Wie groß bin ich? Sind Hunde sich ihrer Körpergröße bewusst?

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Solche Szenen kennen viele von uns: Ein Kleinsthund gebärdet sich bei der Begegnung mit einem viel größeren und kräftigeren Artgenossen wie wild und würde auf ihn losgehen, würde nicht eine Leine ihn zurückhalten. Und eine solche Auseinandersetzung würde wohl nicht gut für ihn ausgehen. Der Kleine scheint nicht zu wissen, wie groß er im Verhältnis zum vermeintlichen Kontrahenten wirklich ist. Scheint das nur so oder hat ein Hund wirklich keine Vorstellung von seiner Körpergröße? Eine aktuelle Studie der Universität Budapest ist dieser Frage nachgegangen – mit interessanten Ergebnissen.

Wir Menschen erleben uns auf zweierlei Arten. Einerseits als Subjekt, nämlich dann, wenn wir denken, fühlen oder zielgerichtet handeln. Andererseits, wenn wir über uns nachdenken, wenn wir also uns selbst zum Gegenstand unseres Denkens machen, nehmen wir uns selbst gegenüber eine andere Perspektive ein als im ersten Fall des unmittelbaren Erlebens. Diese Fähigkeit des Perspektivenwechsels ist Voraussetzung dafür, von sich eine Art innere Repräsentation zu haben. Diese wiederum gilt als ein Baustein für ein Ich-Bewusstsein, wie es sich bei Menschenkindern in den ersten Lebensjahren zunehmend entwickelt.

Spiegeltest
Die Psychologie kennt verschiedene Tests, um dieses Ich-Bewusstsein, darunter im Besonderen das Bewusstsein vom eigenen Körper, bei Kleinkindern zu untersuchen, darunter den sog. Spiegeltest. Mit diesem – vom US-amerikanischen Psychologen Gordon G. Gallup 1970 ursprünglich für Schimpansen entwickelten – Test soll nachgewiesen werden, ob ein Kleinkind sich als sich selbst im Spiegel erkennt und nicht etwa glaubt, das Spiegelbild sei ein anderes Kind. Die meisten Kinder bestehen diesen Test, d.h. sie erkennen, dass sie es sind, was im Spiegel zu sehen ist, in einem Alter zwischen 18 und 24 Monaten (Nielsen 2006). Daher kann ab diesem Zeitpunkt beim Menschen von einem mentalen Ich-Bewusstsein gesprochen werden, das sich aber natürlich noch graduell weiterentwickelt. Jedenfalls haben Menschen ab dem 2. Lebensjahr von sich eine basale Form von mentaler Selbstrepräsentation, v.a. in Hinblick auf ihre Leiblichkeit.

Wie erwähnt, wurde der Spiegeltest ursprünglich für die Erforschung der Selbstwahrnehmung bei Tieren entwickelt. Während nun bspw. Schimpansen oder Gorillas und andere Primaten den Spiegeltest bestehen, ist dies bei Katzen und Hunden nicht der Fall. Das heißt, sie halten ihr eigenes Spiegelbild für einen fremden Artgenossen, auf den sie alle möglichen Reaktionsmuster zeigen können, von Gleichgültigkeit bis hin zu Drohgebärden. Bedeutet dies demnach, dass Hunde keine mentale Repräsentation ihrer Körperlichkeit haben? Und dass sie daher auch keine Vorstellung davon haben, wie groß sie sind?

Chihuahua versus Dogge?
Korreliert man etwa das Verhalten mancher Kleinsthunde gegenüber großen Artgenossen, dann möchten erfahrene Hundehalterinnen und -halter meinen, dass zumindest manche sehr kleine Hunde keine Vorstellung ihrer Körpergröße haben. Wie sonst würden sie große Artgenossen derart anpöbeln? Anders gesagt, hält sich ein kleiner Chihuahua, der auf eine Dogge losgehen will, für deutlich größer als er wirklich ist? Oder ist er einfach nur »mutig« bzw. tollkühn? Ist also sein Verhalten in einem Mangel an eigenem Körperbewusstsein oder in seinem Charakter begründet?

