Wuff und Wau-Wau – Über das Bellverhalten unserer Hunde

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„Wie heißt das Tier?", „Wau-Wau!" – „Wie macht der Wau-Wau?", „Wuff, Wuff!". So antworten kleine Kinder, die gerade zu sprechen beginnen. Neben „Mama" und „Papa" ist der „"Wau-Wau" einer der ersten Begriffe, den ein Kind ­überhaupt artikuliert. Unsere Hunde einschließlich ihres Bellens ­gehören folglich untrennbar zu unserem Leben dazu. Nicht zufällig heißt auch diese Zeitschrift „WUFF". Karin Joachim präsentiert neue ­Erkenntnisse über das Bellverhalten unserer Hunde.

Geben Sie einmal den Begriff „Bellen" in eine Internet-Suchmaschine ein. Sie werden über die Anzahl der Einträge erstaunt sein. Noch mehr jedoch vermutlich über den Inhalt der meisten Beiträge. Da geht es um Nachbarschaftsstreitigkeiten, Anti-Bell-Halsbänder, Dauerbellen und anderes. Eine der häufigsten Fragen in Internet-Foren ist diese: „Wie gewöhne ich meinem Hund das Bellen ab?". Bellen wird oft als ­störend wahrgenommen und auch unter Hunde­haltern als Problem empfunden.

Herkunft des Bellens

Wölfe bellen nicht, heißt es immer wieder. Diese Tatsache konnte in­zwischen jedoch eindeutig widerlegt werden. Wölfe können bellen, aber sie tun es nur äußerst selten und in zumeist anderen Kontexten als dies Hunde tun. Die Vorfahren unserer Hunde äußern Belllaute überwiegend in ernsten Situationen, beispielweise zur Futter- oder Territorialverteidi­gung, sowie als Warnlaut an ein ­allzu forsches Jungtier. Insgesamt ist jedoch die wölfische Gesichtsmimik deutlich differenzierter als beim Hund. Ein Zusammenhang des Bellverhaltens des Haushundes mit dessen Domestikation gilt als wahrscheinlich. Diese Annahme wird gestützt durch Forschungen an domestizierten Füchsen. Diese zeigten ein deutlich verändertes Lautäußerungsverhalten gegenüber ihren wilden Verwandten, „keckerten" und „schnauften" in menschlicher Gesellschaft mehr.

Relativ lange vertraten Forscher die Meinung, dass hundliches ­Bellen ­keine besondere Funktion habe, schon gar nicht eine kommunikative. Vielmehr handele es sich um einen reinen Er­regungslaut. Gegenüber dem wölfischen Bellen stellten Forscher wie Coppinger und Feinstein eine ­„hypertrophierte Sinnlosigkeit" (zitiert nach Dorit Feddersen-Petersen) fest. In der Tat bellen Hunde häufiger als Wölfe, aber schon Zimen erkannte bereits in den 1970er Jahren die Vielfalt der Bedeutung der unterschied­lichen Belllaute.

Vorteile des Bellens

Gegenüber anderen Kommunikationsformen zeichnet sich das Bellen durch eine relative Unabhängigkeit von Umweltfaktoren aus. So kann Bellen in einiger Entfernung wahrgenommen werden, und dies gilt sowohl für den eigentlichen Empfänger als auch für Lebewesen, für die das Signal gar nicht bestimmt ist. Tiere, die in der Nahrungskette weit oben angesiedelt sind, v.a. also Beutegreifer, äußern sich vermehrt mittels Lauten, da sie keine oder kaum Fressfeinde haben, gegenüber denen sie sich verraten könnten.

Bellen als Kommunikationsmittel zielt auch auf eine Reaktion des Empfängers ab. Diese Reaktion kann das Sich-Entfernen eines Fremden sein oder das Herbeieilen des mensch­lichen oder tierischen Sozialpartners. Die hundlichen Belllaute sind äußerst variantenreich und deshalb gut für die Kommunikation geeignet. Insgesamt sind derzeit drei verschiedene Bellparameter nachweisbar: Frequenz, Tonalität und Tempo.

Bellformen

Um die unterschiedlichen Laute ­wissenschaftlich zu erforschen, wurden sonagrafische Daten erhoben. Wie hört sich das Bellen in unterschiedlichen Kontexten und Situationen an? Dabei stellten Forscher, z.B. Dorit Feddersen-Petersen und Sophia Yin, fest, dass Bellen hochfrequent und niederfrequent sein kann, tonal und atonal, ein- und mehrsilbig. Es existieren verschiedene Bellformen, u. a. Spielbellen, Spielaufforderungsbellen, Kontakt-, Begrüßungs-, Droh-, Warn-, Territorial- und Erregungsbellen. Das Bellen ist dabei sogar mit anderen Lautäußerungen kombinierbar, z.B. als Knurr-Bellen.

