Wo der Mensch ist, ist auch der Hund:

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Madagaskar, die von der Moderne übersehene große Insel im Indischen Ozean, wurde erst vor etwa 1500 Jahren von Menschen entdeckt und besiedelt. Alle Haustiere, die das heutige Madagaskar aufweist, kamen mit den Siedlern – kein einziges heimisches Tier wurde bislang domestiziert. So auch die Hunde: Vor der Besiedlung durch den Menschen gab es in Madagaskar auch keine anderen Caniden. Löffel- und Hyänenhund, Füchse und Schakale haben den Sprung über die Straße von Mozambique nie geschafft.

Wo der Mensch, ist stets auch der Hund
Wo der Mensch aber ist, ist auch der Hund: Es gibt praktisch keinen besiedelten Flecken auf der Welt, an dem der Hund nicht auch anzutreffen ist. Bis hin zu den abgeschiedensten Atollen im Pazifik begrüßt er uns schon am Strand. Er bewacht die Zelte der Nomaden an den Brunnen der afrikanischen Wüsten ebenso wie die Herden der zentralasiatischen Hochgebirgslandschaften. Selbst im dichtbesiedelten Europa erfüllt er bis heute seine wichtigen Aufgaben als Sozialpartner, Jagdkumpan, Wach- und Diensthund. Ob die Hunde Madagaskars mit den aus Asien wurzelnden Volksstämmen des Hochlandes oder aus dem afrikanischen Raum herüberkamen, verliert sich im Dunkel der Geschichte – das Erscheinungsbild der rezenten Hunde der „Grande Île" lässt aber beide Vermutungen zu.

Märchen, Mythen und Legenden
Wann kam der erste Hund nach Madagaskar? Das entzieht sich der „reinen" Wissenschaft, hierüber geben nur die „Angano Gasy" (die manchmal derben madagassischen Märchen und Legenden) Auskunft, wonach in einem verbreiteten Mythos der Hund vom Menschen abstammen soll (vielleicht daher die Tatsache, dass in Madagaskar Hundefleisch nicht gegessen wird – genauso wenig, wie es dort keinerlei Hinweise auf einen Kannibalismus in früheren Zeiten gibt): Ein junger Mann hielt um die Hand der Tochter des Schöpfergottes Zanahary an, der diesen aber wegen eines peinlichen Missgeschickes verflucht. Dem jungen Mann entfährt nämlich während eines gemeinsamen Mahles ein zwar lautloser, dafür aber umso mehr stinkender Wind; der erzürnte Zanahary wirft daraufhin den Jüngling aus dem Himmel – im freien Fall verliert der Unglückliche auch noch seine Hoden. Zu allem Übel verwandelt er sich auch noch beim Aufprall auf die Erde in einen Hund. Seit dieser Zeit schnüffelt der Hund gerne an allen möglichen delikaten Stellen, um seine Hoden wiederzufinden. Wegen dieser unappetitlichen Eigenschaft erklärten ihn die Menschen als unrein, und eine der schlimmsten Beleidigungen in Madagaskar ist es, einen anderen mit „Hund" zu beschimpfen. Zum Freund des Menschen wurde der Hund dann – wie eine weitere Legende zu berichten weiß -, als er mit List einen Menschen aus dem Maul eines Krokodils rettete.

Die heutigen madagassischen Hunde – wenn man von ungewollten Einkreuzungen von Tieren aus europäischen Hochzuchten einmal absieht – entsprechen erwartungsgemäß denjenigen Hundetypen, die man auch sonst in vergleichbaren Klimaten und Lebensräumen rund um den Indischen Ozean antrifft. Vergleichbare „rasselose" Straßenhunde beschrieb das Ehepaar MENZEL (1960) als „… keineswegs typlose Mischlinge, sondern man kann – wo sie sich rein erhalten haben – unter ihnen wohlumschriebene, sich konstant vererbende Typen unterscheiden. Sie stellen eine Formengruppe des Canis domesticus, Naturrassen, die sich ohne menschliches Zutun erstaunlich rein erhalten haben, insbesondere in Gegenden, wo wenig Gelegenheit zur Kreuzung mit europäischen Hunderassen geboten waren".

