Wie Hunde Probleme lösen

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Die meisten Entscheidungen, die für das Leben unserer Hunde wichtig sind, nehmen wir ihnen ab. Wir bestimmen (meist) wann was wo und wie geschehen soll. Darüber ­vergessen wir aber oft, dass Hunde  in der Lage sind, auch selbst gewisse Probleme zu lösen.
Wenn diese Fähigkeit nicht gefördert wird, verkümmert sie. Dabei jedoch profitiert die Mensch-Hund-Beziehung durch das Ernst­nehmen der kognitiven Fähigkeiten der Hunde durch ihre Besitzer ganz entscheidend.

Unseren Hunden nehmen wir regelmäßig die meisten Entscheidungen ab. Ob es um den Zeitpunkt des Fressens oder Spazierengehens geht oder darum, mit welchen Hunden unsere Hunde spielen und allgemein Sozialkontakte aufnehmen dürfen: alles regeln wir. Und das ist prinzipiell auch gut so, strukturieren wir doch so ihr Lebensumfeld und helfen ihnen damit, in unserer vielfältigen, teilweise auch unnatürlichen und gefährlichen Welt zurechtzukommen. Allerdings gerät dabei völlig außer Acht, dass unsere Hunde eigenständige Lebewesen sind, die durchaus in der Lage sind, zu planen und zu entscheiden, und ganz besondere kognitive Fähigkeiten in die Mensch-Hund-Beziehung mitbringen.

Kognitive Fähigkeiten werden erforscht
Wenn wir unsere Hunde tagein tagaus mit Befehlen überschütten und ihr Handeln nur noch mit Verboten und Geboten lenken, so werden wir ihren kognitiven Fähigkeiten nicht im Geringsten gerecht. Erst seit ­einigen Jahren widmen sich immer mehr Forscher der verschiedensten Fachrichtungen den geistigen Fähigkeiten der Haushunde. Kognitionsbiologische Forschungsgruppen haben sich an zahlreichen Universitäten im In- und Ausland etabliert. Spannende Forschungsergebnisse stammen so zum Beispiel vom Department für Kogni­tionsbiologie der Universität Wien mit dem angegliederten Wolfsprojekt „Wolf Science Center“, außerdem von dem Max-Planck-Institut für Evolu­tionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität Kiel, der Universität Oxford oder der Lorànd-Eötvös-Universität Budapest. Dass Haushunde erst jetzt so richtig in den Fokus der Wissenschaft geraten, liegt an einem veränderten Bild unserer Hunde.

Wölfisches Erbe?
Bislang wurden Hunde nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der allgemeinen öffentlichen ­Meinung als zahme Wölfe angesehen. Die neuesten Forschungen lassen jedoch ein wesentlich differenzierteres Bild entstehen. Wenn auch noch der größte Teil hundlichen Verhaltens mit dem freilebender Wölfe übereinstimmt, so haben sich dennoch einige ­Veränderungen ergeben, die in Zusammenhang mit der mehrere ­tausend Jahre währenden Domestikation der Hunde stehen.

So ist das Mienenspiel unserer Haushunde weniger variantenreich als das von Wölfen. Die Veränderungen betreffen in besonderem Maße auch ihre kognitiven Fähigkeiten. Es wurde festgestellt, dass sich diese Veränderungen sogar konkret fassen lassen in einer veränderten Größe des ­Hundehirns gegenüber dem seiner wilden Vorfahren: das Vorderhirn des Hundes ist kleiner als das der Wölfe. Unsere Hunde sind deshalb jedoch nicht dümmer oder unselbständiger. Denn: sie benötigen in ihrer Umwelt einfach weniger ausgeprägte Sinnesleistungen, wie sie bei den Wölfen noch für deren Überleben wichtig sind. Deshalb sind das Riechhirn und der Teil, der für das Hören zuständig ist, beim Hund kleiner als beim Wolf.

Trotzdem haben Hunde, die zu den obligat sozial lebenden ­Säugetieren gehören, im Vergleich zu solitär lebenden Säugetieren immer noch relativ viel Hirnmasse. Soziales Zusammenleben erfordert nämlich komplexe Denkstrukturen. Insgesamt haben sich Hunde ganz deutlich an ihr Zusammenleben mit dem Menschen angepasst. Das sieht man besonders darin, wie sie Probleme lösen.

