Wie Wandern die Mensch-Hund- Beziehung stärkt

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Bei unseren alltäglichen Gassi-Runden im Park beobachte ich an meiner Dackelhündin Pippa und mir, wie auch an anderen Mensch-Hund-Gespannen immer wieder das Phänomen, dass die Hunde, angeblich ja die besten Freunde von uns Menschen, oftmals bloße Bekannte zu sein scheinen: Sie laufen weit voraus oder bleiben zurück, ignorieren unser Rufen und entziehen sich unserem Einfluss, sobald etwas Interessanteres passiert, oder sie gehen gelangweilt an der ­Leine neben uns her. Ähnlich wirkt nicht selten auch das andere Ende der Leine: mit den Gedanken noch bei den Problemen in Job oder Familie, mit dem Handy beschäftigt, irgendwie abwesend. Kurz: Mensch und Hund laufen eher nebeneinander her, als miteinander. Wandern als Bindungs­programm? Funktioniert!

Vielen Hundehaltern wird das vertraut vorkommen. Die meisten fragen sich dann vermutlich: Was läuft da schief? Und vor allem: Wie kann man diesem Alltagstrott entkommen und die Verbindung zum eigenen Hund verbessern oder vertiefen? Eine der Antworten, die ich darauf gefunden habe, lautet: Ab in die Berge! Wandern in den Bergen bedeutet einen Szenenwechsel, der die Mensch-Hund-Beziehung fördert und festigt. Gemeinsam die gewohnten Wege, die alltägliche Routine und die Stadt verlassen, Neues in der Natur erleben und intensiv das Zusammensein genießen – das schweißt zusammen!

Ja, ein Ausflug in die Berge kostet Zeit. Die Touren wollen gut vorbereitet sein, Wettervorhersagen und Geländebeschaffenheit bedacht werden, außerdem muss die beiderseitige Kondition und Tagesverfassung realistisch eingeschätzt und der Rucksack entsprechend bestückt werden. Mit An- und Abfahrt dauert so eine Unternehmung einen ganzen Tag – und wenn wir noch eine Hüttenübernachtung einbauen, sogar zwei. Aber seit ich mir so oft wie möglich diese Zeit nehme, merke ich, wie mich das ­Wandern mit meinem Hund jedes Mal wieder auf eine besondere Art und ­Weise verbindet – und ihn mit mir. Denn in den Bergen schenken wir uns und der Umgebung viel mehr Beachtung. Auch ist unsere Wahrnehmung geschärft, weil uns in der Ruhe der Bergwelt weniger ablenkt als bei den Spaziergängen auf gewohntem Terrain.

Vertrauen als Basis einer gelungenen Beziehung
Ein Hund bindet sich freiwillig an seinen Sozialpartner Mensch, und er tut dies umso stärker, je mehr er ihm vertraut. Die Voraussetzung für das fortwährende Wachsen dieses Ver­trauens kann nur der Mensch schaffen: Wir müssen uns für den Hund verständlich ausdrücken, einschätzbar sein, klare Regeln aufstellen, deren Einhaltung durch Lob belohnen, Konsequenz und Souveränität zeigen sowie Schutz in Gefahrensituationen bieten. Dadurch ermöglichen wir unserem vierbeinigen Begleiter, sich an uns zu orientieren und uns gerne zu folgen.

In den Bergen lässt sich das ideal üben. Die Wege sind neu und unbekannt, ­weshalb mein Dackel zwar interessiert ein Stück vorausläuft, sich aber häufig nach mir umdreht und an Weggabelungen stehenbleibt, bis ich das Signal gebe für die Richtung, in die wir gehen. ­Unterwegs in alpinem Gelände hält Pippa stets „Rücksprache“ mit mir, sobald wir in eine ungewohnte Situation geraten: Vor dem Weidegitter oder der Hängebrücke wartet sie auf mich, damit ich die Führung übernehme, die sich auch darin äußern kann, dass ich ihr zeige, wie die Stelle für sie passierbar wird. Ich zwinge sie zu nichts – wenn sie sich nach ein paar Anläufen oder ­einer Ermutigung durch mich nicht traut, trage ich sie, oder wir suchen uns einen alternativen Weg. Wagt sie es aber doch, lobe ich sie überschwänglich.

Natürlich wandere ich immer vorausschauend: Nähern wir uns einer Kuhweide, nehme ich sie an die kurze Leine, entdecke ich Gämsen im Gelände, ebenso. Prescht eine Gruppe Mountainbiker auf uns zu, sucht sie sofort meinen Schutz und ich nutze die Gelegenheit, um mit ihr Bei-Fuß-Gehen zu üben. Erfreulicherweise ist ihr Jagdtrieb nicht allzu sehr ausgeprägt – bei jagdfreudigeren Hunden empfiehlt es sich, sie in Wildgebieten stets anzuleinen, vor allem wenn das Rückrufkommando nicht verlässlich funktioniert.

