Zar: Aus dem Leben eines Wiener Polizeidiensthundes

0
757

Wie schon in einem früheren Bericht erwähnt (WUFF 12/2001), war der Polizeidiensthund Zar sehr zutraulich zu Menschen und genoss sein Hundeleben in Harmonie mit seinem Hundeführer, Freund und Herrl Peter Steinbach. Der Hund saß gern auf dem Schoß seines Herrchens und liebte es, seinen Kopf über dessen Schulter zu legen. Ein Polizeikollege mit Spitznamen Moses, der in der Diensthundeabteilung als Ausbildner eingestellt war, meinte deshalb spöttisch, dass Zar kein echter Schutzhund sei. Peter Steinbach: „Diese leichtsinnige Einstellung dürfte ihn das Leben gekostet haben. Moses starb drei Tage nach seiner Äußerung im Spital als indirekte Folge einer Bissverletzung“. Was war geschehen?

Scharfer Einsatz vor Kindern
Peter Steinbach berichtet: „Die Polizei lud damals häufig Gruppen von Kindern aus Kindergärten und Schulen in die Diensthundeabteilung ein. Die Kinder durften die Hunde streicheln, und dann führte man einen „scharfen Einsatz“ vor. Mein Hund Zar wurde für einen solchen Einsatz eingeteilt.
Was ich jetzt etwas ausholender erzähle, ist in Wirklichkeit in nur wenigen Sekunden abgelaufen: Moses, der Ausbildner stand  als „Scheintäter“ mit dem Schutzärmel und einem Stock auf der Einsatzwiese. Mit sich führte er weiters eine Pistole mit Platzpatronen, um den Kindern die Schussfestigkeit des Hundes vorführen zu können. Ich selbst war von Moses etwa 150 Meter entfernt, neben mir Zar an der Leine, ohne Maulkorb.“

Ungeplanter Unfall
Die Vorstellung begann. Moses schoss mehrmals mit der Pistole und „fuchtelte“ wild mit den Armen, um den Hund auf sich aufmerksam zu machen. Peter Steinbach rief „Halt! Polizei! Bleiben Sie stehen, oder ich setze meinen Diensthund ein!“ Weitere Schüsse folgen und nun wird Zar von der Leine gelassen. Peter Steinbach erzählt weiter: „Mein Hund startet los wie eine gespannte Feder, ist blitzschnell beim vermeintlichen „Täter“ Moses und beißt zunächst in den Schutzärmel. Moses wippt mit dem Stock gegen den Hund. Der lässt vom Ärmel ab,  springt Moses nun zwischen die Beine und wendet dort, so dass der kräftige Mann mit immerhin über 100 Kilogramm Körpergewicht zu Sturz kommt. Und jetzt passiert´s: Der Hund fasst Moses an der ungeschützten Wade und verletzt ihn dort schwer! In der Zwischenzeit bin ich hingesprintet, kann den Hund sofort dazu bringen abzulassen, und ihn an die Leine nehmen. Wie die Kinder, die alles mitansahen, damals reagierten, weiß ich nicht. Es galt nur, Moses zu helfen, den Hund zu beruhigen und zu entfernen“.

Im Spital verstorben
Der verletzte Moses wurde sofort ins Wiener Lorenz Böhler-Unfallkrankenhaus gebracht,  wo er drei Tage später leider an einer akuten Lungenembolie (Blutgerinnsel in der Lunge) verstarb. In der Polizeidiensthundeabteilung war man ratlos. Peter Steinbach: „Dem Hund war keine Schuld zuzuschreiben, der hatte ja nur getan, wofür er ausgebildet worden war. Auch Moses oder ich hatten keine Schuld an dem, was passiert war. Ich dachte mir damals nur, wie leichtfertig und sinnlos man für ein solches „Indianerspiel“ Menschenleben aufs Spiel setzt.

Überhebliche Hundeführer
Schade um einen lieben Menschen, der so sinnlos aus dem Leben scheiden musste. Ich hatte Moses sehr gemocht. Bis auf die Verfügung, dass Zar nie mehr Schutzarbeit machen durfte, hat man damals in der Diensthundeabteilung aber nichts aus diesem Vorfall gelernt“.
Dies erkannte Peter Steinbach an zwei weiteren Geschehnissen. Einmal war es ein Kollege, der ihn am Stützpunkt besuchte und – weil er Zar ohnehin für „harmlos“ hielt – seinen Diensthund „probeweise“ zu Zar ließ. Am Ende der Begegnung fehlte seinem Hund leider ein Ohr. Oder einmal, als Zar sich im Käfig des Funkwagens befand, besuchte ihn ein – wie Steinbach es nennt – „selbstherrlicher Hundeführer“ mit seinem Rottweiler. Der lief zum Funkwagen und hob sein Bein gegen den Wagen. Dass Zar im Auto sich daraufhin wild gebärdete, fanden alle lustig. Weniger lustig war es dann aber, als plötzlich eine Fensterscheibe des Wagens aus der Umrahmung gedrückt wurde und Zar sich sofort auf den Rotti stürzte. Erst ab diesem Ereignis erkannten Steinbachs Kollegen, dass sein verschmuster Hund trotzdem als „scharfer Polizeihund“ einzuschätzen sei.