Auffallend sind Hunde, die in ihrem Habitus dem australischen Dingo ähneln, was bereits OTTO ANTONIUS im Vorderen Orient auffiel und worauf er in seinem Standardwerk „Grundzüge einer Stammesgeschichte der Haustiere" (1922) hinweist: „Meine eigenen Beobachtungen von Straßenhunden beweisen … das Vorkommen von allerlei Übergangstypen zu anderen primitiven Haushundstämmen. Besonders drei Typen fand ich vielfach sehr ausgeprägt. Einer … schließt sich äußerst eng an den Dingo an: Mittelgroße, stock- bis glatthaarige, meist rotgefärbte, aber oft auch schwarze Tiere, die äußerlich vollkommen Dingohabitus zeigen und wohl dem Schädelbau nach in seinen Formenkreis gehören". Dieser Hundetypus wurde deshalb vom Autor als „Alika Gasy" („Madagassischer Hund") benannt (s. Kasten auf Seite 37) und an anderer Stelle der Öffentlichkeit bereits vorgestellt.

Alte Landrassen
Hunde sind in Madagaskar überall anzutreffen, und ein Großteil der in den ländlichen Regionen zu findenden Tiere ist erwartungsgemäß den sogenannten „alten Landrassen" zuzuordnen. Das sind Tiere, die nicht auf bestimmte und oft willkürliche Merkmale hochgezüchtet wurden, und die neben ihrer sprichwörtlichen Gesundheit über einen reich ausgestatteten Genpool verfügen. Dies fällt nicht zuletzt durch ein wenig einheitliches Aussehen schon auf den ersten Blick auf. Sie können durch die natürliche Selektion an die jeweiligen Lebensbedingungen ihrer Umwelt in einem bestimmten Gebiet relativ einheitliche Typen ausbilden, wie auch in anderen Regionen Asiens und Afrikas zu beobachten: In den trockenen Gebieten Ostindonesiens und im Nordwesten Indiens, teilweise aber auch im zentralen Hochland und im Süden und Südwesten von Madagaskar, leben Tiere von einem einheitlichen, fast dingoähnlichen Habitus. Dieser Hundetyp neigt am ehesten zum Verwildern und stellt aufgrund seines weiten Verbreitungsgebietes vermutlich eine eigene alte „Landrasse" dar, wobei er dem Typ des „Alika Gasy" am nächsten ist. Sie ähneln somit auch einigen aus dem östlichen und südlichen Afrika stammenden Hundeformen (GALLANT, 1996).

Madagassischer Nationalhund
Interessant ist die Frage, ob es in Madagaskar auch einen einheimischen Hundetyp gibt, der ebenfalls unseren Vorstellungen von einem „Rassehund" entspricht. Ja – es gibt ihn, es ist der madagassische Nationalhund, der „Coton de Tuléar". Nördlich von Tuléar, der wichtigsten Stadt im „Großen Süden" Madagaskars, erstrecken sich weite Baumwollfelder, deren aufgeplatzte Kapseln die bekannte watteähnliche Baumwolle freigeben. Diese schneeweiße Baumwolle (frz. „Coton") gab einer – bei uns weitgehend unbekannten und selten gesehenen – Hunderasse den Namen, dem „Coton de Tuléar."

In der Neuzeit brachten europäische Kolonisatoren und Zuwanderer ihre eigenen Hunde mit. Aus einigen dieser mitgebrachten Hunderassen entwickelte Madagaskar eine anerkannte neue Rasse, den „Coton de Tuléar" (siehe Kasten auf dieser Seite), den einzigen madagassischen Rassehund, der auch bei uns zunehmend Liebhaber findet. (Die Anerkennung als eigene Rasse durch die FCI erfolgte 1971). Bis zur militärischen Besetzung Madagaskars durch die Franzosen (1896), und somit dem Beginn der Kolonialzeit, war der Besitz eines „Coton" nur adligen Familien im zentralen Hochland gestattet, und noch heutzutage finden wir diesen kleinen Hund hauptsächlich im Besitz der Wohlhabenden – zumeist Händlern und Geschäftsleuten.

