WUFF auf der Hundedemo

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Etwa 5.000 Hundefreunde legten am 19. August 2000 in Düsseldorf ab 13 Uhr die Innenstadt lahm. Mit Transparenten und Sprechchören demonstrierten sie gegen die Landeshundeverordnungen Deutschlands und deren Anwendungspraxis (s. Artikel „Rudi muß weg“ in WUFF 11/00).

WUFF auf der Demo
Für Hunde geht WUFF auch auf die Straße: So nahmen Mosser, Pötz und Toni nach dem Symposium (siehe Kasten) auch auf der Düsseldorfer Demo teil. Auf der Abschlußkundgebung vor dem Landtag hielten betroffene Hundehalter, Rechts und andere Fachleute flammende Appelle an die am 23. und 24. 11. stattfindende Innenministerkonferenz. In seinem Demobeitrag erklärte sich Dr. Mosser mit den Demonstranten solidarisch und wies auf die Bedeutung der Solidarität der Hundehalter hin. Die Leiterin der WUFF-Deutschlandredaktion, Iris Strassmann, hatte für das Bundesland Schleswig-Holstein ebenfalls einen Demobeitrag verfasst, der dann aber der Zeit (und dem eisigen Wetter) zum Opfer fiel (dennoch nachlesbar auf der WUFF-Homepage http://www.wuff.at).

GERETTET!
Die ersten Hunde aus dem Hamburger Hunde-KZ

Sonntag, 19. November 2000 morgens auf dem Parkplatz eines Hotels am Rand von Düsseldorf. Zwei Pitbullterrier-Hündinnen wechseln von einem Auto mit Hamburger Kennzeichen in das mit einem aus Wien. Was fast in eine Krimiszene passt, ist in Wahrheit das Ende eines viermonatigen Leidensweg dieser beiden Hündinnen, die definitiv am Vortag ihres von der Hamburger Behörde verordneten Todes standen (siehe
Kasten). Die beiden Hündinnen sind Nr. 36 und 37 aus dem als Hamburger Hunde-KZ bekannt gewordenen Hundelager der Stadt Hamburg für eingezogene oder aufgefundene Hunde.

Total menschenfreundlich
Obwohl die beiden schwarzen 1 1/2jährigen Hündinnen allen Grund haben müssten, Menschen gegenüber mißtrauisch zu sein, haben sie Dr. Mosser, mich und WUFF-Redaktionshund Toni von weitem schwanzwedelnd begrüsst. Begonnen hat es mit einem Hilferuf im Internet, der WUFF erreichte und von der bevorstehenden Tötung wegen „Unvermittelbarkeit“ berichtete. Sofortige WUFF-Recherchen bestätigten diese Informationen.
Was dann mit einem Fax Mossers begann, in dem er mitteilte, daß der Tötungsgrund Unvermittelbarkeit nicht mehr gegeben sei, weil sich ab sofort WUFF um diese Hunde kümmern werde, endete dann mit der Übergabe beider Vierbeiner auf dem Parkplatz in Düsseldorf. Knapp 8 Stunden später entstanden dann zuhause die beiden Fotos von Dr. Mosser mit Nr. 36, mittlerweile Lucy genannt und Nr. 37 mit dem neuen Namen Sunny. Beide fühlten sich sofort wie Zuhause, wenngleich sie ein solches bisher vermutlich nicht gekannt haben. Denn Lucy sprang sofort auf Dr. Mossers Schreibtisch und Sunny machte sich über den Fleckerlteppich im Vorzimmer her. Dr. Mosser: „Ich habe das Gefühl, beide wähnen sich hier in einem strukturierten Zwinger. Sie sind völlig unerzogen, haben sichtlich auch vor ihrem Auffinden in einem Zwinger gelebt. Zum Glück sind sie sehr futtergierig und damit ideal für ein Motivationstraining im WUFF-Hundezentrum, wo sie die ersten Schritte im Zusammenleben von Mensch und Hund lernen werden.“

WUFF Rettungsaktion
Es gibt erste Anzeichen dafür, daß viele Hamburger Hunde ihr Leben verlieren werden, obwohl sie weder aggressiv noch krank sind, sondern einfach weil sie bestimmten Rassen angehören. Wenn Sie einem solchen Hund, wenn er – nach unseren Recherchen – in Deutschland nicht mehr vermittelbar und von der Tötung bedroht ist, ein neues Zuhause geben können, dann treten Sie mit uns bitte in Kontakt (Tel. +43 (0)2772/ 558110 oder Email [email protected]). Um den Transport von Hamburg nach Österreich kümmern wir uns. Schauen Sie regelmäßig auf unserer Homepage vorbei, wir berichten dort stets aktuell über die Rettungsaktion (http://www.wuff.at).

