"Wolfsblut" – Heilbringer in der Zucht oder Tierquälerei: Ein Leben zwischen den Welten

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Erbkrankheiten, Allergien, Verhaltensauffälligkeiten – in der ­populärkynologischen Diskussion sind diese Erscheinungen allesamt Symptome der „Überzüchtung" unserer Rassehunde. Was liegt also näher als „back to the roots" zu gehen und frisches, gesundes Blut in die maroden alten Linien zu bringen? Die Einkreuzung von Wölfen in unsere Haushunderassen wäre also auf den ersten Blick verlockend. Doch das Experiment ist bereits mehrmals gescheitert – zumindest, was das Ziel betrifft, gesündere und gebrauchs­fähigere Hunde zu züchten. Und auch aus Sicht des Tierschutzes ist die Kreuzung von Haushunden mit Wölfen mehr als fragwürdig.

Das Problem ist altbekannt: Durch gezielte Selektion ist es dem Menschen zwar gelungen, eine Vielzahl hochspezialisierter Hunde­rassen zu züchten, die den menschlichen Idealen nahezu perfekt entsprechen – als unerwünschte Nebenwirkung der Zucht wurden allerdings nicht nur die positiven Eigenschaften verstärkt, sondern auch viele, vor allem gesundheitliche Probleme nicht nur potenziert, sondern zum Teil auch neu geschaffen. „Überzüchtung" wird da gerne als die Wurzel allen Übels angeführt. Und das zumindest teilweise zu Recht: Denn neben vielen anderen Faktoren wie Fütterung, Haltung und verschiedenste Einflüsse unserer Zivilisation spielen die zum Teil perversen Auswüchse der modernen Hundezucht unumstritten eine Hauptrolle im gesundheitlichen Niedergang so mancher Rasse.

Die Idee ist also verlockend: „back to the roots". Man nehme eine Hunde­rasse mit all ihren dem Menschen dienlichen Eigenschaften, deren Selektion auch die größten Kritiker der Hundezucht eben jener bis zu einem gewissen Grad als Verdienst zugestehen müssen und kreuze diese mit unverdorbenem, frischen Blut. Zum Beispiel mit einem Wolf. Und schon hat man die angenehmen Eigenschaften eines Hundes, kombiniert mit der Robustheit und der Ursprünglichkeit seines Vorfahren. Doch leider – Genetik ist keine Milchmädchen­rechnung.

Mischlinge sind vor Erbkrank­heiten nicht gefeit
Der positive gesundheitliche Aspekt solcher Kreuzungen ist ebenso fragwürdig wie die Behauptung, dass Mischlinge die „gesünderen ­Hunde" und mit Erbkrankheiten nicht so behaftet seien. Denn schließlich „reicht" es auch, wenn nur ein Elternteil die genetische Disposition für eine Erbkrankheit einbringt, damit diese auch beim Welpen ausbrechen kann. Ob da nun zwei Schäferhunde, ein Schäferhund mit einem Straßenhund oder ein beliebiger Hund mit einem Wolf verpaart werden, spielt keine große Rolle. Zudem gibt es kaum ausreichend fundierte wissenschaftliche Daten darüber, welche Erbkrankheiten beispielsweise durchaus auch in der Wolfspopulation verbreitet sind.

Ob die Einkreuzung von Wölfen positive Auswirkungen auf die Gesundheit überzüchteter Rassen hätte, lässt sich also aufgrund fehlender Datenauswertungen von Wolfhunden zumindest nicht bestätigen. Jedenfalls treten verschiedene Erbkrankheiten wie Hüftgelenkdysplasie, Ellbogendysplasie, diverse Augenkrankheiten, Epilepsie oder auch degenerative Myleopathie und hypophysärer Zwergenwuchs auch bei dieser Rasse ­häufig auf. Selbst wenn man hypothetisch davon ausgeht, dass diese Krankheiten durch den Deutschen Schäferhund eingebracht wurden, so hat die Verpaarung mit Wölfen die Erbanlagen dazu offensichtlich nicht nachhaltig verdrängen können.