Vierbeiniges Alarmsystem
Der vertrauten Personen gegenüber verschmuste Hund, der wegen seiner Anhänglichkeit an seine Familie, seiner einfachen Erziehung, seines Temperamentes und fröhlichen Wesens als Familienhund sehr geeignet ist, hat aber zudem wegen seines Misstrauens Fremden gegenüber meist noch eine Aufgabe als Wachhund. „Der ‚Coton’ ist kein Hund, sondern ein lebendes Alarmsystem …" bemerkte ein madagassischer Hundebesitzer dem Autor gegenüber. Schon STREBEL (1905) beschreibt den Malteser – Ahnherr dieser Hunde – als „mürrisch gegen Fremde, denen er auch fast nie Liebkosungen gestattet." Seine Intelligenz lässt den „Coton" alles Außergewöhnliche heftig und unbestechlich verbellen. Dies ist mit einer der Gründe für seine Beliebtheit: In gehäuftem Maße trifft man den „Coton" im Besitz städtischer Ladenbesitzer, vor allem reicher Chinesen, die neben einem oder mehreren dieser Zwerghunde zusätzlich noch einen großen Schutzhund, vorwiegend den Deutschen Schäferhund, halten. Diese so verschiedenen Rassen bilden dann ein unschlagbares Team: Der „Coton" alarmiert mit seinem schrillen Gekläffe seinen großen Freund, der dann im Normalfall einen Eindringling durch seine mächtige Erscheinung vertreibt. Häufig findet man aber auch den „Coton" in Gruppen von bis zu fünf Tieren in Haushalten von Liebhabern dieser Rasse, die dann als Meute einen Gast oder Besucher beim Betreten des Grundstückes stürmisch empfangen, einen Fremden teilweise sogar heftig und mutig attackieren.

Wenn auch die Rasse des „Coton de Tuléar" in ihrem Erscheinungsbild auf Madagaskar relativ variabel erscheint, so kann dieser Hund dennoch folgendermaßen charakterisiert werden: Bei rund 5 kg Körpergewicht erreicht er eine Schulterhöhe von 20 – 30 cm. Der für den relativ kleinen Kopf lange Fang zeichnet sich durch ein Scherengebiss aus. Das dichte und gewellte Haar ist bis zu 8 cm lang und wird ungeschoren getragen. Der Fellwechsel ist geringfügig; das Fell selbst ist leuchtend weiß, kann aber auch in einem hellen Gelbbraun bis zu einem dunklen Grau gescheckt sein. Viele der vom Autor in Madagaskar angetroffenen „Cotons" würden einem nach europäischen Vorstellungen geforderten Standard nicht entsprechen, da sie sich fröhlich auch auf der Straße vermehren und man allgemein noch mehr Wert auf die Robustheit und den Charakter, als auf ein bestimmtes einheitliches Äußeres legt. Man findet daher wahrscheinlich in Europa und in den USA eher einen „reinrassigen Coton de Tuléar" als in seinem Ursprungsland. Der „Coton" als madagassischer Nationalhund, der auch schon auf Briefmarken abgebildet war, darf jedoch seit Anfang der 1970er Jahre nicht mehr exportiert werden, sodass theoretisch sämtliche Hunde dieser Rasse, die man außerhalb Madagaskars antrifft, nicht mehr aus ihrem Ursprungsland kommen.

Solange madagassische Hundefreunde ihren Nationalhund keinen züchterischen Modetorheiten unterwerfen, müssen wir uns um den Fortbestand dieses kleinen tapferen und intelligenten Hundes keine Sorgen machen. Es bleibt hier aber auf jeden Fall auf der „Grande Île" für die Zukunft der Rasse ein reichhaltiger Genpool erhalten, was leider heutzutage von nur wenigen Hunderassen behauptet werden kann.

>>> WUFF – INFORMATION

„Alika Gasy" – Hundetyp aus Madagaskar

Die „Alika Gasy" sind schlanke Hunde und zumeist bis mittelgroß, kurz- oder stockhaarig mit buschiger Ringelrute, Hänge- oder auch Säbelrute. Auffallend sind die oft großen Stehohren, aber auch Knick- und Hängeohren sind anzutreffen. Diese Hängeohren können ein Indiz für die Einmischung von Hunden aus europäischen Hochzuchten sein. Die Ohren sind in jedem Fall gut bemuskelt und deshalb auch beweglich, und sie verleihen der jeweiligen Stimmungslage Ausdruck. Die Färbung dieser Tiere variiert von gelb-weiß oder auch schwarz-weiß gescheckt, oder auch einfarbig schmutzigweiß über gelblich, falb bis fuchsfarben: weiße Abzeichen an Rutenspitze oder Brust sind nicht selten und bestärken noch die Ähnlichkeit mit dem Dingo. Eine weitere Ähnlichkeit mit dem australischen Dingo drängt sich bei der Fortpflanzung dieser Hunde auf: als Haushunde könnten sie zwar zwei Mal im Jahr werfen, aber man sieht selten Welpen während des trockenen Südsommers. Pro Wurf werden im Schnitt 4 – 5 Welpen geboren, die säugenden Hündinnen sind oftmals schlecht ernährt; solange ihre Welpen noch gesäugt werden, sind diese in guter Verfassung.

