Wolf im Schafspelz

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Der größere Abruzzenhund und der kleinere Maremmenhund wurden 1958 unter einem gemeinsamen FCI-Standard zusammengefasst. Der Zuchtstandard, der heute sehr strenge Bestimmungen in punkto Proportionen und Körperbau vorsieht,

„… liest sich wie die Bauanleitung für ein technisches Gerät und nicht wie die Beschreibung eines Lebewesens", meint dazu Schoke in seinem Werk „Herdenschutzhunde". So streng die Bestimmungen betreffend das Aussehen des Maremmano-Abruzzese sind, so stark variiert die Bandbreite der verschiedenen Wesenstypen dieser Hunde in der Realität. Der Grund dafür beruht auf der Tatsache der Existenz von Familienhundezuchten, die es in Italien neben den üblichen Arbeitshundezuchten auch früher schon gab. Im Gegensatz zu den meisten anderen Herdenschutzhunden wurden Maremmanos nicht ausschließlich zum Beschützen von Herden eingesetzt. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, die Hunde auch als Territoriumswächter auf größeren Gutshöfen zu halten, wo sie in Rudeln von bis zu 30 halbwilden Tieren großteils nach ihren eigenen Gesetzen lebten. Die für Herdenschutzhunde so typische Selbstständigkeit und das unerschütterliche Selbstbewusstsein sind auf die seit jeher vom Menschen geforderte „Eigenverantwortlichkeit" dieser Tiere zurückzuführen.

Hundehalter besonders gefordert!
Entsprechend groß ist die Herausforderung bei der Erziehung und Sozialisierung der „weißen Riesen" in unserer heutigen Zeit. Der Halter eines Herdenschutzhundes ist besonders gefordert, sich mit den speziellen Eigenschaften dieser so ursprünglich gebliebenen Hunde auseinanderzusetzen, einerseits natürlich, um seinen Vierbeiner zu verstehen und die Beweggründe für sein Verhalten nachvollziehen zu können, und andererseits, um unerwünschtes Verhalten entsprechend zu lenken und seinen Wolf im Schafspelz „alltagstauglich" zu machen. Ein Maremmano ohne Erziehung ist „wie ein Ferrari ohne Bremsen", pflegt man in Italien zu sagen.

Nicht für Hundeneulinge!
Ein Herdenschutzhund sieht es einfach als seine „von Gott gegebene" Aufgabe, sein Rudel vor allem, was ihm fremd ist (und demnach als potenziell gefährlich erscheint), zu beschützen. Der groß gewachsene Nordic Walker mit der vom Wind aufgeblähten Regenjacke könnte die stets latent vorhandene Verteidigungsbereitschaft des Hundes also durchaus herausfordern, wenn ihm der Halter nicht nachhaltig glaubhaft machen kann, dass ER derjenige ist, der das Recht hat zu bestimmen, wo’s langgeht und was man (HUND) zu tun hat und was nicht. Und dieses Recht zu bestimmen sowie den nötigen Respekt muss sich der Halter in den Augen seines stolzen Hundes jeden Tag aufs Neue verdienen.

Schwer zu beeindrucken
Die Erziehung eines solchen Fellpanzers, „der weiß, was er will", und der nicht im Entferntesten daran denkt, sich durch Drohungen oder Gewalt beeindrucken zu lassen, ist zweifelsohne auch eine Chance, so manche Methode im Umgang mit unseren besten Freunden endlich zu überdenken. Der Mensch ist gezwungen, seine Einstellung zum Tier zu prüfen und den größten Teil seiner bisherigen Vorstellungen vom Zusammenleben mit Hunden über Bord zu werfen … und dann können sie kommen, diese „filmreifen" Momente, in denen man sich fühlt wie Kevin Kostner in „Der mit dem Wolf tanzt."

WUFF

Der Maremmano – von A bis Z

Claudia Treiber-Dörfler über die wichtigsten Aspekte des Maremmano von A bis Z.