Aufeinander achten
Beim Wandern haben wir gelernt, wechselseitig besser aufeinander zu achten. Stolpere ich, kommt sie zu mir, bleibe ich zum Fotografieren stehen, wartet sie, benötigt sie Wasser oder eine kleine Pause, stupst sie mich an und hält kurz inne. Tritt sie sich einen Dorn in die ­Pfote, erhalte ich ein ähnliches Kontaktzeichen, dann hebt sie die betroffene Pfote hoch, und ich helfe ihr. Diese erhöhte Achtsamkeit, die uns beim Wandern abverlangt wird, lässt uns viel stärker im Hier und Jetzt sein, als uns das daheim in gewohnter Umgebung gelingt. In den Bergen sind wir viel sensibler für den Augenblick, den nächsten Schritt, die ausgesetzte Stelle, die Geräusche und Gerüche in der Natur. Ich bin mit meinen Gedanken nicht mehr im Alltag verhaftet, sondern ganz bei der Sache, bei meinem Hund und mir, bei unserer Tour. Wir sind dadurch intensiver in Verbindung, und das, obwohl die Leine über weite Strecken am Rucksack baumelt, mein Ton lockerer wird und ich meine Dackelhündin kaum maßregele. Diese entspannte Verbundenheit zieht eine Freiheit nach sich, die das Wanderglück perfekt macht: Sind wir Menschen frei im Kopf und wirklich präsent, spüren unsere Vierbeiner das sofort und reagieren meist mit einer größeren Fokussierung und einer freudigeren Interaktion.

Bedürfnisse des Hundes beachten
Wenngleich wir beim Wandern eines der zentralen Grundbedürfnisse der ­Hunde quasi en passant erfüllen, nämlich jenes nach Bewegung, gilt es darüber hinaus darauf zu achten, was der eigene Hund mag oder nicht mag. Die Tour muss ­seinen Bedürfnissen entsprechend gestaltet werden, damit die Unternehmung Spaß macht, gut zu bewältigen ist und nicht zur Strapaze ausartet. Pippa geht aufwärts beispielsweise viel lieber schmale, gewundene Bergpfade als gekieste Forststraßen. Außerdem schätzt sie es, unterwegs immer wieder Gelegenheit zu bekommen, die alpine Landschaft – Bergwälder, Almwiesen, Flussufer – ausgiebig mit der Nase erkunden zu dürfen.

Starten wir eine längere Tour, halte ich Pippa zunächst an der Leine oder bremse sie in ihrem Laufdrang, damit sie sich nicht bereits auf den ersten Kilometern zu sehr verausgabt – der Hund ahnt schließlich nicht, ob wir 2 oder 6 Stunden Gehzeit vor uns haben. Sind wir im Hochsommer unterwegs, wähle ich die Tour zudem stets so aus, dass unterwegs ausreichend Trink- und Abkühlmöglichkeiten an Bächen oder Flüssen vorhanden sind. Machen wir Rast, achte ich auf Schatten und Ruhe, damit mein Hund sich regenerieren und Kraft tanken kann für die nächste Etappe. Bewirtschaftete Almen mit viel Trubel meiden wir daher eher. Auch Extraportionen Futter sind bei dem erhöhten Energieaufwand wichtig – wie überhaupt unbedingt einige Uten­silien für den Hund im Rucksack mitzunehmen sind: faltbarer Napf, genug Wasser und Futter, Pinzette, Erste-­Hilfe-Set usw.

Ihren Spieltrieb lasse ich Pippa bei längeren Wanderungen nur begrenzt aus­leben, da ihre Energie vernünftig eingeteilt werden muss, wenn der Weg noch weit ist. Bietet sich allerdings unterwegs eine Badegelegenheit, darf sie nach Herzens­lust planschen, schließlich läuft es sich nach einem Sprung ins kühle Nass gleich wieder leichter weiter. Die häufigen und spontanen Pausen können die im Wanderführer angegebene Gehzeit schon ziemlich durcheinanderbringen. Aber ich gönne uns diese Zeit, denn der gesamte Weg ist unser Ziel, nicht das schnellstmögliche Ankommen!

Ist eine Hüttenübernachtung mit eingeplant, können wir die Aufstiegszeit bei stabiler Witterung bedenkenlos ausdehnen. Das langsamere Gehtempo passt dann auch für mich gut, weil ich schwereres Gepäck zu tragen habe: zu meinem Hütten-Equipment kommen noch Pippas Hundedecke und Handtuch sowie die Futterration für den Folgetag hinzu. Die Übernachtung mit Hund gilt es dabei unbedingt zuvor telefonisch mit dem Hüttenwirt abzuklären, da es nur wenige Zimmer gibt, in denen die Vierbeiner erlaubt sind; in der Haupt­saison können sie, je nach Wirt und Hütte, auch ganz verboten sein. Haben wir aber ein Zimmerchen für uns ergattern können, sind der Hüttenaufenthalt und eine Nacht in den Bergen jedes Mal wieder ein besonderes Erlebnis. Lediglich für die Dauer einer Dusche muss Pippa alleinbleiben, ansonsten darf sie überall mit dabei sein, so dass sie sich in der ungewohnten Umgebung nicht unsicher fühlt. Ich staune, wie unkompliziert meine Dackelhündin sich mit dem lebhaften Geschehen auf der Terrasse arrangiert, bin stolz auf ihre Freundlichkeit den anderen Wanderern gegenüber und muss eher die Menschen in ihrem Kontaktbedürfnis bremsen als meinen Hund. Gelassen schläft sie schließlich beim Abendessen unter dem Tisch auf ihrer Decke, was in Lokalen in der Stadt oft erst nach einigen Zurechtweisungen klappt.