Die Vitalität des „Alika Gasy" ist sprichwörtlich, denn von einer tiermedizinischen Betreuung, Impfungen u.ä. kann natürlich schon aus Kostengründen keine Rede sein. Andererseits wird hierdurch natürlich das Überleben von kranken und schwächlichen Individuen und deren Reproduktion nicht gefördert, wie dies leider bei unseren Rassehunden immer mehr geschieht. Durch die natürliche Auslese entwickelten diese Hunde ebenfalls eine ausgeprägte Widerstandskraft gegenüber allen Parasiten, mit denen sie trotz hohem Befall offenkundig leicht fertig werden, solange sie in ihrer sonstigen Konstitution nicht geschwächt sind. Diese scharfe Selektion resultiert in Eigenschaften, die alle Paria- und Straßenhunde, die das kritische Welpen- und Junghundalter überlebt haben, gemeinsam haben: eine robuste Gesundheit bei hoher körperlicher Leistungsfähigkeit, die gepaart mit einer ausgeprägten Intelligenz bzw. Problemlösungsfähigkeit ist. Ein Straßenhund, der nicht flexibel auf jedwede für ihn relevante Veränderung der Umweltbedingungen sofort reagiert, lebt nicht lange. Die Intelligenz und die Problemlösungsfähigkeiten, die die Straßenhunde entwickeln mussten, um die harte Selektion in Hinsicht auf die Fähigkeit zur selbständigen Lebensweise und ohne direkte Abhängigkeit vom Menschen zu überleben, führte zu einer extremen Eigenständigkeit, die sie nur schwer erziehbar macht.

>>> WUFF – HINTERGRUND

Der Coton de Tuléar
– madagassischer Nationalhund

Die genaue Herkunft des „Coton" lässt sich nicht mehr rekonstruieren, er gehört aber zweifellos in den Rassenkreis der Bichons, und zwar nicht nur aufgrund seiner Erscheinung und Größe, auch vom Charakter her ähnelt er den weißhaarigen Zwerghunden, deren ursprüngliche Heimat der Mittelmeerraum ist. In diesem uralten Kulturraum wurden Kleinhunde schon seit der Antike als Schoß- und Spielhunde gezüchtet, deren bekanntester Vertreter der Malteser ist. Diese Rasse ist denn auch spätestens seit Beginn der Neuzeit an mitteleuropäischen Adelshöfen nachzuweisen. Es wird vermutet, dass hauptsächlich diese Malteserhunde zum Ahnherrn des „Coton de Tuléar" wurden.

Der „Coton" ist seit langem auf Madagaskar nachweisbar, und vermutlich kamen seine Vorläufer mit französischen Handelsschiffen in ihre zukünftige Heimat. Heutzutage ist seine Verbreitung nicht mehr auf die Region von Tuléar beschränkt, sondern man findet ihn in städtischen Bereichen überall auf der Insel, obwohl seine Zucht und Aufzucht als nicht einfach gelten.

>>> LITERATUR

Literaturreferenzen

– ANTONIUS, Otto, Grundzüge einer Geschichte der Haustiere, Jena (1922)
– GALLANT, Johan, Einheimische Hunde im südlichen Afrika, WUFF 2: 4-9 (1996)
– MENZEL, R. & R. MENZEL, Pariahunde, Wittenberg (1960)
– RUUD, Jørgen, Taboo – A Study of Madagasy Customs and Beliefs, Oslo (1960)
– STREBEL, Richard, Die deutschen Hunde und ihre Abstammung (1904/05), Mürlenbach (Reprint, 1986)
– WACHTEL, Hellmuth, Eine Chance für die Urhunde? Unsere Hunde 10: 5-6 (1993)
– WÖRNER, Frank G., Notizen zu den Straßenhunden Madagaskars, GfH-Mittlg. Sonderheft 8: 6 pp (2001)

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