Doch nicht nur das, die verschiedenen Rassen besitzen auch ein unterschiedliches Repertoire an Bellvarianten und bellen unterschiedlich häufig. Hunde mit einer gegenüber Wölfen starreren Gesichtsmimik bellen mehr als dies Hunde mit einer differenzierteren Gesichtsmimik tun.

Hunde unter sich

Hunde äußern im Allgemeinen ihre ersten Belllaute, das sogenannte Infantilbellen, zwischen dem ersten und 17. Tag. Diese Einzellaute sind ein Ausdruck von Unwohlsein. Bis etwa zur 12. Woche lassen Hunde dann andere Belltypen hören, wie das Droh- und Warnbellen sowie das Spielbellen. Die lautliche Kommunikation insgesamt wird vor allem unter den Wurfgeschwistern erlernt.

Die Größe des Hundes hat auch Auswirkungen auf seinen Stimm­bildungsapparat. Es verwundert nicht, dass sich das Bellen kleiner Hunde akustisch von dem großer Hunde unterscheidet. Versuche mit Knurrlauten führten zu der Erkenntnis, dass Hunde die Größe des knurrenden Hundes erschließen können, ohne diesen zu sehen. Mehr noch: Hunde erkennen sich sogar gegenseitig am Bellen, ziehen also Rückschlüsse auf das Individuum selbst. Sie wissen auch relativ sicher, in welcher Stimmung sich der bellende Hund befindet. Eine mit tonalen (klanghaften) ­Lauten gebellte Spielaufforderung wird vom Gegenüber eindeutig als solche erkannt, ebenso wie eine mit atonalen Lauten gebellte Warnung, selbst wenn außer dem Belllaut keine anderen Informationen wie Körperhaltung etc. verfügbar sind.

Mensch und Hund

Freilebende Hunde mit wenig Sozial­kontakt zu Menschen bellen ­seltener als dies Hunde tun, die in ­menschlicher Obhut leben. Nicht nur die ­züchterische Selektion der Hunderassen hat zur Modifikation des Bellens bei­getragen. Ein Zusammenhang zwischen unserem Sprechbedürfnis und dem hundlichen Bellen ist ebenfalls denkbar. Auffällig ist auch, dass wir allzu gerne mit unseren Hunden wie mit kleinen Kindern reden. Und in der Tat, unsere Hunde mögen lieber die leisen und melodischen Töne und empfinden im Gegenzug laute und harsche Stimmen als unangenehm, ja sogar aggressiv.

Wie groß unser Bedürfnis ist, das Bellen unserer Hunde zu ­verstehen, zeigt der Versuch japanischer ­Wissen­schaftler, eine computer­basierte Übersetzungshilfe für das Hundebellen auf den Markt zu ­bringen. Im Praxistest erwies sich diese als eher unzuverlässig (s. Sophia Yin). Die japanischen Forscher ­er­hielten im Jahre 2002 dafür den ig (ignoble)-Nobelpreis der amerikanischen Harvard-Universität, der in verschiedenen Kategorien für ­skurrile oder nutzlose wissenschaftliche Arbeiten verliehen wird.

Dabei verstehen Menschen bereits intuitiv die jeweilige Gestimmtheit eines Hundes anhand seines ­Bellens. Dies haben wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig bewiesen. Sowohl Hunde- als auch Nicht-Hundehalter konnten relativ problemlos auseinanderhalten, ob ein vorher aufgenommenes und ihnen nun vorgespieltes Bellen von einem aggressiven, ängstlichen oder freudig gestimmten Hund stammte. Der Grund dafür mag in dem langen Zusammenleben der beiden Spezies Mensch und Hund liegen. Die menschliche Intuition konnte ein Computerprogramm ungarischer Wissenschaftler übertreffen, das sehr zuverlässig die Belllaute den verschiedenen Befindlichkeiten zuordnen konnte und sogar lernfähig war. Hiermit wurde u. a. die Kontextspezifizität des Bellens belegt.

Hunde bellen nicht nur mit ihren Artgenossen, sie bellen auch uns Menschen in der Erwartung einer direkten Reaktion an. Und wir Menschen wiederum verstehen zum Beispiel das freundliche Spielaufforderungsbellen, das Hunde eben nicht nur gegenüber Artgenossen zeigen. Allerdings gelingt es uns Menschen scheinbar nicht, einzelne Hunde nur aufgrund ihres Bellens zu identifizieren. Belllaute sind Träger von Gefühlen, Motivationen und Absichten, die von uns Menschen verstanden werden. Daher ist das hundliche Bellen keine Sprache im menschlichen Sinn, zu deutlich ist der Bezug dieser Lautäußerung zu ihrem emotionalen Zustand.

