Wie Sie beim Gassigehen die Beziehung stärken

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Hunde suchen von Natur aus die Nähe des Menschen. Der Wunsch, sich an uns zu binden, ist ein fester Bestandteil ihres Wesens. Und wenn dieser Wunsch von Anfang an erfüllt wird, ist es ganz leicht, glücklich zusammenzuleben. Eine gute Bindung ist die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben. Wenn Ihr Hund spürt, dass er zu Ihnen gehört, kann er sich auf Neues oder Fremdes einlassen und gemeinsam mit Ihnen die Welt erobern. Hunde und Menschen gehören einfach zusammen.

Hunde wollen mit uns leben und sich an uns binden
Hunde sind unsere ältesten Haustiere. Sie lebten sogar schon mit uns zusammen, lange bevor wir überhaupt sesshaft wurden und in Häusern wohnten. Natürlich kann es die Hoffnung auf leicht zu verschaffende Nahrung gewesen sein, weswegen die ersten Wölfe die Nähe des Menschen suchten. Aber selbst wenn es so war, brachten die Tiere schon damals etwas mit, das vermutlich schnell dazu führte, dass sich eine Beziehung entwickelte, die weit über eine reine Zweckgemeinschaft hinausreichte. Allerdings sind Hunde nicht einfach nur domestizierte Wölfe. Die lange Gemeinschaft mit den Menschen hat aber nicht nur in Bezug auf das Aussehen ihre Spuren hinterlassen. Hunde haben sich unserem Lebensstil nahezu perfekt angepasst. Vor allem aber wollen sie von sich aus mit uns leben und sich an uns binden.

Hunde lassen sich nicht täuschen
Hunde beobachten uns sehr genau und nehmen daher auch die unbedeutendsten Körpersignale wahr. Es bleibt ihnen weder verborgen, welche Körperhaltung wir einnehmen, noch welche Bewegungen und Gesten wir ausführen. Eine Geste kann für den Hund mehr ausdrücken als 100 Worte. Trotzdem sollte man nie vergessen, dass die Körpersprache allein uns nicht weiterbringt. Wenn wir uns mit gestreckter Brust und geradem Rücken aufrichten, im tiefsten Herzen aber ängstlich und unsicher sind, können wir vielleicht unsere Mitmenschen täuschen und ihnen vorgaukeln, dass wir gerade sehr selbstsicher sind. Bei Hunden wird uns das nicht gelingen. Hunde lassen sich nicht täuschen. Sie empfangen neben den optischen Signalen eben auch noch viele andere Anzeichen darüber, wie wir uns fühlen, etwa Ausstrahlung, Stimmlage, Mimik und Körpergeruch. Aus der Summe dieser Informationen machen sie sich ihr Bild von uns. Wer sich allein auf die Körpersprache verlässt, kann seinem Hund also nicht signalisieren, dass der sich bei ihm tatsächlich aufgehoben und geführt fühlen kann. Körpersprache entfaltet nur dann ihre Wirkung, wenn sie mit innerer Ruhe und Sicherheit einhergeht. Hunde benehmen sich nicht bewusst »unmöglich«, um uns zu ärgern oder zu tyrannisieren. Sie folgen lediglich ihren natürlichen Instinkten. Ich möchte bei den Menschen einen Schalter umlegen, damit sie erkennen, was in ihrem Hund vorgeht. Nur so finden sie den Weg zueinander und können Probleme aus der Welt schaffen.

Der Weg zum ausgeglichenen Hund und einer guten Beziehung führt also zuerst einmal zu uns selbst. Nur wenn wir wieder ein Gefühl für die Instinkte des Hundes entwickeln und lernen, hunde-verständlich zu handeln, werden sie uns vertrauen. Das Wohlergehen unserer Hunde liegt in unseren Händen.