Wolf-Hund-Kreuzungen leben als gefährliche „Outlaws" zwischen den Welten
Doch auch in einer weiteren Hinsicht stehen Experten der Einkreuzung von Wölfen kritisch bis ablehnend gegenüber: Auch wenn der Hund vom Wolf abstammt, hat er sich in den Jahr­tausenden der Domestikation weit von seinen Ahnen entfernt. Zu ­Bastardierungen, also zur Fortpflanzung von Wölfen mit Hunden, kommt es in der Natur in der Regel nur dann, wenn die Rudelstruktur der Wölfe bzw. die ­ökologischen Bedingungen massiv gestört sind. Im Normalfall ­zeigen sich Wölfe in freier Natur ­Hunden gegenüber eher aggressiv.

Die Hybriden – ob in „freier Wildbahn" entstanden oder bewusst gekreuzt – weisen eine unvorhersehbare Mischung der Eigenschaften von Wolf und Hund auf und leben sozusagen zwischen den Welten. Scheinbar einheitliche Verhaltenssequenzen von Wölfen sind das Resultat von mehreren unabhängigen Erbanlagen. Durch die Trennung dieser Erbanlagen, wie sie bei Kreuzungen passiert, können sich diese gänzlich neu kombinieren. Das Resultat sind dann nicht mehr die eigentlich erwünschten Verhaltensweisen, sondern eine disharmonische Verhaltenssteuerung. Die Hybriden leben sozusagen zwischen den Welten. Sie weisen meist ein Verhalten auf, das sich weder in freier Wildbahn bewährt, noch für das Zusammenleben mit Menschen geeignet ist. Einerseits fehlen ihnen oft das hochent­wickelte Sozialverhalten und das ­zuverlässige Kommunikationsver­mögen der Wölfe, andererseits hindert sie ihr wölfisches Erbe meist daran, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Durch den sogenannten Hybrideffekt, den z.B. Udo Gansloßer und Dorit Urd ­Feddersen Petersen beschreiben, werden manche dieser Eigenschaften sogar noch verstärkt – so sind Hybri­den selbst nach bester Prägung und Sozialisation meist sogar noch scheuer und schreckhafter als Wölfe.

Diese Scheuheit bedingt eine Vielzahl von Problemen: Die Tiere stehen permanent unter Stress, ihre Lernfähigkeit sinkt. Aus dem durch permanente Umweltüberforderung resultierenden chronischen Stress können auch weitere Verhaltensauffälligkeiten hervorgehen. Vor allem junge Hybriden zeigen häufig Trennungsprobleme und neigen aufgrund einer unsicheren bis chaotischen Bindung zu ihren Menschen zu Stereotypien, Zerstörungswut oder anderen Problemverhalten.

Jahrtausende der Domestikation werden mit einem Schlag zunichte gemacht
Auch der Sicherheitsaspekt darf hier nicht unerwähnt bleiben: Durch die Jahrtausende währende Domestikation und gezielte Selektion gibt es bei Haushunden zwar keine angeborene Zahmheit, aber sehr wohl die genetische Disposition, sich über angeborene auslösende Mechanismen leichter an andere Arten zu sozialisieren. Sie verfügen also über erbliche Grundlagen, welche die Zahmheit erleichtern und dauerhaft ermöglichen. Diese durch jahrhundertelange Auslese im Rahmen der Domestikation entwickelte Disposition wird durch die Einkreuzung von Wildcaniden wieder aufgelöst.

Ein weiterer Effekt der Domestikation bzw. Zuchtauslese ist die sogenannte Pädomorphose oder partielle Fetalisation, wie sie der bekannte deutsche Wolfsforscher Erik Zimen beschreibt: Hunde bleiben je nach Rasse bzw. Typ in bestimmten Verhaltensbereichen im Entwicklungsstadium des juvenilen Wolfes stecken. Dies hat einerseits damit zu tun, dass bestimmte Ver­haltensweisen in der Lebensumwelt des Hundes nicht mehr gebraucht werden, andererseits macht sich der Mensch diesen Effekt aber auch bewusst zunutze und fördert ihn in der Zucht: Bei zahlreichen Hunderassen wurde das Jagdverhalten quasi eliminiert, bei anderen hingegen partiell sogar verstärkt.