>>> WUFF – INFORMATION


Symposium Mensch – Hund

Am Vormittag des Demo-Tages fand im Nikko-Hotel in Düsseldorf ein Symposium der IG Mensch-Hund statt, um der wenige Tage später stattfindenden deutschen Innenministerkonferenz Arbeitsgrundlagen anzubieten. Auf diesem Symposium konnte WUFF-Herausgeber Dr. Mosser in seinem Vortrag die österreichische Sicht der deutschen Hundeverordnungen sowie die österreichische Situation darlegen. Als Ursache, daß es in Österreich nicht zu derartigen Verordnungen gekommen ist, lag unter anderem auch in der Solidarität der verschiedenen mit dem Hund befassten Organisationen (Tierärztekammer, veter.medizin. Universität, ÖKV, Wr. Tierschutzverein, Hundemagazin WUFF, Vereinigung österr. Kleintiermediziner u.a.), die gemeinsam in dem von WUFF initiierten Forum Mensch-Tier ein Arbeitspapier als wissenschaftliche Grundlage für die geplanten Veränderungen im Tierschutzgesetz ausarbeitete und den Politikern zur Verfügung stellte (Dieses Papier kann man sich auf der WUFF Homepage unter http://www.wuff.at downloaden). Da es in Deutschland zu einer solchen Solidarität nicht gekommen war, hatten populistische Politiker ein leichtes Spiel.

Kritik am VDH
In diesem Zusammenhang kritisierte Mosser auch das Verhalten des VDH (größter deutscher Hundezuchtverband): „Während wir in Österreich mit dem Forum Mensch-Tier alle an einen Tisch bringen konnten und – trotz differenter Ansichten in vielen Dingen – bei dieser Frage mit einer Stimme sprachen, ist das in Deutschland nicht passiert. Hier haben z.B. die obersten Funktionäre des VDH (mit dem SV als einflussreichsten Verein), auf ihrer größten deutschen Hundeschau am 20.-22. Oktober gezeigt, wie sie das Thema behandeln: Nämlich gar nicht! Oder viel ärger, sie taten so, als gäbe es den ganzen Wahnsinn nicht. Sie haben mit der Stadt Dortmund vereinbart, daß für die 3 Tage der Show der Maulkorb und Leinenzwang auch für diese armen unter dem Begriff Kampfhunde subsummierten Rassen aufgehoben wurde. Damit jeder ausländische Besucher glaube, es ist ja alles eitel Wonne im schönen deutschen Land für unsere Hunde. Protestierer wurden aus den Ausstellungshallen gesperrt, und wie mir WUFF-Redakteur Gerald Pötz mitteilte, hatte man sogar einem Staffbesitzer, der seinem Hund einen Maulkorb angelegt hat, beim Eingang angeschafft, er möge den Beisskorb runtertun, das mache ein schlechtes Bild. Nur soviel zur Frage, warum in Deutschland nicht das möglich war, was wir in Österreich gemeinsam schafften“ (Gesamter Vortragstext auf der WUFF-Homepage http://www.wuff.at).

Wesenstests und Aggressionsbereitschaft
Der Kynologe Alfred Maciejewski (Bund deutscher Kriminalbeamter) erklärte, die Gefährlichkeit eines Hundes sei ein individuelles Merkmal und nicht grundsätzliches Rassemerkmal. Gefährliche Hunde gebe es quer durch alle Rassen. Entsprechende politische Maßnahmen müssten bei der Kompetenz der Hundehalter ansetzen. Außerdem seien sog. Wesenstests eher etwas für die Züchter, während sich der Experte mehr von einer Bewertung der Aggressionsbereitschaft erwarte. Frau Dr. Seibert, Tierärztin, die für das Ministerium NRW Wesenstests ausarbeitet, meinte, daß Aggression zum normalen hundlichen und menschlichen Verhalten gehöre. Neben der genetischen Veranlagung sei vor allem auch die Sozialisation des Hundes entscheidend. Mit Wesenstests sollte man Hunde erkennen, die sich in Alltagssituationen unangemessen aggressiv verhalten. Class und Maurice Hermel vom französischen Hundeschutzverband SCC bemängelten, daß französische Hirtenhunde in die Rasselisten aufgenommen worden seien, aber nicht der Deutsche Schäferhund.