Hunde sind wie kleine Kinder
Wie kleine Kinder fühlen sich auch Hunde mit einem geregelten Tagesablauf am wohlsten. Das liegt in ihrer Natur. Straßenhunde zum Beispiel leben nicht einfach ins Blaue hinein. Sie müssen zwar jeden Tag aufs Neue schauen, woher sie etwas zu fressen bekommen, werden ständig irgendwo weggescheucht und müssen sich dann ein anderes Lager suchen. Dennoch folgt auch ihr Tag einem strengen Rhythmus: Haben sich nach der erfolgreichen Futtersuche alle satt gefressen, wird diese aktive Phase von einer Phase der Ruhe und Entspannung abgelöst. Man spielt, döst und schläft, bis es nach ein paar Stunden wieder Zeit ist, Futter zu besorgen. Jeder Tag wird so von einem immer wiederkehrenden, gesunden Rhythmus strukturiert. Er gibt den Tieren auch in unsicheren Situationen Halt, weil jeder weiß, was er als Nächstes zu tun hat. Das stärkt das Selbstvertrauen und das Gruppengefühl. Eine feste Struktur ist also absolut nichts Schlechtes, auch wenn manche Menschen mit diesem Begriff eher Zwang verbinden als Wohlgefühl. Daher sollten Sie versuchen, im gemeinsamen Alltag einen Rhythmus zu entwickeln, der dem des natürlichen Umfelds so nahe wie möglich kommt.
Wenn Sie den Tag so strukturieren, werden Sie außerdem sehr schnell sehen, wie ausgeglichen und ruhig Ihr Hund ist. So wie es sein soll. Diese Struktur schafft die Basis für Ihre Beziehung und die Bindung, diese Struktur ist die Grundlage für erfolgreiches Lernen an Ihrer Seite, für Jung und Alt. Ihr Hund möchte spüren, dass er zu Ihnen gehört. Am liebsten möchte er Sie überallhin begleiten. So ist der Spaziergang einer der wichtigsten Bausteine für eine harmonische Beziehung.

Man sollte versuchen, die Welt aus der Sicht des Hundes zu betrachten. So bekommt man ein klares Bild davon, was der Hund braucht und wie man sich verhalten sollte.

Bei meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen das Gassigehen eher als notwendiges Übel ansehen: Der Hund muss halt ab und zu raus. Diese Einstellung kann ich überhaupt nicht teilen. Im Gegenteil! Der gemeinsame Spaziergang ist nämlich die beste Zeit für die Mensch-Hund-Beziehung. Wann sonst hat man so regelmäßig eine gute Gelegenheit, dem Hund zu zeigen, dass man ihn sicher und vertrauensvoll durch unsere Welt führt? Und wo sonst kann man so gut sehen, dass sich der Hund genau so verhält, wie man es sich von ihm wünscht. Natürlich ist es schön, wenn man einen Garten hat, in den der Hund zwischendurch mal kurz raus kann. Aber ein Garten ist kein Ersatz für den Spaziergang! Ihr Hund möchte etwas mit Ihnen unternehmen. Er will Teil Ihrer Familie sein.

Meine Art spazieren zu gehen unterscheidet sich jedoch auch ein bisschen von der »üblichen« Art des Gassigehens. Ich sehe jeden Tag so viele Hundehalter, die neben, vor oder hinter ihrem Vierbeiner herlaufen – vor allem eben, damit er sein Geschäft erledigt, vielleicht auch, um selbst ein bisschen rauszukommen. Sie treffen dabei Leute, unterhalten sich nebenbei oder schreiben ein paar WhatsApp … Was aber die wenigsten tun: auf ihren Hund achten. Ich finde das schade, denn damit verpassen sie eine tolle Chance, dass aus Ihnen und Ihren Hunden ein wirklich eingespieltes Team wird. Würden wir uns gerade persönlich unterhalten, würden Sie mich vermutlich fragen, wie man denn sonst Gassi gehen sollte. Und ich würde Ihnen daraufhin empfehlen: Diszipliniert. Disziplin heißt hier aber nicht, dass Sie Ihren Hund bestrafen, sobald er etwas falsch macht. Es bedeutet, dass Sie ihm zeigen, wie das Leben draußen abläuft. Und dass er sich dort genauso auf Sie verlassen kann wie sonst auch.