Viele Hunderassen zeigen hocheffektives Jagdverhalten und beherrschen einzelne Elemente noch wesentlich besser als der Wolf: z.B. Vorstehen, Hetzen, Apportieren oder Stöbern. Dennoch ähneln diese in ihrem Gesamtverhalten eher dem juvenilen Wolf, da die einzelnen Elemente selten als durchgängiges Jagdverhalten gezeigt werden. So soll ein Jagdhund je nach Einsatzzweck die Beute zwar aufstöbern, aber nicht unbedingt packen. Oder er soll sie mit weichem Maul apportieren. Bei der Fuchsjagd hingegen soll er die Beute durchaus auch packen und töten – niemals darf der Jagdhund das erlegte Tier jedoch fressen. Elemente des ­Jagdverhaltens hat sich der Mensch aber auch in anderen Bereichen zunutze gemacht: Schutzhunde, Suchhunde, aber auch Hütehunde zeigen allesamt jagdliche Elemente. Letztere sind wiederum ein Paradebeispiel für die Pädomorphose: Border Collies beispielsweise sollen die Schafe anstarren, sich ­anschleichen, gegebenenfalls auch jagen und – gehemmt – beißen. Niemals dürfen sie jedoch ein Schaf packen und verletzen oder gar töten. Zudem wollen wir als Haushunde verspielte und lernbegierige Exemplare. Die Ernsthaftigkeit erwachsener Wölfe wäre in unserer Gesellschaft problematisch. Auch diese Ausprägung der Domestikation kann durch Einkreuzungen mit einem Schlag zunichte gemacht werden.

Durch den Wegfall dieser nicht unwesentlichen Faktoren, die unsere Haushunde ausmachen, gepaart mit der oft extremen Scheuheit und dem ausgeprägten Fluchtverhalten, das bei mangelnder Fluchtmöglichkeit zu einer hohen defensiven Aggressionsbereitschaft führt, sind Wolfshybriden ein hohes Sicherheitsrisiko. In den USA, wo echte Wolfshybriden relativ verbreitet sind, gibt es eine exorbitant überdurchschnittliche Zahl an teils tödlichen Beißunfällen in Relation zur Populationsdichte. So ist es – auf das Individuum heruntergebrochen – ca. 60-mal wahrscheinlicher, dass ein Wolfshybride in den USA ein Kind ernsthaft verletzt oder tötet als ein Deutscher Schäferhund.

Der Wolfhund – ein gescheitertes Experiment?
Die Erfahrung, dass Genetik kein ­simples Baukastensystem ist, ­mussten sowohl die tschechoslowakischen Behörden, die das wissenschaftliche Experiment der Zucht des Tschechoslowakischen Wolfhundes mit großem Interesse verfolgten und unterstützten, als auch der Niederländer Leendert Saarloos machen. Sowohl der Tschechoslowakische Wolfhund als auch der Saarlooswolfhund wurden mit dem Ziel gezüchtet, die Gebrauchshundeeigenschaften des Deutschen Schäferhundes im Hinblick auf Verbesserung des Geruchssinns bzw. allgemeine Schärfung der Sinne, aber auch auf die „natürliche ­Schärfe" des Wolfes zu verbessern. Eben diese „Schärfe" bzw. Aggressionsbereitschaft wurde jedoch vollkommen missinterpretiert, denn offensive Aggression kommt beim Wolf so gut wie nicht vor. Vielmehr ist er ein scheues und zurückhaltendes Tier, das nur im äußersten Notfall angreift. Statt mutiger, hervorragender Gebrauchshunde mit den Sinnen und der – missinterpretierten – Schärfe eines Wolfes gepaart mit der Lernwilligkeit und Führigkeit des Schäferhundes entstanden meist ängstliche, nur bedingt lernbereite Hunde, die für den Dienst gar nicht und für den Hundesport nur sehr eingeschränkt zu gebrauchen sind. Seinem Idealbild, das im FCI-Standard festgelegt ist, entspricht der einzelne Wolfhund so gut wie nie.

