkenswerte Eigenschaft den Hunden angeboren, oder wurde sie erst im Laufe der Erziehung erworben? Mehr darüber im übernächsten WUFF (Ausgabe 10/2003).



>>> WUFF – BEGRIFFSERKLÄRUNG


Was bedeuten Kognition und enkodieren?
von Dr. Hans Mosser

Die „Kognitive Psychologie“ ist ein Teilgebiet der Psychologie. Ihr Gegenstand ist die „Kognition“. Dieser Begriff umfasst alle Vorgänge, Prozesse und Strukturen des Erkennens und des Wissens. Es geht dabei um die mentalen Vorgänge, die den alltäglichen Aktivitäten von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Erinnerung, Lernen, Verstehen, Schlussfolgern, Denken, Entscheiden, Problemlösen etc. zugrunde liegen. Der Begriff der Kognition hat in der heutigen wissenschaftlichen Psychologie den traditionellen Begriff des „Geistigen“ ersetzt.
Das Gedächtnis ist die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern und bei Bedarf wieder abzurufen. Daher unterscheiden die Psychologen drei Stufen des Gedächtnisses:
1. Enkodieren bedeutet Informationsaufnahme von Reizen aus der Außenwelt, die zu einer Repräsentation im Gedächtnis führen und mit schon vorhandener Information verknüpft werden.
2. Speichern ist die Informationsablage im Gehirn, d.h. die Aufbewahrung des enkodierten Materials über die Zeit hinweg.
3. Abruf ist die Informationsentnahme, d.h. das Wiederauffinden der gespeicherten Information (im Gedächtnis) zu einem späteren Zeitpunkt, wobei das „später“ Sekundenbruchteile oder Jahre bedeuten kann. Es handelt sich hier eben nicht um einen unwillkürlichen Reflex, sondern tatsächlich um einen Vorgang, der zum Denken gehört.



>>> WUFF – BEGRIFFSERKLÄRUNG


Arten räumlicher Informationsquellen

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Informationen, die Hunde für die Lokalisation von Objekten im Raum verwenden können: Egozentrische und allozentrische Rauminformation.
Die egozentrische Rauminformation bezieht sich auf die Richtungsinformation (den Winkel), die von der Position des Tieres im Raum abgeleitet ist. Diese Art der Information wird vom Tier genutzt, um eine direkte Richtung zu einem bestimmten Ort zu planen und einzuhalten (D.h. egozentrische Information ist also eine Winkelschätzung).
Die allozentrische Rauminformation bezieht sich auf das Verhältnis zwischen dem Zielort und die ihn umgebenden Objekte, wie zum Beispiel markante Punkte, Landmarken oder die globale räumliche Anordnung (z.B. die Form) seiner direkten Umgebung. Die allozentrische Information erlaubt Flexibilität, weil das Tier eine Position im Raum erreichen kann, indem es unterschiedlichen Routen oder Trajektorien (Bahnen) folgt und sich an den räumlichen Beziehungen zwischen den Objekten oder der Form der Umgebung orientiert. Dennoch wird ein Tier, wenn es sich auf allozentrische Informationen verlässt, durch Veränderungen der räumlichen Umgebung irritiert: Wenn nämlich die Position bspw. einer Landmarke oder die Form der Umgebung modifiziert wird, versagt das Tier bei der korrekten Lokalisation der Zielposition.



>>> WUFF – INTERVIEW


Kann das stimmen? Der Hund ist doch ein "Nasentier"!
WUFF-Herausgeber Dr. Hans Mosser diskutiert mit dem kanadischen Wissenschaftler Professor Dr. Sylvain Fiset über seine Experimente und wissenschaftlichen Aussagen über die Wahrnehmungsfähigkeit der Hunde.