Wie werden Probleme gelöst?
Man spricht allgemein von einer Problemlösung, wenn ein Lebewesen einen Ist-Zustand durch eine Strategie in einen Soll-Zustand überführen kann. Konkret: Der Hund weiß, dass unter einer Dose ein Leckerchen versteckt ist. Das, was er unternimmt, um an das Leckerchen zu gelangen, nennt man i.w.S. Problemlösung. Oftmals handelt es sich jedoch dabei nicht um eine spontane Denkleistung, ­sondern um Versuch und Irrtum oder ein Zurückgreifen auf bereits gemachte Erfahrungen. Primaten oder auch Raben benutzen für ihre Problem­lösungen sogar Hilfsmittel, die sie oftmals nicht nur zufällig finden, sondern sich genau für den benötigten Zweck zusammenstellen oder bearbeiten.
Nicht ganz schlüssig ist man sich, ob Hunde auch durch Nachahmung ­lernen, hier ist sich die Forschung noch nicht ganz einig. Es ­existieren jedoch Hinweise, dass Hunde in bestimmten Kontexten durch Nachahmung lernen können und sogar sinnvolle von nicht-sinnvollen Handlungen unterscheiden können, also erkennen, welche Handlungen wirklich mit der Lösung des entsprechenden Problems zusammenhängen. Insgesamt zeichnen sich unsere Hunde in ihrem Problemlösungsverhalten durch einige Besonderheiten gegenüber anderen Tierarten aus.

Kooperation mit dem Menschen
Hunde sind soziale Tiere. Kooperation ist die Basis ihres Sozialsystems. In ihnen wie auch in ihren wölfischen Urahnen ist die Kooperation mit anderen tief verankert. Denn das Über­leben gelingt nur, wenn alle Beteiligten im Team miteinander kooperieren und nicht gegeneinander agieren. Dass Hunde allerdings auf ihrem langen Weg der Domestikation gelernt haben, den Menschen als Sozialpartner anzuerkennen, unterscheidet sie von den Wölfen. Man vermutet sogar, dass die Selektion auf Zahmheit und die damit verbundene geringe Aggression gegenüber Menschen Vorbedingung hierfür war („convergent evolution“; Hare/Tomasello). Indem Hunde dem Menschen Aufmerksamkeit schenken, haben sie auch gelernt, dass er ihnen hilft, ans Ziel zu kommen.

Menschliche Zeigegesten und ­Perspektive
So ist das Verständnis dafür, dass Menschen Zeigegesten als Hilfestellung anbieten, bereits angeboren. Wolfswelpen, die mit der Hand aufgezogen wurden und deshalb mit dem Menschen vertraut sind, waren demgegenüber nicht imstande, auf menschliche Zeigegesten zu reagieren. Hunde wissen sogar, ob ein Mensch sie anschaut oder nicht, und nutzen dieses Wissen für ihre Zwecke aus: Waren sie in Versuchssituationen sicher, dass ein Mensch nicht unmittelbar anwesend war oder ihre Aktionen z.B. durch ein Hindernis nicht sehen konnte, klauten Hunde ungeniert ausgelegte Futterstücke. In Anwesenheit des Menschen taten sie das nicht, wenn der Mensch ihre Handlungen beobachten konnte (also z.B. auch keine Augenbinde trug) und sofern der Futterklau verboten war. Hunde können sich demnach in die Perspektive eines anderen hinein­versetzen.

Einfordern menschlicher ­Hilfestellung
Interessant ist, dass Hunde insgesamt viel schneller aufgeben, wenn sie nicht innerhalb kürzester Zeit ein Problem lösen können. Wölfe sind darin viel ausdauernder. Hunde dagegen orien­tieren sich sehr schnell an einem anwesenden menschlichen Partner, schauen fragend oder werden sogar fordernd, z.B. mit Bellen oder Kratzen. In der Tat fordern sie ihren Menschen dazu auf, das Problem, etwa einen versteckten Ball herauszuholen, für sie zu lösen. Manche Probleme können Hunde jedoch nicht oder nur mit viel Übung lösen und zeigen dann aus Überforderung dieses stark auf den Menschen bezogene Verhalten.

Nicht nur anekdotisch ist auch ein Verhalten überliefert, das man mit Täuschen umschreiben kann: Hunde leiten ihren Menschen durchaus in die Irre, bevorzugt durch Bellen oder Rennen in einen anderen Raum, um dann schnell zurückzukehren und das Objekt der Begierde, einen Kau­knochen oder ähnliches, zu verspeisen, ­während der Mensch sich noch überlegt, ­warum sein Hund Alarm geschlagen hat. Unsere Hunde manipulieren uns demnach, da sie gelernt haben, wie sie ­aufgrund der Kenntnis unseres Ver­haltens an ihr Ziel gelangen können. Sie lösen ihre Probleme gerne mit unserer Hilfe, auch wenn sie selbst dabei nachhelfen müssen.

Sind Hunde intelligent?
Einige dieser kognitiven ­Fähigkeiten unterscheiden Hunde sogar von ­Primaten, die zum Beispiel weniger gut darin sind, menschliche Zeigegesten zu verstehen. Andererseits sind Menschenaffen wiederum darin besser, Probleme durch das Verständnis kausaler Zusammenhänge zu lösen. Jede Tierart bringt also genau jene Verhaltensweisen und kognitiven Fähigkeiten mit, die für ihr Überleben wichtig sind.

