Zu alt für einen Hund? Zu viel des Guten …?

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Zu viel des Guten. Möglicherweise gut gemeinte – zu hohe – Anforderungen an potenzielle Interessenten dezimieren die Vermittlungschancen für Hunde im Tierschutz.

Weltweit fristen herrenlose oder gar misshandelte Tiere in überfüllten Auffangstellen ihr Leben oder sind vom Einschläfern bedroht. Es steht außer Frage, dass Tierschützer wunderbare Arbeit leisten, um diesen bedauernswerten Geschöpfen zu helfen und möglichst ein neues Zuhause für sie zu finden. Jedoch sollten die einzelnen Organisationen ab und an überprüfen, ob jede ihrer Anforderungen an einen potenziellen Interessenten für eine erfolgreiche Vermittlung wirklich sinnvoll ist.

Altersdiskriminierung
Nach dem Tod meines Rüden suchte ich nach einem neuen vierbeinigen Gefährten. Aus Überzeugung wollte ich kein Tier vom Züchter und so begann ich die Tierschutzseiten im Internet zu durchforsten. Zwei Tierschutzhunde hatte ich in der Vergangenheit bereits bei mir aufgenommen, sogar zu Rettungshunden ausgebildet und sie viele Jahre an meiner Seite gehabt. Auf einem Portal für Tierschutzhunde fündig geworden, informierte ich mich bei der betreffenden Organisation über die Details und musste überrascht feststellen, dass ich mit 62 Jahren tatsächlich »zu alt für einen Tierschutzhund« sein sollte. Es gibt beispielsweise kein Höchstalter für die Kandidatur zum US-Präsidenten (aktuell: Joe Biden 77, Bernie Sanders 78).

Gut gemeint ist nicht genug
Auf den ersten Blick kann man diese Regel durchaus nachvollziehen. Gehen wir von einer Lebenserwartung des Hundes von ca. 15 Jahren aus, kann man eine körperliche Beeinträchtigung eines 60-plus-Kandidaten für diese Zeit sicherlich nicht völlig ausschließen. Das Leben lässt sich nicht planen. Jedem kann selbst in jungen Jahren etwas zustoßen. Ganz unvermittelt muss dann durch plötzliche Erkrankung oder Unfall, vorübergehend oder endgültig, der Alltag aufgrund körperlicher Einschränkungen neu organisiert werden.

Chance wahrnehmen
Sollten wir es uns wirklich erlauben, die Generation Großeltern, oft noch fit bis uns hohe Alter, nicht mehr der Belastung eigener Kinder ausgesetzt und im Leben gefestigt, gänzlich als Kandidaten auszuklammern? Bieten nicht gerade sie voraussichtlich recht gute Grundlagen für eine zeitintensive Ausbildung und Auslastung des Hundes? Zudem altert auch das Tier und wird voraussichtlich mit den Jahren weniger körperlich als mental gefordert und gefördert werden müssen. Es gibt reichlich Möglichkeiten wie beispielsweise die Flächensuche, Zielobjektsuche oder Ähnliches, bei denen die Anforderungen ganz individuell an die Möglichkeiten von Hund oder auch Halter angepasst werden können. Hinzu kommt bei der Gruppe der über Sechzigjährigen meist die für ein Tier so überaus wichtige Stabilität und Kontinuität.

Familienstress
Wie viele junge Menschen gründen heute erst mit weit über 30 Jahren eine Familie? Seien es die schlaflosen Nächte mit einem Neugeborenen, die quälenden Probleme in der Pubertät oder während der beruflichen wie privaten Selbstfindung des Sprösslings: Ein Hund aus dem Tierschutz, möglicherweise aufgrund seiner Vergangenheit selbst nicht ganz unproblematisch, kann schnell zum zusätzlichen Stressfaktor werden und das Fass zum Überlaufen bringen. Die familiären Lebensumstände können sich ändern. Nicht selten werden Hunde zu Scheidungsopfern. Beide Seiten gehen eigene Wege, sind eventuell gezwungen, viele Stunden am Tag beruflich außer Haus zu sein, und können dem Vierbeiner nicht mehr gerecht werden.

Vom Spielkameraden zum Störfaktor
Dann gibt es die Hunde, die für das noch minderjährige Kind angeschafft wurden. Erzieherisch wertvoll sollte der Nachwuchs mit einem Tier aufwachsen und Stück für Stück Verantwortung übernehmen. Wenn die innige Verbundenheit des pubertierenden Sprösslings mit dem Hund jedoch plötzlich abhanden kommt: Wer kümmert sich dann um den Vierbeiner? Sind nicht genau das die Fälle, die schnell wegen einer angeblichen Allergie wieder beim Tierschutz landen?