Für jeden Hundehalter ist so ein disziplinierter Spaziergang eine gute Gelegenheit wahrzunehmen, dass Ihr Hund Sie im wahrsten Sinn des Wortes begleitet – so wie er Sie ein Stück Ihres Lebens begleiten wird. Und immer wieder zu erfahren, wie gut es dem Hund tut, wenn man sich klar und eindeutig verhält. Das Wichtigste beim disziplinierten Gassigehen aber ist, dass Sie den Spaziergang klar strukturieren. Es gibt einen Teil, während dem der Hund einfach nur brav neben Ihnen herläuft, und einen, in dem er Pause machen darf. Und dann noch mal einen, in dem er wieder bei Ihnen läuft. Wichtig ist aber, dass jeder Spaziergang aus diesen drei Teilen besteht. Die Dreiteilung entspricht nämlich den natürlichen Bedürfnissen und Instinkten eines Hundes. In der freien Wildbahn gibt es Aufgaben wie Futtersuchen oder das Revier verteidigen. Und es gibt Phasen, in denen nichts zu erledigen ist und in denen man daher spielen oder sich ausruhen kann.

Seit Hunde mit Menschen zusammenleben, hatten sie Aufgaben: Sie halfen bei der Jagd, bewachten Haus und Hof, hüteten Schafe oder zogen Karren. Es liegt in ihrer Natur zu arbeiten. Heute müssen nur noch die wenigsten Vierbeiner »echte« Arbeit leisten. Umso wichtiger ist es, dass man sie auf artgerechte Art anders fordert. In einer Hundefamilie oder Hundegruppe übernimmt jedes Tier eine bestimmte Aufgabe, was man bei Familien, die mehrere Hunde halten, im Tierheim, wo Hunde als Gruppe zusammenleben, oder bei Straßenhunden sehr schön erkennen kann: Der eine ist prädestiniert, neue Futterquellen zu entdecken, der andere ein neues Revier auszukundschaften, wieder andere ziehen den Nachwuchs auf oder sichern den Rest des Rudels ab, während er frisst. Und alle folgen dabei.

Wer dreimal täglich diszipliniert mit seinem Hund spazieren geht, tut viel für dessen Wohlbefinden, weil es die Bindung stärkt.

In Ihrer Mensch-Hund-Familie müssen Sie die Ruhe und Sicherheit vermitteln, die nötig ist, um diese Aufgaben zu erfüllen. Und der tägliche Spaziergang ist eine einmalige Gelegenheit, dem Hund von Anfang an genau diese Sicherheit zu vermitteln und ihm gleichzeitig ohne zusätzlichen Zeitaufwand noch eine Aufgabe zu erteilen: Sich auf Sie zu konzentrieren und Ihnen zu folgen. Das ist keine Strafe für ihn, sondern eine Freude! Und es stärkt ganz automatisch Ihre Bindung zueinander. Wenn Sie dann nach so einem Spaziergang nach Hause kommen, werden Sie sehen, wie leicht Ihr Hund zur Ruhe kommt und jegliche Anspannung von ihm abfällt.

Zu Hause sind Sie verantwortlich dafür, dass er Ruhe findet. Und dazu müssen Sie selbst ruhig, ausgeglichen und sich dessen, was Sie tun, ganz sicher sein. Dann kann Ihr Hund die Verantwortung an Sie abgeben und sich Ihnen voll und ganz anvertrauen. Sie selbst profitieren davon übrigens auch. Denn sein positives Verhalten verstärkt gleichzeitig auch Ihre Sicherheit, sodass es Ihnen von Tag zu Tag immer leichter fällt, die Ruhe zu geben, die Ihr Hund braucht. Kurzum: Verantwortung übernehmen und Sicherheit und Ruhe schenken sind das Geheimnis für glückliches, harmonisches Zusammenleben.

