WUFF-Serie: (Un) Erwünschtes Verhalten – Wenn Wuffi nicht kommen will! Ignorieren des Kommandos "Hier!"

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Das Ignorieren des Rückrufkommandos
„Hier!“ ist ein ­häufiges Problem, das manchmal zu gefährlichen ­Situationen führen kann.
Hundetrainerin Liane Rauch und Hunde­psychologe Thomas Riepe mit Informationen und Tipps für manchmal entnervte Hundehalter.
Jeder der ­Autoren aus seiner speziellen Sicht.

Es kann zu gefährlichen Situationen führen, wenn ein Hund nicht zurückgerufen werden kann, weil er das nicht gelernt hat oder nicht befolgen will. Das Abrufen seines Hundes durch das Kommando „Hier!“ ist sicher wichtiger als etwa „Sitz“ oder „Platz“, dennoch hat es im Repertoire vieler ­Hundebesitzer kaum Bedeutung – häufig deswegen, weil man es schon mehrmals erfolglos probiert hat. Was soll Herrchen oder Frauchen nun tun, um Wuffi „abrufbar“ zu machen?

Nicht zu früh aufgeben!
Liane Rauch: Auch wenn’s zunächst banal klingt, aber hier hilft nur: Üben, üben, üben und nochmals üben – vor allem konsequent. Ein typisches Beispiel des Problems lieferte mir ein Mischlingsrüde. Rudi, inzwischen 12 Jahre alt, konnte mit dem Kommando „Hier!“ so überhaupt nichts ­anfangen. Konsequente Trainingsarbeit wurde nicht geleistet, denn ­spätestens nach dem dritten Mal Rufen – natürlich ohne Reaktion von Rudi – kam von Frauchen die Reaktion „Na dann eben nicht.“ Und Rudi hat gelernt, „die meint
das sowieso nicht ernst“. Wieso also sollte er kommen,
wo es doch viel interessantere Dinge auf dem Boden zu
schnüffeln gab.

Ein häufig gemachter Fehler ist übrigens, ein einmal ­gegebenes Kommando nicht konsequent abzuwarten. Ich warte bei meinen Hunden so lange auf die Ausführung eines gegebenen Kommandos, bis sie es auch wirklich tun. Vorher geht’s einfach nicht weiter, und wenn ich eine halbe Stunde auf z.B. ein „Sitz“ warte. Geduld ist in der Hundeausbildung das Zauberwort.

Verstehen, wie ein Hund tickt
Thomas Riepe: Wie Sie als Leser dieser Serie sicher bereits festgestellt haben, bin ich kein Freund von pauschalen Lösungsvorschlägen, sondern bemühe mich, dem Hundehalter näherzubringen, wie der Hund denkt, d.h. wie sich die Welt aus seiner Sicht darstellt. Das sollte im Idealfall dazu führen, dass der Hundehalter selbst Lösungswege findet, ohne sich immer auf eine Problemlösung per Knopfdruck zu verlassen. Ich erwähne das an dieser Stelle noch einmal, weil der Rückruf eines Hundes an viele Faktoren gebunden ist und vom Halter häufig völlig falsch ausgeführt wird, und eben auch aus dem Grund, weil viele Menschen einfach nicht wissen, wie ein Hund denkt und tickt.

Einer der Faktoren, warum Hunde unterschiedlich auf ­Rückrufsignale achten, kann durchaus die Rasse sein. So gibt es Rassen, die aufgrund ihrer ursprünglichen ­Aufgaben zum selbständigen Denken und Handeln ­selektiert, also ­gezüchtet wurden. Als Beispiel seien hier nur die ­Herdenschutzhunde genannt oder aber auch recht ursprüngliche Hunderassen wie z. B. nordische Hunde, denen der „freie Wille“ nicht abgezüchtet wurde. Bei solch selbständig denkenden Hunden ist es natürlich relativ schwer, sie zum Befolgen von Kommandos zu überreden.

