Wölfe in Mitteleuropa:

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Ich bin von einer sehr interessanten Landschaft umgeben. Der sandige Boden lässt nur eine bestimmte Form von Vegetation zu, wenig Laubbäume, aber dafür viele Nadelbäume. Offene Sandflächen mit wenigen Büschen gehen in Kiefernwälder über, und verschiedene Seen komplettieren den Eindruck, als würde ich mich in einer Taigalandschaft in Nordamerika oder Sibirien befinden. Auch die am Himmel kreisenden Seeadler deuten nicht darauf hin, wo ich mich wirklich befinde. Am östlichen Rand der Bundesrepublik Deutschland, in einer Region, die sich Lausitz nennt. Eine Region, die geprägt ist vom Braunkohletagebau und von Truppenübungsplätzen.

Rückzugsgebiete der Natur
Truppenübungsplätze sind in ihrem eigentlichen Sinn keine schönen Einrichtungen, aber der Natur lassen sie – auf den ersten Blick paradox – sehr viel Raum sich zu entfalten. Es sind von der Öffentlichkeit abgeschirmte Bereiche, in denen die Natur sich entwickeln kann wie sie will, ohne viele menschliche Besucher oder forstliche Bewirtschaftung. Wenn ab und zu mal einige Panzer dort lang fahren und ein paar Explosionen auslösen, stört das die Natur weitaus weniger als Heerscharen wandernder Touristen oder eine nachhaltige Nutzung von Wäldern als Baumplantagen. Natürlich ist in flächenmäßig relativ kleinen Ländern wie Deutschland oder Österreich eine vernünftige und nachhaltige Nutzung der Wälder und Felder wichtig, jedoch sind solche Orte wie der hier in der Lausitz wichtige und willkommene Rückzugsgebiete für eine ursprüngliche Natur, wenn auch aus ganz anderen Motiven als dem Naturschutz entstanden.

Rückkehrer in die alte Heimat
Und in eben dieser Landschaft hat sich ein Tier angesiedelt, welches in Deutschland lange Zeit als ausgerottet galt, jetzt jedoch langsam seinen Weg zurück in seine alten Heimstätten findet: Der Wolf. Zwar hat es immer wieder einmal Sichtungen einzelner Wölfe und auch (völlig unnötige) Abschüsse gegeben. Doch dabei handelte es sich vermutlich um einzelne, aus Polen zugewanderte Tiere, die in Deutschland nach einem Partner und einem eigenen Revier suchten. Aber der Straßenverkehr und „eifrige Schützen” haben bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine dauerhafte Wiederansiedlung der Wölfe verhindert. Dann, im Jahre 1998, wurden erstmals zwei Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide gesichtet. Ein Paar, welches die Grundlage für ein erstes Rudel in Deutschland nach der „Ausrottung” sein könnte? Ja! Im Jahr 2000 konnte eine erfolgreiche Reproduktion nachgewiesen werden. Die beiden Altwölfe hatten Nachwuchs – vier kleine Welpen wurden geboren, und Deutschland war offiziell wieder Wolfsland! Auch in den Jahren danach zeugte unsere Wolfsfamilie fleißig Nachwuchs, und die normale „Fluktuation”, wie in Wolfsrudeln üblich, begann auch hier. Das heißt, die Jungwölfe verlassen nach einiger Zeit das elterliche Territorium und die elterliche Obhut, um eigene Wege zu gehen, ein eigenes Revier und einen Partner zu finden. Wo die Mehrzahl der abgewanderten Wölfe geblieben ist, weiß niemand. Gerüchte, dass sie schießwütigen Jägern zum Opfer gefallen seien, konnten sich nie bestätigen. Wölfe legen weite Wege zurück, um einen Partner zu finden, und außerdem können sie sehr heimlich sein. Wer weiß, vielleicht gibt es inzwischen mehr Wolfsrudel als man denkt …

Wolfsnachwuchs
Doch zurück zu unseren Lausitzwölfen. Nachdem sich das Stammrudel in der Muskauer Heide nun in den Jahren 2000 bis 2002 nachweislich reproduziert hatte, wurde 2003, in etwa 30 km Entfernung zum Stammrudel, ein weiterer Wurf einer Wölfin nachgewiesen. Leider stellte sich heraus, dass sich die Wölfin mit einem Hund verpaart hatte und ihre vier Welpen so genannte Wolfs-Hund-Mischlinge waren. Das ist natürlich nicht gut für die Genetik einer wilden Wolfspopulation, so dass man sich entschied, die Mischlinge einzufangen, um sie der Natur zu entnehmen. Dies gelang allerdings nur bei zwei Tieren, die anderen beiden sind verschwunden, man kann aber davon ausgehen, dass sie in der „freien Wildbahn” nicht überlebensfähig waren. Die beiden gefangenen Wolfsmischlinge leben leider auch nicht mehr, sie sind bei Unfällen mit Gehegewölfen ums Leben gekommen.

Bei der Einfangaktion der Welpen konnte man allerdings auch die Mutter einfangen und mit einem Sendegerät ausgestattet wieder in die Freiheit entlassen. Seither liefert sie wertvolle Daten über ihren Aufenthalt, ihr Revier- und Beuteverhalten – sowie über ihr Familienleben. Denn im Jahr 2005 hatte sie wieder Nachwuchs, und diesmal waren es echte Wölfe. Anscheinend hat sie nun einen Partner gefunden. Mit dieser Wölfin, dem Muttertier des so genannten „Neustädter Heide Rudels”, hat sich nun ein zweites, reproduzierendes Wolfsrudel neben dem „Muskauer Heide Rudel” in Deutschland angesiedelt. Beide Wolfsrudel hatten 2005 je fünf Welpen, und beim Rudel in der Muskauer Heide lebten Ende 2005 noch zwei jugendliche Tiere aus dem Wurf 2004. Man hatte also um den Jahreswechsel 2005/2006 nachweislich sechzehn Wölfe in zwei Rudeln in Deutschland. Für einen Freund der hundeartigen Tiere wie mich natürlich eine wunderbare Tatsache.

„Rotkäppchen-Syndrom“ vom bösen Wolf …
Was allerdings für den einen wunderbar ist, muss dies nicht zwangsläufig auch für den anderen sein. So haben die Neuankömmlinge in ihrer alten Heimat auch viele Feinde. Der Wolf wird in unseren Breiten schon seit jeher als Feind angesehen, als das Böse schlechthin. Erstaunlich, wo sich doch unser bester Freund, der Hund, aus dem Wolf entwickelt hat. Warum ausgerechnet der Wolf von uns als Feind Nr. 1 angesehen wird, kann man nicht genau beantworten. Nach meiner Meinung liegt es zu einem beachtlichen Teil daran, dass der Wolf früher, als auch wir zum großen Teil unsere Nahrung durch Jagd erhielten, einfach ein Nahrungskonkurrent war. Und als die Europäer Rehe und Hirsche in ihrer Heimat fast ausgerottet hatten, nahm der Wolf dem Menschen das ein oder andere Schaf, weil es in der Natur kaum noch Nahrung gab. Daraufhin wurde er so gnadenlos verfolgt, dass er von der Bildfläche verschwand.

Die Märchen, dass Wölfe Großmütter von kleinen Mädchen mit roten Mützen fressen oder man keine Kinder allein in den Wald mit Wölfen lassen sollte, oder das unsinnige Argument aus Teilen der Jägerschaft, dass Wölfe andere Tiere ausrotten würden (Fairerweise sollte man hier anmerken, dass es durchaus Jäger gibt, die dem Wolf positiv gegenüberstehen.), sind allerdings keine guten Argumente gegen Wölfe. Von diesen Anschuldigungen haben wissenschaftliche Untersuchungen und viele seriöse Statistiken den Wolf inzwischen freigesprochen.

Falsche Gerüchte
So ist es zum Beispiel blanker Unfug, dass Wölfe andere Tiere ausrotten. Wie bereits in meinen Artikeln über Füchse und Marderhunde (WUFF Feb. 2006 und Mai 2006) beschrieben, verhält es sich auch bei Wölfen nicht anders. Werden die Beutetiere der Wölfe weniger, werden auch die Wölfe weniger, und die Beutetierpopulationen können sich erholen. Bei Beutetieren und Beutegreifern wie z.B. Reh und Wolf, die sich über Jahrtausende nebeneinander entwickelt haben, funktioniert das ausgezeichnet.