Aussehen: Der Maremmano ist ein Herdenschutzhund mittlerer Größe. Die weiße Fellfarbe wird vom Zuchtstandard favorisiert, es finden sich aber immer wieder gelbliche Tönungen an bestimmten Körperpartien. Das Deckhaar ist leicht gewellt, Augenlider, Lefzen, Schleimhäute und Nasenspiegel sind schwarz pigmentiert.

Bellen: Die ausgeprägte Bellfreudigkeit steigert sich in den Abendstunden noch um ein Vielfaches – das ist die Zeit, in der ein gewissenhafter Wächter mit dem Auftauchen von Beutegreifern zu rechnen hat.

Cane da Pastore Maremmano Abruzzese, kurz Maremmano, wird heute auf allen fünf Kontinenten gezüchtet.

Daten: FCI-Nummer 201, Gruppe 1, Standard gültig seit 1989, Widerristhöhe: Rüde: 65-73cm, Hündin: 60-68 cm, Gewicht: Rüde: 35-45 kg, Hündin: 30-40 kg.

Erscheinungsbild: kräftiger Körperbau, gut entwickelte Muskulatur, ausgewogene Proportionen, wirkt trotz seiner Größe alles andere als plump.

Futteransprüche: Der Maremmano kommt mit weit weniger aus, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Auf dem eher kargen Speiseplan seiner Vorfahren stand öfter Molke und Fladenbrot als Fleisch.

Gesundheit: Tierarztbesuche sind mit dieser robusten Rasse meistens nur zum Zweck der alljährlichen Schutzimpfung notwendig. Um das nötige „Vertrauensverhältnis" für später zu schaffen, empfiehlt es sich aber, mit dem Welpen öfters „einfach so beim Tierarzt vorbeizuschauen". Wie bei allen großen Rassen besteht eine erhöhte Anfälligkeit für Hüftgelenksdysplasie.

Hundeschule: Man sollte unbedingt eine Hundeschule wählen, in der die Ausbildner zumindest Erfahrung mit Herdenschutzhunden haben. Die ausgeprägte Dickköpfigkeit des Maremmano könnte sonst allzu schnell mit der Unfähigkeit des Halters gleichgesetzt werden.

Individualdistanz: Der Maremmano fordert einen größeren Minimalabstand zu seinem Gegenüber (Mensch und Tier) als andere Hunde. Körperlicher Kontakt mit Fremden ist oft gänzlich unerwünscht.

Jugend: Maremmanos sind Spätentwickler, die erst mit etwa drei Jahren (Rüden oft noch einige Monate später) erwachsen sind. Die Erziehung ist sehr zeitaufwändig, andererseits bieten diese „langen Lehrjahre" aber wieder genügend Zeit, etwaige Fehler zu korrigieren.

Kinder sind für den Maremmano kein Problem, sofern er an ihren Umgang gewöhnt ist und die Kinder seine Bedürfnisse (Individualdistanz!) respektieren! Aufgrund seiner Größe und Kraft ist er allerdings ohnehin nicht der beste Umgang für die Kleinen.

Lernfähigkeit: Im Vergleich zu anderen Herdenschutzhunden ist der Maremmano relativ lernwillig.

Mut: Die Aufgabe, die ihm anvertraute Herde vor Wölfen, Bären und anderen Beutegreifern zu beschützen, erfordert Mut und zweifellos noch mehr Verstand. „Für alles, was geschieht, bist du selbst verantwortlich. Also – Vorsicht: Erst gucken, dann prüfen, dann drohen, und den Angriff – volle Pulle – erst starten, wenn er unumgänglich geworden ist …" (Gudrun Beckmann, Die alten Hirtenhunde)

Nachbarn: Freundliche Gespräche über den Zaun vermitteln dem unbestechlichen Beschützer: Die da drüben gehören zu den Guten. Bei allen anderen Nachbarn ist Sichtschutz die beste Lösung.