Das Ziel im Auge behalten
Natürlich ist es wünschenswert, dass gerettete Tiere ein möglichst gutes Zuhause finden und bis zu ihrem Ende auch behalten dürfen. Aber sollte man hierbei die Messlatte ganz oben ansetzen und damit den Pool der Interessenten extrem einschränken? Geht es nicht in allererster Linie darum, möglichst vielen Tieren eine beachtliche Verbesserung zu verschaffen?

Das Optimum
Keine Frage, Wunschkandidat wäre der junge, gesunde, dynamische Mensch, hoch motiviert, sich um die Erziehung und das Leben mit Hund zu kümmern, mit viel Hundeerfahrung ausgestattet oder aber bereit, sich das nötige Wissen detailliert anzueignen. Weder Beruf noch Familie beanspruchen in großem Maß seine Zeit, in der die eigenen Interessen durchweg geeignet sind, einen Hund mit einzubinden. Natürlich sorgt diese Person für umfassende Sozialisierung: Regelmäßige Kontakte zu Artgenossen, Menschen aller Art, zu Ball spielenden Kindern, wie Personen mit Rollator oder im Rollstuhl werden sorgfältig gepflegt. Bus- und Bahnfahrten stehen ebenso auf dem Ausbildungsplan wie das entspannte Gehen durch Menschenansammlungen hindurch. Urbane Gebiete, aber auch ländliche Bereiche wollen erobert werden. Katzen, Hühner, Hasen, Rehe und, und, und … soll der Hund mit der Zeit kennen und respektieren lernen.
Das wären nun Mr. oder Mrs. Right! Es ist jedoch anzunehmen, dass diese Lichtgestalt nicht allzu häufig zu finden sein wird. Selbst mit den allerbesten Vorsätzen bleibt doch manch durchaus Sinnvolles in der Realität auf der Strecke.

Erfahrung und Kompetenz
Geschockt von der Tatsache, dass ich als Kandidat aufgrund meines Alters ausgeschlossen werden sollte, verwies ich darauf, seit nunmehr 20 Jahren im Rettungshundewesen sowohl selbst aktiv als auch als Ausbilderin tätig zu sein, was jedoch keine Wirkung zeigte. Nun schien es mir wahrscheinlich, dass an meinen Angaben Zweifel gehegt wurden, sodass ich mich gezwungen sah, meine Aussage zu untermauern. Da ich zufällig darauf verweisen konnte, dass im Handel drei von mir geschriebene Hunde-Erziehungsbücher zu finden sind, sollte ein Blick ins Internet doch genügen, eine gewisse Qualifikation meinerseits nachzuweisen. Selbst das, wurde mir erklärt, würde nichts bedeuten. Die Altersgrenze der Organisation für künftige Hundehalter sei 60 Jahre; so seien nun mal die Regeln. Nach längerem Gespräch wollte man dann doch bei mir eine Ausnahme machen, wenn eines meiner erwachsenen Kinder schriftlich hinterlegen würde, den Hund bei Bedarf zu übernehmen.

Davon abgesehen, dass es für uns eine Selbstverständlichkeit ist, sich innerhalb der Familie bei Bedarf um den Hund des Anderen zu kümmern, zeigten sich meine Kinder höchst belustigt darüber, dass man für mich bürgen sollte. Im Bekanntenkreis fand man es weniger amüsant als eine Zumutung und riet mir, einen Hund vom Züchter zu holen. Leidtragender wäre dadurch nur der Tierschutzhund gewesen. Ich schluckte jede Art von Selbstachtung hinunter und erklärte mich letztendlich dazu bereit, dass meine Älteste die eventuelle Übernahme schriftlich bestätigen würde. Es wurde von Seiten der Organisation sogar noch darauf hingewiesen, dass diese möglichst anwesend sein solle, wenn eine Dame zur Kontrolle der Örtlichkeiten bei mir zu Hause vorbeischauen würde.

Die Gewichtung macht‘s
Rein statistisch ist für die Eignung zur Aufnahme eines Hundes die zeitliche Überforderung sicher eine weitaus größere Gefahr als der mögliche körperliche Abbau mit 60+. Dass man sich die Kandidaten ansieht und natürlich zum Zeitpunkt der Übernahme gesundheitliche Voraussetzungen in Augenschein nimmt, versteht sich von selbst. Aber eine generelle Alterseinschränkung geht meines Erachtens am Ziel des Tierschutzes vorbei und sollte überdacht werden.