Rolle des SV bei den Hundeverordnungen?
Eine Antwort darauf gab später eine Politikerin der CDU die darauf hinwies, daß die Hundeverordnung für NRW schon Jahre vorher fast fertig in der Schublade gelegen habe, aber aufgrund der Interventionen der „SV-Leute“ habe man noch nicht geregelt gehabt, welche Auflagen man für den Dt. Schäferhund verordnen solle. Nach dem schrecklichen Unfall in Hamburg habe man dann aber die Verordnung so wie sie war – noch ohne Klärung bezüglich der Schäferhunde – genommen und in Kraft gesetzt.

>>> WUFF – INFORMATION

Nummer 36 und 37:
Hamburgs Hunde-KZ entronnen

Eine ganze Reihe an Schreiben und Bescheiden, von der Fundanzeige bei der Polizei bis zur Tötungsaufforderung, dokumentiert den fast viermonatigen Leidenweg zweier junger Hündinnen in Hamburg, die so ziemlich alle Horrorstationen durchgemacht haben, die Hamburgs Behörden (insbes. Senatorin Roth und Bürgermeister Runde) neuerdings ihren vierbeinigen Mitbewohnern bescheren, wenn sie nur zu einer bestimmten Rasse gehören: Vom berüchtigten UKE, dem Tierstall des Tierversuchslabors der Univ.klinik Eppendorf über das mit einem Aufwand von über 5 Mio. DM erbaute Hamburger Hunde-KZ, offiziell „Auffangstation für gefährliche Hunde“ bezeichnet, bis zum Tierheim des millionenschweren Hamburger Tierschutzvereines, der Jahr für Jahr Millionen DM Übeschüsse „erwirtschaftet“ und deshalb bereits von den Medien heftig zerzaust wird. 

– Gefunden um 3 Uhr nachts am 2. August 2000 auf der Moorweide in Hamburg
– Polizeistation, dann Tierstall des Tierversuchslabors des Univ.klinikums Eppendorf in Hamburg (Protokoll vom 2.8.:Einlieferungsnummer 36 und 37, Hündinnen ca. 1 1/2 Jahre, ausgesetzt, bei der Abholung freundlich und ruhig. Es wird um baldmögliche Äußerung gebeten, ob die Voraussetzungen des §7 der HundeV (ggf. Tötungsanordnung) gegeben sind …).
– Nach einem Monat im UKE Einlieferung in das neu erbaute Hamburger Hunde-KZ.
– Wesenstest v. 31.8.2000: Beide Hündinnen sind „offen und zutraulich gegenüber Fremdpersonen, ohne aggressive Elemente, ohne Zwangsverhalten“. Während bei Nummer 37 (die spätere Lucy) der Gehorsam als „gut“ bezeichnet wurde, stand bei Nummer 36 (die spätere Sunny) unter dem Punkt Gehorsam: „Schwer zu beurteilen aufgrund starken Laufbedürfnisses“. Kein Wunder, wenn die Tiere wochenlang in winzigen Käfigen hausen müssen und sich dann beim Wesenstest ruhig präsentieren sollen … Aber beide bestanden jedenfalls diese Hürde und lebten weiter in der berüchtigten Hamburger Hundehalle, ohne jeglichen Auslauf. Dadurch begannen die völlig unausgelasteten Hündinnen, die zunächst zusammen gehalten wurden, immer öfters zu streiten, zumeist um Futter (was an sich nichts Ungewöhnliches unter Hunden darstellt). Aus dieser Zeit resultieren bei beiden einige deutlich sichtbare Narben.

Tötungsaufforderung
Und schließlich verdüsterten sich die Wolken weiter über dem Leben dieser beiden Hündinnen, als die Hamburger Behörde schließlich die Tötungsaufforderung über sie verordnete, da sie bereits so lange in Verwahrung und unvermittelbar waren. Bevor nun die für den 20. November geplante Tötungsspritze dem Leben von zwei jungen, verspielten und gutmütigen Pitbullhündinnen ein grausames Ende setzen konnte, erfuhr WUFF vom drohenden Schicksal. Und so fuhren am 19.11. die beiden Hündinnen mit uns nach Österreich in ein neues Leben. Daß dieses für beide Hündinnen ein schönes sein wird, dafür sorgt die gesamte WUFF-Redaktion!

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Gerald Pötz
WUFF-Redakteur

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