Mosser: Dr. Fiset, Ihr Forschungsprojekt kommt zu dem Ergebnis, dass der Hund – zumindest in Ihrem Experiment – visuelle Information der olfaktorischen, die er durch seinen Geruchssinn erhält, vorzieht. Wenn ich aber an einen Versuch denke, in dem ein Hundetrainer WUFF-Redaktionshund Toni in wenigen Übungsstunden beigebracht hat, ein Stück versteckten Zucker auf einem Gelände mit Autowracks relativ rasch zu finden, dann widerspricht das Ihrer Aussage, dass ein Hund primär visuelle Information benutzt. Denn natürlich hat Toni den Zucker mit seiner Nase gefunden, vor allem, weil er ja auch nicht zusehen durfte, als das Zuckerstück versteckt wurde. Verlässt sich also der Hund nicht viel mehr auf seine Nase als auf seine Augen?
Fiset: Ja, das ist absolut richtig. Der Geruchssinn des Hundes ist – vor allem im Vergleich zum Menschen – bekanntermaßen sehr gut. Andere Tierarten haben allerdings einen noch besseren Geruchssinn als Hunde (z.B. Polarbären oder Schmetterlinge). Hunde können sich sehr leicht (und lange Zeit) an einen Geruch erinnern und diesen lokalisieren, wie beispielsweise Toni den versteckten Zucker. Dennoch scheint dieser Geruchssinn bei der Suche nach Objekten, wo der Hund zusieht, wie sie verschwinden, keine wichtige Rolle zu spielen. Denn Hunde verfolgen ein flüchtendes bzw. verschwindendes Objekt in erster Linie mit ihren Augen. Dennoch habe ich bei meinen Untersuchungen beobachtet, dass die Hunde, wenn sie nicht genau wissen, wo sie suchen sollen (bspw. wenn das Objekt hinter einem sehr großen Felsen verschwunden ist), dann sehr wohl ihren Geruchssinn einsetzen. Und wenn die Hunde vergessen haben, wo das Objekt verschwunden ist, liefen sie von einem Versteck zum anderen und suchten mit der Nase, benutzten also olfaktorische Information. Aber eben nur dann!
Mosser: Um nun jedes Missverständnis auszuräumen: Ihre wissenschaftliche Aussage, dass Hunde sich primär auf ihre visuelle Information verlassen, bezieht sich also nur auf und ist ausschließlich bewiesen für den Fall, dass der Hund ein Objekt in einem Versteck verschwinden sieht.
Fiset: Ja, genau! Man darf meine Ergebnisse nicht verallgemeinern und auf andere Situationen beziehen.
Mosser: Aus meiner Erfahrung mit meinem Hund würde ich sagen, dass er, wenn er ein Objekt an einer Stelle verschwinden sieht, zunächst diese VISUELLE Information nutzt und zur Stelle läuft, wo das Objekt verschwunden ist, und erst dann, wenn er es trotzdem nicht oder nicht mehr sieht, auf seinen Geruchssinn „umschwenkt“, also OLFAKTORISCHE Information nutzt, um es zu weiterzusuchen. Man sagt, dass Hunde sich viel besser an Gerüche als an visuelle Informationen erinnern. Stimmt das?
Fiset: Ja, das ist vollkommen richtig. Ich denke auch, dass das Gedächtnis des Hundes für Gerüche länger anhält als für visuelle Informationen. So habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass Hunde ihre Nase dann benutzen, um ein Objekt zu suchen, wenn die Zeit zwischen dem Verstecken des Objekts und dem Suchbeginn zum Beispiel 20 Minuten betrug. Interessanterweise hatten die Hunde auch so spät immer noch die Motivation zu suchen und waren darin letztlich – mit der Nase – auch erfolgreich. Das heißt, dass der Hund das relativ kurze Gedächtnis nur für visuelle Informationen aufweist (wobei diese Aussage nur streng bei der Suche nach verschwindenden Objekten gilt), nicht jedoch für sein „Geruchsgedächtnis“.
Mosser: Genau so ist es auch bei meinem Hund Arthur: Wenn ich ihm seinen über alles geliebten Kong auf eine Wiese mit hohem Gras schleudere, so läuft er zunächst sofort ziemlich genau zu der Stelle, wo er den Kong im Gras verschwinden sah, und beginnt dann dort mit seiner Nase weiter zu suchen, wobei er oft auch konzentrische Kreise in seinem Suchbereich beschreibt.
Fiset: Das ist richtig beobachtet. Die Hunde laufen zunächst an die Stelle, wo sie das Objekt haben verschwinden sehen – nutzen also visuelle Information –, und wenn es dann dort nicht sichtbar ist, suchen sie häufig in konzentrischen Kreisen mit der Nase. Dieses Verhalten ist übrigens dem von Wüstenameisen ähnlich, die in konzentrischen Kreisen um ihr Nest die Umgebung nach Nahrung absuchen. Dennoch muss ich dieses eben erwähnte Verhalten des Hundes erst in Experimenten weiter untersuchen und dokumentieren, bevor man dies verallgemeinernd als typisches hundliches Verhalten bezeichnen darf.
Mosser: Welche Hunde haben Sie eigentlich für Ihre Experimente genommen? Gab es da rassespezifische Unterschiede?
Fiset: Meine Kollegen und ich haben für die Experimente Hunde folgender Rassen verwendet: Labrador Retriever, Golden Retriever, Kurzhaarpointer, American Cocker, Gordon Setter, Cocker Spaniel, Dalmatiner, Terrier (Border, Yorkshire und Scottish), Pomeraner (Zwergspitz), Riesenschnauzer und Deutsche Schäferhunde. In den Analysen der Ergebnisse der Experimente haben wir auch immer nach individuellen oder rassespezifischen Unterschieden gesucht. Wir haben aber herausgefunden, dass die Unterschiede zwischen zwei Hunden derselben Rasse oft größer sind als zwischen Hunden verschiedener Rassen.
Mosser: Woher hatten Sie die Hunde? Nach meiner Ansicht machen solche Experimente ja nur Sinn – und sind auch nur dann ethisch gerechtfertigt –, wenn es sich um „normale“ Haushunde handelt und nicht um Hunde, die für Versuche eigens gezüchtet werden und kaum normalen menschlichen Kontakt haben.
Fiset: Die Hunde gehören privaten Besitzern, die sich bereit erklärt haben, an der Studie teilzunehmen. Meistens haben wir die Hunde (und ihre Besitzer) in einem Minivan von zuhause geholt und wieder zurückgebracht.
Mosser: Dr. Fiset, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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