Dass Hunde den erwähnten Spiegeltest nicht bestehen, muss in keiner Weise bedeuten, dass sie kein Bewusstsein von sich selbst haben. Denn vermutlich ist dieser Test einfach nicht die geeignete Methode, um diese Frage bei Hunden zu beantworten. Denn ein erfolgreich absolvierter Spiegeltest beruht auf der visuellen Erkenntnis seiner Selbst in einem Spiegel. Die Betonung liegt hier auf visuell! Denn das Sinnesrepertoire wird bei den meisten Menschen vom Sehsinn, also vom visuellen Erleben dominiert, während dies bei nichtmenschlichen Lebewesen komplett anders sein kann. Über diesen alten Fehler, in Studien über Hunde die Experimente so aufzubauen, wie sie weniger dem hundlichen als vielmehr dem menschlichen Sinnesvermögen entsprechen, siehe den kritischen Artikel („Aus Sicht des Menschen“) in dieser Ausgabe.

Dass das Sinnesvermögen unserer Vierbeiner hingegen vom Geruchssinn dominiert wird, ist allbekannt. Die hochdifferenzierte Geruchswelt ist eine Realität für Hunde, während sie uns Menschen unterhalb einer bestimmten Konzentration von Geruchsmolekülen verschlossen ist. Ein (visueller) Spiegel lässt uns als uns selbst erkennen, während diese Fähigkeit bei Hunden, wenn sie denn vorhanden ist, in einem uns unzugänglichen »Geruchsspiegel« liegen dürfte. Wie so ein Geruchsspiegel in Analogie zu einem normalen Spiegel aussehen könnte, diese Frage möchte ich an die Wissenschaft weiterreichen! Jedenfalls scheint also der Spiegeltest tatsächlich nicht die geeignete Methode zu sein, um die Fähigkeit zum Selbst- bzw. Ich-Bewusstsein bei Hunden zu testen.

Gelbe Spuren im Schnee
Marc Bekoff, emeritierter Professor für evolutionäre Biologie der Universität Boulder (Colorado) und auch beliebter WUFF-Autor, hat diese Frage mit einem Feldexperiment untersucht. In diesem hat er fünf Jahre lang immer im Winter den Urin seines Hundes Jethro im Schnee gesammelt und an Stellen verbracht, wo auch Markierungen anderer Hunde vorhanden waren. Durch Beobachtungen der Schnüffelreaktionen fand Bekoff heraus, dass diese sich entscheidend unterschieden in Abhängigkeit davon, ob es sich um eigenen oder fremden urinmarkierten Schnee handelte. Bekoff schloss daraus, dass sein Hund also zwischen »seinem Schnee« und dem anderer Hunde unterscheiden konnte, was also eine Vorstellung von Selbst, d.h. seines Ichs, voraussetzt. Für Bekoff beruht das Ich-Bewusstsein eines Hundes »auf einem kombinierten Signal, das aus der Integration von Informationen verschiedener Sinnesmodalitäten (Hör-, Seh, Geruchs- und Geschmacks- sowie Tastsinn) resultiert« (Bekoff 2018).

Verhaltensforscher der Universität Budapest haben zur Beantwortung der Frage, ob Hunde von ihrem Selbst, im Besonderen von ihrer Körpergröße, eine mentale Repräsentation, also ein Bewusstsein bzw. eine geistige Vorstellung haben, einen anderen Weg gewählt (Lenkei 2020). Die Forscher um Peter Pongrácz und Rita Lenkei gingen von der (zu prüfenden) Hypothese aus, dass es anzunehmen ist, dass Hunde ein Körperbewusstsein und konkret auch ein Bewusstsein von ihrer eigenen Körpergröße haben. Dies, weil sie sich als große Säugetiere mit bekannt guten kognitiven Fähigkeiten in ihrer komplexen Umgebung exzellent bewegen und sich auch an wechselnde Umgebungen anpassen können. Das Bewusstsein von der eigenen Körpergröße sei eine Voraussetzung für eine solche erfolgreiche Interaktion mit der Umwelt und ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen, heißt es.

Unterschiedliche Öffnungen
Um nun das Bewusstsein der eigenen Körpergröße bei Hunden zu untersuchen, wurde ein Raum mit einer Holzwand abgetrennt, in der sich eine rechteckige Öffnung befand (siehe Abbildung). Mit einem Mechanismus konnte die Größe dieser Öffnung verändert werden. In Abhängigkeit von der konkreten Größe des jeweils untersuchten Hundes wurden diesem im Verlauf des Experiments immer eine von verschiedenen Öffnungsgrößen angeboten. Eine Öffnung war – bezogen auf die Breite und Höhe des Hundes – »gerade groß genug«, eine war »zu klein« und eine »sehr groß«.