Aus der Praxisarbeit
Liane Rauch: Ziemlich ignorant verhielt sich auch Camillo, ein jetzt 1-jähriger Eurasierrüde, schon als Welpe. Er kam dann schon so nach dem fünften, sechsten Male Rufen, wenn er dann Zeit und Lust dazu hatte oder eben auch nicht. Hier machten Frauchen und Herrchen den ebenfalls häufigen Fehler, bei Nichtkommen auf den Hund zuzugehen. Camillo lernt „Na, wenn ich nicht komme, DIE kommen ja auf jeden Fall.“ Gehen Sie in diesem Fall mal vom Hund weg. Drehen Sie sich um und gehen Sie langsam in die dem Hund ­entgegengesetzte Richtung. Sie müssen weder rennen noch kilometerweit davonlaufen, wichtig ist nur, dass der Hund Ihren Rücken sieht. Vor allem Welpen und Junghunde ­werden den „Teufel tun“, ihr Rudel zu verlieren, und in der Regel hat es Hundi sehr, sehr eilig, dann in die ­gewünschte Richtung zu kommen. Das Wichtigste, das A und O bei ­diesem Kommando ist Konsequenz, und am Anfang des Trainings ggf. ein Jackpot-Leckerchen, dem der Hund ­einfach nicht widerstehen kann. Wie Thomas Riepe schon schreibt, ist es sicherlich rasseabhängig, wie SCHNELL der Hund das Kommen ausführt. Oft fällt mir aber leider auf, dass dieses so wichtige Kommando einfach zu spät geübt wird.

Hunde, die nicht zuverlässig abrufbar sind, können später in große Probleme geraten. Deshalb beginnen Sie so früh wie möglich mit dem Training und nicht erst, wenn der Hund in einem pubertären Alter ist, in dem er sehr oft „die Ohren zu Hause vergisst“. Und vor allem: ­Mit dem Hund nicht schimpfen, wenn er mal etwas länger braucht. Auch wenn ich als Halter noch so ­„ungehalten“ bin.
Individuell angepasst
Thomas Riepe: Ich möchte hier einmal nicht Hunde aus ­meiner beruflichen Praxis als Beispiel anführen, sondern meine eigenen Hunde. Diese sind sehr unterschiedlich und von Charakter und Rasse wunderbare Beispiele zu diesem Thema. Zum Einen ist da Puzzel, ein Mischling mit hohem Anteil Deutscher Schäferhund. Puzzel ist immer bemüht, nie den Kontakt zu seiner sozialen Gruppe zu verlieren, ­genauso, wie er bemüht ist, den sozialen Frieden in der Familie zu wahren. Er schaut also immer, was Herrchen gerade macht. Wenn er gerufen wird, kommt er freudig, weil er ja damit gefällt und ein scharf gesprochenes Wort reicht vollkommen aus, ihn zum Abbruch einer Handlung zu bewegen, die nicht erwünscht ist. Das alles musste man nicht wirklich groß trainieren. Sicher mussten wir die Bedeutung einzelner Wörter einüben, aber das war und ist immer noch kein Problem bei ihm. Unter anderem auch ­aufgrund von Rasseeigenschaften und Charakter.

Bei meiner Hündin Koka, einer Samojedin, also einer ursprünglichen nordischen Hunderasse, sieht es ­dagegen komplett anders aus. Sie ist sehr selbständig in Ihrem ­Handeln und Denken. Wenn sie mal den Kontakt zur ­Gruppe verliert, geht für sie die Welt nicht unter, und einem Konflikt geht sie auch nicht pauschal aus dem Weg. ­Natürlich ist das Kommando „Hier!“ oder irgendein ­anderes ­Kommando, welches sie in ihrer Freiheit einschränkt, für sie völlig ­uninteressant. Ein Glück ist bei ihr allerdings, dass sie genauso „verfressen“ ist wie sie selbständig und ­„dickköpfig“ ist. Man kann sie daher über Nahrung gut überreden, doch mal etwas zu tun, was man von ihr ­möchte. Ja, über Nahrung, auch Leckerchen genannt. Ich bin zwar kein Freund davon, einen Hund für jeden ­richtigen Schritt im Leben mit Leckerchen vollzustopfen und ich verfalle auch nicht in Panik, wenn ich beim Gassigang den Leckerchenbeutel vergessen habe – weil ich ihn bewusst nicht mit­nehme. Aber zum Trainieren kann man, dem Hund angepasst natürlich, über Nahrung und dadurch bedingte Verstärkung erwünschter Handlung viel beibringen. So­lange man selbst nicht zum Leckerchenautomat wird und der Hund ein konditionierter Roboter. Alles in vernünftigem und notwendigem Maß.