Denkmal im Herzen
„Man könnte nun meinen, dass Zar eine Bestie gewesen sei“, meint Peter Steinbach. „Das stimmt überhaupt nicht. Er war 65 cm hoch und 36 kg schwer. Er konnte Dienst und Freizeit genau unterscheiden. In meiner Wohnumgebung konnte niemand glauben, dass Zar für die Polizei tauglich war. Zar liebte es, mit Kindern herumzutollen. Er sitzt noch so tief in meiner Erinnerung, dass ich – obwohl es schon über 25 Jahre zurück liegt – das Gefühl habe, es seien erst wenige Jahre her. Der Kerl hat es verstanden, sich ein wirkliches Denkmal in meinem Herzen zu setzen.“

Schock am Badeteich
Steinbach hatte mit seinem Hund Zar Erlebnisse, die ihm – und anderen – bis heute unerklärlich sind. Beispielsweise diese Geschichte aus dem Polizeidienst-Alltag. Steinbach befand sich an einem Sonntagmorgen am Wienerberg bei den Ziegelteichen. Es war ein sehr heißer Tag; und so badeten auch viele Wiener in den Ziegelteichen. Steinbach stand etwa 200 Meter entfernt und beobachtete die Leute. Plötzlich wird Zars Körperhaltung völlig steif, er stellt die Nackenhaare auf und seine Rute steht steil in die Höhe. Steinbach: „Ganz langsam begann er sich zu bewegen, gleichsam wie ein hungriger, kampfbereiter Wolf. Und dann, plötzlich ein Blitzstart. Zar rennt in die Richtung der Badenden. Von mir ein kräftiges „HIER“. Die Leute schauen – auch erschreckt durch meinen lauten Schrei – wie gebannt auf meinen Hund. Eine unglaublich seltsame Stimmung enstand. Die Menschen kamen mir in diesem Moment wie eine Herde von Antilopen vor, die sich zusammendrängen, um Schutz vor einem reißenden Raubtier zu finden. Kein Schrei, kein Laut. Alle waren mucksmäuschenstill, warteten ab, wer es wohl sein würde, der nun dran glauben müsse. Aber Zar rennt vorbei an der Menge, sprintet ins Wasser – und ist plötzlich verschwunden. Einfach weg. Wie ein Seehund untergetaucht … Ich laufe ans Teichufer und warte auf meinen Hund. Ich weiß nicht was los ist – denke mir, mein Hund ist verrückt geworden … Die Hitze tut ihm vielleicht nicht gut.“

Findet Wasserleiche
Steinbach weiter: „Plötzlich taucht Zar wieder an der Wasseroberfläche auf und zerrt etwas hinter sich nach, das wie ein schwarzer Ast aussieht, an dem etwas Silbriges angebracht ist. Ich traue meinen Augen nicht. Es ist ein menschlicher Arm mit einer Uhr am Handgelenk. Schreiende Mütter bringen ihre Kinder weg. Ein neugieriger Badegast springt ins Wasser, packt die Hand und zieht eine Wasserleiche an Land. Es war der vermisste Harry Swoboda. Von der Polizei gesucht, da er eine längere Haftstrafe absitzen musste. Jeder hatte gedacht, dass er sich ins Ausland abgesetzt hätte. Aber offensichtlich wurde er ermordet, denn die Hälfte der Leiche war verkohlt. Die Kriminalpolizei amtshandelte in dieser Sache weiter, und ich weiß nicht mehr, was dabei herauskam. Das Phänomen, das sich keiner erklären konnte, war, wie der Hund die Wasserleiche in der Tiefe wahrnehmen konnte. Wie auch immer, vielleicht erzählt er es mir einmal, wenn wir uns auf der anderen Seite des Regenbogens wiedersehen werden …“