Oma & Opa: Alle, die in den ersten Monaten öfter vorbeischauen (und dem Charme des kleinen Eisbären unweigerlich erliegen), haben dann für immer einen Stein im Brett. Es empfiehlt sich, Besucher immer nach einem bestimmten „Willkommens-Ritual" zu begrüßen, um dem Hund zu vermitteln, dass der Besuch erwünscht ist und keinerlei Bedrohung von ihm ausgeht.

Pflege: Das Bürsten ist, außer zur Zeit des Fellwechsels oder bei Hunden, die gerne schwimmen (das nasse Haar verfilzt sehr leicht), nicht unbedingt notwendig, sollte aber zum Zweck der Demonstration der Rangordnung von klein auf „(aus)geübt" werden. (Das Rangordnungsdenken ist bei Herdenschutzhunden in einer sehr ursprünglichen Form erhalten geblieben, da es, wie bei anderen Rassen, keine Zuchtauswahl nach diesen Kriterien gab.)

Quantität: Die Haltung von zwei oder mehreren Maremmanos bringt vor allem für diese Hunde, die sich unter „ihresgleichen" am wohlsten fühlen, viele Vorteile. Man sollte aber unbedingt ausreichend Zeit für die Erziehung jedes (einzelnen!) Hundes einplanen.

Rudel: Der Maremmano schließt sich seinem Rudel sehr eng an. Er beschützt alle und alles, von der Familienkatze bis zur Familienkutsche. Maremmanos können Schmeichler und Schmuser sein – aber nur dann, wenn sie es gerade möchten. „Zu viel Nähe" wird sich der weiße Riese nie aufdrängen lassen.

Spielverhalten: Maremmanos spielen „anders" als wir es üblicherweise von Hunden kennen. Beim Spielen mit Bällen und Stöckchen wird ihnen, wenn sie überhaupt mitmachen, sehr schnell langweilig. Mit Herdenschutzhund-Kollegen wird das Anschleichen, Abfangen und Rempeln geübt. Das gemeinsame Spielen ist eine unschätzbare Bereicherung für die Beziehung Mensch/ Hund, und man sollte es trotz der „noblen Zurückhaltung" des Maremmanos immer wieder versuchen.

Temperament: Der Maremmano liebt lange Spaziergänge. Die Zeit bis dahin vertreibt er sich am liebsten im „Standby-Modus" an einem strategisch günstigen, schattigen Platz im Garten. Typisch ist das Umschalten von 0 auf 100: Der eben noch friedlich vor sich hin dösende Wächter ist innerhalb von Sekundenbruchteilen dort, wo er gebraucht werden könnte.

Unbekanntes birgt potenzielle Gefahren. Es ist daher unerlässlich, den Maremmano schon von klein auf an alles, was er später akzeptieren/mitmachen soll, zu gewöhnen: Vom Besuch im Autobahnrestaurant bis zur Zugfahrt.

Verein: Es gibt weder in Österreich noch in Deutschland einen speziellen Verein.

Wohnung: Obwohl sich der (dem Welpenalter entwachsene) Maremmano im Haus angepasst und unauffällig verhält, ist er für die Wohnungshaltung eher ungeeignet. Er sollte – zumindest ansatzweise – seinen Wachtrieb ausleben können.

X-beliebige Maremmanos: Man sollte unter keinen Umständen den Fehler machen, einen dieser niedlichen Teddybären aus dem Italienurlaub mit nach Hause zu nehmen. Die Anschaffung eines (solchen) Hundes muss wohl überlegt sein, zumal ein Herdenschutzhund nicht so einfach von der Nachbarin in der Hundepension (wo er sich selten wohl fühlt) versorgt werden kann.

Züchter: Vor Hunden aus Arbeitszuchten ist abzuraten, da diese Tiere eine hohe Grundschärfe sowie ein großes Aggressionspotenzial besitzen.

• Infos: www.maremmano.at

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