Auch für Menschen selbst sind Wölfe weit weniger gefährlich als man annehmen möchte. Um nicht zu sagen, unter normalen Umständen stellen sie für Menschen keinerlei Gefahr dar, weil sie in Wahrheit eine fürchterliche Angst vor uns haben. Zum einen wirken wir durch unseren aufrechten Gang sehr groß und kräftig, zum anderen haben Wölfe durch die Evolution gelernt, dass man Menschen besser aus dem Weg geht. Alle nachgewiesenen Angriffe von Wölfen auf Menschen waren entweder durch Tollwut, Anfütterung oder Bedrängungbegründet. Angriffe von gesunden, wildlebenden Wölfen auf Menschen kommen praktisch nicht vor!

Projekte zum Schutz der Schafe
Aber wie sieht es mit der Gefahr für Nutzvieh aus? Man muss zugeben, dass für Schafe eine Gefahr besteht. Pferde und Rinder sind weniger gefährdet, weil sie groß, stark und sehr wehrhaft sind. In Deutschland, wo genügend andere Nahrungsquellen (Rehe, Wildschweine oder Hirsche) zur Verfügung stehen, werden Wölfe das Risiko kaum eingehen, sich mit einem ausgewachsenen Pferd anzulegen. Die Verletzungsgefahr wäre viel zu groß. Und ein verletzter Wolf kann nicht jagen und sich ernähren. Schafe allerdings sind keine große Herausforderung für einen Wolf. Sie sind relativ klein, und die Wehrhaftigkeit reicht vielleicht für einen Fuchs. Nicht einmal flüchten können sie, wenn sie eingepfercht sind. Also einmal ehrlich – Wölfe wären recht dumm, wenn sie sich Futter entgehen ließen, das so leicht zu erbeuten ist. Allerdings kann man Schafe mit relativ einfachen Maßnahmen schützen. Eine Einzäunung mit Elektrozäunen hält Wölfe sehr gut zurück, und Angriffe auf Schafe, die auf so gesicherten Weiden leben, sind bisher nicht zu verzeichnen. Auch Projekte mit Herdenschutzhunden haben die gleiche Wirkung.

Willkommen daheim
Doch zurück zum Anfang dieses Artikels. Ein Spaziergang in dieser faszinierenden Landschaft hat einen ganz besonderen Reiz. Das Wissen, dass hier Wölfe leben. Und obwohl man sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu sehen bekommt, weiß man, dass sie da sind. Ein tolles Gefühl. Kein Gefühl von Angst, nein, dafür weiß ich zu viel von Wölfen und anderen Raubtieren, es ist einfach ein gutes Gefühl. Wenn wir diese Wölfe akzeptieren, können wir vielleicht einen winzigen Teil dessen wieder reparieren, was wir der Natur in den letzten Jahrhunderten angetan haben.

WUFF HINTERGRUND

Einweihung des „Wolfssteins“
Anlässlich der Einweihung des „Wolfssteines“ am 21.Mai 2005 wies Forstdirektor Rolf Röder, Leiter der Bundesforststelle Muskauer Heide, darauf hin, dass vor rund 150 Jahren der letzte Wolf in der Muskauer Heide getötet worden sei – als Denkmal wurde für ihn ein „Wolfsstein“ gesetzt. Diesmal, so Röder, werde wieder ein Wolfsstein eingeweiht, nun aber für das erste wieder reproduzierende Wolfsrudel in Deutschland, das sich in der Muskauer Heide angesiedelt hat. Die aus Polen gekommenen Wölfe haben sich auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz im Jahre 2000 das erste Mal vermehrt und jedes Jahr für Nachwuchs gesorgt. Forstdirektor Röder: „Sie sorgten auch dafür, dass sich die Menschen wieder mit dem Thema Wolf beschäftigten. Viele freuten sich, noch mehr waren sehr gelassen gegenüber den Rückkehrern, aber einige wenige schürten alte Ängste und befürchteten Schlimmes. Dieser Wolfsstein soll durch seine Gegenwart immer wieder an ‘unsere‘ Wölfe in der Lausitz erinnern und ein Zeichen für das veränderte Bewusstsein gegenüber einer so faszinierenden Tierart ein.“

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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