Es gehört auch zu den Aufgaben des Menschen, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der sich der Hund entspannen kann.

Das Tolle an Hunden ist, dass sie nicht nachtragend sind. Selbst wenn in einem schon bestehenden Team die natürliche Beziehung verloren gegangen ist, weil der Mensch es versäumt hat, die Bedürfnisse des Vierbeiners zu erfüllen und sich bei diesem deshalb die ein oder andere Unart eingeschlichen hat, lässt sich die Harmonie zuverlässig wiederherstellen. Alles was Sie dazu tun müssen, ist, sich bewusst zu werden, wie Hunde ticken. Ihre Natur zu erkennen und zu respektieren. Und das eigene Verhalten zu verändern. In dem Moment, in dem es Ihnen gelingt, dass der Hund sich bei Ihnen sicher fühlt, findet er die Ruhe und Stabilität wieder. Er möchte ja im Grunde nichts lieber tun, als bei Ihnen zu sein und zu Ihrer Familie zu gehören. Dazu aber braucht er Ihre Hilfe. Er braucht Sie als verantwortungsbewussten Menschen, der ihm Entscheidungen abnimmt und signalisiert, dass er alles im Griff hat und er sich keinen Kopf machen muss. Wenn Sie das schaffen, gehören die Unarten Ihres Hundes bald der Vergangenheit an. Er denkt dann nicht mehr daran, wie es früher war, sondern genießt einfach, wie es jetzt ist. Er kann dann die Verantwortung seinem Menschen überlassen und selbst den Spaziergang endlich als das genießen, was er für ihn sein sollte: Bewegung, Arbeit, Spaß.

Meiner Meinung nach kann eine gute Bindung nur entstehen, wenn der Hund sich bei seinem Menschen absolut sicher fühlt. Daher muss jeder Hundehalter die Natur seines Vierbeiners erkennen und respektieren, allem voran sein tiefes Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn ein Hund spürt, dass ein Mensch die Verantwortung für ihn übernimmt, können Bindung und Vertrauen wachsen. Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben.

Buchtipp

Liebe deinen Hund
José Arces Schlüssel zu einem besseren Miteinander von Mensch und Hund.

Erfolgreich: Mithilfe des strukturierten Spaziergangs schafft man die Grundlagen für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Hund.
Problemlösend: Durch richtiges Spazierengehen löst man Konflikte mit dem Hund rasch und meistert jede Alltagssituation.
Bereichernd: Spaß, Aufgaben, gute Struktur und Führung machen den Spaziergang zur besten gemeinsamen Zeit von Mensch und Hund.

Autor: José Arce
Verlag: GU Tier Spezial
ISBN: 978-3-8338-7095-8
Preis: 18,99 € [D] / 19,60 € [A]

Pdf zu diesem Artikel: gassigehen_beziehungstaerken1

 

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José Arce ist Mensch-Hund-Therapeut. Er will die Verbindung zwischen Mensch und Hund wieder herstellen. José Arce sieht seine Aufgabe darin, Türen zu einem besseren Miteinander zu öffnen und einen entspannten und friedvollen Alltag mit dem geliebten Haustier zu ermöglichen. Der Weg zu einer echten Beziehung zum Hund führt für ihn über die Instinkte – die des Hundes, aber auch die des Menschen. Vielen Lesern ist er durch seine Bücher bekannt: • Meine 5 Geheimnisse für eine glückliche Mensch-Hund-Beziehung • José Arce‘s Praxisbuch • José Arce‘s Welpenbuch Erschienen im Gräfe & Unzer Verlag Weitere Informationen unter: José Arce & Team +34 600 011101 www.jose-arce.com

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