Praxisbezug

Die Vorliebe unserer Hausgenossen für das Bellen hat also sehr viel mit ihrem Leben in der menschlichen Umwelt zu tun. Daraus kann man durchaus ableiten, dass wir Menschen umdenken müssen. In vielen Situationen bellen unsere Hunde unaufhörlich und finden kein Ende. Übermäßiges Bellen kann laut Dorit Feddersen-Petersen als Hinweis auf ein ­„internes Ungleichgewicht des hundlichen Gemütszustandes" ­verstanden werden. Die Ursachen liegen meist außerhalb des Hundes selbst. Es ist an uns, den Hund dann nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihm Hilfestellung zu leisten und die Situation zu ma­nagen.

Typische Konfliktsituationen sind das Dauerbellen während eines Spaziergangs und das unablässige Verbellen von Fremden an der Haustür. Dahinter stecken oft pure Überforderung und möglicherweise auch Unsicherheit auf Seiten des Hundes. ­Permanente laute (!) „Aus" oder „Ruhe"-Rufe, ­genervtes Nörgeln oder Reißen an der Leine durch uns Menschen sind meist nicht zielführend, sondern wirken gerade als Verstärker und übertragen eine „aufgeladene" Stimmung zurück auf den Hund. Auch das Ignorieren be­endet das Bellen nicht, denn der Hund wartet geradezu auf ein Signal von uns. Hier muss der Mensch sich als Manager und verlässlicher Partner zeigen, der das hundliche Bellen als Signal versteht und es bspw. durch ein ­„vereinbartes" Stopp-Signal beendet.

Im Hinterkopf sollten wir allerdings behalten, dass unsere Hunde durch Bellen auch unsere Aufmerksamkeit erregen wollen. Dann trainieren sie uns. Kein Hund ist wie der andere, weshalb auch individuelle, ja charakterliche Unterschiede im Bellverhalten vorhanden sind. Wenn wir die Laute selbst sowie die Situationen und Kontexte, in denen unsere Hunde bellen, berücksichtigen, werden wir fest­stellen, dass hier eine einmalige Hund-Mensch-Kommunikation besteht. Wir sollten uns aktiv(er) mit dem Bellen unserer Hunde auseinandersetzen. Es lohnt sich!

Literatur:

Die für die Recherche zu diesem Artikel verwendete Literatur nach Erscheinungsjahr geordnet.

  • Sophia Yin, Brenda McCowan, „Barking in domestic dogs: ­context specificity and individual ­identification". Animal Behaviour, 2004, 68, 343-355.
  • Dorit Urd Feddersen-Petersen, Hundepsychologie. Sozialverhalten und Wesen. Emotionen und ­Individualität. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 2004.
  • Udo Gansloßer, Verhaltensbiologie für Hundehalter. Stuttgart, ­Franck-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, 2007.
  • Péter Pongrácz, Csaba Molnár, Ádám Miklósi, „Acoustic ­parameters of dog barks carry emotional information for humans". Applied Animal Behaviour Science 100 (2006), 228-240
  • Katalin Maros et al., „Dogs can discriminate barks from different situations". Applied Animal Behaviour Science 114 (2008), 159-167.
  • Dorit Urd Feddersen-Petersen, Ausdrucksverhalten beim Hund. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2008.
  • S.S. Gogoleva et al., „To bark or not to bark? Vocalization in red foxes selected for tameness or aggressiveness toward humans". Bioacoustics 18 (02): 99-132 (2008).
  • Csaba Molnár et al., „Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller". Behavioural Processes 82 (2009), 198-201.
  • Faragó, Tamás, Pongrácz et al, „The bone is mine: ­affective and referential aspects of dog growls". Animal Behaviour (2010). doi:10.1016/j.anbehav.2010.01.005.
  • Erik Zimen, Der Hund, München, 2010.
  • Günther Bloch, Elli H. Radinger, Wölfisch für Hundehalter. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2010.
  • Ádám Miklósi, Hunde. Evolution, Kognition und Verhalten. Franck-Kosmos Verlag, Stuttgart, 2011.
  • Juliane Kaminski, Juliane Bräuer, So klug ist Ihr Hund. Franck-­Kosmos Verlag, Stuttgart, 2011.

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