Realistische Erwartungen
Natürlich sollte man die Gegebenheiten vorab umfassend prüfen, wohl wissend, dass es sich nur um eine Momentaufnahme handeln kann, die zwar eine positive Prognose liefern, Veränderungen in den Folgejahren jedoch nicht völlig ausschließen kann.

Was sollte allgemein zu den Faktoren zählen, die Aufschluss darüber geben könnten, dass die nötige Eignung zur Adoption eines Tieres vorhanden ist?

Beweggründe
Es steht außer Frage, dass ein künftiger Hundehalter dem Schützling mit Zuneigung und Empathie begegnen und den ehrlichen Wunsch hegen sollte, einen echten Gefährten an seine Seite zu holen. Die Suche nach einer lebenden Alarmanlage, nach einem Statussymbol oder nach einem Tier, das sich zur Zucht bzw. Vermehrung eignen könnte, darf nicht Antrieb sein.

Basics
Dem noch Hunde-Unerfahrenen muss verdeutlicht werden, dass er über sehr viele Jahre eine große Verantwortung übernimmt, dass der Vierbeiner bei Wind und Wetter tagtäglich seine ausgiebigen Spaziergänge benötigt und das künftige Leben seiner Halter stark beeinflussen wird. Leidenschaftlichen Museumsliebhabern und Vielreisenden sollte von einer Adoption eher abgeraten werden. Auch muss Jedem bewusst sein, dass die vorher errechneten Kosten für das Futter des Tieres von den eventuell in den kommenden Jahren anfallenden für den Tierarzt weit überschritten werden können.

Zeitmanagement
Ein Hauptfaktor für die Eignung ist jedoch ganz sicher die Zeit, die ein Kandidat einem Tier in seinem Umfeld widmen kann, um ihm ein relativ artgerechtes Leben zu ermöglichen.

Das nötige Know How
Hundeerfahrung oder die glaubwürdige Bereitschaft, sich das nötige Hintergrundwissen anzueignen, muss vorhanden sein, dies umso mehr, wenn das Tier bereits Verhaltensdefizite aufweist, die Schritt für Schritt in Angriff genommen werden müssen.

Gerade weil Hunde in der Gesellschaft schnell unter Generalverdacht stehen, brauchen wir gut erzogene Tiere, was selbst bei einem relativ unkomplizierten Vierbeiner Zeit und Wissen in Anspruch nimmt.

Uns Hundehaltern aus Überzeugung ist klar, dass diese grundlegenden Anforderungen für ein Leben mit Hund unerlässlich sind und wesentlich mehr Einfluss auf das Wohl des Hundes haben als ein eigener Garten, die Größe der Wohnung oder eben das Alter des Hundebesitzers. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, unser Leben mit dem Hund zu teilen, haben ihn in unsere Menschenwelt geholt, in der wir ihm Schutz und Orientierung bieten müssen. Im Gegenzug werden wir von unserem Vierbeiner mit einem unglaublichen Maß vorbehaltloser Liebe dafür belohnt.

Möge dies vielen Tierschutzhunden zuteil werden.

Pdf zu diesem Artikel: altersdiskriminierung

 

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Martina Stricker, Rettungshundeführerin, Ausbilderin und Autorin, beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Wesen und den Fähigkeiten des Hundes, seiner engen Bindung an uns Menschen und den daraus resultierenden Möglichkeiten. Gerade ihre Hunde aus dem Tierschutz, die mit diversen Altlasten bei ihr einzogen, wurden zu ihren Lehrmeistern. Durch genaueste Beobachtung und mit viel Feingefühl für die individuellen Charaktere entwickelte sie maßgeschneiderte Konzepte zur Lösung unterschiedlichster Probleme. Ihre Bücher spiegeln die selbst gemachten Erfahrungen und bieten praxistaugliche Anleitungen. Vergleiche aus dem Alltag, die das gelieferte Hintergrundwissen perfekt veranschaulichen, sind zu ihrem Markenzeichen geworden. Nach »Mantrailing – Schritt für Schritt vom ersten Trail bis zum realen Einsatz« (Kosmos), »Flächensuche mit Hund – Vom Freizeitspaß bis zur Vermisstensuche im Rettungseinsatz« (Müller Rüschlikon) erschien 2020 »Du kannst mir vertrauen!: Hundeerziehung vom Welpen bis zum Senior – liebevoll, logisch, kompetent« (Müller Rüschlikon).

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