Unsere müden Füße glühen mit den Alpen um die Wette, weshalb wir früh in unsere Koje dackeln. Auch dort ist es ein Leichtes, meinem Hund seinen Schlafplatz zuzuweisen – sie ist im wahrsten Sinne des Wortes hundemüde und geschafft von dem langen Tag. Kurz bevor auch mich der Schlaf übermannt, stelle ich glücklich und zufrieden fest: Je mehr ich meinem Hund vertraue und je mehr ich ihr zutraue, desto besser funktioniert unsere „Seilschaft“ und desto mehr wird aus uns ein eingespieltes Team. Fast wirkt es auf mich, als sei auch mein kleiner Dackel mächtig stolz darauf, Teil dieses Teams zu sein und einen wichtigen Beitrag zu dessen Funktionieren beizusteuern.

Zusammen Abenteuer erleben und bestehen
Die alpine Umgebung bietet dem Mensch-Hund-Team zahlreiche ­Ge­legenheiten, sich zu bewähren. Abseits bekannter Spazierwege warten Entdeckungen und Erlebnisse, die dem Zusammensein neue Impulse geben. Für Hunde ist es eine immense Leistung, wenn sie Unsicherheiten zu überwinden lernen, wir müssen ihnen dabei mit Geduld und Motivation zur Seite stehen und sie mit positiver Verstärkung freiwillig den nächsten Schritt gehen lassen. Im Verlauf einer Wandersaison meistern Pippa und ich etliche solcher Herausforderungen: Wir haben Hänge­brücken überquert, Bäche durchschritten, trotz des scharrenden Hundes im Nachbarzimmer die Nacht auf der Hütte überstanden, sind mit ruckelnden Sesselliften gefahren, per Anhalter vom Bergbauern ins Tal mitgenommen worden und vieles andere mehr. Der Hund lernt so beim Wandern etwas Grundsätzliches: Durch die gemeinsamen Erlebnisse verknüpft er unsere Person mit positiven Erfahrungen und sieht in uns deshalb mehr den Freund und Partner als den „Futterspender“ oder Kommandogeber. Umgekehrt lernen wir Menschen, wie die Zeit, die wir unseren Hunden widmen, und damit die Beziehung zu ihnen eine ganz andere oder sogar neue Qualität erhält. Während die alltägliche Gassi-Runde eine solche Erfahrung eher selten bietet, bereichern Wandertage Mensch und Hund gleichermaßen.

Nicht alle Abenteuer wählt man allerdings aus freien Stücken. Manche dieser Herausforderungen, z.B. die Flussüberquerung oder die Seilbahnfahrt, sind ­absehbar, von anderen wird man hingegen überrascht. Zieht plötzlich ein Gewitter auf oder kommt einem mitten auf dem Bergpfad eine meckernde Ziegenherde entgegen, ist es wichtig, als souveräner „Leitwolf“ zu agieren, spontan eine Lösung zu finden und das „Rudel“ sicher aus der Situation herauszuführen. Ich gebe zu, dass das mit einem Dackel in manchen Lagen leichter sein dürfte als mit Vertretern größerer Rassen – schließlich kann ich mir Pippa, wenn es mal brenzlig wird, einfach unter den Arm klemmen.

Aber die Qualität der Beziehung wird ja gerade dann besonders sichtbar, wenn der eigene Hund verunsichert ist oder in Stress gerät. In diesen Momenten nämlich zeigt sich, wie sehr er die Nähe zu seiner Bezugsperson sucht und aufrechterhält, und ob er seinen Menschen als sichere Basis für alle Lebenslagen betrachtet. Aus unseren Bergabenteuern gehen wir jedes Mal gestärkt hervor, denn Erfolgserlebnisse, die man sich erarbeitet und zu denen jeder etwas beigetragen hat, schweißen Mensch und Hund zusammen. Sie werden Teil der „Rudelgeschichte“, des wertvollen, gemeinsamen Erfahrungsschatzes, von dem alle Be­teiligten ein Leben lang profitieren.

Wann immer es Terminkalender, Wetter und Befinden erlauben, machen wir uns deshalb auf zu einem Streifzug durch die Berge. Noch jede unserer Wandertouren hat die Beziehung zwischen Pippa und mir, die sich im Alltag mit seinen Routinen manchmal gelockert hatte, wieder auf freudvolle Weise ge­festigt. Probieren Sie es doch einmal und verbringen Sie mit Ihrem Hund einen „Super-Schnupper-Beziehungstag“ im Gebirge!

Pdf zu diesem Artikel: hundewandern

 

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