Hundetrainer, die speziell damit werben, komplett ohne Leckerchen zu arbeiten, sind mir suspekt und auch zu ­pauschal – und pauschal mag ich nicht, bezogen auf ­Hunde. Nun gut, bei Koka kann man mit Nahrung arbeiten, ­keine Frage. Allerdings speziell bei ihr nur sehr konsequent. Bei vielen Hunden kann man mit der Erwartung bzw. der Erwartungshaltung arbeiten, also nicht bei jedem „Hier!“ ein Leckerchen geben – allein die Möglichkeit, ein Leckerchen zu erhalten, lässt den Hund kommen. Bei Koka muss man immer, wenn man das Rückrufkommando nutzt und sie kommt, ein Leckerchen geben. Macht man es zwei-, ­dreimal nicht, ist das Kommando bei ihr „durch“. Darum habe ich eine Art „Superkommando“ („Hiiiiiier“!) mit ihr eingeübt, das nur selten genutzt wird, aber immer mit toller Nahrung belohnt wird. Also, ich nutze für den alltäglichen Gebrauch bei Puzzel zum Heranrufen das Kommando „Komm“, bei dem er zu 99% verlässlich zu mir kommt, bei Koka nutze ich auch das „Komm“ im Alltag, sie kommt dann auch manchmal … In einer ernsthaft wichtigen Situation nutze ich bei ihr allerdings das „Superkommando“ – auf das kommt sie immer. Im Notfall, natürlich auch ohne Leckerchen – ­wichtig ist bei ihr nur, dass sich dieses Kommando nicht durch ­dauernden Gebrauch abnutzt.

Wichtig zu erwähnen ist natürlich auch, dass es noch eine Menge andere Möglichkeiten gibt, das Herankommen des Hundes durchzusetzen. Man kann sicher mit Schleppleinen arbeiten etc., aber hier alle Möglichkeiten im Detail zu erläutern würde den Rahmen sprengen und – aber das möchte ich ja bekanntlich nicht – zu pauschalen Handlungen führen.

Doch zwei ganz kleine, pauschale Tipps möchte ich doch noch geben. Rufen Sie nie unaufhörlich und aggressiv „Hier, hier, komm jetzt hier usw.“. Das kann der Hund als ­aggressives Verhalten von Ihnen deuten und dann ­gerade deshalb nicht kommen, oder er nimmt das Kommando nicht ernst, weil es durch dauerndes Rufen zum einen Ohr ­hineingeht und zum anderen hinaus. Und der zweite Tipp? Auch wenn es eine Wiederholung ist – jeder Hund ist anders und es gibt nicht DIE pauschale Lösung.

Im nächsten WUFF geht es darum, wie man einem Hund abgewöhnen kann, ständig jemandem nachzujagen.

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Liane Rauch

Liane Rauch arbeitet seit über 12 Jahren mit Hunden und führt seit 8 Jahren ihre eigene Hundeschule "Naseweis". Die Beziehung zwischen Halter und Hund ist zentrales Element und Philosophie ihrer Ausbildung.

Kontakt:
Liane Rauch,
Hundeschule Naseweis,
D-83512 Wasserburg am Inn
Mail: [email protected]
www.hsnaseweis.jimdo.com
Telefon: +49 (0) 8071/ 51942 -----------------------------------

Thomas Riepe

Thomas Riepe ist Hundepsychologe, Referent und Autor von Fachbüchern zum Thema Hundeartige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hundepsychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, übersteigerte Aggressionen zeigen. Kontakt:
Tel. +49 172 9491766
www.riepehunde.de

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