Trotzdem haben sich die beiden ­Rassen in den letzten Jahrzehnten gefestigt und verbreitet. Als Wolf­hunde werden Wolf-Hund-Kreuzungen bezeichnet, die bereits mindestens fünf Generationen von der letzten Einkreuzung eines Wolfs entfernt sind – tatsächlich heute noch wesentlich mehr. Weit von ihrem ursprünglichen Verwendungszweck entfernt, werden sie heutzutage meist von Liebhabern ohne besonderen Verwendungszweck als Haushunde gehalten bzw. finden sich auch des Öfteren auf Hundeausstellungen. Sportlich eingesetzt werden sie, wenn überhaupt, für Sucharbeit ­(Mantrailing) oder Ausdauersportarten – eine der wenigen positiven wölfischen Eigenschaften, die die Rasse mitbekommen hat. Aber nach wie vor kämpfen viele Vertreter der Rasse mit Problemen mit ihrer Umwelt, was wohl auf ihr verstärktes Sensorium zurück­zuführen ist, welches sie ebenfalls von ihren ­wölfischen Ahnen geerbt haben ­dürften, wie auch ihre Scheu gegenüber Menschen, insbesondere ­Menschenansammlungen.

Zuchtauswahl konnte Wesensmerkmale verbessern, aber nicht eliminieren
Zwar konnten durch gezielte und verantwortungsvolle Zuchtauswahl verschiedene Eigenschaften innerhalb weniger Generationen verändert werden und Wolfhunde sind heut­zutage jedenfalls mehr Hund als Wolf. Das hohe Gefahrenpotenzial der Hybriden bergen die wesentlich ­weiter verbreiteten Wolfhunde mittlerweile natürlich nicht mehr. Von einem umweltsicheren Begleiter, der sich in unserer Gesellschaft „pudelwohl" fühlt, ist er aber noch weit entfernt.

Seit Ende der 50er Jahre wird in der ehemaligen Sowjetunion die Domestikation des Silberfuchses untersucht. Diese Experimente zeigen, dass bei einer gezielten Zuchtauswahl, bei der nur zahme und menschenverträgliche Individuen zur Weiterzucht eingesetzt wurden, innerhalb von ca. 12–15 Generationen eine deut­liche Verbesserung der Umgänglichkeit und eine Verringerung der Stressreaktionen zu beobachten war. Jedoch konnten auch nach 40 bis 50 Generationen immer noch Wildtier­eigenschaften beobachtet werden.

Wolfhunde sind spannende, interessante und anspruchsvolle Hunde für Liebhaber, die wissen, worauf sie sich einlassen, und haben damit sicher ihre Daseinsberechtigung in der breiten Vielfalt der Rassehunde. Doch als Argument für die Kritiker der Rassehundezucht taugen sie nicht. Wolfhundebesitzer wollen einen Hund, der „ursprünglicher" ist, anders und vielleicht ein bisschen extravagant. Dafür nehmen sie rassebedingte Probleme in Kauf, die aus Tierschutz-Sicht nicht anders zu bewerten sind als manch andere Auswüchse der modernen Rassehundezucht. Denn gerade dieses „Wölfische" ist es ja, was den größten Reiz des Wolfhundes ausmacht – aber ist es vertretbar, Hunde zu züchten, die auf die in jahrtausendelanger Domestikation erworbene Fähigkeit zur Adaption an unsere Umwelt nur bedingt zurückgreifen können?

Das wölfische Erbe, das Wolfhunde in sich tragen, bringt zumindest in den bis dato bekannten Kombinationen mehr Probleme als Nutzen. ­Feddersen-Petersen findet klare Worte zur Einkreuzung von Wölfen in unserer Haushundepopulation: Die Einkreuzung bewirkt domestikations­biologisch große Rückschritte, die Zucht beginnt quasi bei Null.

Um der zu engen Linienzucht im ­Rassehundewesen und den daraus resultierenden Problemen entgegenzuwirken, sind daher wohl strategische Zuchtprogramme und eventuell die Einkreuzung anderer Haushunderassen zur Erweiterung des Genpools die sinnvolleren Maßnahmen.

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Franziska Nigitz ist akademisch geprüfte Kynologin und selbständige Hundetrainerin. Inspiriert von ihrem Tschechoslowakischen Wolfhund Dyri hat sie – betreut von Priv. Doz. Dr. Udo Gansloßer – ihre Abschlussarbeit an der Veterinärmedizinischen Universität Wien zum Thema „Ethologische Betrachtung der Unterschiede zwischen Wolf und Hund bzw. von Wolf-Hund-Kreuzungen“ verfasst. Die gesamte Arbeit gibt es unter www.kynologisch.at zum kostenfreien Download.

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