Hinter der Holzwand mit der Öffnung befand sich der Hundehalter, der den Hund von der anderen Seite des abgetrennten Raumes, wo er sich auf einer markierten Stelle in Sitzposition befand, zu sich rufen musste. Gemessen wurden ab dem Zuruf »Hundename + Komm!« die Zeiten bis zum Start des Loslaufens und bis zum Erreichen der Wandöffnung, durch die er zu seinem Frauchen oder Herrchen gelangen konnte, wo er natürlich heftig gelobt wurde. Außerdem wurde auch die Anzahl der Versuche gemessen, die Öffnung zu passieren.

Die Reaktionszeiten der Hunde, also wie rasch oder wie zögerlich sie auf die Öffnung zuliefen, waren nach Meinung der Budapester Verhaltensforscher abhängig von der Entscheidung des Hundes, ob die jeweils angebotene Öffnung für eine Passage geeignet war oder nicht, um zu Frauchen oder Herrchen zu gelangen. Und diese Entscheidung war natürlich abhängig von der Selbstwahrnehmung seiner Körpergröße.

Untersucht wurden 39 Hunde verschiedenster Rassen, Mischlinge und Größen, darunter Greyhound, Berner Sennenhund, Malinois, Border Collie, Labrador und Golden Retriever, Siberian Husky und Cairn Terrier.

Die Ergebnisse zeigten – in laut Aussage der Wissenschaftler »überzeugender Weise« –, dass die Hunde, noch bevor sie bei der Öffnung angelangt waren, zwischen »noch groß genug« und »gerade zu klein« unterschieden. Bei der in Bezug auf die jeweilige Körpergröße des Hundes nur gering zu kleinen Öffnung versuchten die Hunde erst gar nicht, sie zu passieren. Bei der »zu großen« Öffnung hingegen liefen sie am schnellsten los und mussten offenbar nur kurz überlegen.

Hunde haben ein Bewusstsein ihrer Körpergröße
Aus den Ergebnissen der verschiedenen Experimente der beschriebenen Versuchsanordnung schließen die Wissenschaftler, dass Hunde in der Lage sind, sich ihrer Körpergröße bewusst zu sein. Denn sie mussten bereits vor dem Loslaufen eine Entscheidung treffen, ob die Größe der Öffnung für sie geeignet war oder nicht.

Verschiedene mögliche andere Erklärungen, wie etwa Lerneffekte, konnten durch die Versuchsanordnung ausgeschlossen werden. Auch hatten die Hunde vorher keine Gelegenheit, die Größe der jeweils angebotenen Öffnungen, durch die sie zu ihrem Halter gelangen konnten, zu testen. Es war für sie also eine komplett neue Situation. Ihr jeweiliges Verhalten auf die angebotene Größe der Öffnung lässt sich nur so erklären, dass sie eine konkrete mentale Vorstellung ihrer eigenen Körpergröße haben, so die Wissenschaftler über ihre Studie, die im Übrigen die erste empirische Studie dieser Art und Fragestellung bei Hunden ist.
Wenn also der eingangs erwähnte tollkühne Chihuahua auf einen viel größeren und schwereren Hund losgehen will, dann resultiert das gemäß den Ergebnissen der Studie eher nicht aus einem fehlenden Bewusstsein seiner Kleinheit. Wenn der Kleinhund sich aber seiner Körpergröße, gerade auch im Verhältnis zu der des anderen Hundes, bewusst ist, dann ist die Ursache für seine Tollkühnheit anderswo zu suchen – vielleicht ja in der Überschätzung seiner Kraft oder seiner Fähigkeiten. Oder – wer weiß, vielleicht nimmt er sich auch nur ein Beispiel an David und Goliath.

Literaturquellen

Die im Text zitierten Literaturquellen in alphabetischer Reihenfolge.

• Bekoff M.: Wow – das bin ich! Über das Ich-Bewusstsein bei Hunden. Hundemagazin WUFF 2018,9:56–59.
• Lenkei R. et al.: That dog won‘t fit: body size awareness in dogs. Animal Cognition 2020,23:337–350.
• Nielsen M., Suddendorf T., Slaughter V.: Mirror Self-Recognition Beyond the Face. In: Child Development 2006, 77, 1: 176–185.

Pdf zu diesem Artikel: koerpergroesse_bewusstsein

 

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