Hunde sind ohne Frage als Spezies intelligent, denn sie haben sich an ihre Umwelt angepasst und können so ­viele Vorteile aus dem Zusammen­leben mit uns Menschen ziehen. Mit ihrer (genetisch verankerten) Bereitschaft, sich dem Lebensraum an der menschlichen Seite anzupassen, erhalten sie Zugang zu allem Lebensnotwendigen, für das Wölfe teilweise ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, wie die Beschaffung von ­Ressourcen. Von uns Menschen erhalten sie Zu­neigung und (in den meisten Fällen) ein ­soziales Umfeld, das sie weit­gehend frei macht von jeglichen Überlebenssorgen. Ihre Fähigkeit, Zeige­gesten und ge­sprochene Sprache zu verstehen, ist ihr großer Beitrag zur Mensch-Hund-Beziehung.

Welche Lehren sollten wir ziehen?
Wir Menschen sollten diese Erkenntnisse zum Anlass nehmen, neu über unsere tierischen Partner nachzudenken. Unsere Hunde haben es als sozial lebende Tiere verdient, auch als solche behandelt zu werden. Gerade weil sie eine so enorme Bereitschaft mitbringen, mit uns zu kooperieren, sind wir gerade­zu verpflichtet, ­diese Fähigkeiten auch ernst zu nehmen. ­
Hunde, die nicht entsprechend gefördert werden, verkümmern mental und seelisch. Diese Förderung beginnt zwingend im Welpenalter, damit sich bestimmte Hirnstrukturen und neuronale Verbindungen bilden können.

Hunde brauchen Aufgaben, die sie gemeinsam mit uns lösen können und die man am besten wie selbstverständlich in den Alltag einbindet. Das kann das Suchen nach „verloren“ gegangenen Gegenständen sein, das Balancieren über einen schmalen Steg im Wald oder das Finden einer Fährte. Hunde dürfen keinesfalls „überbehütet“ werden und vor jeglichen „Gefahren“ im Vorhinein bewahrt werden und auch nicht mit Dauerbefehlen „entmündigt“ werden. Bis zu einem gewissen Grad sollen Hunde, auch Welpen, ab und an unangenehme Situationen selbständig, allerdings mit der Sicherheit der Unterstützung durch ihre Menschen, bewältigen dürfen. Dass dabei der Mensch immer lenkend und rechtzeitig helfend zur Seite stehen sollte, ist selbstverständlich, um zum Beispiel Fehlverknüpfungen und Aggressionen nicht aufkommen zu lassen. Andererseits sollte ihnen auch die notwendige Zeit gelassen werden, tatsächlich über eine Problemlösung nachzudenken, bevor man als Mensch ungeduldig einschreitet. Der Lerneffekt ist um ein Vielfaches höher. Nimmt man ihnen nämlich jegliche Entscheidung ab, weil sie so hilfe­suchend schauen, verkümmern nicht nur ihre kognitiven Fähigkeiten, sie können sogar zu kleinen Tyrannen werden, die uns ständig versuchen zu manipulieren. In manchen Bereichen sind Hunde aber dringend auf unsere Hilfe bei der Problemlösung angewiesen, da sie eben über bestimmte kognitive Fähigkeiten nicht verfügen.

Die Mensch-Hund-Beziehung profitiert
Wurden Probleme jedoch eigenständig oder auch im Team gemeinsam mit dem Menschen gelöst, werden körpereigene Botenstoffe freigesetzt, die schlichtweg glücklich machen und den Ansporn darstellen, das nächste Mal wieder ein Problem in Angriff zu nehmen. Hunde zeigen tatsächlich, dass sie Spaß am Problemlösen haben. Generell geht es ihnen gut, wenn sie nicht unterschätzt oder ständig bevormundet, aber eben auch nicht alleine gelassen oder überfordert werden. Unsere Hunde danken es uns mit einem gesunden Selbstver­trauen und einer auch uns entlastenden Souveränität. Nie vergessen sollten wir Menschen: Gemeinsam lassen sich Probleme immer noch am besten lösen. Die Beziehung Mensch-Hund kann davon nur profitieren.

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Karin Joachim studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Bonn und leitete lange Jahre ein archäologisches Museum in Rheinland-Pfalz. Heute veranstaltet sie Kultur- und Naturführungen, Familienwanderungen und thematische Stadtbesichtigungen für Mensch und Hund in und um Bad Neuenahr-Ahrweiler unweit von Bonn. Zur Zeit begleitet sie Airedale Terrier Hündin Lina. www.forum-mensch-hund.de 

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