Kontakt mit Promis aller Arten …
„Aushorchen“ lässt sich Peter Steinbach allerdings nicht. Aufgrund der Amtsverschwiegenheit darf und will er einige Dinge nicht näher erzählen. Wir respektieren das natürlich und drängen nicht weiter. Legendär im Wien der 70er Jahre war die „Wilde Wanda“, eine Art weiblicher Zuhälter. Sie war natürlich amtsbekannt, und das vor allem auch aufgrund ihrer Vorliebe, sich mit Polizisten und Justizwachebeamten zu prügeln, genauso wie mit männlichen Zuhälterkollegen. Steinbach und sein Hund Zar wurden einmal zu einem Einsatz gerufen, als Wanda extrem randalierte. Die gewalttätige Frau marschierte buchstäblich durch die geschlossene Türe, als sie glaubte, von einem ihrer Mädchen betrogen worden zu sein. Sie misshandelte das Mädchen derartig, dass diese schwerst verletzt mit der Rettung ins Spital gebracht werden musste. Da Wanda von den vor Ort befindlichen Wachebeamten nicht überwältigt werden konnte, musste Peter Steinbach mit Zar in die mittlerweile zu Kleinholz verarbeitete Wohnung kommen.
Auch in der Musikerszene bewährte sich Zar. Eines der letzten Konzerte, welches Led Zeppelin gaben, fand in der Wiener Stadthalle statt, und Steinbach war zusammen mit seinem Diensthund Zar zum Schutz der Gruppe eingeteilt. Es war das vorletzte Mal, dass der Schlagzeuger John Bonham auf einer Bühne stand, denn eine Woche später starb er unerwartet während eines Konzerts in München.
Die prominenteste Begegnung aber war zweifellos der damalige US-Präsident Jimmy Carter, als dieser sich am 18. Juni 1979 mit Breschnjew in Wien traf, um das SALT II -Abkommen (Strategic Arms Limitation Treaty) zu unterzeichnen. Steinbachs Auftrag bestand darin, mit seinem Zar die Residenz der amerikanischen Botschaft im 23. Wiener Gemeindebezirk zu sichern, insbesondere das riesige dazu gehörende Gartenareal. Jimmy Carter hatte die Angewohnheit, jeden Morgen in diesem Garten sein Joggingprogramm zu absolvieren. Aus Gründen der Sicherheit versahen Steinbach und sein Diensthund während des gesamten Carter-Aufenthaltes drei Tage lang ununterbrochen dort ihren Dienst, ohne Ablösung. So kam es auch, dass er den amerikanischen Präsidenten persönlich kennenlernte und mit ihm plaudern konnte. Steinbach: „Das war damals ein schöner Dienst, ich hatte viel Spaß mit Jimmy Carter und mit den Leuten vom FBI, wir unterhielten uns vorzüglich und hatten die allerfeinste Verköstigung“.

Strenges Wort zu einem König …
Unvergesslich blieb Peter Steinbach auch eine Veranstaltung anlässlich des Nationalfeiertages der damaligen DDR im Wiener Palais Schwarzenberg. Da zahlreiche Spitzenpolitiker, Staatsleute und Botschafter anwesend waren, galt höchste Sicherheitsstufe. Steinbach: „Ich musste mit meinem Hund Zar den Park des Palais’  sichern, und es hieß, dass sich niemand dort aufhalten würde. Umso mehr wunderte ich mich, als plötzlich ein Mann in österreichischer Jägertracht vor mir stand. Er schaute mich erschrocken an, als ich ihn etwas schärfer ansprach, was er hier verloren habe. Nun, dieser Mann war König Gustav von Schweden, und ich unterhielt mich dann fast eine Stunde lang mit ihm. Natürlich über Hunde … Anschließend wurde ich vom König auf ein Essen im Palais Schwarzenberg eingeladen, was natürlich wieder einmal ein unvergessliches Erlebnis war.“

Leb’ wohl mein Guter!
Peter Steinbach: „Ich behaupte, dass Zar aus menschlicher Sicht ein Leben führte, das so Manchen vor Neid erblassen ließ. Aber das ist eben auch das Los eines Polizeihundes. Ich hatte natürlich auch viele Damenbekanntschaften durch den Hund geschlossen, denn Zar war ein wirklich selten schöner Schäferhund. Und zu dieser Schönheit und Ausstrahlung kam noch eine gute Ausbildung. So fielen wir immer und überall auf, ob ich wollte oder nicht. Und heute noch frage ich mich, wieviele Leute mich wegen mir oder wegen meines Hundes kennenlernen wollten … Ich bin mir sicher, dass ich einen Hund wie Zar wohl nie mehr wieder besitzen werde. Aber dass ist gut so, denn das bewahrt ihn mir in meinem Herzen unvergesslich auf. Und so kann ich meinem Zar durch diese Zeilen in WUFF ein ebenso unvergessliches Denkmal setzen. Leb´ wohl mein Guter! Wir sehen uns wieder!“

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT